EINE KINDHEIT IM NACHKRIEGSDEUTSCHLAND...
Das Glück kam bisher nur selten zu Halinka. Halinka ist zwölf und lebt seit Jahren im Heim. Was vor dieser Zeit war, erzählt sie nicht. Halinka hat keine Freundin und will auch keine. Am liebsten ist sie allein in ihrem wunderbaren Versteck auf dem Speicher. Dort schreibt sie all die Sprüche und Sätze auf, die ihr durch den Kopf gehen. Manchmal lässt sie sich mit Huckleberry Finn auf einem Floß den Mississippi hinuntertreiben. Dann hat Fräulein Urban, die Heimleiterin, die verrückte Idee, alle Mädchen für das Müttergenesungswerk sammeln zu lassen. Halinka möchte unbedingt Sammelkönigin werden. Vielleicht kann sie dann wieder ihre geliebte Tante Lou besuchen. Halinka weiß - wenn das Glück kommt, dann muss man ihm einen Stuhl hinstellen. Und darauf wartet sie. (Verlagsbeschreibung)
Alltagsweisheiten wie der Titel dieses Jugendbuchs sind für das 12jährige Heimkind Halinka wie ein Geländer, an dem es sich durch seine schwierige Kindheit hangelt. Die meisten dieser Sprüche hat Halinka von ihrer geliebten Tante Lou. An sie denkt sie, wenn sie ihre Wünsche und Sehnsüchte ihrem Tagebuch anvertraut. Erinnerungen an ihre Mutter gestattet sie sich nicht, sie wären zu schmerzhaft. Und nun sollen die Heimkinder ausgerechnet für das "Müttergenesungswerk" sammeln, wo sie doch keine Mütter oder allenfalls Rabenmütter haben. Aber: wer die schwerste Sammelbüchse hat, wird Sammelkönigin, und genau die will Halinka werden.
Halinka - ein polnisches, jüdisches Mädchen - lebt in einem Kinderheim in Deutschland und kennt sich ganz gut aus mit den Tricks und Kniffen, mit denen man in solchen Institutionen am besten zurechtkommt, denn es ist nicht ihre erste Heimerfahrung. Am schönsten sind die Sonntage, wenn sie Tante Lou besuchen darf, die Schwester ihrer Mutter. Da Tante Lou aber nicht verheiratet ist und bis vor kurzem auch noch keinen festen Arbeitsplatz hatte, darf sie Halinka leider nicht adoptieren. Ganz versteckt und zwischen den Zeilen erfährt man, weshalb Halinka nicht mehr bei ihrer Mutter lebt. Gerne spricht sie darüber nicht. Nur ihrer neuen Freundin Rena erzählt sie manchmal abends, wenn sich die beiden Mädchen davonschleichen, um vor dem Einschlafen noch ein bisschen zu quatschen, eine Geschichte aus ihrem früheren Leben.
Mirjam Pressler erzählt hier in kurzen, knappen Sätzen. Der unaufgeregte Schreibstil passt sehr gut zu dem Charakter des stillen, in sich gekehrten Mädchens, das schon eine ganze Menge an herber Lebenserfahrung einstecken musste und nur sehr selten aus seinem Schneckenhaus auftaucht. Die Situation im Nachkriegsdeutschland wird durch einige Schilderungen ebenfalls deutlich. Doch trotz aller widriger Umstände ist Halinka auch noch zu Optimismus fähig und sucht sich Wege, um ihr karges Leben etwas bunter zu gestalten.
Feinfühlig, leise, aber auch humorvoll wird hier erzählt, was mir gut gefallen hat. Ein wenig bedrückend - aber immer auch hoffnungsvoll...
© Parden