Michel Mettler Die Spange

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Inhaltsangabe zu „Die Spange“ von Michel Mettler

"Im Mund des noch jungen Musikers Anton Windl werden überreste einer prähistorischen Anlage entdeckt. Dr. Berg, sein Vertrauensarzt, nimmt sich des Fundes an. Auf Dauer in der Praxis untergebracht, wird Anton zum begehrten Objekt der Forschung und brilliert als vielseitig einsetzbarer Patient. Doch über aller Entdeckungsfreude liegt der Schatten seiner Unfähigkeit, von sich selbst zu erzählen. Was ist sein wahres Alter, welches seine Herkunft und Vorgeschichte? Mit mannigfachen Methoden versucht Dr. Berg, der Erzählschwäche seines Schützlings Herr zu werden. Die Praxis wird zum Schauplatz breit angelegter Studien. Als weltweit einzigartiger Proband überlebt Anton selbst die riskantesten Experimente, bis sein Arzt mit einer mysteriösen Erfindung den Suchprozeß in neue Bahnen lenkt. Nun schweift die Erzähllust des Patienten in unerahnte Weiten aus, er unternimmt Streifzüge durch die Geschichte und Mythologie und zeichnet das Bild einer Existenz, die wild zwischen Begnadung und Schwachsinn, planetarer und mikrobischer Größe hin und her springt. Doch von welcher Welt erzählt der Patient – von der unsrigen? Ist sein Mund so groß wie ein Planet oder das All so klein wie sein Mund? Die Erkenntnislage bleibt prekär, bis Anton lernt, seinen orchestralen Redefluß zu kanalisieren. Er nimmt Fühlung mit seinem Vorleben auf und beginnt, von der Musik zu erzählen; er beschreibt sich als Ziel eines Meteoriteneinschlags, schildert aberwitzige Therapien und findet immer wieder zu Szenen seiner Kindheit zurück.Inzwischen ist Dr. Bergs Entschluß gereift, ein Buch über seinen wichtigsten Patienten zu schreiben: Die Spange. Doch was erzählt man über jemand, der kein Leben außerhalb der Praxis hat? Einen Arztroman, worin man selber vorkommt?"

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  • Rezension zu "Die Spange" von Michel Mettler

    Die Spange
    Notwister

    Notwister

    12. April 2007 um 16:17

    Der Mund. Unendliche Weiten. Welches Jahr wir schreiben ist unklar. Wir befinden uns in Michel Mettlers groteskem Debütroman „Die Spange“. Ein Forscherteam macht sich auf, um im Mund des Musikers Anton Windl eine prähistorische Anlage auszugraben. Es handelt sich dabei um eine ca. 1500 Jahre alte Spange. Die Ausgrabungen erweisen sich aber als sehr schwierig, das Wetter macht dem Team immer wieder einen Strich durch die Rechnung und es fehlen die richtigen Geräte für die fachgerechte Bergung. Nachdem die Spange dann endlich freigelegt worden ist, beginnt die Arbeit von Paläoanthropologen, Medizinhistorikern und anderen „Spezialisten“. Der Ich-Erzähler Anton wird zu einem weltweit einzigartigen Versuchsobjekt. Es wird ein Institut gegründet, in dem man die wildesten Experimente und Tests an ihm durchführt. Hinter das Geheimnis der Spange kommen sie nicht, doch es wird immer deutlicher, dass das Leben des „Patienten“ weniger wert zu sein scheint als der Fund. „Was ist wichtiger, die Spange oder er?“ fragt z.B. ein Arzt. Nach einem fulminanten, komischen Beginn scheint die Handlung weiter auszuufern. Antons Arzt, Dr. Berg, will, dass jener von seinem Leben erzählt. Denn er möchte erfahren, wo die Spange her kommt. Doch Anton kann sich nicht erinnern. Er leidet an einer so genannten „Dysfabulie“. Um seine Unfähigkeit des Erzählens zu heilen, baut man im MacGyver-Stil aus Küchenutensilien und diversen anderen Geräten einen „Narrator“. Plötzlich fliegen dem Leser Zeiten und Räume so um die Ohren, dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Mal befindet er sich im alten Ägypten, um etwas über die Funktion von Zahnspangen als Grabbeigabe zu erfahren. Mal in einer Zukunft, in der man seinen eigenen Mund mit Hilfe eines Steckbaukastens selbst zusammenbasteln kann. Manchmal ist das zu viel des Guten und man muss sich anstrengen weiter zu lesen. Doch ein paar Seiten weiter wird man für sein Durchhaltevermögen belohnt und man erfährt z.B., wie sich die Weltanschauung eines Dentisten auf seine Behandlungsart niederschlagen kann: „Dr. Muff […] geht das Leben von der sportlichen Seite an. Auch privat von Kopf bis Fuß auf Ertüchtigung eingestellt, sieht er in unserer Zahnstellung eine Folge muskulärer Degeneration.“ Anstatt einer Spange empfiehlt er lieber einen „Gaumen-Expander“. Was im kleinen Arztzimmer beginnt, zieht immer größere Kreise. Der Mikrokosmos Mund wird zum Makrokosmos. In ihm tummelt sich die ganze Weltgeschichte. Kometen schlagen ein und fremde Kulturen werden entdeckt, die dem Schall huldigen und dadurch einen riesigen Berg zu Einsturz bringen, der sie für immer begräbt. Und irgendwo dazwischen steht Anton, von dem man nicht recht weiß, ob er unsterblich, wiedergeboren wurde oder doch nur ein normaler Mensch mit einer blühenden Fantasie ist. Man fragt sich: Warum eigentlich ein Mund als Schauplatz eines Romans? Der Mund ist das Sprechwerkzeug des Menschen. Durch Sprache entstehen Erinnerungen. Diese wiederum prägen ein Individuum. Wenn die Erinnerung nicht mehr vorhanden ist, oder verrückt spielt, ist man dann noch dieselbe Person? Diese Überlegungen werden von Michel Mettler virtuos dargestellt. Dieses Buch ist eine postmoderne Science-Fiction-Geschichte zwischen Oetzi, Star Treck und Arztroman. Er ist philosophisch und komisch, zugleich aber auch traurig und absurd. Ist das nun eine Kritik an den modernen Wissenschaften, ein Buch über das Erzählen oder gar eine Ode an all die Spangenträger dort draußen? Wahrscheinlich alles zugleich. Doch wie sagt Anton Windl zum Schluss so schön: „Suchen Sie nicht Hilfe bei mir, sondern tun Sie das Naheliegende: Lesen Sie.“

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