Michel Eltchaninoff

 4,3 Sterne bei 8 Bewertungen
Autor von In Putins Kopf.

Lebenslauf von Michel Eltchaninoff

Michel Eltchaninoff geboren 1969 in Paris, hat nach seiner Dissertation in Philosophie ein wissenschaftliches Werk zu Dostojewski verfasst. Er ist Chefredakteur des »Philosophie Magazine« (Frankreich).

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Michel Eltchaninoff

Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)

In Putins Kopf

 (8)
Erschienen am 01.04.2022

Neue Rezensionen zu Michel Eltchaninoff

Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)
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Rezension zu "In Putins Kopf" von Michel Eltchaninoff

Versuch eines Psychogramms von Putin
Tokallvor einem Monat

Versuch eines Psychogramms von Putin

Der russische Überfall auf die Ukraine ist in meinen Augen eine Katastrophe, ein Verbrechen, rational nicht zu ergründen. Um einen tieferen Einblick in die Geschehnisse zu erhalten, habe ich mich in der letzten Zeit verstärkt mit Büchern zu dieser kriegerischen Auseinandersetzung beschäftigt, so z.B. mit dem Buch „Feuerpanorama“ von Sergej Gerassimow oder „Der Killer im Kreml“ von John Sweeney (vgl. frühere Rezensionen). Im Folgenden möchte ich nun das Werk „In Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten“ von Michel Eltchaninoff besprechen.

 

Eltchaninoff beschreibt in seiner Publikation die Weltanschauung von Putin, ein Thema, das bei John Sweeney nur knapp angerissen wird. Grundlage für die Einschätzungen des Autors sind Analysen von Putins Sprachgebrauch. So nimmt der russische Präsident in seinen Reden immer einmal wieder auf bestimmte Schriftsteller oder Philosophen Bezug. Eltchaninoff beleuchtet dann die Hintergründe dazu kenntnisreich und differenziert. Eine unheimlich spannende Lektüre!

 

Bereits in der Einführung des Buchs verdeutlicht Eltchaninoff, dass sich im Wesentlichen drei Linien der Präsidentschaft Putins nachzeichnen lassen: 1. Sein Liberalismus sei nur vorgetäuscht gewesen. Er habe stattdessen früh eine konservative Vision der russischen Zukunft im Kopf gehabt. 2. Darüber hinaus habe Putin die Theorie eines russischen Weges entwickelt und sich 3. durch eurasische Denker zu einem imperialen Traum hinreißen lassen.

 

Kapitel 1 - „In erster Linie Sowjetbürger“

Hier fand ich den Gedanken des Autors interessant, dass Putin die kommunistische Ideologie durch eine neue Ideologie ersetzen wolle. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gebe es eine ideologische Leerstelle, die Putin nun mit anderen, v.a. nationalistischen und militaristischen Inhalten auffülle. Dazu zähle beispielsweise die Rehabilitierung Stalins.

 

Kapitel 2 - „Kant, Peter der Große und die Philosophie des Judo“

Hier zeigt der Autor auf, dass Putin zu Beginn seiner Präsidentschaft durchaus liberal eingestellt gewesen sei, weder habe er die NATO als Feind dargestellt, noch habe er ein Interesse an einer Konfrontation mit Europa gehabt. Putin habe sich in seinen Reden sogar des Öfteren auch auf Immanuel Kant und dessen Werk „Was ist Aufklärung?“ berufen. Doch Eltchaninoff wirft die Frage auf, wie ehrlich und aufrichtig Putin gewesen sei. Ist sein Liberalismus womöglich nur vorgespielt gewesen, um sich seinen Platz an der Macht zu sichern? Hat er seine wahren Absichten verborgen, und zwar ganz im Sinne eines Judoka, der sich der Philosophie des „sanften Nachgebens“ bedient?

2012 habe sich die Art, von Europa zu sprechen, jedenfalls radikal geändert, so der Autor. Putin habe eine konservative Wendung vollzogen und lehne eine europäische Bestimmung Russlands ab. Und eine weitere interessante Beobachtung, die Eltchaninoff macht: Putin habe sich seiner Umgebung stets geschickt angepasst, wenn er gesprochen hat. Er habe sich Europäern gegenüber anders als Asiaten geäußert. Schon zu Beginn seiner ersten Amtszeit habe er z.B. den Westen attackiert, wenn er in China eine Rede gehalten habe.

 

Kapitel 3 - „Die erste philosophische Liebe des Präsidenten“

Der Autor macht gut deutlich, dass Putin sich oft auf den Philosophen Iwan Iljin bezieht, wenn er sich öffentlich äußert. Iljin tauche immer wieder mit Zitaten in Reden des Präsidenten auf. Die von Putin meist geschätzte Schrift Iljins trage den Titel „Was verheißt der Welt die Aufteilung Russlands?“. Aus dieser Schrift scheine Putin eine Programmatik für sein eigenes politisches Handeln abzuleiten.

 

Kapitel 4 - „Die konservative Wende“

Nach der Amtszeit von Medwedjew sei Putin zunehmend konservativer geworden, so der Autor. Er habe sich seit 2012 immer stärker der Orthodoxie zugewandt und sich immer häufiger patriotischer Beschwörungen bedient. Im Zuge dieser Wende zeichneten sich drei zentrale Linien ab: Verwerfung der sowjetischen Ideologie, Idealisierung des Russlands vor 1917 und Stärkung der Orthodoxie.

 

Kapitel 5 - „Der russische Weg“

Hier wird die Siegesrede anlässlich der Annexion der Krim näher analysiert. Der Autor macht klar, dass sich neben der durch Putin herbeigeführten konservativen Wende auch immer stärker ein sogenannter russischer Weg herauskristallisiert habe. Zentral dafür seien Äußerungen, dass Russland nun seine eigenen Ziele verfolge, und an andere Staaten gerichtete Vorwürfe, diese wollten Russland kleinhalten.

 

Kapitel 6 - „Der eurasische Traum“

Der Autor widmet sich dem Thema der Gründung der eurasischen Union. In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle Aleksandr Dugins besprochen, der vom Autor als „Neoeurasier“ bezeichnet wird.

 

Kapitel 8 + 10 „Welche Art Imperium?“, „Eskalation zum Äußersten“

Eltchaninoff stellt sich die Frage, wie ein russisches Imperium in den Augen Putins aussehen könnte. Könnte es sich um ein orthodoxes Imperium handeln? Was wäre das verbindende Element zwischen den slavischen Völkern? Die russische Sprache? Am wahrscheinlichsten, so der Autor, scheine die Verfolgung eines eurasischen Projekts, aus dem als Konsequenz auch eine Hinwendung zu China resultiere.

Als besonders interessant und aktualitätsrelevant empfand ich die Darlegungen zur Politik Russlands und der Ukraine in den Jahren 2012 bis 2014 (vgl. S. 150 ff.). Putin habe sich einen Beitritt der Ukraine zur Eurasischen Union gewünscht, doch das Volk auf dem Maidan habe sich letztlich anders entschieden.

Das letzte Kapitel ist neu hinzugefügt worden und beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen. Putin inszeniere sich selbst als Historiker und wolle die Geschichte umdeuten. Beispielsweise werde auch die Rolle der Sowjetunion im Zuge des „Großen Vaterländischen Kriegs“ stets aufs Neue beschworen, um die Bevölkerung hinter sich zu versammeln. Auch das klassisch dualistische Freund-Feind-Schema werde wieder bedient. In Putins Reden fänden sich rhetorische Abwertungsmechanismen, was den Westen betrifft, so der Autor.  

 

Fazit: Zusammenfassend kann man sagen, dass der Autor bei seinen Ausführungen ein differenziertes Bild der möglichen Weltanschauungen Putins zu zeichnen vermag, und das unter Bezugnahme auf viele Quellen und anhand vieler konkreter Beispiele aus dem Sprachgebrauch des russischen Präsidenten. Die Darlegung wirkt gut recherchiert, kompetent, fundiert und äußerst nachvollziehbar. Die Schreibweise des Autors ist äußerst verdichtet, die Lektüre erfordert aber Konzentration. Ich vergebe 5 Sterne!

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Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)
esmerabelles avatar

Rezension zu "In Putins Kopf" von Michel Eltchaninoff

Michel Eltchaninoff - In Putins Kopf
esmerabellevor 4 Monaten

Als Putin am 24. Februar 2022 mit seiner „Spezialoperation“ zum ersten Mal offiziell mit eigenen Truppen die Ukraine angriff, gehörte ich zu den Menschen, die völlig überrascht waren. Schon seit Wochen hatte Russland Truppen in der Nähe der Grenze zusammengezogen, aber ich hatte die Geschichte vom Manöver geglaubt, höchstens noch ein wenig kindisches Säbelrasseln dahinter vermutet. Als dann der Angriff geschah, stellten sich mir vor allem drei Fragen. Wozu? Warum gerade jetzt? Was geht in diesem Mann vor?

Besonders mit der letzten Frage setzt sich Michel Eltchaninoff, ein französischer Philosoph und Journalist, in seinem Buch „In Putins Kopf – Logik und Willkür eines Autokraten“ auseinander. Er hat zahlreiche Reden, Interviews und Handlungen Putins daraufhin untersucht, welche Philosophen, Schriftsteller und andere Denker der russische Präsident zur Untermauerung seiner Einstellungen und Handlungen heranzieht.

Vor allem die erste Hälfte des Buches hat mich mit der Vielzahl seiner Namen und Verweise erschlagen. Mein philosophisches Wissen ist höchstens – ich will es mal poetisch ausdrücken – eine von der Zeit erodierte Grundmauer mit viel Mut zu Lücken. Wenn es zu russischen Philosophen kommt, bin ich völlig raus. Die von Putin gerne herangezogenen Schriftsteller (allen voran Dostojewski) kenne ich zwar, habe aber nie ihre Lebenseinstellungen wirklich untersucht. Was ich aus „In Putins Kopf“ mitgenommen habe, ist, dass Putin sich nur dessen zu bedienen scheint, was er gerade gebrauchen kann, und dafür seine „Quellen“ auch gerne in ihre Einzelkomponenten zerlegt. Überraschend ist das vielleicht nicht, aber interessant, diesen Vorgang detaillierter zu betrachten.

Die Fragen „Wozu“ und „Warum gerade jetzt“ konnte mir „In Putins Kopf“ tatsächlich beantworten, auch wenn die vielen Informationen des Buches immer noch ein wenig hilflos in meinem Kopf herumschwirren. Zu Putins Inneren – Eltchaninoff geht auf viele Aspekte dieses Mannes ein, seiner Herkunft, Psyche, Entwicklung, politische Ideen, aber am Ende bleibt das Gefühl: Was in diesem Kopf vorgeht, weiß nur der Mann selbst.

 Leseempfehlung für thematisch Interessierte!

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Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)
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Rezension zu "In Putins Kopf" von Michel Eltchaninoff

Sehr gut
breathingfailurevor 6 Monaten

Ich habe mich gerade durch den Ukraine Krieg sehr gerne mit dem Thema Putin auseinandergesetzt, dieses Buch war eines der Bücher, die ich mehrfach weglegen musste und zu einem anderen Buch gegriffen habe. Nicht weil es schlecht war oder schlecht geschrieben ist, sondern viel mehr weil mir viel Hintergrundwissen gefehlt hat. In diesem Buch erfährt man vieles über die Hintergründe Putins und wieso er sich wie verhält und welche Vorbilder er hat und wem er nacheifert. Dazu kommt aber, dass man sich in seinem innenpolitischen Konstrukt auskennen sollte um es nachvollziehen zu können. Was gut zeigt wie viel Recherchearbeit der Autor geleistet hat. Ein sehr eindrucksvolles Buch.

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