Miriam Mandelkow

 4 Sterne bei 757 Bewertungen

Lebenslauf

Miriam Mandelkow, 1963 in Amsterdam geboren, war nach ihrem Studium der Anglistik, Amerikanistik und Jewish Studies zunächst mehrere Jahre als Lektorin tätig, ehe sie sich dem literarischen Übersetzen zuwandte. Zuletzt erschienen in ihrer Übersetzung Werke von David Vann, NoViolet Bulawayo, Pat Barker und Anne Landsman. Miriam Mandelkow lebt in Hamburg.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Miriam Mandelkow

Keinen Eintrag gefunden.

Neue Rezensionen zu Miriam Mandelkow

Cover des Buches Nach der Flut das Feuer (ISBN: 9783423147361)
Trishen77s avatar

Rezension zu "Nach der Flut das Feuer" von James Baldwin

Trishen77
Warum wir alle Rassisten sind

"Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben."

Lange habe ich überlegt, ob ich, anlässlich seines 100. Geburtstags, etwas über das Werk von James Baldwin schreiben soll. Es gibt einige Bücher von ihm, die mir sehr nah sind und zugleich kam es mir lange vermessen vor, diese Nähe zu benennen, zu behaupten. Denn was sollten James Baldwin und ich schon gemein haben? Wie könnte ich, ein weißer Mann aus Deutschland, sagen: Ich fühle mich diesen Büchern und ihren Themen nah, wo sie doch Baldwins Wirklichkeit entstammen, die eine ganze andere war als meine? Es gibt eine Antwort darauf, von Baldwin selbst – sie steht in diesem Essay aus dem Jahr 1963.

In "The fire next time" bildet er die damalige (und in Teilen auch heutige) gesellschaftliche Wirklichkeit, das Lebensgefühl vieler Afroamerikaner*innen ab. Jedoch geht seine Analyse viel tiefer, benennt nicht nur die unmittelbaren Folgen und Mechanismen des tiefsitzenden Rassismus, sondern sucht die Wurzel des Konflikts. Ist Rassismus einfach nur Hass? Fremdenangst, verdrängte Furcht vor Rache? Oder, und hier setzt Baldwin an: ist er eine Vermeidungsstrategie?

Die USA und viele Länder Europas haben nie die volle Verantwortung für ihren Kolonialismus, die Ausbeutungen und Einmischungen, die Genozide und Verschleppungen übernommen; statt Demut schwingen nach wie vor Überheblichkeit und Abfälligkeit das Zepter. (Bsp.: Zwar sagt man heute Entwicklungsländer statt Dritte Welt – aber inwiefern ist das weniger herablassend? Als wären die Länder noch nicht vollständig, solange sie nicht einen westlichen Standard erreicht hätten... ). 

Die Hypothek dieser fehlenden Verantwortung lastet schwer auf der Welt, schwer auf den Opfern, aber – und das ist das Bedeutsame, das Baldwin das benennt – auch auf den Tätern. Obwohl wir alle Menschen sind, haben wir uns in zahllose Konflikte verrannt (bspw. auch solche wie den "Geschlechterkampf", die Kämpfe der Religionen, die Rivalität der Nationen, etc. ). Und all das nur, damit wir uns Trugbildern von Sicherheit, Größe und Überlegenheit hingeben können (die überhaupt nichts bedeuten), aus denen wir dann Ansprüche auf Privilegien ableiten, die entweder alle Menschen haben sollten oder keine*r (je nachdem, was möglich ist/wäre).


Die Wucht dieser, eigentlich offensichtlichen Wahrheit, hat etwas Unerbittliches und zugleich Zärtliches, wenn sie von Baldwin vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen und seiner Analyse des Rassenkonflikts formuliert wird. Deswegen erreicht mich seine Literatur, ist sie mir so nah: weil sie, obwohl sie sich der verschiedenen Identitäten von Menschen bewusst ist und sie abbildet, nicht allein in diesen verhaftet bleibt. Sie geht und weist darüber hinaus. Nicht in einem schalen versöhnlichen Sinne, sondern im Wissen um die existenzialistische Wirklichkeit, die allem zugrunde liegt, was wir Menschen errichtet haben, diese zu verdecken. Das macht aber nicht frei, das erschafft Gefängnisse, in dene viele sich freiwillig selbst einsperren. Dazu noch ein Zitat von Baldwin:

"Die Verantwortung freier Menschen liegt darin, den Konstanten des Lebens zu trauen und sie zu feiern – Geburt, Kampf und Tod sind Konstanten genau wie die Liebe, auch wenn uns das nicht immer so scheinen mag – und das Wesen von Veränderung zu erfassen, zur Veränderung fähig und bereit zu sein. Damit meine ich nicht oberflächliche, sondern tief greifende Veränderung – Veränderung im Sinne von Erneuerung. Erneuerung wird aber unmöglich, wenn man von Konstanten ausgeht, die keine sind – Sicherheit zum Beispiel oder Geld und Macht. Dann klammert man sich an Chimären, von denen man nur betrogen werden kann, und die ganze Hoffnung auf Freiheit - ihre ganze Möglichkeit - verschwindet. Und mit Zerstörung meine ich genau den Verzicht der Amerikaner auf jegliches Bemühen, wirklich frei zu sein."

Cover des Buches Von dieser Welt (ISBN: 9783423147255)
Jorokas avatar

Rezension zu "Von dieser Welt" von James Baldwin

Joroka
Patriarchat, Religion und Rassismus

Als junger Schwarzer Mensch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde man in den USA genau mit diesen drei Dogmen konfrontiert. Fanatische Bestrebungen stellten für die meisten die Normalität dar. Ein Ausbrechen war kaum möglich. Umso schwieriger war die Situation noch für die Frauen. Wurden sie dazu noch ungewollt schwanger, schlug die Brutalität des Lebens mit voller Breitseite zu.


Ich finde es bezeichnend, dass im Roman der scheinbaren Befreiung durch den Glauben die Machtstrukturen dieser von Männern dominierten Basis gegenübergestellt werden. Der Vater von John


redet sich sein Leben und sein Verhalten schön und legitimiert es sich selber und anderen gegenüber mit der „Berufung“ durch eine höhere Macht. Diesen Weg hat er auch für John vorgesehen, nämlich dass er in seine Fußstapfen als Verkündiger des Wort Gottes tritt. Doch John möchte über sein Schicksal aber selbst entscheiden ..


Der Roman springt auf verschiedenen Zeitebenen hin und her. Außerdem fokussiert er unterschiedliche Lebensgeschichten: die Tante, den vermeintlichen Vater und die Mutter. So bietet er insgesamt einen tiefen Einblick in das Leben der religiösen schwarzen Gemeinschaft vor dem 2. Weltkrieg, in die Zeit, in der der Autor selbst in New York aufgewachsen ist. Ich gehe mal davon aus, dass das Buch autobiografische Züge aufweist.


Selbst fundamentalistisch religiös erzogen konnte ich vielleicht die christlichen Verflechtungen bzw. die Bezugnahme auf die Heilige Schrift nochmals besser nachvollziehen, diese Prägung für junge Menschen, mit der sie unter Umständen ihr ganzes restliches Leben zu kämpfen haben.


Für mich hat der Roman einen Sog entwickelt, dem ich mich kaum entziehen konnte. Auch die „visionären“ Abschnitte und die metaphysischen konnten mich packen. Hat mich mehr überzeugt als „Giovannis Zimmer“.




Fazit: Eindrucksvoller Blick in die Zeit von vor 100 Jahren



Cover des Buches Giovannis Zimmer (ISBN: 9783423147910)
Jorokas avatar

Rezension zu "Giovannis Zimmer" von James Baldwin

Joroka
Die Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt

Es waren ganz andere Zeiten, es würde noch eine Weile bis zur schwulen Emanzipationsbewegung dauern. Ein Amerikaner trifft auf einen jungen Italiener in Paris und verliebt sich in ihn. Heute würde man sagen: in der Szene. Auch damals gab es schon eine Subkultur. Doch David, so heißt der Amerikaner, hat auch eine Verlobte. Trotzdem zieht er zu Giovanni, da Hella gerade in Spanien weilt. Als sie von ihrer Selbstfindung zurückkehrt, werden die Karten neu gemischt …


Der Roman ist seiner Zeit verhaftet. Er ist in seinem Schreibstil immer noch gut zu lesen. Manches erscheint jedoch befremdlich. Klar, es ist ein Zeitsprung von über 70 Jahren zurück. Davids sexuelle Veranlagung wird nicht offengelegt. Doch darum geht es letztendlich auch gar nicht, aus meiner Sicht. Es ist die Vor-Coming-out-Zeit. Modelle für gelingende Mann-Mann-Beziehungen sind nicht vorhanden. Man(n) ist allgemein den Traditionen und Konventionen verhaftet.


Und es ist auch der Umgang eines privilegierten Amerikaners mit einem einfachen Mann vom Lande. Dass ausgerechnet Giovanni sich eine gemeinsame Zukunft zumindest vorstellen kann, ist aufgrund seiner Herkunft schon bemerkenswert. Vielleicht sind es aber auch einfach nur Luftschlösser eines geblendeten Verliebten.


Der Spannungsbogen ist ganz gut aufgebaut, obwohl im Verlauf nichts Weltbewegendes passiert, außer der Einblick in eine Parallelwelt. Nebenfiguren werden teilweise recht klischeehaft beschrieben und der Schluss muss ja fast zwingend sehr dramatisch enden. Wie gesagt, positive Modelle gab es wohl noch nicht.


Das ausführliche Nachwort von Sasha Marianna Salzmann war sehr informativ und hilfreich zur Einordnung des Werkes. 


Fazit: Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben, aber mehr aus historischen Erwägungen und seiner Bedeutung zur Erscheinungszeit.



Gespräche aus der Community

Bisher gibt es noch keine Gespräche aus der Community zum Buch. Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Welche Genres erwarten dich?

Community-Statistik

910 Bibliotheken

188 Merkzettel

17 Leser*innen

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freund*innen und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber*innen und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks