Michail Schischkin Venushaar

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Inhaltsangabe zu „Venushaar“ von Michail Schischkin

Warum haben Sie Asyl beantragt? Diese Frage muss der namenlose Erzähler mehrfach täglich ins Russische übersetzen. Er arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde bei Vernehmungen von Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion. Doch beim Übersetzen des fremden Leids legt sich seine eigene Lebensgeschichte wie eine zweite Schicht um die Worte. Auch er ist ein Emigrant, der sich nach denen sehnt, die er nicht mehr um sich hat: nach seiner Frau und seinem Kind. Und plötzlich treten dem Dolmetscher neben seinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen auch Geschichten aus anderen Welten und Zeiten entgegen. Auf faszinierende Weise erzählt Schischkin ein Jahrhundert russischer Geschichte und bettet außerdem das Leben des Dolmetschers durch Verweise in einen Kosmos der gesamten Weltkultur ein. „Venushaar” ist eine vielstimmige Parabel auf das verlorene Paradies – kunstvoll komponiert, stilistisch virtuos.

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  • Rezension zu "Venushaar" von Michail Schischkin

    Venushaar
    HeikeG

    HeikeG

    23. July 2011 um 14:51

    Geschichten sind Lebewesen . "Frage: Ich schreibe, damit etwas von Ihnen bleibt. Antwort: Sie meinen, was Sie da aufschreiben ist das, was von mir bleibt, wenn ich weg bin? Frage: Jawohl. Antwort: Wogegen das, was Sie nicht aufschreiben, mit mir verschwindet? Nichts davon bleibt? Frage: So ist es. Nichts bleibt." . Derartige Frage-Antwort-Dialoge gibt es in Michail Schischkins Roman viele. Aufgeschrieben hat der 1961 in Moskau geborene Autor, der 1995 in die Schweiz emigrierte und dort als Dolmetscher für die Einwanderungsbehörde arbeitete, viel. 555 Seiten umfasst sein sprachgewaltiger Roman. In Russland räumte er bereits mehrere Preise ab. Hierzulande bekam er jüngst den Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt. . Seinem monumentalen Buch hat der russische Autor, der gern als Tolstois und Nabokovs Enkel bezeichnet wird, einen Auszug aus dem Alten Testament, dem "Buch der Offenbarung Baruchs" vorangesetzt: "Und angerufen wird der Staub und zu ihm gesagt: 'Gib zurück, was dir nicht gehört; offenbare, was du bewahrt für seine Zeit.' Denn durch das Wort ward die Welt erschaffen, und durch das Wort werden wir einst auferstehen." Und genau diesen Epigraph versucht Schischkin auf den folgenden, höchst anspruchsvollen Seiten mit atemberaubender Eloquenz, Fantasie, Fabulierlust und erzählerischer Kunstfertigkeit zu belegen. . Über große Teile siedelt Michail Schischkin seine verschlungene Handlung auf dem Amt für Asylsuchende in Zürich an. Dort übersetzt sein Alter Ego - im Roman Dolmetsch genannt - seinem Vorgesetzten Paulus all die wundersamen, verworrenen, tragischen und grausamen Geschichten der Flüchtlinge aus seiner russischen Heimat, die um Einlass ins schweizerische Paradies bitten. Sie kommen aus Ossetien, waren im Afghanistan-Krieg, im Gulag, sind gerade aus dem Gefängnis entlassen oder vergewaltigt worden, viele von ihnen hochgradig traumatisiert. Schischkin offenbart die ganze Bandbreite menschlicher Gräueltaten. Ob die Berichte dieser Menschen wirklich wahr sind, darum geht es dem Autor jedoch nicht. "Mögen die Sprecher fiktiv sein, das Gesagte ist wahrhaftig. Wahrheit gibt es nur dort, wo es etwas zu verbergen gibt. Gut, die Leute sind vielleicht nicht echt, aber die Geschichten sind es! Wenn sie im Kinderheim nicht den mit den aufgeworfenen Lippen vergewaltigt haben, dann einen anderen! Und die Story von dem verbrannten Bruder und der getöteten Mutter hat der Litauer irgendwo aufgeschnappt. Ist es wichtig, wem genau sie passiert ist? Sie bleibt authentisch, so oder so. Leute sind hier nebensächlich, es geht um die Geschichten, die entweder echt oder unecht sind. Man muss eine Geschichte erzählen, das ist es. So wie sie sich abgespielt hat. Nichts dazuerfinden. Wir sind was wir sagen." Die Gefahr dabei: "Man weiß nie, in welchem Reich man aufwacht und als wer. (...) Die Geschichten suchen sich einen Menschen aus und gehen um mit ihm." . "Diese Menschen, diese Reden - man wird sie nicht los.", stellt der Dolmetsch fest. Zu Hause versucht er sich mit den Texten Xenophons ("Anabasis"), einen der ersten, aus der griechischen Antike überlieferten Schriften, abzulenken. Er schreibt Briefe an seinen in Russland lebenden Sohn oder liest in den Tagebüchern seiner Geliebten Isolde. Wahrheit und Fiktion verschwimmen, alles verschmilzt zu einem einzigen "Welt-Text", einem Lebensgarn, dass Schischkin virtuos vor dem Leser ausrollt. Immer wieder eingeflochten werden die vom Autor meisterhaft gefälschten Tagebücher der 100 Jahre alt gewordenen russischen Estraden-Sängerin und Volkskünstlerin Isabella Danilowna Jurjewa. Deren milder Plauderton steht in krassem Gegensatz zu den apokalyptischen Horrorberichten der Asylbewerber. Alles zusammen ergibt ein riesiges literarisches Gemälde Russlands vom Beginn des 20. Jahrhunderts, dem Ende des Zarenreichs, der Revolution bis in die Gegenwart. Schischkin umspannt mit Worten gewaltige Dimensionen. . Der russische Autor lässt Geschichten zurück und "entlüftet" Menschen. Der Leser pickt sich seinen Teil heraus. Alles in seiner immensen Breite zu erfassen, ist unmöglich und erhöhte Lesekonzentration von Nöten, einhergehend mit einem zwangloses Sichfallenlassen in den Text. Was umso leichter fällt, denn Schischkin bildet Worte, die "aus dem Sprachnebel ausfällen. Wortstaub verwandelt sich auf irgendeine Weise (...) zu Kernlein, die einem auf der Zunge liegen." Die virtuose und zuweilen blumige Sprache lässt die mehrfach verschachtelten Handlungsstränge leichter entwirren und die Vergangenheit, obwohl man sie zu kennen meint, durch die Seiten verändern. . Der Romantitel klärt sich am Ende recht deutlich auf. Denn das unscheinbare grazile Farn mit Namen "Venushaar" bildet in ganz Europa oft große Bestände an steilen Böschungen entlang von Flüssen und Bächen oder überrieselten, gemörtelten Mauern. "Da könnt ihr noch so viel alte Bart- und Chlamysträger auswerfen, die sich die unbefleckte Empfängnis ausdenken, malt und meißelt, was ihr wollt, ich stoße durch alle Leinwände, all euren Marmor breche ich auf. Jede Ruine im Forum besiedele ich, und unter jedem Ziegelstein im Phlox bin ich auch. Wo ich nicht zu sehen bin, dort sind meine Sporen. Wo ich nicht bin, da war ich, da werde ich sein. Ich bin, wo ihr seid." . Fazit: "Das Vergangene ist nicht mehr da, aber wenn man es erzählt, kann man die Wörter über Tage dehnen oder umgekehrt ganze Jahre in eine Handvoll Buchstaben stopfen." Michail Schischkin vernäht in seinem Roman virtuos die Zeit wie eine Nähmaschine im Zickzackstich. Der Übersetzer Andreas Tretner hat dem deutschsprachigen Leser diesen "Nähkurs" hervorragend zugänglich gemacht.

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  • Rezension zu "Venushaar" von Michail Schischkin

    Venushaar
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    "Warum haben Sie Asyl beantragt?" Michaeil Schischkins Debütroman "Venushaar" ist ein vielschichtiges Meisterwerk. Ein Roman, der den Leser von der ersten Seite weg fesselt und in einen wahren Mahlstrom von Ereignissen und verschiedensten Ideen, die unter Anderem auch ein Panorama Russlands bzw. der Sowjetunion im zwanzigsten Jahrhundert sind, zieht und am Ende in einem unerwarteten Finale, das dann doch Stränge zusammenführt, die man nicht zusammengeführt erwartet hätte, gipfelt. "Warum haben Sie Asyl beantragt?" Diese Frage stellt der Übersetzer täglich verschiedenen Antragstellern. Über diese Frage gleitet seine Fantasie permanent ab, bald verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Wahn. Abwechselnd dazu wird die Lebensgeschichte des Übersetzers erzählt, das Abhandenkommen seiner Frau und seine darauf folgende Immigration in die Einsamkeit. Noch ein Erzählstrang beginnt damit, dass "dem Dareios und der Parysatis wie Söhne geboren wurden, Artaxerxes und Kyros ..." und führt den Leser in die Kriegsreportage des Xenophon ("Anabis", um 370 v. Chr.) ein. Dieser Erzählstrang wird fast unabhängig entwickelt, bis er schließlich Teil des Finales wird. Ein weiterer, nicht unwesentlicher Erzählstrang sind die Tagebuchaufzeichnungen einer russischen Sängerin, die vom kleinen Mädchen bis zum Lebensende das Symbol, die Vertretung Russlands (bzw. der Sowjetunion) im zwanzigsten Jahrhundert, übernimmt. Herrlich ist, wie virtuos und gewandt Michael Schischkin hier die verschiedenen Erzählstränge mit unterschiedlichsten Stimmungen und Farben ausstattet. Von der insistierenden Frage- und Antwortprosa, die sich immer wieder von sich selbst loslöst und sich quasi von der eigenen Idee verselbstständigt, bis sie unter Anderem plötzlich eiskalt und messerscharf die Zustände in Tschetschenien und anderen Krisenregionen Russlands erzählend zuschlägt; bis hin zur kindlichen Naivität der Tagebucheinträge des jungen Mädchens. Das ist abwechslungsreiche, intensive Prosa, die im Dienst der Aussage und der Erzählung steht. Immer wieder assoziiert Schischkin, spielt er auf andere literarische Werke, auf die Geschichte, auf die Mythologie an, zitiert aus russischen Märchen und griechischen Heldensagen; das geschieht fein und diskret. Man dankt dem wunderbar informativen Glossar für die Hilfe bei der Dechiffrierung der teilweise sehr versteckten Botschaften. Nie hat der Leser das Gefühl, dass Michail Schischkin sich im selbstgestrickten Labyrinth seiner Ausführungen und Erzählungsriten verlieren könnte, so sicher und überzeugend wird man von dieser großartigen Prosa absorbiert und gefesselt. Während die Tagebucheinträge vordergründig fast banale Themen behandeln (Schule, erste Liebe, Moralfragen, das Auskommen mit den Eltern, die Situation der Deutschstämmigen im Russland des Ersten Weltkrieges, den Verlust von unschuldigen oder sündhaften Lieben), von der Standhaftigkeit bis hin zum Opportunismus und somit die Tagebuch führende Sängerin ihre Entwicklung an der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in Russland messen lässt, wird dieser Erzählstrang zu einem Gesellschaftsbild vom Feinsten. Mit dem Fortschreiten des Romans führen die Frage- und Antwortserien den Übersetzer immer weiter ins Innere der Selbstzweifel, bis auch hier die Realität so sehr ins Wanken gerät, dass am Ende jegliche Grenzen zwischen den Erzählsträngen komplett fortgefegt werden können und alle Erzähllinien in einem grandios polyphonen Geflecht von Stimmen in einem grandiosen Finale münden können. Das ist erzähltechnisch und formal auf so beeindruckende Art und Weise gelöst, dass man als Leser die Lektüre nach den letzten Worten einfach noch einmal von Neuem beginnen möchte. Michail Schischkins Roman "Venushaar" ist ein absoluter Wurf, wie immer von Andreas Tretner kongenial aus dem Russischen übersetzt. (Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at, Roland Freisitzer; 04/2011)

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  • Rezension zu "Venushaar" von Michail Schischkin

    Venushaar
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    28. April 2011 um 16:51

    Dieses schwergewichtige Werk, der Roman „Venushaar“ des 1961 in Moskau geborenen und 1995 in die Schweiz emigrierten russischen Schriftstellers Michail Schischkin ist das, was man einen großen Wurf nennt. Ein Buch, das einen packt, das komplex angelegt ist und doch mit einfachen und poetischen Worten erzählt von der Liebe, die den Tod überwindet. Der namenlose Erzähler, der aber viele Züge des Autors selbst trägt, arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde. Unzählige Male am Tag fragt er seine ehemaligen Landsleute, die wie er vor langer Zeit aus Russland emigrieren, fliehen in ein besser gewähntes Leben, warum sie Asyl beantragen. Und während er da Geschichten unendlichen Leids sich anhört und für seine Arbeitgeber übersetzt, legt sich wie ein Film seine eigene Lebensgeschichte darüber. Die Sehnsucht nach seiner Frau und seinem Kind, die er verloren hat, aber auch zahllose Erinnerungen, Gefühle und Geschichten im Zusammenhang mit anderen Welten und Zeiten. Und so erzählt Schischkin mit philosophischer und ästhetischer Tiefe und Leidenschaft nicht nur seine eigene Geschichte, sondern die seines Heimatlandes. Er wechselt dabei virtuos die Perspektiven, spielt mit unterschiedlichen Erzählsträngen und variiert dabei immer wieder das Thema der Liebe, die den Tod überwindet, die etwas vorscheinen und nachscheinen lässt von einem Paradies, das schon lange verloren ist. Ein monumentales Werk eines Schriftsteller von internationalem Format, mit dem er die Literaturszenen in vielen Ländern erobern wird.

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