Miriam Toews Ein komplizierter Akt der Liebe

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Inhaltsangabe zu „Ein komplizierter Akt der Liebe“ von Miriam Toews

Nomis Jugend ist anders. Denn ihre Eltern sind, wie alle Bewohner der kanadischen Kleinstadt, Mennoniten. Die Gläubigen verteufeln alles, was Spaß macht. Nur Beten, Arbeiten und Sterben ist erlaubt. Plötzlich verschwindet erst die Schwester von Nomi und dann ihre Mutter.Wohin, weiß niemand, und so recht scheint das auch keinen zu interessieren. Die fromme Gemeinde schweigt. Und Nomi bleibt mit ihrem Vater allein zurück. Ein komplizierter Akt der Liebe ist eine der bewegendsten Familiengeschichten der letzten Jahre.

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  • Rezension zu "Ein komplizierter Akt der Liebe" von Miriam Toews

    Ein komplizierter Akt der Liebe
    vielleichtsagerin

    vielleichtsagerin

    Ähnlich wie "Schloss aus Glas" von Jeanette Walls ist der vorliegende, mit dem renommierten Governer's General Literary Award ausgezeichnete und bereits 2005 erschienene Roman das Ergebnis literarischer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie - um es vorwegzunehmen, ein sehr gelungenes und von universellem Interesse. In Unterschied zu Walls, die ohne jedwede Kunstfiguren auskommt, macht Toews die schnoddrige 16-jährige Nomi zu ihrem fiktiven alter ego und lässt sie von ihrer Kindheit in einer mennonitischen Gemeinde sowie dem Verschwinden der "schöneren Hälfte" ihrer Familie in 28 tragikomischen Kapiteln mit aufmüpfigem Witz und Ironie berichten. Ray, Trudie, Tash und Nomi Nickel leben im kanadischen East Village, dessen Main Street auf beiden Seiten symbolträchtig in einen staubigen Acker - die ewige Verdamnis - mündet. Entsprechend eingeschränkt sind auch die Karrierechancen, aus denen die Absolventen der hiesigen High School wählen dürfen: Idiotische Arbeiten im historischen Freilichtmuseum verrichten, wo Touristen das einfache Leben der "Jesus-Freaks" in natura studieren können, oder zarte Hälse umdrehen und gefiederte Leichen aufs Fließband werfen in der orteigenen Geflügelfarm. Nicht minder trist die Freizeitmöglichkeiten. Kino, Tanzen, Alkohol, Reisen, Billard, Schmuck, alles, was Spaß macht? Verboten. "Was erlaubt ist und was nicht, war so willkürlich und absurd wie Versteckspielen mit Zweijährigen [...]. Aus unerfindlichen Gründen war es in Ordnung, Batman zu gucken, obwohl der gegen menschenfressende Pflanzen und den Joker kämpfte, dessen Spitzname natürlich, da es eine Spielkarte war, auf das Böse anspielte. Verliebt in eine Hexe und Bezaubernde Jeannie sollten wir eigentlich nicht gucken, weil die Zauberei darin Teufelswerk war [...]." Unterm Strich sind Mennoniten offenbar "die peinlichste religiöse Untergruppierung von Menschen, zu der man als Teenager gehören kann." Denn: "Wir Mennoniten sollen uns gefälligst fröhlich auf den Tod freuen und bis zu diesem gelobten Tag möge unser Leben ein Abbild des Todes oder zumindest des Dahinsiechens sein." Innerhalb der Familie Nickel verläuft eine feine Demarkationslinie. Sie formt eine konfliktschwangere Landkarte der Loyalitäten. Sie trennt Ray von Trudie und Tash von Nomi. Während Ray und (die kleine) Nomi die zahlreichen dos and don'ts blind akzeptieren, sind sich Trudie und Tash allzu bewusst der Absurdität des religiös vorgeschriebenen Lebenstils. Als Teenager rebelliert Tash schließlich heftig gegen die künstlich konstruierten Verbote und handelt sich die Exkommunikation ein. Die Geächtete verlässt mit stummer Zustimmung ihrer Eltern und unbekanntem Ziel das elende East Village , "die Witzstadt in der Witzprovinz eines Witzlandes". Ab da waren es nur noch drei. Trudie hatte ihren Mann, ihre Töchter und ihre Bücher. Sie hatte aufreizende Nachthemden, weiße Spitzengardinen, sogar einen Pass. Trudie war die brave Kirchenkeller-Maid in Moonboots, aber auch das rebellische Girl mit sexy Wäsche. War sie gut? War sie böse? Oder einfach gut darin, böse zu sein, und sich dabei nicht erwischen zu lassen? "Etwas schwelte in ihr, etwas Heftiges, Extremes, Unewartetes, so im Stil "Säge im Geburtstagskuchen". Sie spielte zufrieden, wie Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest verrückt spielt." Sieben Wochen nach dem Verschwinden ihrer älteren Tochter wird auch Trudie exkommuniziert und kehrt East Village den Rücken. An Spekulationen, wohin die lebenslustige und seit jeher unangepasste Familienmutter gegangen sein könnte, mangelt es nicht. Doch wer weiß genaueres über ihren Aufenthaltsort? Niemand. Ab da waren es nur noch zwei. Die Zurückgelassenen entwickeln eigene Strategien zur Bewältigung der neuen Situation. Ray fährt nächtelang spazieren und räumt in seiner Freizeit die Müllkippe auf: "Für Ray war die Müllkippe eine Art Kaufhaus, oder noch eher eine Art Friedhof, wo er ausgediente Träume und zerschlagene Gegenstände zu Familien sortieren konnte - Familien, die zusammenblieben." Nomi, in der Zwischenzeit zur Rebellin gereift, greift zu Drogen und ihrer Fantasie, um die Ungewissheit verdrängen: "Wie gesagt, ich weiß nicht, wo sie ist, aber ich stelle mir verschiedene Szenarien vor. Und bei den meisten reist meine Mutter mit ihrem Pass in der Hand irgendwo in der Weltgeschichte herum. Deswegen war ich ja so abgrundtief enttäuscht, als ich in der obersten Kommodenschublade ihren Pass gefunden habe. Meine Entdeckung warf die hässliche Frage auf, wo sie sein mag, wenn nicht irgendwo in der Weltgeschichte." Nach Nomis Exkommunikation verschwindet auch Ray. Wortlos, grußlos, spurlos. Für immer. Ab da war es nur noch eine. Bis Seite 291 habe ich mich über den Klappentext etwas geärgert: In „Eines Tages verschwindet Nomis Schwester und kurz darauf ihre Mutter. Niemand weiß, wohin. Und die gläubige Gemeinde schweigt“ schwingt für mich zumindest die Spur eines Verbrechens, einer undurchsichtigen Verwicklung mit. Dabei verlassen Tash, Trudie und Ray (dessen Weggang im Klappentext erst gar nicht erwähnt wird) allem Anschein nach doch freiwillig East Village. Glasklar. Bewusste Irreführung als Strategie zur Verkaufsförderung? Mit schwerwiegenden Fragen zum Weggang ihrer Eltern hat es Nomi auf den letzten Seiten des Buches dann aber doch geschafft, den/die Klappentextschreiber/in zu rehabilitieren und einen köstlichen Kitzel des Geheimnisses heraufzubeschwören: "Lag etwa ihre Leiche auf dem Grund des Rat River, die braunen Augen weit aufgerissen, bis in alle Ewigkeit in gespieltem Entsetzen? Oder lebte sie und verkaufte munter Tupperware an Touristen an der Ostküste? War Dad wirklich losgezogen, um Müll von Berggipfeln zu klauben, oder lag auch er auf dem Grund des Rat River?" Sind wortloses Verschwinden und Selbstmord die Dinge, zu denen Menschen gezwungen sind, wenn sie nicht stark genug sind, "um ohne jeden Glauben zu leben, oder stark genug, aufzubegehren und ein ganzes System zu ändern oder eine Kirche zu stürzen"? Mit solchen düsteren Andeutungen und einer Menge Fragezeichen entlässt Nomi den verstörten Leser schließlich in die Spekulationsfreiheit, wo er eigene Hypothesen über den Verbleib der verschwundenen Nickels spinnen darf – und dies auch gerne tut ... Fazit: Die auf den Punkt komponierte Mischung aus ironischer Distanz, schwarzem Humor und Empathie ohne Pathos hat mir sehr gut gefallen. Ein vortreffliches Exemplar aus der Familie "erschütternd komisch, erschütternd traurig"-Bücher. Empfehlenswert für Liebhaber schrägen Humors, für Action-Verliebte weniger geeignet. Wären Juno MacGuff und Esther Greenwood in East Village aufgewachsen, hätten sie ein Buch wie dieses geschrieben!

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  • Rezension zu "Ein komplizierter Akt der Liebe" von Miriam Toews

    Ein komplizierter Akt der Liebe
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    15. August 2008 um 12:30

    Die Teenagerin Nomi wohnt in East Village, das genau an der Grenze zwischen Kanada und den USA liegt, und versucht sich irgendwie durch die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens zu schlängeln. Erste Liebe, Trotzigkeit den Eltern und Lehrern gegenüber, rauchen und auch die ersten Drogenerfahrungen. All dies ist für uns eigentlich kein Problem, ja schon fast selbstverständlich. Aber bei Nomi ist der Fall schon etwas anders gelagert. Ihre Eltern gehören der Sektengemeinschaft der Mennoniten an die nur auf der Welt zu sein scheinen um zu leiden und um so eines Tages in´s jenseitige Paradies zu kommen. In dieser Gemeinschaft scheint so ziemlich alles was Spaß macht verboten zu sein. Keine Bars, Fressbuden, Shopingmals ja nicht einmal Geburtstage werden gefeiert. Zu allem Überfluss ist auch noch Nomis Vater einer der erzkonservativsten Gläubigen die nicht mal für die Gartenarbeit Anzug und Krawatte ausziehen. Mit einem Wort, der Horror für einen heranwachsenden Jugendlichen. Erst als Nomis ältere Schwester Tash von Zuhause abhaut bekommt ihre unglückliche Welt Risse und als auch noch ihre Mutter geht und sie mit ihrem Vater alleine lässt, sieht sie ihre Zweifel den Gläubigen gegenüber bestätigt. Die Autorin Miriam Toews wurde selbst in eine Minnoniten-Gemeinde hineingeboren so das es für den Leser nahe liegt vieles hier als Biografisch anzusehen. Dennoch ist das Buch keine Ausbruchsstory aus einer Sekte und auch kein Tatsachenbericht von abartigen Glaubenspraktiken oder gar Kindesmisshandlungen. Das Buch ist eher eine (erschreckend) simple Coming of Age Story um ein Mädchen das seinen Platz in dieser Welt sucht. Auch wenn sich die Zusammenfassung der Geschichte etwas “streng” anhört so erkennt man doch rasch das Toews mit Witz, Ironie und -ja muss man fast sagen- auch etwas Wehmut auf ihre Vergangenheit zurückblickt. Gerade die Ironie ist es die immer wieder die Glaubensgemeinschaft als Menschen mit verschrobenen Ansichten entlarvt die ihren Glauben meist auch nur dann ausüben wenn es ihnen Spaß macht. Meist dann wenn es darum geht Kindern etwas zu verbieten. Musterbeispiel dafür ist natürlich Nomis Vater. Zwar ein absolut gottestreuer Kirchengänger kann er jedoch seine patriachale Rolle keines Wegs ausfüllen und tut sich als herzensguter Mensch nun mal schwer seinen Töchtern das rauchen oder das hören von Popmusik zu verbieten. Überhaupt stehen in diesem Buch die Charaktere, genauer Nomis Familie, im Fordergrund und die Beziehungen die sich daraus ergeben wenn die Töchter erwachsen werden und selbstständig versuchen ihre Existent in so einer Gemeinde zu ergründen bzw. sich dafür oder auch dagegen zu entscheiden. Auf den hier vorliegenden 300 Seiten gibt es zwar keine Längen aber dennoch kann man Stellen ausmachen an denen die Geschichte etwas unrund läuft. Wo die Ironie nicht ganz ins Bild passt und eindeutig weniger mehr gewesen wäre. Auch werden gegen Ende der Geschichte Fragen aufgeworfen die vor allem Nomis Eltern betroffen hätten. Wie z.B.. ein Leben vor der Sekte das nur ganz grob angedeutet wird aber für den Leser sicher noch interessant gewesen wäre. Frau Toews hat mit [b]Ein komplizierter Akt der Liebe[/b] ein sehr nettes Buch geschrieben das, zwar nicht auf Anspruch verzichtet aber dennoch leicht lesbar und kurzweilig, jedem für heiße Sommermonate am Baggersee empfohlen werden kann.

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