Mitja Vachedin
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Engel sprechen Russisch
Neue Rezensionen zu Mitja Vachedin
Im ehemaligen Leningrad geboren, hat Mitja den Untergang der Sowjetunion und den darauffolgenden russischen Kapitalismus miterlebt, bis er schließlich seiner Mutter nach Deutschland gefolgt ist. Sein Leben teilt er selbst in diese drei Phasen ein und erzählt in seinem Roman von vielen Erlebnissen, die ihn geprägt haben... .
Mich hat dieses teils kuriose, teils aber auch sehr ernste Buch von Anfang an in seinen Bann gezogen. Beim lesen hat man ständig das Gefühl, dass Mitja ein gewisses Talent dafür besitzt, in äußerst ungewöhnliche und manchmal auch sehr gefährliche Situationen hineinzugeraten und man ist gespannt, wie er sich dort wieder hinaus manövriert. So wird er zum Beispiel Zeuge, als sein Cousin eine lebensgefährliche Aufgabe meistern muss. Doch auch in Deutschland erlebt er schwierige Verhältnisse in einem Internat für russischsprachige Jugendliche, wo eine eigene Hierarchie herrscht und er sich unterordnen muss, um von den anderen akzeptiert zu werden.
Bei den Geschichten hat mich oft gestört, dass es keine fließenden Übergänge gibt und manche sogar scheinbar in der Mitte abbrechen und erst später zu Ende erzählt werden. Mir war auch beim lesen nicht ganz klar, welche Freiheiten er sich als Autor bei seinen Erlebnissen genommen hat. Schließlich bezeichnet er sein Werk als ,,Roman" und kennzeichnet es damit eindeutig als Fiktion. Da aber auch offensichtliche biographische Züge im Buch vorhanden sind, hätte ich mir ein Nachwort gewünscht.
Mitja Vachedin schreibt einfach und schafft es, seinen Leser wirklich in die jeweilige Situation hineinzunehmen. Mit viel Humor und manchmal mit einer zu großen Offenheit für meinen Geschmack, schildert er seine Erlebnisse aus Russland und Deutschland.
Insgesamt hat mich ,,Engel sprechen russisch" gut unterhalten. Dieses Buch ist teilweise etwas verrückt, aber man merkt auch, dass der Autor sehr viel Herzblut investiert hat. Gerne empfehle ich diesen Roman weiter.
Mit Anfang 30 fragt sich Mitja Vachedin, wer er eigentlich ist. Am besten passt die Metapher der Zahnpasta, die aus drei Schichten besteht, so ist nämlich auch er: eine Schicht russischer Kommunismus der 80er Jahre. Eine Schicht russischer Kapitalismus nach dem Zusammenbruch und dann noch einmal 10 Jahre in Deutschland. Diese Erfahrungen haben ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Er lässt sein noch kurzes Leben episodenhaft Revue passieren: Die Kindheit, die aus endlos langen Sommern am See und der Datscha bestanden. Die Jugendjahre im chaotischen Leningrad, das plötzlich St. Petersburg hieß und wo alle versuchten, schnell Geld zu machen. Seine Zeit in Deutschland, zunächst umgeben von unzähligen Russen, die alle im Westen das Glück suchten und dann das Studium, das aber wiederum in ein Nichts führt.
Die Grundidee von Mitja Vachedins Buch ist nicht wirklich neu. Zahlreiche (auch anekdotische) Romane über russische Spätaussiedler sind in den letzten Jahren erschienen, am bekanntesten dürfte wohl Wladimir Kaminer sein, der inzwischen unzählige Bücher veröffentlicht hat, aber auch Alexandra Friedmanns „Besserland“ oder Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ nehmen diese Thematik auf. Was macht Mitja Vachedins Geschichte dann lesenswert?
Für mich waren seine Episoden deutlich nachdenklicher und weniger auf den humorigen Aspekt abzielend als vergleichbare Romane. Auch wenn das Leben in Russland vielerlei Entbehrungen erforderte, dies kommt sehr klar raus, wird es aber nicht als negativ empfunden, auch dort konnte ein Kind oder Jugendlicher Spaß haben und ganz normal wie auch im Westen mit den Freunden die Sommer verbringen und sich ausprobieren. Auch die Ankunft in Deutschland ist nicht so sehr von den negativen Erlebnissen geprägt, was jedoch auch bei Vachedin zwischen den Zeilen herauskommt, ist der lange Zeit fehlende Kontakt tatsächlich zu Deutschen. Die ausgewanderten Russen oder Russlanddeutschen bleiben weitgehend unter sich und bilden eine ganz eigene Kultur heraus.
Vieles ist heiter und lädt zum Lachen ein ob der Absurdität, an vielen Stellen wird man jedoch auch nachdenklich, vor allem stellte sich für mich die Frage, inwieweit diese zerrissene Identität ursächlich für die wenig zielgerichtete berufliche Planung ist. Ein abgeschlossenes Studium und dann im Supermarkt Regale einräumen?
Mitja Vachedin erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, kein besonderes Leben, das sich von allen anderen abhebt. Und darin liegt seine Stärke: er findet das Interessante im Alltag, die banalen Situationen können entscheidend werden und sind es auch wert, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem gelingt es ihm, Stimmungen und Atmosphären zu transportieren, man kann seinen Figuren nachempfinden, wie es ihnen ergangen ist. Er hat das Buch seiner Familie gewidmet, diese ist das Band, das auch die Episoden zusammenhält und zu einem Ganzen werden lässt.



