Michela Murgia Accabadora

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Inhaltsangabe zu „Accabadora“ von Michela Murgia

Wie Mutter und Tochter leben Bonaria Urrai und die sechsjährige Maria zusammen. Die Bewohner des sardischen Dorfes sehen den beiden verwundert nach und tuscheln, wenn sie die Straße hinunterlaufen. Dabei ist alles ganz einfach: Die alte Schneiderin hat das Mädchen zu sich genommen und zieht es groß, dafür wird Maria sich später um sie kümmern. Als vierte Tochter einer bitterarmen Witwe war Maria daran gewöhnt, »die Letzte« und eine zuviel zu sein. Nun hat sie ein eigenes Zimmer in dem großen reinlichen Haus Bonarias, wo alle Türen offen stehen und sie jeden Raum betreten darf. Doch ein Geheimnis umweht die stets schwarz gekleidete, wortkarge Frau, die mitunter nachts, wenn Maria schlafen soll, Besuch erhält und dann das Haus verlässt. Es scheint, als würde Bonaria in zwei Welten leben. Das Mädchen spürt, dass sie nicht danach fragen darf. Erst sehr spät entdeckt sie die ganze Wahrheit. Michela Murgia erzählt in einer schnörkellosen, poetischen Sprache aus einer scheinbar fernen, doch kaum vergangenen Welt. Von zwei Generationen, zwei Frauenleben, von einem alten, lange verschwiegenen Beruf. Dieser Roman ist sinnlich, radikal und verblüffend gegenwärtig.

hochsensibel geschrieben, verhalten, berührend

— Valerie_Springer
Valerie_Springer

Eine Geschichte ähnlich einem griechischen Mythos

— Helen13
Helen13

Lesenswert!

— cloverleaf
cloverleaf

Exotisch, fesselnd, skurril, faszinierend,...

— MyriamErich
MyriamErich

...genau nach so einem Buch hab ich gesucht, die Rezensionen haben mir sehr geholfen! Super! *in Vorfreude auf ein gutes Buch*

— Spekulatiuskeks
Spekulatiuskeks

Ergreifend! In einer schnörkellosen aber sehr eingängigen Sprache geschrieben. Für alle die auch gerne "Wie ein Stein im Geröll" mochten.

— Merleperle
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— bubu
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  • Schicksal - das ist hier die Frage

    Accabadora
    Helen13

    Helen13

    10. September 2016 um 15:20

    Accabadora kam für mich als sperriges, schwer zugängliches Material. Düster kommt es daher. Armut, Trockenheit, von kulturellen Tabus regierte Menschen, Missgunst, Bosheit, geboren aus der Not, wo kein Platz scheint für sensiblere Naturen sondern für harte Naturen, geformt von bitteren Schlägen, erfüllt von Hassgefühlen, die in Rache gipfeln können.Wo Mütter ihre Kinder nicht füttern können, die Jahr für Jahr erscheinen.Dort wurde ein Adoptionsmuster entwickelt, dass nicht nur den kinderlosen Müttern hilft, deren Wunsch unerfüllt blieb, sondern auch der Familie, die ihr Kind zur Adoption freigibt. Alles ganz ohne behördliche Einmischung. Alles offen und bekannt in der Gemeinschaft, wo dies geschieht. Maria wird von Tzia, der Schneiderin des Dorfes Soreni adoptiert. Ein dunkles Geheimnis umgibt dieses Haus, das Mädchen soll erst viel viel später davon erfahren können. Sie ist ein aufgewecktes intelligentes Mädchen, begierig, alles Neue aufzusaugen und zu lernen. In der Schule wie auch von ihrer neuen Mutter. Fortan wird sie jedes Mal in ihre Geburtsfamilie zurückkehren, wenn diese Hilfe braucht, so wie der Brauch es vorschreibt. Hier zeigen sich die Lieblosigkeit der Mutter und Schwestern überdeutlich.Durch das feine Erzählgespinst lernen wir die Dorfbewohner kennen, Tzia kennt sie alle, sie näht für Frauen, Kinder und Männer und kennt ihre Seelen und Körper. Die Geschichte entwickelt sich, wie in griechischen und römischen Mythen mäandert sie dahin. Das Schicksal entscheidet für Maria denn: „glaubst du wirklich, dass die Dinge von alleine geschehen, die geschehen sollen?“ lautet die Frage, über die sich Maria und ihr Jugendfreund Andría im Weinberg unterhalten haben. Maria verlässt Soreni, um in Turin Kindermädchen in einer wohlhabenden Familie zu werden. Dieser Aufenthalt wird ihre Epiphanie. Das sensible Mädchen lernt Menschen einer anderen Art kennen als die auf der Insel. Eines Tages ruft eine Schwester sie brieflich zurück nach Sardinien, zu ihrer kranken Mutter Tzia. Alles, was bisher geschehen ist in dieser Geschichte, wird hier am Ende kunstvoll zusammengeführt. Maria wie auch Tzia werden ihr Schicksal erfüllen.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    Elisabeth87

    Elisabeth87

    05. February 2011 um 11:25

    Die italienische Autorin Michela Murgia erzählt in ihrem Debütroman „Accabadora“ über Menschen und deren Schicksale. Die Geschichte spielt auf einer Insel und sie bezieht auch deren Geschichte und Vergangenheit mit ein. Im Vordergrund stehen Maria und die Schneiderin Bonaria Urrai, die zusammenleben wie Mutter und Tochter, obwohl sie es nicht sind. Maria, die das vierte Kind einer armen Witwe ist, die ein weiteres Kind nicht auch noch durchbringen kann, wurde an Bonaria gegeben. Bonaria ist es nicht vergönnt gewesen ein eigenes Kind zu bekommen und nimmt daher Maria auf. Maria entkommt dadurch einem Leben in Armut. Bald bemerkt sie jedoch, dass ihre Ziehmutter ein Geheimnis hütet, dass sich im Laufe der Geschichte lüftet und einen unüberwindbaren Bruch zwischen den beiden Frauen schafft. Der zweite Erzählstrang beschäftigt sich mit den Menschen auf der Insel, mit ihren Nöten, Sehnsüchten und Gefühlen. Man erfährt vom Leben, mal offen, mal hinter dem Rücken weitererzählt, sodass der Leser meistens mehr weiß, als die Hauptpersonen selber. Die Autorin erzählt die Geschichte einfühlsam und dennoch detailgetreu. Man liest ein Kapitel und bricht dann ab, durchdenkt das Geschehen und kann dann erst wieder in die Geschichte eintauchen. Dieses Buch beschäftigt den Leser noch lange nach der Lektüre, vor allem die schönen und poetischen Sätze Murgias bleibt lange in den Gedanken. Wie beispielsweise dieser: „Es gibt Gedanken, die wie eine Eule das Tageslicht scheuen.“ Es tauchen viele Gedanken in diesem Buch auf, die den Leser zum Nachdenken anregen: Was bedeutet Familie? Tradition brechen oder weiterleben lassen? Was ist Gerechtigkeit? Darf ich Böses mit meinem eigenen Anspruch zunichte machen? Was ist ein gutes Leben? Darf man kranke Menschen, die keine Hoffnung mehr auf Besserung haben, erlösen, wenn sie es sich wünschen? Man erfährt viel über die Traditionen, den Aberglauben und über uraltes Wissen auf Sardinien, eine Welt die anders ist. Die Sonne glüht, die Luft ist staubig und man fühlt sich dort geborgen, obwohl überall Schatten lauern können, die man fühlt aber nicht sieht. Dieses Buch ist über starke Frauen, die sich nicht einschüchtern lassen und ihre traditionellen Aufgaben erfüllen, egal wie schwer es ihnen manchmal fallen mag. Dieses Buch hat mich berührt und nachdenklich gemacht, es hallt noch immer nach in mir und es schneidet Tabuthemen an, über die man sonst im Alltag viel zu wenig nachdenkt. Dieses Buch erhält 4 von 5 Sternen von mir und ich kann es wirklich weiterempfehlen.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    broul

    broul

    02. November 2010 um 20:38

    In diesem Buch wird sehr unaufgeregt die Geschichte von Maria erzählt, die als Ziehkind bei der Schneiderin des Dorfes groß wird. Das ihre Ziehmutter auch noch eine andere Funktion inne hat, findet Maria erst nach und nach heraus. Beim Lesen wird man in eine völlig fremde Welt entführt. Diese wird so ruhig und anschaulich erzählt, dass man sich sofort "zu Hause" fühlt. Einer der wenigen kurzen Romane von dem ich finde, dass er genau die richtige Länge hat. Ein gut gelungenes Erstlingswerk.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    Ailis

    Ailis

    25. October 2010 um 13:22

    "Accabadora" ist der Debütroman Michela Murgias und in ihrer Geschichte entführt sie uns ins Sardinien der 50er Jahre, in dem die Moderne auf die Gepflogenheiten und Gewohnheiten der alten Zeit trifft und man noch nicht sicher sein kann, wer von beiden diesen Kampf gewinnen wird. Die alten Zeiten, das sind die, in denen neben dem christlichen Glauben noch eine Menge abergläubischer Rituale und Traditionen bestehen, die das Leben des einfachen Volkes bestimmen. So ist es beispielsweise nicht ungewöhnlich, dass ein böser Zauber benutzt wird, um dem heimlichen Versetzen einer Grenzmauer Erfolg angedeihen zu lassen. Aber auch andere Dinge sind Bestandteile dieser alten Zeit, und so kann es sein, dass eine Frau noch Mutter wird, die diesen Wunsch schon längst in sich begraben geglaubt hat. Bonaria Urrai ist eine solche Frau und Maria Listru ist die Tochter, die sie sich immer gewünscht hat. Maria ist eine fill'e anima, eine Tochter des Herzens. Als viertes Kind einer armen Witwe ist sie alles andere als gewollt und wird von der Mutter mehr als Last denn als Segen betrachtet, weswegen Bonaria Urrai sie als Tochter zu sich nimmt und sich um sie kümmert. "Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen." Maria fühlt sich wohl bei Bonaria, die sie mit liebevoller Härte erzieht, und ihre Familie vermisst sie nicht. Die beiden scheint nichts trennen zu können, zu gut geht es ihnen mit diesem Arrangement einer unproblematischen Adoption, bis zu dem einen schicksalhaften Tag, an dem eine fast schon erwachsene Maria erkennen muss, dass ihre geliebte Tzia Bonaria nicht nur die Schneiderin ist, für die sie sie gehalten hat... Ich halte mich an dieser Stelle zurück, da dieses wunderbare Büchlein nur 170 Seiten umfasst und man schon reichlich früh in Gefahr gerät, zu viel von dieser ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Geschichte zu verraten. Nur so viel sei gesagt: das titelgebende Wort Accabadora steht für jene Frauen, die Menschen in Agonie, also einem langanhaltenden Todeskampf, in früheren Zeiten zum Tode verhalfen, nachdem sie vom Sterbenden selbst und seiner Familie um diesen Akt der Gnade gebeten worden waren. Bonaria und Maria, das sind zwei Menschen, die auf den ersten Blick ähnlich pragmatisch zu sein scheinen, auf den zweiten jedoch durch einen breiten Graben getrennt werden, der entstanden ist durch unterschiedliche Moralvorstellungen. Maria, die für ein Mädchen der damaligen Zeit schon ungewöhnlich lang die Schule besucht hat, wird zu einer jungen Frau, die von vielen Traditionen der alten Zeit nichts weiß und auch nichts hält. Bonaria hingegen lebt mit und für diese Rituale, die sie der Tochter jedoch in einer dunklen Vorahnung verbirgt. Und so kommt es, wie es kommen muss! Doch aus jungen und ungestümen Mädchen, die an ihren Prinzipien festhalten, werden manchmal Frauen, die an dem reifen müssen, was ihnen widerfährt - so auch Maria. Sprachlich ist dieser Roman ein Genuss: Murgia hüllt die Geschichte der beiden Frauen in eine kraftvolle, aber auch melancholische Sprache, die nie mehr sagt, als nötig ist. Ein wunderbares Buch, das ich einfach nur jedem ans Herz legen kann!

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    yoko

    yoko

    18. July 2010 um 14:23

    In manche Bücher plumpst man sofort hinein wie in ein weiches Bett. Der Bauch wird warm und schon nach den ersten Sätzen ahnen wir, dass etwas Großes auf uns zurollt. Genauso ist es mir bei Accabadora von Michela Murgia ergangen. Die italienische Autorin erzählt in ihrem Debüt über Menschen und deren Schicksale und über eine Insel mit deren Vergangenheit. Im Vordergrund stehen Maria und die Schneiderin Bonaria Urrai. Die beiden leben zusammen wie Mutter und Tochter, obwohl sie es nicht sind. Maria ist das vierte Kind einer armen Witwe, die ein weiteres Kind nicht auch noch durchbringen kann. Bonaria ist es seit jeher vergönnt gewesen, ein eigenes Kind zu bekommen. Also nimmt sie Maria auf. Das Mädchen entkommt auf diese Weise einem Leben in Armut. Schon bald merkt sie jedoch, dass ihre Ziehmutter ein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt, das sie eines Tages lüftet. Das zieht einen großen Konflikt nach sich, der einen unüberwindbaren Spalt zwischen den beiden Frauen schafft. Der andere Erzählstrang berichtet von den Menschen auf der Insel, von ihren Nöten, ihren Sehnsüchten und Gefühlen. Es wird geliebt, gehasst und natürlich viel erzählt, mal tuschelnd, mal offen. Die Autorin erzählt so detailgenau und geht dabei sehr einfühlsam vor, dass man mitfühlt und mitdenkt. Ein kleiner Stachel setzt sich in den Kopf und bleibt dort stecken. Man denkt, denkt und denkt. Und denkt und denkt. Dieses Buch hat mich sofort gefangen. Vor allem die poetische und sensible Sprache Murgia habe ich dies zu verdanken. Auf fast jeder Seite entdeckte ich Sätze, die ich mir liebend gern auf meine Wäscheleine aufhängen möchte. Hier ist einer von vielen: „Es gibt Gedanken, die wie eine Eule das Tageslicht scheuen.“ Gedanken tauchen in dem Buch einige auf, an denen man nicht spurlos vorbeilesen kann. Die Gedanken drehen sich um zu viele Fragen mit denen ich konfrontiert wurde. Was bedeutet Familie? Tradition brechen oder weiterleben lassen? Was ist Gerechtigkeit? Darf ich Böses mit meinem eigenen Anspruch zunichte machen? Was ist ein gutes Leben? Darf man kranke Menschen, die keine Hoffnung mehr auf Besserung haben, erlösen, wenn sie es sich wünschen? Wir tauchen auch ein in Traditionen und uraltem Wissen auf Sardinien. Eine Insel, die eine Welt für sich ist. Die Sonne glüht, der Mund ist trocken und überall schwebt öfter ein kalter Schatten, der haften bleibt – egal wie sonnig es ist. Dieses Buch hat zurecht kurz nach seinem Erscheinen bei uns viele begeistert. Es ist ein Werk über starke Frauen für starke Frauen, aber auch ein Werk für Männer, die solchen Frauen gern ins Gesicht schauen.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    16. June 2010 um 21:12

    Es ist noch nicht lange her, da war es auf Sardinien noch völlig normal: hatte eine Familie ein Kind "zu viel", das zu ernähren finanziell schwierig war, so gab man es ab an allein stehende Witwen etwa, die sich um das Kind kümmerten und die sich im Gegenzug dann um die allein stehende Witwe kümmern sollen, wenn diese pflegebedürftig wird. Auch Maria gehört zu diesen fillus de anima (Kinder des Herzens). Sie wird abgegeben an Bonaria Urrai, eine alte Witwe. Erzählt wird das Leben der Maria bei Bonaria. Eben diese umgibt ein dunkles Geheimnis, dass Maria erst spät aufdeckt und das sie in eine emotionale Krise stürzt... Das Buch ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben, die Geschichte ist tragisch und zerreißt einen innerlich, man fühlt mit Maria und dann wieder mit Bonaria verbunden. Die Geschichte berührt und lässt einen lange nicht mehr los. Ein sehr gut gelungener Erstling für die Autorin Michela Murgia, der Lust auf mehr macht! Wem tragische Lebensgeschichten gefallen, der sollte dieses Buch nicht auslassen.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    dzaushang

    dzaushang

    11. June 2010 um 20:34

    So wie bei einer Geburt die Hebamme dem Kind ins Leben hilft, so hilft die Accabadora dem Sterbenden in den Tod. Der Roman von Michela Murgia erzählt von solch einer Accabadora auf Sardinien, und auch wenn nicht ganz geklärt zu sein scheint, ob solche Frauen tatsächlich auf dieser Insel gelebt haben, oder ob es sich dabei um eine eher mythologische Figur handelte, so hatten besagte Frauen zumindest oft die Funktion der Hebamme inne. Sardinien, Mitte der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, war ein noch sehr stark archaisch, landwirtschaftlich geprägter Lebensraum. Die Familie bildete den Mittelpunkt im Leben eines jeden Menschen, ohne Familie und auch ohne ausreichend landwirtschaftlich bestellbaren Grund und Boden war das Überleben fast unmöglich. Viele Familien waren arm, entweder weil sie zu viele Kinder hatten, oder weil eben jener Grund und Boden fehlte oder nicht in ausreichendem Maße gegeben war. Kam beides zusammen, war man nicht nur arm, sondern bitterarm und man musste lernen „...selbst aus dem Schatten des Glockenturms noch Suppe zu kochen“, wollte man überleben. Manchmal gab es für eines dieser Kinder einen Ausweg aus der Misere, wenn es von einer wohlhabenderen Person „adoptiert“ wurde, wenn es zu einem „fill´e anima“ - einem „Kind des Herzens“- wurde. Dabei handelte es sich um eine auf Sardinien praktizierte Form der Adoption ohne behördliche Formalitäten, beruhend einzig auf gegenseitiger Zuneigung und dem Einverständnis der beteiligten Personen und Familien. Tzia Bonaria holt auf diesem Wege Maria zu sich und bietet ihr eine ganz neue Perspektive für ihr Leben. Maria, sechs Jahre alt, ahnt zunächst nicht, das die freundliche Schneiderin, die es ihr ermöglicht in die Schule zu gehen und deren Handwerk sie erlernt, hin und wieder auch für einen anderen Dienst an den Menschen benötigt wird. Mit den Jahren aber kommt sie dahinter und eine Welt scheint für sie zusammenzubrechen. Murgia erzählt vom Schicksal dieser beiden Frauen und der sie umgebenden Menschen in einem kleinen Dorf auf Sardinien auf empathische Weise. Es gelingt ihr sehr überzeugend, mit einfacher und klarer Sprache, die Beweggründe des Handelns und die Innenansichten der Menschen jener Zeit nachzuzeichnen, ohne Bewertung und Vorurteil. Der Leser fühlt sich in eine Zeit zurück versetzt die so fern scheint und die dennoch mit ihren Anliegen, ihren Sorgen und Hoffnungen, mit ihren existentiellen menschlichen Fragen nach dem Leben und nach dem Sterben und dem Tod uns Heutigen doch sehr nahe zu gehen vermag. Darin liegt auch der ganze Zauber dieses Romans verborgen.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    *Arienette*

    *Arienette*

    05. May 2010 um 12:02

    Klappentext: Wie Mutter und Tochter leben Bonaria Urrai und die sechsjährige Maria zusammen. Die Bewohner des sardischen Dorfes sehen den beiden verwundert nach und tuscheln, wennn sie die Straße hinunterlaufen. Dabei ist alles ganz einfach: Die alte Schneiderin hat das Mädchen zu sich genommen und zieht es groß, dafür wird Maria sich später um sie kümmern. Als vierte Tochter einer bitterarmen Witwe war Maria daran gewöhnt, "die Letzte" und eine zuviel zu sein. Nun hat sie ein eigenes Zimmer in dem großen Haus Bonarias, wo alle Türen offen stehen, und sie jeden Raum betreten darf. Doch ein Geheimnis umweht die stets schwarz gekleidete, wortkarge Frau, die mitunter nachts, wenn Maria schlafen soll, Besuch erhält und dann das Haus verlässt. Es scheint, als würde Bonaria in zwei Welten leben. Das Mädchen spürt, dass sie nicht danach fragen darf. Erst sehr spät entdeckt sie die ganze Wahrheit. Michela Murgia erzählt in schnörkelloser, poetischer Sprache aus einer scheinbaren, doch kaum vergangenen Welt. Die Autorin: Michela Murgia, geboren 1972 in Cabras/Sardinien, studierte Theologie und unterrichtete Religion. Nach einigen Jahren in Mailand lebt sie seit kurzem wieder in Sardinien. Accabadora ist ihr erster Roman. Meine Meinung: Die Buchhändlerin hat mir den Roman wärmstens empfohlen und ich habe es nicht bereut, ihn gekauft und gelesen zu haben. Inhaltlich will ich gar nicht soviel verraten -der Klappentext erzählt da schon genug. Der Roman ist angesiedelt in einem kleinen sardischen Dorf in den 50er Jahren, das Leben ist archaisch-mystisch bestimmt. Maria ist fill'e anima der Accabadora Bonaria Urrai. Fillus anima ist eine in Sardinien seit langem praktizierte Form der Adoption, die mit dem Einverständnis der beteiligten Familien - und ganz ohne behördliche Formalitäten - geschieht. (S.172) Maria liebt ihre Pflegemutter, doch als sie nach und nach deren Geheimnis entdeckt, muss sie erst Abstand gewinnen - Maria ist entsetzt und muss erst lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden; sie muss lernen, dass Sterbehilfe auch ein Akt der Barmherzigkeit sein kann. Dabei weiß der Leser noch vor Maria, welches Geheimnis Bonaria verbirgt -aber es ist spannend zu lesen, wie sich das Mädchen dem annähert. Die Sprache ist atmosphärisch dicht und das Archaische trägt zu der düsteren Stimmung des Romanes bei. Man erfährt ein wenig von der sardischen Denkweise, ihren Trauerritualen und auch ihrem Aberglauben, welche sich in der religiösen Ausstattung ihres Hauses äußert. Die sardischen Begriffe werden am Ende des Buches erklärt - auch "Accabadora", wobei Anthropologen sich nicht einig sind, ob diese wirklich existiert haben oder ob es sich nur um einen Mythos handelt.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    Gospelsinger

    Gospelsinger

    21. April 2010 um 20:06

    Ein ganz besonderes Buch über ganz besondere Frauen, wunderschön geschrieben.

  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    Juana

    Juana

    20. April 2010 um 15:16

    Maria war die vierte Tochter einer bitterarmen sardischen Witwe und spielte meist allein im Schlamm. Als sie sechs Jahre alt war, bot Bonaria Urrai aus dem Dorf Marias Mutter an, ihre Jüngste zu sich zu nehmen. Bei der Alten und musste sich das Mädchen erst daran gewöhnen, als Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Sie besuchte die Schule, sah ihre leibliche Familie so oft sie wollte und liebte ihre Ziehmutter sehr. Jahrelang dachte sie, ihre „Tzia“ würde als Schneiderin arbeiten. Doch warum ging sie nachts oft aus und machte daraus so ein Geheimnis? Als Maria die Wahrheit entdeckt, ist sie geschockt und verlässt Sardinien; sie will in Genua ein neues Leben beginnen. Mit diesem Schritt schwenkt Michela Murgias fesselnder Roman „Accabadora“ ins modernere Italien. Murgias Protagonistin erzählt in hochpoetischer Sprache von ihrer Jugend in einem Sardinien, das es heute kaum mehr gibt. Und sie thematisiert unaufdringlich existentielle Fragen wie Mutterliebe und die Entscheidung über Leben und Tod.

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    16. March 2010 um 08:24

    "Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen. In dieser zweiten Geburt wurde Maria Listru zum späten Segen für Bonaria Urrai." Anima. Das ist ein Wort, das ,wie jedes andere Wort in jeder anderen Sprache auf der Welt, viele verschiedene Bedeutungen hat. Anima - die Seele. Der Hauch, der diesem Wort inne liegt. Anima ist aber auch das Innere, im technischen Sinn der Kern, im figurativen Verständnis die Person oder, musisch verstanden, der Stimmstock eines Streichinstrumentes. Dabei mag man im Lesen dieser wenigen Sinnstreuungen schon den Geist des Wortes in zarter Erfassung in sich aufgenommen haben: Hier geht es um ein Kind, in Michela Murgias Roman heißt es Maria Listru, das gewünscht und in Freuden von einer Frau aufgenommen wird, die selbst keine Kinder haben kann, aus welchen Gründen auch immer. Der Ausdruck "fillus de anima" bezaubert uns mit seiner Güte, es handelt sich um eine schöne, wärmende Metapher. Doch leider sieht die Realität immer auch ein wenig anders aus. Anna Teresa Listru, die biologische Mutter Marias, konnte kein weiteres Maul mehr füttern. Bonaria Urrai galt als eine der reichsten Witwen des Dorfes. Dies war also auch eine wohlüberlegte Entscheidung. Darauf vorbereitet wurde Maria nicht. Sie zog von einem auf den anderen Tag in ein neues Heim, mit einer neuen Mutter. Den Handel beschlossen die alte Bonaria und Anna Teresa unter einem Zitronenbaum, während die sechsjährige Maria eine Schlammtorte buk. Der Zitronenbaum stellt dabei ein wunderschönes ambivalentes Symbol dar, genau so, wie die Begrifflichkeit "fillus de anima" nicht anders als dialektisch, von beiden Seiten und immer alles zugleich, gedacht werden kann. Wenn man sich dem Symbol der Zitrone ein wenig näher zuwendet, wird man auch in diesem einer sehr heterogenen Bedeutungsschicht gewahr. Nachgeschlagen im "Metzler Lexikon literarischer Symbole", das die vorgenannten in ihrer literaturgeschichtlichen Bedeutungsveränderung nachzeichnet und in verschiedene Texte einordnet, kann man lesen, dass dies sowohl ein Symbol der Trauer, des Lebens und der Reinheit ist. Aus einem spätmittelalterlichen, religiösen Kontext ist die Zitrone ein Mariensymbol, das die mütterliche Stärke betont. Im Judentum ist die Zitrone das Symbol des menschlichen Herzens. In der chinesischen Kultur steht die Zitrone für den Tod. Auch auf christlichen Gemälden wird die Zitrone zusammen mit weißer Kleidung als Andeutung für den Tod durch Sünde verbildlicht. Die Eingangsszene des Romans allein bietet also schon eine unheimliche Bedeutungstiefe, die für die verschiedenen menschlichen Beziehungen stehen, die Maria Listru ihr Leben über haben wird. "Sie war so schön, wie es manchmal nur ungenießbare Dinge sein können." Das sagt die Erzählerstimme, die uns - oft im Fokus auf Maria - durch ihre Kindheit und frühes Erwachsenenalter führt - im Hinblick auf die Schlammtorte, welche die Sechsjährige zusammenbastelt. Aber es passt auch sehr schön zur Geschichte, die den Leser im Folgenden erwarten wird. Maria lebt bei einer etwas steifen, aber gutmütigen Ersatzmutter, für nützliche Arbeiten wird sie von der immer auf den Zweck und ihren eigenen Nutzen bedachten Mutter in den Haushalt geholt. Liebe ist etwas, das niemals für sie in Hautkontakt ausgedrückt wird. So aber wächst Maria zu einer sehr starken und reflektierten Person heran, die klare Vorstellungen für ihr eigenes Leben bereit hält. Die freundschaftliche Beziehung zu Andría, dem Sohn des Weinbergbesitzers Bastíu, ist eine der "zwischenmenschlicheren" Beziehungen Marias, die jedoch durch das große drückende Geheimnis um Bonaria Urrai vor große Probleme gestellt werden wird. Michela Murgia schreibt aus einer rückblickenden Perspektive und mit mütterlichem Duktus einen Entwicklungsroman. Der Leser erlebt das Erwachsenwerden von Maria Listru und die Beschwerlichkeiten dessen mit, was Leben für jeden bedeutet. Dabei schweben die Beschreibungen des oft Geschilderten, Dialoge und Szenen bilden den geringeren Anteil des Romans. Der Tod und das Älterwerden, die Entwicklung sind bedeutende Themen in diesem ersten Roman der studierten Theologin Michela Murgia, die im zweiten Teil des Buches fast ein wenig ins Klischeehafte ausrutscht, was man aber der wohlgewobenen Geschichte verzeihen mag. Der Titel "Accabadora" spielt auf das dunkle Geheimnis der Bonaria Urrai an, das sich innerhalb der erzählerischen Darstellung auf eine schöne Weise mit sardischen Gepflogenheiten, mit dem religiösen und kulturellen Charakter einer vielleicht etwas archaisch wirkenden Dorfgemeinschaft verbindet, die durch die Erzählweise sehr glaubhaft und getragen, sehr stimmig geschildert wird. Dieser erste Roman der 1972 geborgenen Autorin zeigt ihr Interesse, die Kultur ihrer eigenen Herkunft zu schildern, anhand einer berührenden Geschichte um das Schicksal von Maria Listru glaubhaft zu machen und nachwirkend in der Errinnerung des Lesers zu verankern. Hier darf man sehr gespannt auf weitere Veröffentlichungen Michela Murgias sein. [Erstveröffentlichung auf sandammeer.at]

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  • Rezension zu "Accabadora" von Michela Murgia

    Accabadora
    Merleperle

    Merleperle

    05. March 2010 um 00:17

    Sardinien, ein kleines Dorf mit noch archaischen Strukturen und den üblichen Traditionen. Eine Mutter mit zu vielen Kindern und zu wenig Zärtlichkeit für jedes Einzelne und vor allem zu wenig Geld zum Stopfen der Mäuler. Die jüngste Tocher, ein kleines Mädchen, vernachlässigt und lästig. Eine alte Frau, kinderlose Witwe und Schneiderin, aber mit einem Geheimnis, das allen bekannt aber von niemandem benannt wird. Eine nicht erwiederde Liebe, ein junger Mann, der auf Grund falsch verstandenen Stolzes zum Krüppel wird und nicht mehr leben will. Und ein kleiner Junge, der alles hat und haben könnte und doch so einsam ist. Das sind die Protagonisten dieses Romans. Alle sind alleine, einsam, niemand versteht sie und niemandem können sie sich anvertrauen. Und doch eint alle die Frage nach Liebe und Tod. Dieser kleine (große) Roman scheint nett und verträglich, sogar auch unterhaltsam zu sein, in einer unaufgeregten Sprache mag er oberflächlich dahinzuplätschern, aber HALLO, haben wir das Buch erst zur Seite gelegt, lässt es uns nicht mehr aus seinen Fängen. Subtil hat es uns unterwandert, stellt Fragen und eröffnet Diskussionen und vor allem hat es berührt. Im Innersten berührt und das ohne, dass wir das mitbekommen haben. Großarig!

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