Alles so hell da vorn

von Monika Geier 
4,4 Sterne bei9 Bewertungen
Alles so hell da vorn
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Ein aktuelles Sittengemälde, besser als jede Sozialstudie.

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Ganz starker deutscher Krimi. Komplex, etwas widerspenstig, aber mit tollen Figuren und Gespür für Authentizität.

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Inhaltsangabe zu "Alles so hell da vorn"

In einem Frankfurter Vorstadtbordell empfängt eine junge Hure einen Freier, einen ihrer Stammkunden. Nichts weist darauf hin, dass sich dieses Zusammentreffen irgendwie von den bisherigen unterscheiden wird. Man geht aufs Zimmer. Kommt zur Sache. Dann schnappt sie sich seine Kanone, schießt ihn ­nieder und ergreift die Flucht. Knallt gleich noch einen der Zuhälter ab, kassiert sein Smartphone, nimmt seinen Wagen und fährt los. Sie weiß genau, wo sie hinwill.

Kriminalkommissarin Bettina Boll wird in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett geklingelt: Ein Kollege ist tot, heißt es. Erschossen. In einem Frankfurter Puff. Und es handelt sich ausgerechnet um ihren Ex-Partner und Ex-Beinahe-Freund Kriminal­hauptkommissar ­Michael Ackermann.
Ackermann, so stellt sich heraus, war seit ­Monaten Stammkunde in dem Puff, den er stets in Uniform aufsuchte. ­Erschossen hat ihn eine sehr junge Prostituierte, die sich Manga nennt. Und zwar mit seiner Dienstwaffe. Mit der ist sie jetzt auf der Flucht.
Dann kommt aus dem abgeschiedenen Dorf Höhweiler in Rheinland-Pfalz die Meldung, dass ein aufreizend gekleidetes junges Mädchen vor großem Publikum den Schuldirektor erschossen hat. Ist das der nächste Tote auf dem Konto der geheimnisvollen Manga?

Monika Geier, Meisterin der exzentrischen Charak­tere, knöpft sich mit der ihr eigenen sardonischen Heiterkeit einen grimmigen Stoff vor – mitreißend, rockig, direkt aus dem echten Leben.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783867542234
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:352 Seiten
Verlag:Argument Verlag mit Ariadne
Erscheinungsdatum:13.07.2017

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor einem Jahr
    Boll hat alle Hände voll zu tun

    »Der Baum war wie eine Zeitkapsel, man stellte sein Auto drunter und befand sich unversehens im vergessenen Außenposten einer uralten Schattenwelt. Sie fröstelte. Wie immer hier. … Alles viel zu groß, darum längst schleichend stillgelegt und umgeben von zudringlichen alten Gehölzen.«

    Bettina Boll ermittelt, die 7. Folge. Und für mich ist dieser Fall ihr Bester. Sie kennen Boll noch nicht? Nach dem Tod ihrer Schwester hatte die Kommissarin die Betreuung der beiden Kinder übernommen und sich auf eine Halbtagsstelle setzen lassen. Kollege Ackermann ist ihr Teampartner: zuverlässig, kernig, ein Freund, fast eine kleine Affäre. Der wiederum war länger mit Nissa leiert. Und mit dieser wiederum kann Boll nicht besonders gut, Reibereien zwischen beiden gehören zum Alltag. Härtling der Chef, nicht sehr sympathisch. Tante Elfriede, eine ziemlich garstige Tante, die Boll und ihre Schwester großgezogen hat, gehörte auch zum Ensemble, nicht zu vergessen der alte Ford Taunus, immer zugerümpelt, die Beifahrertür klemmt. Man kann sich vorstellen, dass die Arbeitszeit der Polizei nicht immer mit der Betreuung von Kindern und Tanten zusammenpasst. Boll ist immer unter Zeitdruck, zu beiden Seiten, Berichte schreiben ist nicht ihr Lieblingsthema. Sie hat eine gute Spürnase und geht gern Dingen auf den Grund, hält sich nicht immer an ihre Aufträge, was die Kollegen als chaotisch interpretieren. Wer die alten Bände nicht gelesen hat, kann aber ohne Weiteres neu einsteigen.

    So viel zu Boll. Tante Elfriede ist im letzten Band verstorben. Nun hat Boll das Haus geerbt, eine düstere verkommene Hütte, riesig, antik, mit einem großen Garten. Bei der Begehung mit Makler und Kunden zeigt sich ein Geheimnis im Keller.

    Boll wird aber fortgerufen. Ein Kollege ihrer Dienststelle in Kaiserslautern ist in einem heruntergekommenen Puff in Frankfurt erschossen worden: Ackermann. Der hat dort aber nicht ermittelt, sondern war Stammkunde, erschien hier immer in seiner uralten Polizeiuniform samt seiner Dienstwaffe. Was hat Ackermann in einem Kinderpuff gemacht? Doch heimlich ermittelt? Abgründe tun sich auf. Das Haus war bisher unauffällig. Die Nutte, die ihn mit seiner Pistole erschossen hat, ist flüchtig. Aber sie hat die Polizei informiert. Die Kollegen stehen schockiert um die Leiche, als eine neue Meldung einschlägt. Die Frau hat eine weitere Person erschossen, einen Schuldirektor im Badischen. Sie behauptet, sie wäre Meggie, das Mädchen, das in dieser Kleinstadt vor 10 Jahren entführt wurde. Der Fall ist länderübergreifend, eine Soko wird eingerichtet, ein Fall von Kinderprostitution scheint dahinterzustecken. Bettina Boll ist dabei.

    »Lewwerknepp. Der Alptraum war wahrgeworden: Bettina saß in einer Pfälzer Traditionsgaststätte, um sich herum die Pirmasenser Truppe, die nicht bereit war, einen Sonntag ohne ein warmes Essen mit Bratensoße vergehen zu lassen und vor sich einen Tisch aus wuchtigem Holz, der mit abwaschbaren Blumengestecken und riesigen Tellern bestückt war.«

    Die Pfälzer Kolleginnen mögen Boll nicht, und Boll mag sie nicht, die gemütlich die Sache angehen, ganz nach Vorschrift, eine dreistündige Mittagspause benötigen. Bolls Hinweis auf die Kinder und Halbtagsstelle enden in Vorwürfen, sie würde den andern die Arbeit lassen, sich verpieseln. Die Kinder sind sich meist selbst überlassen, doch am Sonntag spring Nessa ein, die plötzlich eine kameradschaftliche Seite zeigen kann. Die Handlung zeigt sich sehr komplex, die Ermittler haben in ein Wespennest gestochen, Boll fährt durch die Gegend und dann landet auch noch Härtling, Bolls Chef, im Krankenhaus, schwer krank. Jeder will etwas von Boll: Die Kinder, die Kollegen, Zeugen, Härtling, Vorgesetzte und irgendwer will ihr sogar etwas anhängen. Atemlos hetzt der Leser mit Boll durch den Krimi, hat Mitleid mit den Kindern, die sich von Pizza, Pizza, Brötchen, Pizza, Zimtschnecken, Brot und Pizza ernähren müssen.

    »›Jo«, sagte Jeblick, ›wann ses net iwwern Preis mache, dann halt iwwer die Menge. So wie frieher is des nimmie, wo de als sundachs um zwölf in die Wertschaft bisch un es hat gehall bis am Mondachmoje.‹«

    Monika Geier hat eine dichte Handlung geschaffen, die sprachlich und atmosphärisch ein Lesevergnügen ist. Wundervolle Beschreibungen, Typen, über die man schmunzelt, fiese Charaktere, verlassene Seelen, geschundene Kinder, ein Zusammenspiel von fein ausgearbeiteten Figuren. Macht, Eifersucht, Intrigen, Mitgefühl, Landei gegen Städter, ein bisschen pfälzischer Dialekt, das Ganze in eine spannende Story integriert. Drei Stränge: Boll in der Ermittlung, das Mädchen (kursiv), die Kinder und der Gruselkeller. So muss ein Krimi sein. Nicht vom Cover beeindrucken lassen, das dieses Mal nicht einladend gelungen ist. Gibt es einen weiteren Boll mit neuem Anfang? Tante Elfriedes Haus verkauft, der Taunus röchelt aus dem letzten Loch, Chef und Teamkollege verstorben, wir werden viel Neues zu lesen haben.

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    HansDurrers avatar
    HansDurrervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein aktuelles Sittengemälde, besser als jede Sozialstudie.
    Den Leuten aufs Maul geschaut

    Dies ist mein erster Monika Geier-Krimi und bereits nach ein paar Seiten bin ich wild entschlossen, ihn definitiv zu mögen, ja mehr, ihn gut zu finden. Das hat mit der Seite 9 zu tun, auf der geschildert wird, wie die Protagonistin mit dem Rauchen aufgehört hat. Wie? „Ganz einfach so. Sie, Kriminalkommissarin Bettina Boll, hatte gedankenlos eine Kippe nach der anderen geplotzt, seit sie zwölf war, denn da waren ihre Eltern gestorben. Jetzt rauchte sie nicht mehr. Das war alles. Einen Entschluss dazu hatte sie nicht gefasst. Es war nur einfach nicht mehr notwendig.“
     
    Wer so schreibt, hat nicht nur viel Witz von der Sorte, die mir gefällt, sondern versteht auch etwas von Sucht (und vom Leben), denn besser als mit „Es war nur einfach nicht mehr notwendig“ kann man das Ende einer Sucht (und den Anfang eines neuen Lebens) nicht beschreiben.
     
    In der „Sexy Bar“, einem Bordell im Vorort eines Frankfurter Vororts, wird ein Kunde erschossen – Bettina Bolls Kollege Ackermann. Die Täterin ist schnell ausgemacht – eine junge Zwangsprostituierte, die sich Manga nennt, flüchtig ist und kurz darauf in einer Dorfsturnhalle, wo Lehrer, Kinder und Eltern gerade einer Vorführung der Polizeipuppenbühne des Polizeipräsidiums Westpfalz zuschauen, den Schuldirektor Gutvatter erschiesst.
     
    Den Plot fand ich eher so so, das Buch hingegen super. Das liegt daran, dass Monika Geier wunderbar erzählen kann, und spannend darüber hinaus, Krimigefühle kamen zunächst jedoch nicht auf. Weil Krimi für mich Page-Turner bedeutet und zu einem solchen wird „Alles so hell da vorn“ erst in der zweiten Hälfte, wo die Geschichte gehörig Fahrt aufnimmt. Doch ich will nicht meckern, denn das ist ein sehr gelungenes Buch.
     
    Ein aktuelles Sittengemälde ist es, das besser als jede Sozialstudie vermittelt, wie Leute miteinander umgehen, wie sie reden, denken, was sie umtreibt, was auf der Welt los ist. Der Verlag sieht das offenbar anders, ganz anders, sonst hätte er kaum diesen Satz aus einer Besprechung auf der vierten Umschlagsseite platziert: „Leicht streift Geier den Zwang zur Wirklichkeitsstreue ab, ohne das Geisterbahngetröte aufgeregter Metzelthriller: Bettina Boll leistet an halben Tragen ganze Arbeit.“ Am Rande: Was um Himmels Willen sind bloss Geisterbahngetröte und Metzelthriller? 
     
    Monika Geier schaut den Leuten aufs Maul und lässt sie immer mal wieder ganz wunderbar exotisch-reale Dialekte reden. Überhaupt kennt sich diese Autorin im wirklichen Leben aus, mit den Tücken des Alltags, mit den Anstrengungen und Freuden alleinerziehender Mütter, mit dem Leben in Pirmasens. „In Primasens war es dann so, wie es eben ist, wenn Drama auf Bürokratie stösst: irgendwie unbefriedigend.“ Darüber hinaus ist sie eine eigenständige Denkerin. „Vielleicht war das, was posttraumatische Belastungsstörung genannt wurde, ja nur ein ganz natürliches Innehalten nach einer Krise. Eine plötzliche Weitsicht, gesunde Unzufriedenheit mit einem fehlerhaften System. Die dazu führte, dass man wirklich krank wurde, wenn man nichts änderte.“
     
    „Alles so hell da vorn“ ist ein echt tolles Buch!

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    Gulans avatar
    Gulanvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ganz starker deutscher Krimi. Komplex, etwas widerspenstig, aber mit tollen Figuren und Gespür für Authentizität.
    Widerspenstig.

    „Frau Boll, ich verstehe Ihre Bedenken, das hier ist kein guter Ort“, begann Guhl.
    „Das ist ein Kinderpuff!“, rief Bettina.
    Guhl blinzelte.
    „Ja“, sprach Bettina streitlustig, bevor Härtling ihre Anwesenheit, ihr Benehmen, ihre ganze Existenz herunterspielen konnte, das wollte er nämlich, stand ihm auf die Stirn geschrieben. „Gucken Sie sich die Mädchen doch an![...]“
    „Diese Kinder sind alle erwachsen“, sagte Thot in einem überaus beschwichtigendem Tonfall, der eigentlich nur ironisch gemeint sein konnte. […]
    Wenn Sie möchten, Frau Boll“, sprach Guhl im selben Ton weiter, „können Sie gerne mit den Mädchen sprechen. Versuchen Sie es einfach mal, wir wären Ihnen dankbar für alles, was Sie herausfinden.“ Damit wandte er sich abrupt von ihr ab und Härting zu, so dass sie nur noch seinen Rücken sah.
    Sie war abserviert. Also drehte sie sich um und ging raus, hier drin war es sowieso zum Ersticken.
    „...Frauen gehören einfach nicht mit in den Puff“, hörte sie Härtling von weitem. (S.34-35)

    Mitten in der Nacht wird Kommissarin Bettina Boll aus dem Bett geholt und fährt mit ihrem Chef an einen Tatort in einem Frankfurter Bordell. Dort wurde ihr Kollege Ackermann vor einer Prostituierten mit seiner Dienstwaffe erschossen. Allerdings war er wohl offensichtlich nicht im Dienst. Die junge Hure namens Manga hat anschließend noch einen Typen der Security erschossen, aber offenbar selbst die Polizei gerufen. Doch ihre Mission ist noch nicht zu Ende.

    Manga lässt sich von einem Lastwagenfahrer bis in die Nähe des kleinen Pfälzer Ortes Höhbrücken mitnehmen. Dort fragt sie nach einem „Gutvatter“ und wird direkt an den örtlichen Grundschuldirektor verwiesen. Ohne zu zögern betritt Manga eine Theateraufführung in der Aula und erschießt Gutvatter. Anschließend lässt sie sich festnehmen und behauptet, Meggie zu sein, ein Mädchen, das vor zehn Jahren in diesem Ort spurlos verschwand.

    Drei Morde, davon einer an einem Polizisten außerhalb eines Einsatzes in einem zwielichtigen Bordell, eine scheinbar wiederaufgetauchte Verschwundene und auch noch zwei vermutlich minderjährige Prostituierte, die nach den Vorfällen in ihrem Puff ohne Schutz unterwegs sind. Ganz schön viel zu tun für Kriminalkommissarin Bettina Boll, zumal sie eigentlich nur halbtags arbeitet und nicht die Einsatzleitung inne hat. Allerdings ist ihr Chef schwer erkrankt, so dass sie aus ihrer Dienststelle in Ludwigshafen als einzige Mordermittlerin die Verbindung zu den komplexen bundesländerübergreifenden Ermittlungen hält. Boll wird in der Soko wenig zugetraut und teilweise angefeindet. Besonders bei ihren Kollegen der Dienststelle Pirmasens (mit urpfälzischem Dialekt) ist sie besonders schlecht gelitten. Ihre unkonventionelle Art erweist sich jedoch als erfolgreich. Boll muss zudem zeitgleich als Alleinerziehende auf ihre pubertierenden Stiefkinder aufpassen und außerdem den Verkauf des etwas unheimlichen Hauses ihrer verstorbenen Tante in die Wege leiten, um endlich zu dringend benötigtem Geld zu kommen.

    Das klingt alles ein wenig viel und doch hält Autorin Monika Geier die Fäden zusammen, obwohl manches durchaus nebulös bleibt. Sie begleitet ihre Hauptfigur eng die Geschichte, ab und zu unterbrochen durch Schilderungen der jungen Prostituierten Manga. Der Fall oder besser die Fälle sind komplex und bringen Bettina Boll an die Leistungsgrenze. Es geht um Kindesmissbrauch und Zwangsprostitution, und in irgendeinerweise sind auch Personen aus staatlichen Behörden involviert. Durch den Mord an ihrem vertrauten Kollegen birgt der Fall auch eine persönliche Komponente. Die Autorin erzählt dies alles in einer direkten Art, mit viel Einfühlungsvermögen für die einzelnen Figuren, sehr starken Dialogen, aber stellenweise auch mit bissigem Witz.

    „Alles so hell da vorn“ ist bereits der siebte Band mit Kommissarin Bettina Boll und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch keinen vorherigen gelesen habe. Leider. Denn dieser Krimi ist wirklich richtig stark. Vor allem, wenn man sich so ein paar Zutaten zu diesem Buch vergegenwärtigt (Halbtags arbeitende Kommissarin, durchaus einiges privates Gedöns, Pfälzer Provinz) – da hätten manch andere Autoren möglicherweise ein ziemlich laues Krimistück draus gestrickt. Doch weit gefehlt, dieses Buch ist genauso wie die Hauptfigur: Rau, widerborstig, etwas chaotisch, aber auch empathisch, unermüdlich, anständig, integer. Kurzum: Ein verdammt guter deutscher Krimi.

    Kommentare: 6
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    DunklesSchafs avatar
    DunklesSchafvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein tiefschwarzer Krimi, der einem listig verpackt die Realität vor Augen hält, und nebenbei ganz wunderbar spannend unterhält. Empfehlung!
    So geht Realität. So geht Krimi.

    Wenn man sehr viele Bücher – in meinem Fall Krimis – liest, dann möchte man meistens etwas, was sich von der Masse abhebt. Eine Krimihandlung, die nicht schon zum x-ten Mal geschrieben wurde, ein neues, unbekanntes Thema und/oder vielleicht eine sprachliche/literarische Besonderheit sollte der Krimi - im besten Fall – auch noch bieten. Und das natürlich neben der durchgehenden Spannung, die für mich einfach zum Krimi dazu gehört. Wenn man so außergewöhnliche Zutaten gewöhnt ist und sich quasi danach die Lefzen leckt, dann kann einem so ein ganz normaler Krimi doch gar nicht mehr gefallen – oder?
    Aber sowas wie von! Denn genau das gelingt Monika Geier in ihrem neuen Bettina Boll Krimi: etwas ganz Normales auf wunderbare Weise spannend zu verpacken. Und ganz nebenbei haut sie uns ganz ordentlich noch einige Themen um die Ohren.

    Bettina Boll hat einen neuen Fall. Na ja, oder auch nicht. Also eigentlich dürfte sie gar nicht ermitteln, denn ihr früherer Kollege Ackermann ist darin verwickelt. Eine Hure hat ihm seine Waffe abgenommen und ihn erschossen – warum Ackermann in vollständiger Polizeiuniform und mit Waffe auf Bordellbesuch war, kann man sich vermutlich vorstellen, doch nun ist die Hure flüchtig. Als sie kurz darauf in einem kleinen Dorf ankommt, sich als vor Jahren entführtes Mädchen entpuppt und dann den Rektor erschießt sorgt für einen riesigen Aufruhr. Verschiedene Polizeibezirke, Bildung einer Sonderkommission, sehr, sehr junge Huren, Ermittler von damals, traumatisierte Kinder und Eltern – und Bettina Boll mittendrin.

    Boll, eigentlich ja nur in Teilzeit, steckt nun mittendrin im Fall, hat aber gleichzeitig noch den Verkauf ihres Erbes, einer alten Villa, die sie von ihrer Tante geerbt hat, abzuwickeln. Das Haus ist düster und dunkel, bringt bei Bettina alte Erinnerungen hoch und lässt sie schwermütig werden – nix wie weg mit dem Ding. Doch da gibt es noch diese verschlossene Tür im Keller, die sie eben erst hinter einem Regal gefunden hat. Bevor der Verkauf über die Bühne gehen kann, muss noch geklärt werden, was hinter der Tür zu finden ist. Nichtsdestotrotz ist Bettina fest entschlossen, den Bau zu veräußern um der alten Wohnung sowie ihrem klapprigen Taunus alsbald Ade zu sagen.

    Immer ein wenig müde und erschöpft schleppt sich Bettina durch den Fall, hin und her gerissen zwischen der Ermittlung, der Kinderversorgung, dem Hausverkauf und den Befindlichkeiten aller möglichen Parteien. Ein Balanceakt, den unverständlicherweise Alleinerziehende zumeist ohne jegliche Anerkennung vollbringen müssen. So wie auch Bettina. Teilzeit gilt als Ausrede, Bettina entweder als persönlich betroffen – wegen Ackermann – oder als hochmütige Schnepfe – bei den Kollegen aus der Pfalz, mit denen sie zum Klinken putzen geschickt wird. Doch egal welche Steine ihr in den Weg gelegt werden, Bettina Boll schnüffelt sich den Weg daran vorbei und verfolgt den Fall so, wie sie denkt. So entpuppt sich ein Fehler, eine Unaufmerksamkeit von Bettina als Glückfall für die Ermittlungen, genauso wie ihr untrüglicher Instinkt für Details den Fall nicht nur voran bringt, sondern letztendlich löst.

    Bettina Boll ist natürlich das Zentrum, um welches dieser Krimi kreist, doch äußerst lobend muss ich auch erwähnen, dass die Nebencharaktere allesamt höchst charmant daher kommen. Seien es nun die jugendlichen Nutten – ob verhuscht leise oder polternd aggressiv – oder die Pfälzer Kollegen, mit denen Bettina sich reibt, da sie so gar nicht in die Tagesplanung passt und dazu noch das obligatorische, bodenständige und sehr fettige Mittagessen verschmäht. „Des is hausgemacht, des merkt mer, und wemm des net schmeckt, der weeß net, was gut ist.“ (S.216).
    Auch Manga, die Hure, welche Ackermann erschossen hat, kommt zu Wort und so offenbart sich auch von dieser Seite das Warum, zeigt eine tief verletzte, aber fürsorgende Seele. So zeigen selbst die kleinen Nebenrollen eine starke Charakterzeichnung und liebevolle Detailarbeit.

    Authentizität in ihrer reinsten Form: Bettina Boll als Halbtags-Ermittlerin, Teilzeit-Mutter, Immobilienverkäuferin, Kollegenschreck. Keiner kann nur arbeiten oder nur Mutter/Vater sein – es gibt doch immer tausend Dinge zu planen, zu organisieren, zu erledigen. Ermittler, die sich mit Haut und Haaren den Ermittlungen verschreiben sind doch eher die Ausnahme(und zudem meist Sonderlinge und Einzelgänger) – der Normalfall ist Bettina Boll. Und trotzdem kriegt sie ihren Fall geknackt.  So geht Realität. So geht Krimi.

    Fazit:
    Bettina Boll in Höchstform – wie immer zwischen allen Stühlen, aber mit dem richtigen Instinkt ausgestattet. Ein tiefschwarzer Krimi, der einem listig verpackt die Realität vor Augen hält, und nebenbei ganz wunderbar spannend unterhält.  Sehr zu empfehlen!

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    A
    Angel10vor 6 Monaten
    Liserons avatar
    Liseronvor 6 Monaten
    Z
    zbaubfvor 8 Monaten
    Borusse70s avatar
    Borusse70vor einem Jahr
    RalfderPreusses avatar
    RalfderPreussevor einem Jahr

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