Mirna Funk Winternähe

(15)

Lovelybooks Bewertung

  • 18 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 7 Rezensionen
(4)
(7)
(0)
(2)
(2)

Inhaltsangabe zu „Winternähe“ von Mirna Funk

Wer bestimmt darüber, wer wir sind?Lola ist Deutsche, und sie ist Jüdin. Sie fragt sich: Wie viel von mir selbst steckt in meiner eigenen Biographie? Wie lässt sich die Gegenwart mit meiner Vergangenheit in Einklang bringen? Lola macht sich auf eine Reise, die sie von Berlin nach Tel Aviv und Bangkok führt. Sie stellt unbequeme Fragen und sucht gefährliche Orte auf. Sie konfrontiert uns mit Antisemitismus in Deutschland, dem Krieg in Israel im Sommer 2014 und der Frage nach Identität in einer globalisierten Welt.Bestimmt unsere Herkunft darüber, wer wir sind, oder falsche Freunde, orthodoxe Rabbiner? Lola wurde in Ost-Berlin geboren, ihr Vater geht in den Westen und weiter in den australischen Dschungel. Sie wächst auf bei ihren jüdischen Großeltern und ist doch keine Jüdin im strengen Sinne. Ihre Großeltern haben den Holocaust überlebt, sie selber soll cool bleiben bei antisemitischen Sprüchen. Dagegen wehrt sie sich. In Tel Aviv besucht sie ihren Großvater und ihren Geliebten, Shlomo, der vom Soldaten zum Linksradikalen wurde und seine wahre Geschichte vor ihr verbirgt. Lola verbringt Tage voller Angst und Glück, Traurigkeit und Euphorie. Dann wird sie weiterziehen müssen. Hartnäckig und eigenwillig, widersprüchlich und voller Enthusiasmus sucht Lola ihre Identität und ihr eigenes Leben.

Toller Schreibstil, toller Roman. Sehr lesenswert.

— Flamingo
Flamingo

Die Suche einer jüdisch- deutschen Frau nach sich selbst.

— schokoloko29
schokoloko29

Winternähe ist der 2015 erschienene Debutroman der Autorin Mirna Funk und hat mich nachhaltig beeindruckt.

— saeski
saeski

Sehr schön geschrieben. Habe es in einem Rutsch durchgelesen...

— Jennifer081991
Jennifer081991

Stöbern in Romane

Sieben Nächte

Das Werk schrammt an den Todsünden vorbei u ist purer Selbstmitleid eines Mannes, der denkt sein Leben ist mit 30 vorgefertigt u zu Ende!

Raven

Pirasol

Die Autorin besticht auch in diesem Roman wieder mit herrlicher Poesie und wunderschönen eigenen Wortschöpfungen.

buecher-bea

Der Frauenchor von Chilbury

Mit "Der Frauenchor von Chilburg" ist Jennifer Ryan ein gefühlvoller, abwechslungsreicher Roman gelungen.

milkysilvermoon

Sommerkind

Emotional aufwühlend, tiefgründig, traurig und hoffnungsvoll...

Svanvithe

Underground Railroad

Hier wird fündig, wer wissen will, wie das Böse seit Jahrhunderten in Köpfen und Herzen der Menschen überleben konnte.

Polly16

Der Sommer der Inselschwestern

Eine wunderschöne und dramatische Geschichte über drei Frauen, ihr Leben und ihrer Freundschaft.

AmyJBrown

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Toller Schreibstil, toller Roman. Sehr lesenswert.

    Winternähe
    Flamingo

    Flamingo

    30. July 2017 um 13:56

    Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Die Autorin hat einen tollen Schreibstil, es liest sich flüssig und flott. Die Hauptfigur, Lola, kann man sich gut vorstellen und auch wenn man vielleicht nicht immer wie sie handeln würde, bleibt sie einem doch sympathisch. Die Autorin schafft eine prima Mischung zwischen knallharter Realität und aber auch Situationskomik und zumindest ich habe schon manchmal gedacht, ich möchte sein wie Lola. Das Ende ist etwas unbefriedigend, aber mMn können Autoren das fast grundsätzlich nicht mehr gut und Lektoren eigentlich auch nicht. Schade. Ein 1/2 Stern Abzug dafür ;)

    Mehr
  • Toller Schreibstil, toller Roman. Sehr lesenswert.

    Winternähe
    Flamingo

    Flamingo

    30. July 2017 um 13:54

    Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Die Autorin hat einen tollen Schreibstil, es liest sich flüssig und flott. Die Hauptfigur, Lola, kann man sich gut vorstellen und auch wenn man vielleicht nicht immer wie sie handeln würde, bleibt sie einem doch sympathisch. Die Autorin schafft eine prima Mischung zwischen knallharter Realität und aber auch Situationskomik und zumindest ich habe schon manchmal gedacht, ich möchte sein wie Lola. Das Ende ist etwas unbefriedigend, aber mMn können Autoren das fast grundsätzlich nicht mehr gut und Lektoren eigentlich auch nicht. Schade. Ein 1/2 Stern Abzug dafür ;)

    Mehr
  • Winternähe

    Winternähe
    schokoloko29

    schokoloko29

    22. July 2017 um 17:50

    Lola lebt in Berlin. Ihre Eltern haben sich getrennt, da war sie 10 oder 11 Jahre alt. Hauptsächlich ist sie bei ihren jüdischen Großeltern in Ostberlin groß geworden. Ihr Vater hat sich schnell aus der Verantwortung raus geschlichen und ihre Mutter war mehr mit sich selbst beschäftigt. Nach dem jüdischen Gesetzen ist sie jedoch keine "richtige" Jüdin, da ihr Vater Jude ist und ihre Mutter ist Christin. Durch Tinder lernt sie den jüdischen Künstler Shlomo kennen. Er ist für ein paar Wochen in Berlin und sie verbringen Zeit miteinander. Nach einiger Zeit muss Shlomo wieder zurück nach Tel Aviv. Auch Lola entscheidet sich nach Tel Aviv zu reisen und erlebt dann (2014) die Bombenangriffe auf Israel. Diese Bombenangriffe gehen ihr sehr auf die Substanz. Darüber hinaus stirbt ihr jüdischer Großvater in Tel Aviv. Aus diesem Grund reist sie, ohne Shlomo das zu sagen, nach Thailand, um den Verlust ihres Großvaters zu verschmerzen.Eigene Meinung:Mir hat das Buch sehr gut zugesagt. Es spiegelt gut die innere Zerrissenheit der Protagonistin wider und ihre Suche nach Liebe und Zugehörigkeit, die sie nur in Ansätzen findet. Auch wird die jüdische Identität in Deutschland sehr gut wieder gegeben.Am Ende war ich sehr traurig, dass das Buch schon vorbei ist.Fazit:Mir hat das Buch sehr gut gefallen und kann es jedem empfehlen, der sich für das Thema interessiert!

    Mehr
  • Identitätssuche und Auseinandersetzung mit dem Holocaust

    Winternähe
    saeski

    saeski

    24. March 2017 um 17:54

    Winternähe ist der 2015 erschienene Debutroman der Autorin Mirna Funk und hat mich nachhaltig beeindruckt. Durch Zufall bin ich auf den Roman „Winternähe“ gestoßen. Ich habe irgendwann ein Interview mit der Autorin gelesen und den Roman danach auf meine Wunschliste gesetzt.HandlungDie Protagonistin Lola ist Fotografin und lebt in Ost-Berlin. Sie ist das Kind einer nicht-jüdischen Mutter und eines jüdischen Vaters. Lola selbst fühlt sich als Jüdin, da sie von ihren Großeltern väterlicherseits aufgezogen wurde. Nach dem orthodoxen Judentum jedoch gilt sie nicht als solche, denn die jüdische Religionszugehörigkeit wird über die mütterliche Linie weitergegeben. Dieser Umstand wird im Buch an einigen Stellen näher thematisiert und von verschiedenen Sichtweisen beleuchtet. Lola fühlt sich innerlich zerrissen und identitätslos. Nicht nur, dass sie Schwierigkeiten hat, durch ihren Glauben ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Gleichzeitig belastet sie die schwierige Beziehung zu ihren Eltern. Lolas Vater ist aus der ehemaligen DDR nach Australien geflüchtet und die Mutter hat sie früh verlassen, um sich ein Leben in Hamburg aufzubauen, in dem für Lola kein Platz ist.Schließlich entscheidet Lola sich, ihrem israelischen Freund Shlomo nach Tel Aviv zu folgen. Dort spielt der zweite Teil des Romans. Es ist Juli 2014 und Ausbruch des Gaza Kriegs. Der Konflikt, der in Deutschland so weit weg schien, ist plötzlich direkt vor ihrer Haustür. Tagsüber wirft Lola sich in die Euphorie ihrer Verliebtheit zu Shlomo und nachts hört sie Bomben fallen. In Tel Aviv beginnt Lola damit, Antworten auf die Frage zu finden, wer sie wirklich ist und versucht, den Kontakt zu ihrem Vater wieder aufleben zu lassen. Im Laufe der Geschichte entfernt sich Lola somit immer mehr von ihrem eigentlichen Lebensmittelpunkt Berlin und arbeitet sich zu ihren Wurzeln vor.ThematikGleich zu Beginn des Romans wird Antisemitismus thematisiert. Dieser tritt in einer latenten Form auf und scheint gesellschaftlich akzeptiert zu sein.Lola wähnt sich in einem fortschrittlichen Milieu, fühlt sich jedoch immer mehr von antisemitischen Angriffen betroffen. Nicht nur Bekannte, auch Kollegen und sogar Freunde äußern zweifelhafte Kommentare in ihrer Gegenwart und relativieren den Holocaust. So sind beispielsweise die „geldgierigen Juden“ Schuld daran, dass die Mieten in Berlin steigen. Oder es wird der Holocaust mit der Palästina-Politik verglichen. Gleichzeitig empfinden die Menschen um Lola herum das ständige Erinnern an die deutsche Vergangenheit als anstrengend und überholt.Für Lola ist diese Weigerung der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit fast unbegreiflich. Für euch ist das alles gefühlte dreihundert Jahre her. Warum aber ist das alles für mich gerade erst passiert? […] Warum bin ich mein ganzes Leben mit diesen Geschichten groß geworden, von Menschen, die überlebt haben, von Menschen, die ihre gesamte Familie verloren haben, und ihr nicht? […] Ich kann dir sagen, warum. Weil eure Großeltern nicht reden! Weil sie euch nichts erzählt haben. Zum Beispiel, wie es so war als SS-Offizier oder warum sie Hitler gewählt haben. Wie sie dabei zuschauten, als ihre Nachbarn abgeholt wurden, oder wie sie die verdammten Leichen aufeinandergestapelt haben. Ihr seid alle mit Großeltern aufgewachsen, die geschwiegen haben, und deshalb glaubt ihr, dass das alles Schnee von gestern ist.Auch wenn meine Generation nicht am Holocaust beteiligt war und es vielen jungen Menschen schwerfällt, einen Bezug zu den damaligen Ereignissen herzustellen, sollte man nicht aufhören, sich mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit auseinander zu setzen.Es ist wahr, dass inzwischen außerhalb des Klassenraums wenig über den Holocaust gesprochen wird. Kaum jemand hat noch lebende Verwandte, die während des zweiten Weltkriegs gelebt haben. Vieles wird zudem in deutschen Familien totgeschwiegen. Und trotzdem ist da bei so vielen ein unbewusstes Gefühl von Schuld. Ein Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen und das unangenehme Eingeständnis, dass wir nicht wissen wollen, welche Rolle unsere Großeltern oder Urgroßeltern zu dieser Zeit gespielt haben. Wir differenzieren ganz klar zwischen heute und damals und sehen keinen Bezug zu den Ereignissen.Ich war letztes Jahr im Herbst mit einer Freundin in Krakau und habe dort auch das KZ Ausschwitz, sowie Birkenau besucht. Das, was wir dort gesehen haben, können Worte kaum beschreiben. Erst, wenn man wirklich dort steht, wird einem bewusst, was für ein Ausmaß diese Gräueltaten hatten.Man liest Zahlen getöteter, vergaster, verhungerter, gefolterter Menschen. Man hört eine Zahl erfrorener Kinder, aber erst dort bekommen diese Zahlen eine Größe. Man kann sie ins Verhältnis setzen und das lässt den Atem stocken. Besonders Birkenau, mit seiner riesigen, weiten Fläche und dem Zaun, den man aus Filmen kennt lässt einen ganz still werden. Es sind Ausmaße eines Schreckens, die man sich sonst nicht vorstellen kann. In dieser Hinsicht kann ich verstehen, warum Lola, beziehungsweise die Autorin der Meinung sind, dass wir nicht vergessen sollten. Nicht relativieren und es als Vergangenheit abhaken. Man sollte nie vergessen und nie aufhören, sich vor Augen zu führen, wie schnell sich Dinge verselbstständigen können und zu was für Taten Menschen fähig sind.FazitObwohl die Protagonistin Lola vor ihrem Leben in Berlin flüchtet, beschreibt die Autorin keine schwache Persönlichkeit. Im Gegenteil. Lola wirkt stark, in ihrer Meinung gefestigt und teilweise auch sehr exzentrisch und egoistisch. Das alles macht es sehr interessant, ihrer Geschichte zu folgen. Gleichzeitig war es an einigen Stellen aber sehr anstrengend Lolas Gedanken oder Handlungen nachzuvollziehen. Teilweise ging sie mir sogar ein Bisschen auf die Nerven und sie ist definitiv keine Buchfigur, die ich in mein Herz geschlossen habe. Hervorzuheben ist ganz klar der Anstoß, sich als Leser Gedanken über Antisemitismus in Deutschland und das Leben in Tel Aviv zu machen. Für mich ist das Buch ganz klar eine Leseempfehlung.

    Mehr
  • Spannender Roman über eine persönliche Identitätssuche

    Winternähe
    Jennifer081991

    Jennifer081991

    30. January 2017 um 14:15

    Ein sehr spannendes Buch. Ich habe während des Lesens viel über den Palästina-Israel-Konflikt nachgedacht, da dieser in weiten Teilen des Buches eine große Rolle spielt. Dennoch ist es kein Buch über einen Krieg oder Konflikt, sondern über eine starke Frauenfigur. Lola, halb Deutsche, halb Jüdin, stellt sich die Frage, wer eigentlich bestimmt, wer sie ist - sie selbst oder ihre Umwelt? Lola muss sich einerseits darüber klarwerden, ob sie sich selbst als Deutsche oder als Jüdin sieht. Gleichzeitig beschäftigt sie sich auch mit ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft. Den auslösenden Konflikt fand ich ein wenig abstrus, da Lola sich relativ schnell auch von Freunden und Bekannten abgrenzt. Hier werden die gerichtliche Auseinandersetzung und die Abwiegelung von verschiedenen Charakteren vermischt. Dadurch wurde Lolas eigentlich verständliche Reaktion für den Leser schwieriger nachzuvollziehen. Auch das Ende, in welchem Lola das gerichtskräftige Urteil nicht annimmt, sondern sich stattdessen für eine Anprangerung ihrer beiden ehemaligen Kollegen entscheidet, fand ich nicht angemessen nachvollziehbar. Ich habe dieses Buch im Rahmen meines Seminars "Jugendkultur im deutschen Gegenwartsroman" gelesen. Wir haben uns in diesem Seminar mit der Abgrenzung von Jugend und Adoleszenz beschäftigt und viel über das Erwachsensein und -werden diskutiert. Besonders haben wir die ausgewählten Bücher im Seminar natürlich unter dem Aspekt von Jugenddarstellungen gelesen. Das war bei "Winternähe" besonders spannend, da Lola zwar eigentlich aufgrund ihre Alters nicht mehr als klassische jugendliche Figur gilt, aber durch ihre innerliche Zerrissenheit und durch ihre Identitätssuche klassische jugendliche Entwicklungsschritte durchlebt. Das Buch ist spannend geschrieben, ich habe es in wenigen Tagen durchgelesen. Besonders gefiel mir der Tonfall der Autorin, welcher mir Lola sehr nahe brachte.

    Mehr
  • Aktuell und auf der Höhe der Zeit

    Winternähe
    Pocci

    Pocci

    21. October 2015 um 22:48

    Lola ist Jüdin und lebt in Berlin. Aufgewachsen ist sie bei ihren Großeltern, die den Holocaust überlebt haben. Diesen hat Lola über Jahre eifrig erklärt, dass es in Deutschland keinen Antisemitismus mehr gibt, nur um als Erwachsene mit Anfang dreißig immer häufiger mit ihm konfrontiert zu werden. Schließlich beschließt sie, Deutschland für eine Weile zu verlassen und nach Israel zu ziehen. Es fällt mir schwer, für dieses Buch einen Rezension zu schreiben. Einerseits fand ich es meistens sehr gut und eingängig zu lesen, andererseits gab es meiner Meinung nach oft schon zu viele Anspielungen auf aktuelle Internetphänomene (z.B. bestimmte Katzenvideos), die ohne die Kenntnisse dieser einfach ins Leere laufen. Dabei finde ich es an sich positiv, dass hier moderne Medien etc. Einzug in einen Roman gefunden haben. Zumindest für mich ist es das erste Buch, in dem sie eine so große Rolle spielen.  Auch sonst zeichnet sich der Roman durch eine große Aktualität aus. Viele erwähnte Ereignisse und Nachrichten (z.B. die Entführung der Jugendlichen in Gaza) dürften dem Leser noch im Gedächtnis sein. Allerdings birgt dieses Aktualität auch die Gefahr, dass das Buch gerade jetzt interessant ist, in ein paar Jahren durch diese Hinweise aber zu sehr verwirrt.  Insgesamt hat mir das Buch ganz gut gefallen und ich denke, dass Mirna Funk zu einem wichtigen Thema schreibt, dass im deutschen Alltag all zu häufig in Vergessenheit gerät oder als nicht existentes Problem abgetan wird.

    Mehr
  • Holocaust - Vergeben und vergessen?

    Winternähe
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    03. October 2015 um 15:14

    "Überall, wohin wir gehen oder schauen, klebt Geschichte, dachte Lola. Eine Geschichte, über die wir niemals alles erfahren können. Jede Person, mit der wir sprechen, ist angefüllt mit eigener Geschichte. Einer Geschichte, zu der wir niemals einen vollständigen Zugang haben werden. Und trotz des fehlenden Zugangs muss diese Geschichte, obwohl wir von ihr nicht wissen, immer mitgedacht werden. Lola sah sich im Flugzeug um und beobachtete die Menschen, die aus den Fenstern schauten. Sie alle brachten ihre eigene Geschichte mit. Was sie an diesem Tag vor fünfundzwanzig Jahren gedacht oder getan hatten, blieb ihr Geheimnis. Aber Lola fühlte, dass dieses Flugzeug plötzlich nicht nur erfüllt von den Gedanken der vielen Passagiere war, sondern erfüllt von ihrer Geschichtlichkeit." (S. 338) Die in Ost-Berlin geborene Lola ist Deutsche und Jüdin. Während der DDR floh ihr Vater nach Australien während sie bei ihren jüdischen Großeltern, die den Holocaust überlebt haben, aufwuchs. Lola ist keine Jüdin im strengen Sinne, aber sie hat die Nase voll davon, bei antisemitischen Sprüchen cool zu bleiben. Spätestens als jemand eine Foto von ihr mit einem Hitlerbärtchen versieht und dies auch noch wahnsinnig komisch findet, beginnt sie sich zu wehren. Sie verkauft ihre Wohnung und reist kurzerhand nach Tel Aviv, wo im Sommer 2014 der Krieg wütet. Dort trifft sie auf ihre große Liebe Shlomo, den sie in Berlin kennengelernt hatte. Allerdings verbirgt Shlomo, der vom Soldaten zum Linksradikalen wurde, seine wahre Geschichte vor ihr. Lolas Gefühle schwanken in der Zeit in Tel Aviv zwischen fürchterlicher Angst und Traurigkeit wegen des Krieges und einer großen Euphorie um ihre Liebe und die neu erlangten Erkenntnisse. Von Beginn an weiß Lola jedoch, dass sie eines Tage weiterziehen muss. Denn wer bestimmt schon darüber wer wir sind? Unsere Herkunft, falsche Freunde oder orthodoxe Rabbiner? Voller Enthusiasmus sucht Lola hartnäckig, widersprüchlich und eigenwillig ihr eigenes Leben. Der bewegende, aufklärende und sprachgewaltige Roman "Winternähe" bekommt von mir vier Sterne. Normalerweise spreche ich die Gestaltung von Buchcovern nicht explizit in meinen Rezensionen an, doch bei manchen kann man nicht umhin sie zu erwähnen. Dieser Einband ist ein Beispiel für eine solche Ausnahme. Jedes Mal wenn ich das Buch in Händen halte, wundere ich mich über die exzentrische Gestaltungsart und rätsele, was es denn darstellen soll. Ein Vogel, der aus mehreren Materialien, wie etwa Bergen, Stoffbahnen, einem Seil, einem Schulheft und vielen weiteren nicht zu identifizierenden Bestandteilen zusammengesetzt ist? Bis heute konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Doch nicht nur das Buchcover ist ausgefallen, das Gleiche gilt für die extravagante Hauptperson der Geschichte, Lola. Deshalb hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten mich in sie hineinzuversetzen, aber mit jeder Seite öffnete sich eine weitere Tür zu Lolas Innerem, welche die unterschiedlichsten Überraschungen über ihre Person bereit hielt. Dazu trugen auch maßgeblich die interessanten politischen Ansichten und die einmalige Sprache von Mirna Funk bei. Nach beinahe jedem Kapitel habe ich mit einige Zitate notiert, um sie nicht zu vergessen, wie beispielsweise das oben genannte über die Geschichten der einzelnen Menschen. Aber auch diese beiden Faktoren vermochten es nicht, dass ich Lolas Liebesleben nachvollziehen konnte. Sie trauert um den Tod ihres Großvaters, das ist absolut verständlich, aber nicht so ihre Art diese zu bewältigen. Sie bricht in Tel Aviv alle Zelte, auch die Beziehung zu ihrer großen Liebe Shlomo, ab und sucht sich übergangsweise den nächstbesten Mann den sie finden kann und bestellt ihn telefonisch zu sich, wenn sie gerade Lust auf Sex empfindet. Dadurch sollen Probleme wie von selbst verschwinden? Meiner Meinung nach ist das doch eine sehr verquere Weltansicht. Insgesamt kann ich dieses Buch, das nicht nur die weiterhin anhaltende Problematik des Holocausts aufgreift und thematisiert sondern auch über weitere Konflikte wie etwa den Krieg von Israel und Palästina informiert, auf jeden Fall empfehlen, denn mit den interessanten Weltanschauungen der einzelnen Charaktere sind bereichernde Leseaugenblicke garantiert, die durch die sprachlichen Wendigkeit der Autorin nicht langweilig werden.

    Mehr