Marco Michalziks zweiter Gedichtband ist in zwei Teile unterteilt: im ersten geht es ums Aufwachsen in einer dörflichen Region und unter den Einflüssen christlich-fundamentalistischer Ideen, im zweiten um das spätere Ich, die Suche nach einer Identität, vereinbar mit oder jenseits(diesseits?) der Herkunft. Doch lassen sie sich überhaupt sauber trennen, Identität und Herkunft? In einem Gedicht von Jan Skácel, übersetzt von Reiner Kunze, heißt es:
kindheit ist das was irgendwann
gewesen ist und aus dem traum nun hängt
ein faden fesselrest den man
zersprengen kann und nie zersprengt
Sind nicht solche Fesselreste immer vorhanden, egal wie viel wir wegzuschneiden bereit sind/versuchen? Wie gehen wir mit ihnen um, wie knüpfen wir daran an? Wie flechten wir daraus etwas, das uns nicht die Luft abschnürt, uns nicht ins Fleisch schneidet?
Michalziks Texte verhandeln diesen Balanceakt – oder, vielmehr: sie stürzen sich in die Fragen, die Auseinandersetzung damit. Es hat ein bisschen was von Kreuzen im Sturm, nah an der Havarie, was dabei sprachlich aufgeboten wird; die Suche, das Suchen – zwischen Flucht und Embrace, Wollen und Ankommen – diese Bewegung gibt den Takt vor und es ist bisweilen ein schneller, rastlos, dann wieder ein verzögerter, fast schon schmerzlich sacht, innerlich.
Für mich war dieses hin und her, diese eindringliche sprachliche Haltlosigkeit manchmal eine ziemliche Zerreißprobe, auch wenn ohne Zweifel gerade dieser stilistische Zug die gelungeneren Stellen erst möglich macht. Etwas zu umfassend versuchen die Texte manches zu manifestieren, zu forcieren, dennoch kann man sich dem Sog der Texte schwerlich entziehen.
Lyristix


