Inhalt: Elle Bishop geht hinunter zum See. Alle Sommer ihres Lebens hat Elle im Papierpalast verbracht, dem Ferienhaus ihrer Familie. Hier hat sie sich zum ersten Mal verliebt, Freundschaft und Schmerz erlebt, hier kam ihre Familie zusammen, brach auseinander, fand sich neu. Inzwischen ist Elle fünfzig, hat Kinder und einen liebevollen Ehemann. Und doch ist eine Erinnerung in ihr lebendig, die sie gut gehütet glaubte. Seit der Mann, den sie schon ihr ganzes Leben lang liebt, gestern auf sie zukam. Elle springt ins Wasser, sie muss sich entscheiden: Gehen oder bleiben?
Meinung: Lange Zeit war das Buch auf meiner Wunschliste. Als ich schließlich zu lesen begann, wurde ich nicht enttäuscht. Schon das erste Kapitel, wo Elle nach dem Abend, der alles verändert, aufwacht und im Ferienhaus die Überbleibsel von letzter Nacht begutachtet, hat mich in seinen Bann gezogen. Sofort sprang das Kopfkino an. Die Autorin hat einen sehr einfühlsamen Schreibstil und weiß Dinge in Szene zu setzen. „Der Papierpalast“ hat über 400 Seiten, dennoch gelang es mir, das Buch an einem Wochenende durchzulesen, was bei mir sehr selten vorkommt.
Die Geschichte erzählt jedoch nicht nur über Elle und ihre Gefühle, sondern auch von ihren Vorfahren. Es handelt davon, wie der Papierpalast entstanden ist, wie ihre Mutter und Großmutter gelebt haben und wie sie selbst ihre Jahre abwechselnd in der Stadt und in dem Ferienhaus verbracht hat.
Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was ich beim Lesen empfunden habe. Es war einfach magisch, Elle (obwohl sie mir nicht wirklich sympathisch war und ich mir nicht erklären konnte, wieso ihre Jugendliebe ihr jahrzehntelang hinterherläuft) zu beobachten. Ihre Mutter, ihre Kinder, ihr Mann, ihre Freunde. Einfach jede Person in diesem Buch besitzt eine Seele. Selbst weitschichtig Bekannte sind so authentisch ausgearbeitet, und kein Charakter ist zu viel. Der Unterhaltungswert lag bei mir beim Lesen bei 10/10. Ich wollte ständig wissen, was als nächstes passiert, fürchtete jedoch das Ende. Weil ich ahnte, dass ich nach diesem Buch lange brauchen würde, um wieder bereit für etwas Neues zu sein. So ging es mir das letzte Mal im Sommer 2025, nachdem ich „Der Gesang der Flusskrebse“ beendet hatte. Diese beiden Bücher sind für mich so atmosphärisch, so dicht, so voller Leben, dass es kaum zu glauben ist, dass es Fiktion ist.
„Der Papierpalast“ greift Themen wie Misshandlung und Vergewaltigung auf. Ich fand jedoch, dass die Szenen sich gut in die Geschichte eingefügt haben. Eine locker-flockige Lovestory sollte man sich hier nicht erwarten.
Dafür erlebt man über mehrere Generationen ein absolut glaubhaftes Bild einer Familie, mit allen Ecken und Kanten. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwo auf der Welt genau so einen Papierpalast gibt, mit ähnlichen Geschichten. Es klingt wie der perfekte Ort, um die Gedanken abzuschalten, ins kühle Nass zu springen und wie Elle einfach nur da zu sein.
Ich bin tief beeindruckt von der Autorin Miranda Cowley Heller und vergebe alle möglichen Sterne an „Der Papierpalast“; 5/5!