Damit eins vorweg klar ist: Ich war und bin kein Fan der Band, kenne ihre Alben nicht, den Song, um den es hier geht, aber sehr wohl. Meine nachfolgenden Loblieder sind also keinesfalls mit dem Blick durch die rosarote Fanbrille entstanden oder zu begründen.
"Lemon Tree" hob sich von den meisten anderen Angeboten des Mainstream-Radios derart positiv ab, dass sich hier für mich wohl ein fast selbstverständliches Interesse an einer entsprechenden Buchveröffentlichung entwickelte.
Zudem lese ich gerne gute Geschichten und eine solche in dieser Veröffentlichung bereits im Vorfeld zu vermuten, erwies sich als absolut richtig. Wie SEHR sie das tun würde, konnte ich aber nicht voraussehen, und warum sie sich so gut liest, weiß ich auch nicht.
Da mir Sachbücher, insbesondere Biografien, ganz und gar nicht unbekannt sind, muss ich das Erstaunlichste an diesem Buch erst einmal hervorheben, denn es vermochte mich von Anfang an zu fesseln. Doch dazu im Fazit mehr.
"Ihr seid 20 Jahre zu spät", bekamen "Fool's Garden, seit 2003 "Fools Garden", immer wieder zu hören. Die oft von ebenso witzigen wie kompetenten Damen und Herren besetzten Radiostationen, die Manager Steffen Koch einst abklapperte, erkannten eine gewisse Beatles-Verwandtschaft, ohne dabei dem Zeitgeist Beachtung zu schenken, der sich im Zitronenbaum, damals noch in vornehmer Zurückhaltung, versteckte.
Ganz anders sah es aus, als "Lemon Tree" 1995 bei SWF 3 gespielt wurde und satte 100 Leute den Sender anriefen, um den Namen des Songs in Erfahrung zu bringen. Den Song, der nur testweise lief, ins weitere Programm aufzunehmen, war dann so etwas wie ein "Startschuss", doch es sollten noch eine ganze Vielzahl weitere folgen, bis 1996 sämtliche Erwartungen explodierten und sich permanent mit sich selbst multiplizierten.
Schon für mich als Leser begann sich die Spannung ins Unendliche zu dehnen. Wie muss das erst für die Band gewesen sein! Es lag etwas in der Luft und geriet in Bewegung, und als zusätzlichen Knalleffekt stelle man sich vor, dass die Nachfrage zwar endlich da war, es aber nirgendwo eine entsprechende CD zu kaufen gab!
Wie weit war der Weg von den ersten Gehversuchen mit den alten Formationen "Demian" (1982) und "The Stitch" (1983-1986) sowie den damit verbundenen Träumen und Wunschvorstellungen, und dem Abzweig in eine Lehre als Klavierbauer.
Auf weitere private Details müssen eingefleischte Fans verzichten, da Peter Freudenthaler auf "zu viel Persönliches" verzichten wollte. Das stimmt insofern nicht ganz, denn einen ausführlichen Rückblick in seine Kindheit und Jugend gewährt er Leserinnen und Lesern dann doch. Ein weiterer Beweis für seine bodenständige Bescheidenheit.
Einen tiefen Einblick in sein Seelenleben vermitteln zudem nicht nur seine Songs, wenn auch auf verschlüsselte Art und Weise, sondern auch und besonders außerordentlich bewegende Zeilen, die er zum Abschied und Tod seiner Eltern zu formulieren wusste. Allein diese verdienen das Prädikat "besonders wertvoll"!
Sicher ist "Lemon Tree" DER Höhepunkt in der Bandgeschichte, sowie das verrückte Jahr 1996, was jedoch nicht heißt, dass es nunmehr steil bergab ging. Auch die weltweiten Folgen sind spannend, sowie weitere Höhepunkte wie beispielsweise die 100.000 Fans bei einem Konzert im russischen Kaliningrad, oder den 100 Millionen Fernsehzuschauer/innen in China anlässlich eines Konzertes in Chongqing, das unter besonderen Umständen stattfand.
Die ganze Vielzahl von kleinen Geschichten in der großen ist eine der vielen Besonderheiten dieses Buches, was zu einem großen Teil die ungeheure Spannungskurve dieses Buches erklärt, welches sich stellenweise wie ein Kriminalroman liest! Man kann, um möglichst rasch den Ereignissen folgen zu können, die sich quasi immer weiter zuspitzen, kaum ein vernünftiges Lesetempo einhalten.
Stilistisch fallen ausdrucksstarke Metaphern, wie jener "durchgetaktete Ausnahmezustand", die "Greenhorns im großen Zirkus Musikgeschäft", oder Peters selbstkritische Art, "mehr Kuhstallluft als Stadionnebel" eingeatmet zu haben, auf.
Wer jetzt immer noch nicht neugierig geworden ist, sei noch auf eine "verstörende" Begrüßung in einer TV-Show in Taiwan, auf einen vergessenen "Bambi" oder auf jenen Vorfall mit dem Opel Kadett der Eltern hingewiesen.
"Mein Leben als Zitronenbaum" belegt den ersten Platz in der Rangliste der bisher von mir gelesenen (Auto-)Biografien. Es ist die prall gefüllte Dokumentation eines Mannes, der selbst nach den größten Erfolgen das Staunen nicht verlernt hat. Leute, schmeißt eure Krimis und/oder True-Crimes weg. Das hier sind Aufzeichnungen aus dem wahren Leben - aufregender und spannender geht es kaum.
Michaela Frölich
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Michaela Frölich
Mein Leben als Zitronenbaum
Wege zur Biografie
Familiengeschichte schreiben für Dummies
Mein Leben als Zitronenbaum
My Life as a Lemon Tree
Neue Rezensionen zu Michaela Frölich
Oft stolpere ich in den sozialen Medien über die Frage: „Welches war das schlimmste Lied der 1990er und warum ist es Lemon Tree?“ Da werde ich nicht müde, für den Song und Fools Garden, die Band dahinter, einzustehen. Ich mag das Lied nämlich gern, daher habe ich auch „Mein Leben als Zitronenbaum – Die Lemon Tree-Story: Fools Garden der Welthit und ich“ mit Freude gelesen. In diesem Buch erzählt Sänger und Songschreiber Peter Freudenthaler die Geschichte der Band, eingebaut in die Geschichte seines eigenen Lebens, aufgezeichnet wurde das alles von Michaela Frölich. Ob man „Lemon Tree“ nun mag oder nicht, Fakt ist: es war ein Welthit und obwohl die Band mit keinem ihrer weiteren elf Alben an den Erfolg anknüpfen konnte, wäre es falsch, sie als „One-Hit-Wonder“ zu bezeichnen, denn da ist noch viel mehr mehr als der Zitronenbaum.
Aber von vorn.
Peter Freudenthaler wurde 1963 in Pforzheim geboren, Musik war schon immer ein wichtiger Teil seines Lebens. Nach dem Abitur machte er seinen Zivildienst, anschließend lernte er für ein Jahr Schreiner, eine Voraussetzung für seine Traum-Ausbildung zum Klavierbauer bei C. Bechstein. Nach dem Abschluss schrieb er sich für ein Studium der Medientechnik in Stuttgart ein, dort traf er Volker Hinkel, der später eines der Gründungsmitglieder von Fool’s Garden sein sollte. Die beiden waren musikalisch auf einer Wellenlänge, sodass Peter Freudenthaler damals schon wusste: „Das hier war der Beginn eines neuen Kapitels, für uns beide.“ Der Rest ist Geschichte. 1996 startete Fool’s Garden (damals noch mit Apostroph) durch. Es wurde „Das erste Jahr der allerersten Male“. Die Single „Lemon Tree“ und das Album „Dish of the day“ führten die Charts an. Freudenthaler erzählt von großen Erfolgen und den Schattenseiten des Erfolgs. Mit viel Enthusiasmus beschreibt er das Gefühl, plötzlich auf der Straße erkannt zu werden, aber auch von schlechten Kritiken und den Schattenseiten des Ruhms.
Das Buch ist sprachlich bodenständig, gut strukturiert und die vielen Anekdoten machen es wirklich interessant zu lesen. Ein paar Stellen hätten für mich mehr Einordnung gebraucht. „Dann kam die erste große Samstagabendshow: Stars ’96, live aus dem Kurhaus in Baden-Baden, moderiert von Eva Herman (die damals noch moderieren durfte).“ – da fehlt mir der Kontext, warum sie nicht mehr moderieren darf. Ebenso fehlt mir die Einordnung bei dem anthroposophischen Altersheim, in dem er seinen Zivildienst ableistete. Er sagt zwar „Ich hatte keine Ahnung, was sich hinter dieser geistigen Ausrichtung verbarg“, geht aber nicht näher darauf ein, was sich denn nun dahinter verbirgt. „Ich war ein sehr verträumtes Kind und lebte oft in meiner eigenen Welt. Heute würde man wahrscheinlich sagen, dass ich leicht autistische Züge hatte“ – so funktioniert Autismus leider nicht, auch das sollte man so nicht in den Raum stellen.
Abgesehen davon fand ich das Buch wirklich eine lohnende Lektüre. Sprachlich ist das Buch sehr angenehm, beeindruckend fand ich vor allem, dass Peter Freudenthaler kein böses Wort verliert. Nicht über Menschen, die beim Vertragsabschluss 1995 ihre Naivität ausnutzten und auch nicht über die beiden Bandmitglieder, die irgendwann „ihr eigenes Ding“ machen wollten. „Schließlich nahmen Thomas und Roland eigene Songs auf und reichten sie, ohne uns darüber zu informieren, bei unserer damaligen Plattenfirma ein. Das empfanden wir als Vertrauensbruch“ – schärfer wird sein Tonfall auch da nicht. Allerdings trennten sich Fools Garden 2003 und Freudenthaler tourt seitdem überwiegend mit Volker Hinkel als Duo.
Gerührt hat mich die Wärme, mit der er von seinen drei Kindern und vor allem von seinen inzwischen verstorbenen Eltern erzählt. Interessant fand ich auch die Ausführungen, wie er seine Stücke schreibt: „Unsere Philosophie war simpel: Wenn uns etwas in den Kopf kam, machten wir einen Song daraus, egal, ob es zu dem passte, was wir vorher aufgenommen hatten oder nicht.“ Bei mir läuft seit ein paar Tagen fast pausenlos „Dish of the day“ (aber nicht „Lemon Tree“, sondern „Ordinary Man“), ich schwelge mit Peter Freudenthaler in Erinnerungen und bin dankbar dafür, dass er mich auf seinen Ausflug in die Vergangenheit mitgenommen hat, denn seine Erinnerungen sind ein Teil meines Erwachsenwerdens. Wegen der fehlenden Einordnung mancher Dinge und der QR-Codes und Links im Buch ziehe ich einen halben Stern ab, aufgerundet vergebe ich aber fünf Sterne.
Wenn man mit dem Gedanken spielt, sich näher mit dem Verfassen von Biografien zu beschäftigen, dann ist dieses Buch auf jeden Fall eine erste Anlaufstelle. Mit sehr persönlichen Beiträgen vermitteln die Autoren verschiedenste Zugänge zu dieser Thematik. Mit praktischen Einblicken werden die Erläuterung verständnisvoll dargestellt.
Dieses Werk stellt nicht nur die verschiedenen Zugänge zu einer Biographie vor, sondern auch die unterschiedlichsten Verwendungszwecke. Damit kann man sich einen guten ersten Überblick verschaffen. Mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis am Ende kann man dann in einzelne Bereiche vertiefend eintauchen.
Nach längeren Recherchen ist dies das erste Buch, das mir auf sehr einfach verständliche Weise einen ersten Überblick über das Verfassen von Biografien gegeben hat.
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