Michel Eltchaninoff

 4,3 Sterne bei 9 Bewertungen
Autor*in von In Putins Kopf.

Lebenslauf

Michel Eltchaninoff geboren 1969 in Paris, hat nach seiner Dissertation in Philosophie ein wissenschaftliches Werk zu Dostojewski verfasst. Er ist Chefredakteur des »Philosophie Magazine« (Frankreich).

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Michel Eltchaninoff

Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)

In Putins Kopf

 (9)
Erschienen am 01.04.2022

Neue Rezensionen zu Michel Eltchaninoff

Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)
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Rezension zu "In Putins Kopf" von Michel Eltchaninoff

Es war alles deutlich zu sehen!
porte-bonheurvor einem Jahr

Mich haben schon 2014 der Raub der Krim und die entsetzliche Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft - geben wir es doch zu: da ist kaum was passiert, das Geld rollte einfach so weiter - wütend gemacht. Dann kam der Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 und der hat mich noch wütender gemacht, weniger der Krieg an sich als die Behauptungen, das habe man so nicht kommen sehen können, keiner habe das ahnen, geschweige denn wissen können, ... Ah ja, wieder einmal also! Es scheint die immerwährende Schutzbehauptung gerade der Deutschen - und hier inbesondere allhöchster Stellen - zu sein, im Nachgang einer Katastrophe diese als irgendwie von "oben herab gekommen" einstufen zu wollen. Dabei waren doch über Jahre hinweg in deutschen Zeitungen Ukraine-Porträts, Interview mit Experten und Zeitzeugen zu lesen, die das KriegsSzenario immer wieder ganz deutlich an die Wand malten. Und jetzt die Frage: wozu haben wir denn dann unsere "Experten", die Diplomaten, die Staatssekretäre, wenn die solche Zeitungen - deren Abonnement wir ihnen als Steuerzahler auch noch bezahlen - und solche Bücher nicht lesen oder zumindest keine Rückschlüsse ziehen.

Das Buch von Michel Eltchinoff macht ganz deutlich, dass sich ein Krieg gar nicht verhindern ließ und das, weil sich ein Durchgeknallter - und natürlich bezeichne ich ihn als solchen - einem ganz eigenartigen Geschichtsbild verantwortlich fühlt. Das Buch zeigt aber auch, dass Putin mit seiner Ansicht nicht allein ist, dass es eben auch nicht nur Putins Krieg ist und welche Argumente die Kriegsführer für sich in Anspruch nehmen, auf welchen - fur uns natürlich völlig abstrusen - philosophischen Anschauungen die völlig willkürliche Landnahme beruhen. Und gerade weil wir in Deutschland das wirklich so gut kennen und verinnerlicht haben sollten, wie sich da ein Einzelner, mit seiner skrupellosen Clique und der Hilfe der Wirtschaft gegen die Weltmoral vergeht, hätten wir anders handeln müssen, hätte unsere Regierung zumindest anders vorbereitet sein müssen. Eurasisches Weltreich reimt sich ja beinahe schon auf Großdeutsches Reich! Nach diesem Buch stellt sich zumindet sofort die Frage, warum wir die Bundeswehr und deren Fähigkeit zur Verteidigung des Landes soweit haben schleifen lassen, dass beide jetzt mehr oder weniger nicht existent sind. Für mich ist dieses Buch eben auch eine Anklage all der in den letzten Jahren üntätig gebliebenen Verantwortlichen und das waren ganz offensichtlich alle! Wieder einmal zeigt sich: in den Büchern steht meist alles, man muss eben die richtigen Schlüsse ziehen. Und sage mir keiner, dass Buch sei eben nicht in den richtigen Etagen gelesen worden! Es ist bereits 2015 veröffentlicht worden und damit ein eindeutiger Beleg dafür, dass doch alles auf der Hand lag!

Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)
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Rezension zu "In Putins Kopf" von Michel Eltchaninoff

Versuch eines Psychogramms von Putin
Tokallvor 2 Jahren

Versuch eines Psychogramms von Putin

Der russische Überfall auf die Ukraine ist in meinen Augen eine Katastrophe, ein Verbrechen, rational nicht zu ergründen. Um einen tieferen Einblick in die Geschehnisse zu erhalten, habe ich mich in der letzten Zeit verstärkt mit Büchern zu dieser kriegerischen Auseinandersetzung beschäftigt, so z.B. mit dem Buch „Feuerpanorama“ von Sergej Gerassimow oder „Der Killer im Kreml“ von John Sweeney (vgl. frühere Rezensionen). Im Folgenden möchte ich nun das Werk „In Putins Kopf. Logik und Willkür eines Autokraten“ von Michel Eltchaninoff besprechen.

 

Eltchaninoff beschreibt in seiner Publikation die Weltanschauung von Putin, ein Thema, das bei John Sweeney nur knapp angerissen wird. Grundlage für die Einschätzungen des Autors sind Analysen von Putins Sprachgebrauch. So nimmt der russische Präsident in seinen Reden immer einmal wieder auf bestimmte Schriftsteller oder Philosophen Bezug. Eltchaninoff beleuchtet dann die Hintergründe dazu kenntnisreich und differenziert. Eine unheimlich spannende Lektüre!

 

Bereits in der Einführung des Buchs verdeutlicht Eltchaninoff, dass sich im Wesentlichen drei Linien der Präsidentschaft Putins nachzeichnen lassen: 1. Sein Liberalismus sei nur vorgetäuscht gewesen. Er habe stattdessen früh eine konservative Vision der russischen Zukunft im Kopf gehabt. 2. Darüber hinaus habe Putin die Theorie eines russischen Weges entwickelt und sich 3. durch eurasische Denker zu einem imperialen Traum hinreißen lassen.

 

Kapitel 1 - „In erster Linie Sowjetbürger“

Hier fand ich den Gedanken des Autors interessant, dass Putin die kommunistische Ideologie durch eine neue Ideologie ersetzen wolle. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gebe es eine ideologische Leerstelle, die Putin nun mit anderen, v.a. nationalistischen und militaristischen Inhalten auffülle. Dazu zähle beispielsweise die Rehabilitierung Stalins.

 

Kapitel 2 - „Kant, Peter der Große und die Philosophie des Judo“

Hier zeigt der Autor auf, dass Putin zu Beginn seiner Präsidentschaft durchaus liberal eingestellt gewesen sei, weder habe er die NATO als Feind dargestellt, noch habe er ein Interesse an einer Konfrontation mit Europa gehabt. Putin habe sich in seinen Reden sogar des Öfteren auch auf Immanuel Kant und dessen Werk „Was ist Aufklärung?“ berufen. Doch Eltchaninoff wirft die Frage auf, wie ehrlich und aufrichtig Putin gewesen sei. Ist sein Liberalismus womöglich nur vorgespielt gewesen, um sich seinen Platz an der Macht zu sichern? Hat er seine wahren Absichten verborgen, und zwar ganz im Sinne eines Judoka, der sich der Philosophie des „sanften Nachgebens“ bedient?

2012 habe sich die Art, von Europa zu sprechen, jedenfalls radikal geändert, so der Autor. Putin habe eine konservative Wendung vollzogen und lehne eine europäische Bestimmung Russlands ab. Und eine weitere interessante Beobachtung, die Eltchaninoff macht: Putin habe sich seiner Umgebung stets geschickt angepasst, wenn er gesprochen hat. Er habe sich Europäern gegenüber anders als Asiaten geäußert. Schon zu Beginn seiner ersten Amtszeit habe er z.B. den Westen attackiert, wenn er in China eine Rede gehalten habe.

 

Kapitel 3 - „Die erste philosophische Liebe des Präsidenten“

Der Autor macht gut deutlich, dass Putin sich oft auf den Philosophen Iwan Iljin bezieht, wenn er sich öffentlich äußert. Iljin tauche immer wieder mit Zitaten in Reden des Präsidenten auf. Die von Putin meist geschätzte Schrift Iljins trage den Titel „Was verheißt der Welt die Aufteilung Russlands?“. Aus dieser Schrift scheine Putin eine Programmatik für sein eigenes politisches Handeln abzuleiten.

 

Kapitel 4 - „Die konservative Wende“

Nach der Amtszeit von Medwedjew sei Putin zunehmend konservativer geworden, so der Autor. Er habe sich seit 2012 immer stärker der Orthodoxie zugewandt und sich immer häufiger patriotischer Beschwörungen bedient. Im Zuge dieser Wende zeichneten sich drei zentrale Linien ab: Verwerfung der sowjetischen Ideologie, Idealisierung des Russlands vor 1917 und Stärkung der Orthodoxie.

 

Kapitel 5 - „Der russische Weg“

Hier wird die Siegesrede anlässlich der Annexion der Krim näher analysiert. Der Autor macht klar, dass sich neben der durch Putin herbeigeführten konservativen Wende auch immer stärker ein sogenannter russischer Weg herauskristallisiert habe. Zentral dafür seien Äußerungen, dass Russland nun seine eigenen Ziele verfolge, und an andere Staaten gerichtete Vorwürfe, diese wollten Russland kleinhalten.

 

Kapitel 6 - „Der eurasische Traum“

Der Autor widmet sich dem Thema der Gründung der eurasischen Union. In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle Aleksandr Dugins besprochen, der vom Autor als „Neoeurasier“ bezeichnet wird.

 

Kapitel 8 + 10 „Welche Art Imperium?“, „Eskalation zum Äußersten“

Eltchaninoff stellt sich die Frage, wie ein russisches Imperium in den Augen Putins aussehen könnte. Könnte es sich um ein orthodoxes Imperium handeln? Was wäre das verbindende Element zwischen den slavischen Völkern? Die russische Sprache? Am wahrscheinlichsten, so der Autor, scheine die Verfolgung eines eurasischen Projekts, aus dem als Konsequenz auch eine Hinwendung zu China resultiere.

Als besonders interessant und aktualitätsrelevant empfand ich die Darlegungen zur Politik Russlands und der Ukraine in den Jahren 2012 bis 2014 (vgl. S. 150 ff.). Putin habe sich einen Beitritt der Ukraine zur Eurasischen Union gewünscht, doch das Volk auf dem Maidan habe sich letztlich anders entschieden.

Das letzte Kapitel ist neu hinzugefügt worden und beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen. Putin inszeniere sich selbst als Historiker und wolle die Geschichte umdeuten. Beispielsweise werde auch die Rolle der Sowjetunion im Zuge des „Großen Vaterländischen Kriegs“ stets aufs Neue beschworen, um die Bevölkerung hinter sich zu versammeln. Auch das klassisch dualistische Freund-Feind-Schema werde wieder bedient. In Putins Reden fänden sich rhetorische Abwertungsmechanismen, was den Westen betrifft, so der Autor.  

 

Fazit: Zusammenfassend kann man sagen, dass der Autor bei seinen Ausführungen ein differenziertes Bild der möglichen Weltanschauungen Putins zu zeichnen vermag, und das unter Bezugnahme auf viele Quellen und anhand vieler konkreter Beispiele aus dem Sprachgebrauch des russischen Präsidenten. Die Darlegung wirkt gut recherchiert, kompetent, fundiert und äußerst nachvollziehbar. Die Schreibweise des Autors ist äußerst verdichtet, die Lektüre erfordert aber Konzentration. Ich vergebe 5 Sterne!

Cover des Buches In Putins Kopf (ISBN: 9783608501827)
esmerabelles avatar

Rezension zu "In Putins Kopf" von Michel Eltchaninoff

Michel Eltchaninoff - In Putins Kopf
esmerabellevor 2 Jahren

Als Putin am 24. Februar 2022 mit seiner „Spezialoperation“ zum ersten Mal offiziell mit eigenen Truppen die Ukraine angriff, gehörte ich zu den Menschen, die völlig überrascht waren. Schon seit Wochen hatte Russland Truppen in der Nähe der Grenze zusammengezogen, aber ich hatte die Geschichte vom Manöver geglaubt, höchstens noch ein wenig kindisches Säbelrasseln dahinter vermutet. Als dann der Angriff geschah, stellten sich mir vor allem drei Fragen. Wozu? Warum gerade jetzt? Was geht in diesem Mann vor?

Besonders mit der letzten Frage setzt sich Michel Eltchaninoff, ein französischer Philosoph und Journalist, in seinem Buch „In Putins Kopf – Logik und Willkür eines Autokraten“ auseinander. Er hat zahlreiche Reden, Interviews und Handlungen Putins daraufhin untersucht, welche Philosophen, Schriftsteller und andere Denker der russische Präsident zur Untermauerung seiner Einstellungen und Handlungen heranzieht.

Vor allem die erste Hälfte des Buches hat mich mit der Vielzahl seiner Namen und Verweise erschlagen. Mein philosophisches Wissen ist höchstens – ich will es mal poetisch ausdrücken – eine von der Zeit erodierte Grundmauer mit viel Mut zu Lücken. Wenn es zu russischen Philosophen kommt, bin ich völlig raus. Die von Putin gerne herangezogenen Schriftsteller (allen voran Dostojewski) kenne ich zwar, habe aber nie ihre Lebenseinstellungen wirklich untersucht. Was ich aus „In Putins Kopf“ mitgenommen habe, ist, dass Putin sich nur dessen zu bedienen scheint, was er gerade gebrauchen kann, und dafür seine „Quellen“ auch gerne in ihre Einzelkomponenten zerlegt. Überraschend ist das vielleicht nicht, aber interessant, diesen Vorgang detaillierter zu betrachten.

Die Fragen „Wozu“ und „Warum gerade jetzt“ konnte mir „In Putins Kopf“ tatsächlich beantworten, auch wenn die vielen Informationen des Buches immer noch ein wenig hilflos in meinem Kopf herumschwirren. Zu Putins Inneren – Eltchaninoff geht auf viele Aspekte dieses Mannes ein, seiner Herkunft, Psyche, Entwicklung, politische Ideen, aber am Ende bleibt das Gefühl: Was in diesem Kopf vorgeht, weiß nur der Mann selbst.

 Leseempfehlung für thematisch Interessierte!

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