Michail: Scholochow Don-Erzählungen.

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Inhaltsangabe zu „Don-Erzählungen.“ von Michail: Scholochow

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    Don-Erzählungen.
    Heike110566

    Heike110566

    15. April 2011 um 08:43

    "Obwohl uns die Tragik der vom Künstler gestalteten Realität mirunter tief berührt, schließen wir seine Bücher doch immer mit dem Empfinden des Lichts.", schreibt Konstantin Fedin auf der Rückseite dieses Taschenbuches. Ja! Er trifft damit, wie es mir beim Lesen von Scholochow (1905-1984), der 1965 den Nobelpreis für Literatur erhielt, geht, absolut den berühmten Nagel auf dem Kopf. Scholochows Erzählungen sind keine leichte Unterhaltungskost. In seinen Texten beschreibt er das harte Leben der Menschen am Don brutal ehrlich. Idyllen, wie sie in so manchen hier im Westen verbreiteten Kosakenliedern, besser gesagt: Pseudo-Kosakenliedern á la Iwan Rebroff und Co., verbreitet werden, sucht man hier vergebens. Und er weiß, wovon er schreibt. Stammt er doch selbst aus der Don-Region und ist in der Zeit dort aufgewachsen, in der die Erzählungen spielen. Das Buch enthält insgesamt 22 Erzählungen. Bis auf eine stammen alle aus den Jahren 1923 bis 1926 und erzählen aus der Zeit des Russischen Bürgerkrieges und den Auseinandersetzungen und Divergenzen der neuen Sowjetmacht und deren Gegnern. Scholochow ist Kommunist. Er hat einen Klassenstandpunkt. Und dass dieser auch in den Erzählungen rübergebracht werden soll, wird deutlich. Dies tut er aber nicht plakativ, nicht Schema-F-Artig. Stets beleuchtet er auch die Gründe, warum die Menschen so handeln, wie sie handeln. Egal ob es sich dabei um Übergriffe von Sowjets oder Kulaken, Kosaken und weißen Banditen handelt. Der Riss, der nach dem Oktoberumsturz 1917 und die daraus resultierende Errichtung der Sowjetmacht, durch die gesamte Bevölkerung ging, ging letztlich bis in deren kleinste Einheit, der Familie. Dies zeigt Scholochow in den Erzählungen, in denen es schließlich selbst zu Mord und Totschlag zwischen Vater und Sohn oder Bruder und Bruder kommt. Diese alten Motive, die bereits in den uralten Sagen und Mythen der verschiedensten Völker eine Rolle spielen, stehen auch hier, wie dort, für den Kampf Alt gegen Neu. Aber: Anders als in den alten Sagen und Mythen siegt nicht immer das Neue. Zumindest nicht auf dem ersten Blick. Der Vertreter der neuen Idee liegt am Ende so mancher Erzählung tot am Boden. Dennoch tritt aber der Effekt ein, den Konstatin Fedin (siehe oben) beschrieb. Am Ende ist das "Empfinden des Lichts." Die Notwendigkeit, dass die neue Idee einfach siegen muss, kommt überwältigend über den Leser. Es scheint förmlich evident, sich aus der Erzählung zwingend ergebend. Wie die Geschichte des real existierenden Sozialismus dann aber in seiner siebzigjährigen Geschichte zeigte, hat diese neue, von Grund auf eigentlich humanistische Idee des Kommunismus auch sehr viel Leid über die Menschen gebracht. Auch über die am Don. - Dies wird auch nicht verschwiegen in dieser Ausgabe des Aufbau-Verlages der DDR. Im Nachwort heißt es dazu: "Noch einmal floß viel Blut und es geschah Unrecht! Unter der Losung 'Liquidierung der Kulaken' wurden viele persönliche Rechnungen beglichen, viele alte Familien- und Eigentumsfehden ausgetragen, die mit Kulakentum nichts zu tun hatten. Auch Neid und Habgier spielten ihre Rolle dabei." (Alfred Kurella, 1965, S. 384f dieser Ausgabe) Es geht also nicht um Heroisierung, sondern um Nachdenken erregen. Und dies nicht nur in der Reflektion des heutigen Lesers, sondern auch damals als Scholochow diese Erzählungen schrieb. Er malt nicht schwarzweiß. Unrecht begehen nicht nur die Kulaken, Kosaken und weißen Banditen, sondern auch Mitglieder der Sowjetmacht und Kommunisten. Scholochow ist ein Vertreter des Sozialistischen Realismus. Detailliert beschreibt er Ereignisse, Personen, Szenerien, Gedanken und Gefühle. Die Erzählungen weisen zumeist einen dramatisch-szenischen Blickwinkel auf, dass heißt: der Leser ist nahe dran am Geschehen, steht dabei, ist in die Szenerie eingebunden. Daneben zieht der Autor aber auch immer wieder den Fokus auf, öffnet sein Weitwinkelobjektiv. "Schwerfällig häufte die Nacht Dunkelheit über die Steppe, über Gassen und Gärten. Der Wind jagte mit Räuberpfiffen durch die Straßen, rüttelte an den frosterstarrten, kahlen Blumen, lugte frech unter die vorspringenden Dächer der Häuser, zerwühlte den Sperlingen das aufgeplusterte Gefieder und ließ sie von Juniwärme träumen, von reifen, in Morgentau blanken Kirschen, von Würmern im Mist und anderen Leckerbissen, die uns Menschen niemals in Winternächten im Traum erscheinen. Am Schulzaun glimmen die Pünktchen von Selbstgedrehten. Zuweilen riß der Wind Asche und funken mit sich, trug sie fürsorglich in die Höhe, bis sie erloschen, und von neuem vibrierten über den sattvioletten Schnee Dunkel und Stille, Stille und Dunkel. Einer im offenen Halbpelz lehnte ..." (aus: Der Todfeind, S. 211 dieser Ausgabe) Sehr schön wird hier die Erzählweise Scholochows sichtbar. Die Kamera geht über die Steppe hinweg, ins Dorf hinein und endet dann in einer Szenerie mit dem Konkreten, den Menschen. Außer den 21 Erzählungen der frühen Jahre enthält dieser Band auch noch die Erzählung "Ein Menschenschicksal" aus dem Jahre 1956. Sie sticht dadurch heraus, dass sie zum einen einen anderen Zeitabschnitt der Don-Geschichte beleuchtet als die anderen, es geht um einen Mann, der im Großen Vaterländischen Krieg 1942 von deutschen Wehrmachtssoldaten gefangen genommen wurde, zum anderen dadurch, dass hier der Autor noch ausgefeilter agiert. Man merkt die Schreiberfahrung, die in den ersten Don-Erzählungen 1923/24, als er 18 bzw 19 Jahre alt war, noch fehlte. Diese Erzählung ist einfach faszinierend. Warum? - Die Antwort muss ich leider an dieser Stelle erstmal schuldig bleiben, da es den Rahmen hier sprengen würde.

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