Monika Zeiner

 3,9 Sterne bei 103 Bewertungen
Autorenbild von Monika Zeiner (© Milena Schlösser)

Lebenslauf

Monika Zeiner, geboren 1971, studierte Romanistik und Theaterwissenschaften in Berlin und Neapel. Sie forschte über Liebesmelancholie im Mittelalter, schrieb Hörspiel- und Theatertexte und war Mitglied der Band marinafon. Ihr Debütroman ›Die Ordnung der Sterne über Como‹ stand 2013 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, erhielt den Publikumspreis der lit.COLOGNE und wurde für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Ihr zweiter Roman ›Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre‹, ebenfalls begeistert aufgenommen, erschien 2024. Für beide Bücher wurde sie 2025 mit dem Düsseldorfer Literaturpreis und dem London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Monika Zeiner

Neue Rezensionen zu Monika Zeiner

Cover des Buches Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre (ISBN: 9783423284240)
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Rezension zu "Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre" von Monika Zeiner

Buecherfreundinimnorden
Weniger wäre mehr gewesen

Nachdem der Erstling „Die Ordnung der Sterne über Como“, schon eine ganze Weile zurückliegt, widmet sich die Autorin in ihrem neuen Buch einer deutschen Familiengeschichte. Die Fincks sind in Nürnberg über die Jahrzehnte zu Geld gekommen. Eine einträgliche Möbelfabrik hat sie zu gut situierten Leuten gemacht. Doch Nikolaus, eher weniger erfolgreicher Drehbuchautor und Spross dieser Familie, glaubt nicht daran, dass Geld und guter Ruf seiner Verwandten auf ehrenwerte Weise erworben wurden. Die jüdische Familie Stein musste unter den Nazis das Land verlassen. War da nicht vielleicht etwas?Die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob es bei der Übernahme der Steinschen Fabrikation anständig zuging, hätte spannend sein können. Leider überfrachtet die Autorin ihren Text mit moralischen, religiösen, geschichtlichen und philosophischen Fragen, die in meinen Augen nicht  immer erkennbar Bezug zur Geschichte hatten. So mancher Exkurs fühlt sich gewillkürt und belehrend an, zumal diese seitenlangen Ergüsse auch die Handlung enorm ausbremsen. Kommt hinzu, das Nikolaus mir weder sympathisch war, noch schien er mir interessant genug, um seinen Monologen über mehr als 600 Seiten zu folgen. Guter Ansatz, aber die Ausführung fand ich nicht gelungen. 

Bourgeoise Bildungshuberei

Nikolas Finck, schwarzes Schaf einer Nürnberger Fabrikantenfamilie, ist nach über 20 Jahren in die Villa seiner Familie zurückgekehrt, um den 100sten Geburtstag seines Großvaters zu feiern. Ihn treibt zeitlebens ein schlimmer Verdacht um: Ist der Erfolg und Reichtum  der Fincks auf ehemals jüdischem Eigentum begründet?


Eine Geschichte, die vorhersagbar und auserzählt scheint. Aber Zeiner verknüpft dieses Thema mit der Geschichte der Erziehung: Die Fincks haben ihren Erfolg mit der Entwicklung einer Schulbank erzielt, mithilfe derer Generationen von Schülern in die „richtige“ innere und äußere Haltung gezwungen werden sollten. Ein origineller Kunstgriff: Zeiner zeigt, was von der autoritären Pädagogik des militaristischen Preußen bis hin zum vollen Terminkalender heutiger Schüler:innen alle Erziehungsstile gemeinsam haben: Sie sollen ein Individuum produzieren, das optimal an die Bedarfe des Staates angepasst ist. Ob Kapitalismus, Sozialismus oder Militarismus: Wie Zeiner die Schule als Ort der Überfremdung und des Selbstverlustes der Kinder zeichnet, fand ich sehr gelungen. Nürnbergs Historie, nicht nur als ehemalige Nazihochburg,  wird stellvertretend für Deutschland wie in einem Geschichtsbuch gleich mit abgehandelt.


Zeiners Figuren diskutieren über Heidegger, Barthes, Arendt, Kant, Foucault, Descartes, Adorno, Luther oder Richard Wagner und werfen eine Reihe von Fragen auf. Es gibt Bezüge zu und Zitate von so ziemlich allen deutschen Geistesgrößen der Geschichte und mit ihren vielen Verweisen und Anspielungen auf Thomas Manns „Zauberberg“ folgt sie einer literarischen Mode, auf die ich gut verzichten könnte. Zeiner lässt ihre Figuren über Kunst, Musik und Religion reflektieren. Inwiefern hat der Begriff der Erbsünde den  autoritären Erziehungsstil beeinflusst? Was verbindet Renaissance, Aufklärung und Luther? Ist das Christentum nichts anderes als die barbarische Version des Judentums? Zeiner nutzt die Dialoge ihrer Figuren, um provokante Thesen zu vertreten. Sie liefert bedenkenswerte Überlegungen und witzige Zuspitzungen. "Nur um gesehen zu werden, haben wir erst Gott und dann Facebook erschaffen!" Die Künstlichkeit der Dialoge macht klar: Es sind Zeiners Thesen; die Figuren stehen im Dienst der Botschaft, die sie vermitteln will und bleiben zweidimensional. Vor allem die Frauen des Romans lassen Profil vermissen; die Geschichte der Fincks entwickelt sich aus der Perspektive der Männer, deren Schicksal sich verwirrend ähnelt. Ein Stammbaum im Anhang wäre hilfreich gewesen.


Neben dem Thema der Erziehung verhandelt Zeiner das fluide Wesen der Zeit, das sich in der Erinnerung manifestiert. Mit unnachahmlicher Eleganz lässt sie ihre Sätze von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück gleiten, ohne dass man die Orientierung verlöre oder Mühe hätte zu folgen. Sie punktet mit schönen Bildern und einer sprechenden Symbolik; der Roman liest sich durchaus flüssig und unterhaltsam. Allerdings lässt Zeiner die Story sehr gemächlich voranschreiten. Zur spannungsbildenden zentralen  Frage des Romans nach der Herkunft des Finckschen Vermögens werden die Informationen nur spärlich und in Mikrohäppchen geliefert. Das dünne Handlungsgerüst des Romans vermag die philosophische Last kaum zu tragen.


Die „Villa Sternbald“ ist als klassischer Bildungsroman angelegt, der einerseits die Leserschaft bilden will, andererseits die Charakterbildung des Protagonisten zum Thema haben sollte.   Letzteres fand ich nicht überzeugend umgesetzt. Nik, das moralische Gewissen der Familie, ist ein irrlichternder, verantwortungsloser und lügenhafter Charakter, und das bleibt er durch den ganzen Roman. Erst nach über 600 Seiten mag man vielleicht - mit sehr gutem Willen - einen Richtungswechsel erkennen. Ich wusste bis zuletzt nicht, ob ich die paradoxe Ausgestaltung des Protagonisten als Fehlgriff oder Geniestreich werten soll.


Fazit: Nach dem zweiten Drittel wurde es mir zu viel mit der bourgeoisen Bildungshuberei. Ich hätte mir von der „Villa Sternbald“ lebendigere Figuren, mehr Handlung  und  weniger Belehrung gewünscht.

Eine voluminöse Geschichte über die aus Franken stammende Kaufmannfamilie Finck

Auf einer Anhöhe in Gründlach steht die Villa Sternbald, der Sitz der Unternehmerfamilie Finck. Erbaut hatte die stattliche Villa der Gründer der „Schulmöbelfabriken Finck“ Ferry Finck, der mit seiner Columba Schulbank 1897 auf der Erfindermesse in Paris die große Goldmedaille erhalten hat.

Zum 103. Geburtstag des Großvaters Henry kehrt Nikolas Fink in sein Elternhaus zurück. Aus einem Wochenende wird ein Jahr, in dem Nikolaus seine Familiengeschichte neu aufrollt. Eine Gelegenheit, die bewegte Vergangenheit der Familie, besonders die Fincksche Rolle während des Nationalsozialismus, zu erzählen ergibt sich, als Dr. Achaz beauftragt wird, für das bevorstehende 125jährigen Firmenjubiläum die Ausstellung zur Unternehmensgeschichte zu planen.

Wir gestalten den Wandel, wir übernehmen Verantwortung für die Vergangenheit und für die Zukunft.

Meine persönlichen Leseeindrücke

„Villa Sternbald“ ist eine voluminöse Geschichte über die aus Franken stammende Kaufmannfamilie Finck, die seit der Wilhelminischen Kaiserzeit Schulmöbel herstellt. Zeitlich umfasst der Roman weit gefasste Jahrzehnte und reicht bis 2014, in dem das 125jährige Bestehen gefeiert werden soll.

Im Zentrum der Familiensaga steht der phantasiebegabte Erzähler Nikolas Finck mit seinen verschwimmenden, keinesfalls chronologisch, sondern anekdotisch springenden Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit. Der heute 42jährige, mäßig erfolgreiche Drehbuchautor, gibt sich philosophisch, fast schon prüde elitär, und ist doch unfähig, die öffentliche und einem Unternehmersproß würdige Form zu waren. Hinter ihm liegt eine jahrzehntelange Abarbeitung an der eigenen Familie, die in seinem Suizidversuch endete. Schuld daran sucht er in der Rolle der Finckschen Familie während des Nationalsozialismus, die kein gutes Licht auf die nach außen hin gut bürgerliche Erfolgsfamilie wirft. 

Anfangs finde ich den etwas verrückten Nikolas sympathisch und kann seiner Familiengeschichte einiges abgewinnen. Ich finde sie niveauvoll geschrieben. Wenngleich die philosophische-theologischen Dialoge, Abhandlungen und Traktate durchaus interessant sind, empfinde ich sie mit der Zeit sehr belehrend. Sie verlangsamen meinen Lesefluss, ziehen die eigentliche Romanhandlung, die Sicht auf die Unternehmerdynastie Finck, unnötig in die Länge. Eine um etliche Seiten kürzere Fassung hätten dem Roman besser gestanden. 

Wir haben die Schulmöbel für die preußischen Kadettenschulen gebaut, dann haben wir Reformmöbel für die Weimarer Demokratie gebaut, dann haben wir die Schulmöbel für die Nazikinder und die Munitionskisten für den Vernichtungskrieg gebaut, und die Schreibtische für die Nazibeamten und die Holocaustplaner haben wir genauso gerne gebaut wie die Schreibtische für die Bonner Republik und die Chefetagen des Wirtschaftswunders, und auch den Bundestag in Berlin haben wir mit lupenrein demokratischen Büromöbeln ausgestattet, die sich an jeden vorstellbaren Zeitgeist anpassen können.

Nach 2/3 des Romans, der an die 650 Seiten füllt, fehlt mir der Kick, der meinen Lesewillen bei Laune hält. Nikolas Finck verlangt mir immer mehr ab. Dieser Zyniker, ewige Nörgler und Kritiker, für den ich am Anfang Verständnis aufbringen kann, verspielt sich mit seinem flegelhaften Auftreten meine Sympathie. Die einzelnen Erinnerungsbilder sind weiterhin wirklich schön und gut, doch nun zieht Langeweile ein und ich möchte auch endlich bei Nikolas Finck eine Wendung erleben.

„Ich bin der Spinner in der Familie, der Verrückte.“

Schlussendlich flüchtet er in seiner Lebensunfähigkeit in die Phantasiewelt des Spielens. Einzig sein liebevoller Neffe Johannes hat sich in meinem Herzen mit seiner kindlich reinen Seele einen Platz erobert. 

Interessant ist Zeiners Entscheidung, vor allem männliche Romanfiguren in den Handlungen hervorzuheben, sie als tragende Säulen der Familiengeschichte einzubauen und bewusst die Unternehmensfrauen im Hintergrund zu halten und ihnen nur oberflächliche Rollen zuzuweisen.

Fazit

„Villa Sternbald“ erzählt eine Familiengeschichte über 5 Generationen, voller Unglück und Zweifel, wirtschaftlichem Erfolg, schwerer Vergangenheit und angepasster Wahrheit. 650 Seiten wollen gefüllt werden. Zeiner versucht mit einem gepflegten Schreibstil eine geschichtliche Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte zu bieten, doch ziehen ihre philosophisch-theologischen Ausführungen, deren Zusammenhang mit der Familiengeschichte mir nicht immer begreiflich sind, das Buch unnütz in die Länge.

Es gibt nicht zwei Möglichkeiten, sondern immer unendlich viele Möglichkeiten und Wahrzeiten dazwischen.

Gespräche aus der Community

»Weihnachten mit Konrad« ... Das Aufbau-Weihnachtsquiz Teil 3
Hallo Leute, Büromops Karl Otto und ich trainieren heute Euren wichtigsten Muskel. Nein, nicht den Bizeps! Gemeint ist die graue Masse in Eurem Schädel. Wir gehen heute in die 3. Runde und sind gespannt, wie Ihr euch so schlagen werdet. 
Die alten Hasen unter Euch wissen schon, was zu tun ist: 

1. Findet das richtige Lösungswort in unserem Weihnachtsquiz und schickt dieses an holland@aufbau-verlag.de. Hier geht´s zum Quiz.

2. Beendet bitte hier bei LovelyBooks folgenden Satz: »Konrad aus dem Bürocontainer wünscht sich zu Weihnachten ...«
Wir sind gespannt auf Eure Beiträge! 
Einsendeschluss ist der 14.12. Am dritten Advent werden wir wieder 5 Gewinner unter den richtigen Einsendungen ermitteln.
Viel Spaß und viel Glück,Konrad und Karl Otto
73 BeiträgeVerlosung beendet
Grandvilles avatar
Letzter Beitrag von  Grandville
Mein Buch ist gestern angekommen! Vielen vielen Dank! Es sieht sehr schön aus, mehr kann ich noch nicht sagen, da ich es noch nicht aus der Folie gepackt habe. Das hebe ich mir immer ein wenig auf. Da ich mir mit diesem Buch ein wenig mehr Zeit lassen kann... werde ich es wohl erst so gegen Silvester anfangen zu lesen. Freue mich schon sehr darauf und werde auch meine Rezension in diesem Thread verlinken. Vielen Dank an den Verlag und ich wünsche allen ein frohes Fest und viele Geschenke und mit etwas Glück zumindest Puderzuckerschnee...!
Liebe Leserinnen und Leser,

ich freue mich, Euch meinen gerade erschienenen Debüt-Roman "Die Ordnung der Sterne über Como" vorstellen zu dürfen.

Der Blumenbar Verlag (bei Aufbau) spendiert 25 druckfrische Leseexemplare, die unter all jenen vergeben werden, die sich bis einschließlich 24.3. bewerben. Ich würde mich freuen, mit Euch über das Buch, die Geschichte, die Figuren zu diskutieren, und bin gespannt auf Leseeindrücke!

Kurz zum Inhalt:

Der Roman handelt vom verpassten und verspielten Glück und nicht zuletzt vom Glück, unglücklich zu sein, unglücklich verliebt. Er erzählt die Geschichte zweier Männer und einer Frau, die ihre Freundschaft und ihre Liebe aufs Spiel setzen.
Tom Holler, halbwegs erfolgreicher Pianist und frisch getrennt von seiner Frau, tourt mit seiner Berliner Band durch Italien. In Neapel hofft er, seine große Liebe, Betty Morgenthal, wiederzutreffen. Doch je näher die Begegnung rückt, desto tiefer taucht Tom in die Vergangenheit ein. Denn vor vielen Jahren verunglückte Marc, sein bester Freund und Bettys Lebensgefährte. Tom hat keine andere Wahl, als die fatale Dreieckgeschichte in der Erinnerung noch einmal zu erleben. 


Berlin und Italien, Leichtsinn und Schwermut, die lauten und die leisen Töne - dieser Roman ist voller Musik. (So der Verlag). 

Ich würde mich freuen, wenn Ihr Lust habt, reinzuhören ...




"Die Ordnung der Sterne über Como" wurde übrigens letzte Woche mit dem Debüt-Preis der Lit.Cologne ausgezeichnet. Vielen Dank noch einmal an das großartige Kölner Publikum!

Ich freue mich auf eine interessante Leserunde ...
Monika Zeiner
618 BeiträgeVerlosung beendet
AndreaMartinis avatar
Letzter Beitrag von  AndreaMartini
Noch einmal an dieser Stelle meinen herzlichen Glückwünsch zu Ihrem großartigen Erfolg und diesem wunderbaren Buch. Ich bin sicher, es noch das eine oder andere Mal in die Hand zu nehmen, um in Ihren, wie Sie sagten, manchmal etwas langen Sätzen zu schwelgen. Danke auch für das nette Gespräch nach Ihrer Lesung auf der Buchmesse. Es hat mich sehr gefreut, Sie dort persönlich zu treffen. Für die Zukunft und Ihre weiteren Projekte als Schrifstellerin und Musikerin wünsche ich Ihnen viel Erfolg!

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