Michael Schönauer The Big Break at Folsom /Der große Ausbruch aus Folsom Prison

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Inhaltsangabe zu „The Big Break at Folsom /Der große Ausbruch aus Folsom Prison“ von Michael Schönauer

Ursprünglich gebaut, um Langzeithäftlinge, Gewohnheitsverbrecher und hoffnungslose Fälle aufzunehmen, erwarb sich das Folsom State Prison schnell den Ruf, ein Ort ohne Wiederkehr zu sein. Vor Fertigstellung der Granitmauer in den 1920ern war das Gefängnis der Schauplatz zahlreicher Fluchtversuche. Der erste fand schon bald nach Einlieferung der ersten Häftlinge im Jahre 1880 statt. Während der gesamten gewalttätigen und blutigen Geschichte von Folsom haben unzählige Revolten und Fluchtversuche zu Todesfällen unter Gefangenen und Wärtern geführt.

Folsom Prison Homepage, 2008

Leseprobe: Ein Vorwort

Alles Schlechte auf dieser Welt neigt von Natur aus dazu, immer schlechter zu werden. Haß gebiert noch mehr Haß, Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt, und Brutalität führt zu noch mehr Brutalität. Aber alle Entwicklungen des menschlichen Lebens stoßen irgendwann an ihre Grenze. Das trifft auf alle Erfahrungen zu, die ich in meinem Leben gemacht habe, ganz besonders aber auf die Veränderungen, die in den Gefängnissen stattgefunden haben.
Diese Veränderungen sind von den Häftlingen selbst in Gang gesetzt worden, und zwar durch den verzweifelten und blutigen Ausbruch aus dem Gefängnis von Folsom im Jahre 1903, dessen Zeuge ich wurde.
Dieser Ausbruch war das Aufbegehren hoffnungsloser Männer gegen hoffnungslose Haftbedingungen. Durch Brutalität, Gewalt und Terror zur Verzweiflung getrieben, rebellierten die Gefangenen, machten die Wärter nieder und stürmten einen Wachtturm, mit nichts anderem bewaffnet als Rasiermessern, die sie dem Knastbarbier entwendet hatten. Dann flohen sie mit einigen Wärtern als Geiseln in die Wälder. Heutzutage können Häftlinge so etwas nicht mehr tun. Sie geraten erst gar nicht in eine so verzweifelte Lage.
Als Protest war ihr Aufbegehren ein Erfolg. Aber keiner der Männer, die am großen Ausbruch beteiligt gewesen waren, hat davon profitiert. Die Hälfte von ihnen befindet sich heute weltweit auf der Flucht. Von der anderen Hälfte sind einige wieder eingefangen und gehängt worden. Andere sind erschossen worden, und der Rest befindet sich wieder in Haft.
Aber die Öffentlichkeit ist auf die Mißstände in den Gefängnissen aufmerksam geworden. Die Leute haben sich gefragt, was die Männer zu einer solchen Verzweiflungstat getrieben haben könnte. Und auch die Wärter begannen, obwohl sie die Häftlinge noch immer eher als Tiere denn als Menschen betrachteten, daran zu zweifeln, ob es so klug war, sie durch Grausamkeit in den Wahnsinn zu treiben. Damals haben die Veränderungen in den kalifornischen Gefängnissen ihren Anfang genommen. Ich bin nun gebeten worden, die Geschichte dieses Ausbruchs aus Folsom und der Veränderungen, die ihm folgten, aufzuschreiben.
Ich wünschte, ich würde mehr von der Kunst des Schreibens und des Redens verstehen. Aber zwanzig Jahre lang habe ich genau das Gegenteil von Schreiben und Reden getan. Als Jugendlicher wurde ich auf der Straße einmal von einem Cop aufgegriffen, der sagte: 'Der Captain will dich sehen.' Während wir auf der Wache warteten, wurden noch weitere Männer hereingebracht. Der Mann, der neben mir saß, war doppelt so alt wie ich. Er musterte mich und fragte: 'Was haste denn angestellt, Kleiner?'
'Nichts', erwiderte ich.
'Na gut. Aber hör zu, wenn du dort hineingehst', er zeigte auf die Tür zum Büro des Captains, 'dann halt den Mund. Sag kein Wort. Reden mag Silber sein, aber hier ist Schweigen das einzige, was dich schützt.'
Ich schenkte diesem wertvollen Rat keine Beachtung, und als ich versuchte, den Captain davon zu überzeugen, daß er falsch lag, redete ich mich um Kopf und Kragen. Da erkannte ich die Weisheit, die im Rat des alten Mannes lag, und von diesem Tag an übte ich mich zwanzig Jahre in Schweigen und gebrauchte die wenigen Worte, die mir zur Verfügung standen, nur, um meine Gedanken zu verbergen und andere in die Irre zu führen.
In der Schule hatte ich gelernt, mit Stift und Papier umzugehen. Aber auch das gab ich auf, weil es noch gefährlicher war als Polizisten und Staatsanwälte. Schriftliche Notizen sind ein Fahrschein ins Zuchthaus.
Eine Gewohnheit, die man zwanzig Jahre lang sorgsam gepflegt hat, kann man nicht ablegen wie einen alten Mantel. Jetzt, wo ich Reden und Schreiben nicht länger fürchten muß, ja, wo beides für mich sogar angenehm und nützlich sein könnte, stelle ich fest, daß es mir beinahe unmöglich geworden ist. Derzeit kuriere ich mich jedoch an einem schönen Ort auf dem Lande aus, wo ich nichts zu tun habe, außer zu lesen und nachzudenken.
Das Unglück, das mich ins Krankenhaus gebracht hat, traf mich wie ein Blitz, der eine vertraute Landschaft in ein unheimliches Licht taucht. Er erhellte viele Dinge in mir, die ich dort nicht vermutet hätte. Als ich hier an diesem stillen Ort in den Bergen über diese Dinge und vieles andere nachdachte, erinnerte ich mich an eine Zeit in meinem Leben, als ich mich ganz anders fühlte als jemals zuvor. Ich bin bereit, davon zu erzählen, so gut ich kann, und ich werde mein Bestes geben.
Ich will niemandem etwas vormachen über die Gründe, warum ich vor drei Jahren ›anständig‹ geworden bin. Ich habe es getan, weil ich mich in einer Lage befunden hatte, in der ein Mensch nicht anders handeln konnte. Ich stand in der Schuld eines Richters, Judge Dunne, der mit mir ein Risiko eingegangen war. Die einzige Möglichkeit, wie ich es ihm zurückzahlen konnte, bestand darin, mit dem Stehlen aufzuhören und eine geregelte Arbeit anzunehmen.
Und das habe ich getan. Aber damals hatte noch keine bewußte Veränderung in meiner Haltung gegenüber dem Leben stattgefunden. Als ich direkt nach dem Ausbruch aus Folsom entlassen wurde, haßte ich alles, was lebte. Ich betrachtete die Menschen so, wie ein Wolf seine Beute betrachtet. Ich hob meine Hand und schwor, als Geschöpf der Nacht zu leben und das Licht der Sonne zu meiden. Ich wollte keine Freundschaften schließen oder gute Taten vollbringen. Was ich zum Leben brauchte, wollte ich mir einfach nehmen, und zwar mit Gewalt.
Mit diesem Haß auf alles und jeden verbrachte ich kurze Zeit in Freiheit. Dann hat mich ein Spitzel verpfiffen und ich saß wieder im Knast. Ich wurde sofort für schuldig befunden und zu fünfundzwanzig Jahren verurteilt. Ich legte Berufung ein. Mein Anwalt kämpfte mit den Waffen des Gesetzes gegen das Gericht. Während das Verfahren sich hinschleppte, verbrachte ich einige Jahre im Bezirksgefängnis. Schließlich kam ich zur Neuverhandlung wieder vor Gericht.
Der Vorsitzende Richter erwies sich als ein Freund. Er gab mir die Mindeststrafe: ein Jahr. Er ging damit ein Risiko ein. Ich wußte, daß ich ihn nicht enttäuschen durfte. Ich mußte es ihm zurückzahlen, und die einzige Möglichkeit bestand darin, ihm keine Schande zu machen.
Mit einem Lächeln verließ ich den Gerichtssaal, mit einem Lächeln ging ich nach San Quentin, und mit einem Lächeln saß ich dort mein Jahr ab. In San Quentin gab es keine Zwangsjacken mehr, kein Aufhängen, und den Häftlingen wurde auch nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit die Haftverkürzung gestrichen. Nichts war mehr so, wie ich es aus Folsom kannte. Die Gefangenen brachten sich nicht mehr gegenseitig um, sie griffen die Wärter nicht mehr an, und es kam innerhalb der Gefängnismauern auch nicht mehr zu Selbstmorden.
Als mein Jahr vorüber war, wurde ich entlassen und fing an zu arbeiten. Mit Hilfe meiner Freunde gelang mir das ganz gut. Es gab immer Hände, die mich hielten, wenn ich zu straucheln drohte. Nachdem ich dann drei Jahre gearbeitet hatte und sauber geblieben war, wurde ich plötzlich von den Zeitungen scharf angegriffen, wegen Dingen, die längst Vergangenheit waren. In mir stieg wieder Haß empor. Ich weiß nicht, ob ich ihm irgendwann freien Lauf gelassen hätte oder nicht. Bevor ich Gelegenheit dazu bekam, wurde ich niedergeschossen.
Dieser Schuß brachte scharenweise Freunde an meine Seite. Der tapfere Richter, der für mich ein Risiko eingegangen war. Der Mann, der mir einen Job gegeben und sein Geld anvertraut hatte. Die guten Leute, die mir ihr Haus geöffnet und mir ein Zuhause gegeben hatten, als ich aus San Quentin entlassen wurde. Sie alle waren zur Stelle.
Ich war erstaunt, wieviele Freundschaften ich in den drei Jahren geschlossen hatte. Es freute mich auch und machte mich stolz, daß mir die Freunde aus meinem früheren Leben treu geblieben waren. Einige von ihnen schrieben, andere riefen an, und manche ließen sich sogar von dem Polizisten vor dem Krankenhaus nicht abschrecken und kamen mich besuchen. Man müßte schon sehr hartherzig sein, um solcher Treue und Güte gegenüber kalt zu bleiben. Ich verbannte auch noch das letzte bittere Gefühl aus meinem Herzen. Ich hatte meinem schlimmsten Feind vergeben, und ich konnte sogar dem Spitzel vergeben, der mich verpfiffen hat.
Als ich die Vorladung zur Verhandlung erhielt, um gegen den Mann auszusagen, der mich angeschossen hatte, bat ich den Richter, das Verfahren einzustellen. Ich, der ich noch sechs Jahre zuvor überzeugt gewesen war, daß man Gewalt mit Gewalt vergelten müsse, und Kugeln mit Kugeln, verspürte keinen Wunsch, mich an Bob Wall zu rächen. Ohne seine Tat hätte ich niemals die ganze Tiefe der Zuneigung erfahren, die meine Freunde mir entgegenbrachten.
Das Verfahren wurde eingestellt. Bob Wall kam frei. So wurde eine haßerfüllte Fehde beendet, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Gewalt erzeugt Gewalt, und Brutalität führt zu weiterer Brutalität. Aber ebenso bringt Freundschaft Freundschaft hervor, und Güte führt zu Güte.
Also werde ich jetzt versuchen, zu berichten, wie ich die Veränderung von Brutalität zu Güte in den kalifornischen Gefängnissen erlebt habe, und welche Auswirkungen diese Veränderungen gehabt haben.
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