Morten Brask

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Morten BraskDas perfekte Leben des William Sidis
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Das perfekte Leben des William Sidis
Das perfekte Leben des William Sidis
 (11)
Erschienen am 30.01.2017
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Das perfekte Leben des William Sidis
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Erschienen am 30.01.2017

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pardens avatar

Rezension zu "Das perfekte Leben des William Sidis" von Morten Brask

Eine große Begabung kann auch ein Fluch sein....
pardenvor einem Jahr

EINE GROSSE BEGABUNG KANN AUCH EIN FLUCH SEIN...

Albert Einstein hatte einen geschätzten IQ-Wert von 160-180 und war unbestritten eines der größten Genies des vergangenen Jahrhunderts. William Sidis, der fast zeitgleich zu Einstein lebte, hatte einen geschätzten IQ-Wert von 250-300. Und niemand kennt heute noch seinen Namen. Aber weshalb? Morten Brask widmet sich dieser Frage in seiner einfühlsamen, sorgfältig komponierten und hochliterarischen Biografie dieses längst vergessenen Hochbegabten.

Nach jahrelanger Recherche und basierend auf Artikeln, Büchern, Tagebüchern, Briefen und Gerichtsprotokollen, erzählt Morten Brask sehr bildlich und szenisch die wahre Geschichte von William Sidis, einem Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine. 1898 in New York geboren, wird William gleich nach seiner Geburt zum Studienobjekt seines Vaters. Um seinen Sohn zu befähigen, statt der üblichen 10% des Gehirns auch die übrigen 90% zu nutzen, bemüht sich der Psychologe Boris Sedis, William von klein auf eine fördernde Umgebung zu bieten. Denken und Argumentieren statt Spiel und Sport.


"Die Einschulung kommt viel zu spät, um anzufangen. Wenn die Kinder sechs sind, ist der kritische Punkt längst vorbei, die mentalen Funktionen des Kindes sind dann schlichtweg atrophiert und degeneriert. Und diesen Fehler dürfen wir nicht begehen. Ich finde, wir sollten Billy schon jetzt wie einen Erwachsenen behandeln, so als könnte er alles, was wir auch können."



Und die Erziehung greift: Mit 18 Monaten kann der kleine Billy Zeitung lesen. Mit vier liest er Caesar und Homer im Original. Nicht viel später spricht er fließend Russisch, Französisch, Deutsch, Hebräisch, Türkisch, Armenisch - sowie Vendergood, eine von ihm selbst erfundene Kunstsprache, komplett mit eigener Grammatik und Wörterbuch. Die Grundschule verlässt William nach gerade einmal sieben Monaten, die High School hat er nach drei Monaten hinter sich. Mit acht Jahren hat er Zugangsberechtigungen zum Massachusetts Institute of Technology sowie zum Medizinischen Institut in Harvard in der Tasche. Doch selbst die Eliteuniversitäten wissen nicht, wie sie mit dem Extrembegabten umgehen sollen. Erst nachdem Sidis mit 11 Jahren in Harvard einen Vortrag über seine Gedankengänge zur vierten Dimension hält, darf er dort mit dem Studium beginnen. 


"Minuten vergehen, ehe der Beifall nachlässt, aber dann kommt die Kakophonie der Stimmen jäh wieder, die Professoren diskutieren über den Vortrag und über William. Einer nach dem anderen kommt und schüttelt Williams Hand und redet und redet, sie seien überwältigt, sagen sie, sie hätten nie etwas Derartiges erlebt; 'ein Licht', 'ein Genie' sind die Worte, die sie in Sätze flechten."


Doch mit 11 Jahren studieren? Was macht das mit einem Kind? Intellektuell war William sicher bereit dazu - er, der nicht nur mathematische und sprachliche Begabungen hatte (er sprach letztlich über 40 Sprachen fließend), sondern über ebenso gründliche Kenntnisse der Anatomie, Wirtschaft, Philologie, Jura, Geschichte, Politik und Astronomie verfügte. Aber emotional? Als Kind unter erwachsenen Studenten, ohne seine Eltern oder einen anderen Menschen, der ihn unter seine Fittiche nahm? Und dafür immer im Fokus der Presse, die William als Wunderkind präsentierte und auf immer neue Höchstleistungen wartete?

Morten Brask schildert eindrücklich diese Diskrepanz zwischen dem hohen Intellekt einerseits und dem Mangel an emotionaler Zuwendung andererseits. Als Projekt seiner Eltern hatte William Sidis niemals die Möglichkeit, einfach nur Kind zu sein - Sport wurde als unnütze Zeitverschwendung angesehen, ein gemeinsames Spielen mit anderen Kindern gab es nicht. Durch den stetigen Wechsel der Zeitebenen in der Erzählung zwischen der Kindheit und Jugend, dem Leben als jungem Erwachsenen und schließlich seinem letzten Lebensjahr, erhält der Leser hier einen zunehmenden Einblick in das Werden und Leben des William Sidis. Und Morten Brask schafft es, einem diesen hochintelligenten Menschen nahe zu bringen.


"Die Welt steht dir offen, William.Es kommt nur darauf an, dass du kluge Entscheidungen triffst."


Sidis kognitive Leistung ist sicher ein wesentlicher Teil dieser Geschichte und unstrittig faszinierend. Man bekommt als Leser tatsächlich ein Gefühl dafür, wie es ist, derart schlau zu sein. Diese Art, alles sofort zu berechnen, alles auf Anhieb zu verstehen, Verbindungen zu erkennen, auf die sonst kaum jemand kommt. Bei der Schilderung eines möglichen Zusammenhangs von Sonnenflecken und Revolutionen beispielsweise habe ich zunächst nur kopfschüttelnd gegrinst, bevor ich immer aufmerksamer gelesen und gestaunt habe. Doch manches habe ich auch nicht wirklich verstanden, wie z.B. in William Sidis Unterhaltung mit seinem Freund Scharfman, bei der es um Astronomie und um die Möglichkeit ging, die Kräfte der Natur umzukehren sowie um die mögliche Präsenz schwarzer Löcher im Universum. Mein IQ scheint sich einfach nicht in diese schwindelerregenden Bereiche zu erheben...

Ein ebenso wesentlicher Teil der Erzählung ist aber auch der übrige William Sidis, seine Gefühle, Interessen, Freunde, Liebe, Einsamkeit. Seine Hypersensibilität, die ihn sämtliche Gerüche, Geräusche, Wahrnehmungen um ein vielfaches stärker und intensiver empfinden lässt als andere. Das ständige Präsentiertwerden als Wunderkind schon in jungem Alter. Seine große und einzige Liebe, die so kurz währt, ihn jedoch ein Leben lang nicht loslässt. Seine erste Stelle als Mathematikdozent, die er aufgibt, weil er von seinen durchweg älteren Studenten ohne Unterlass gehänselt wird, obwohl er für sie eigens ein Lehrbuch verfasst hat (auf Altgriechisch). Auch eine andere Stelle kündigt er, weil er erst später erfährt, dass diese militärischen Zwecken dient - und Sidis ist glühender Pazifist. Seine Verhaftung und seine Anklage vor Gericht aufgrund der Teilnahme an einer ungenehmigten Demonstration der kommunistischen Bewegung. Die darauf folgenden Umerziehungsversuche seiner Eltern durch das Wegsperren in eine Psychiatrie, einschließlich des Verhinderns der Kontaktaufnahme zu Williams Freunden...


"Ich möchte ein perfektes Leben führen. Das perfekte Leben lässt sich nur in Abgeschiedenheit führen. Menschenmengen habe ich immer gehasst."



Auch wenn Morten Brask hier nicht angklagend schreibt, sondern in wohlgesetzten Formulierungen, eher nüchtern und emotionsarm, wird die wachsende Not Williams beim Lesen zunehmend spürbar. Und doch lässt der Autor die aufsteigende Traurigkeit des Lesers kaum einmal wirklich zu. Denn obschon William schlussendlich ein Leben in Einsamkeit verbringt - er kehrt seinen Eltern, sämtlichen ehrgeizigen Ambitionen und nicht zuletzt auch der hartnäckigen Presse rigoros den Rücken und lebt vollkommen anonym von häufig wechselnden Jobs als einfacher Büroangestellter, schreibt nur noch in seiner Freizeit Artikel und Bücher und widmet sich seiner Fahrkartensammlung - lebt er letztlich das Leben, zu dem er sich bewusst entschieden hat. In Sidis Augen: ein perfektes Leben.


"Es gibt wohl kein Leben, das richtiger ist als ein anderes. Man soll danach streben, das Leben zu wählen, das man selber für richtig hält, und wenn man das getan hat, ist das sicher eine Art Lebensperfektion."


Im Alter von 46 Jahren stirbt William Sidis an einer Hirnblutung - so einsam, wie er gelebt hat. Ich muss gestehen, dass ich das Buch mit einem Kloß im Hals schloss, nicht jedoch verbittert. Sondern mit dem Gedanken: Was wohl ist ein perfektes Leben? Ist es das Ausschöpfen aller Fähigkeiten, über die man verfügt? Nun, William Sidis hat sich für ein anderes perfektes Leben entschieden. Und dem zolle ich definitiv Respekt.

Eine beeindruckende Biografie über ein längst vergessenes Genie, die noch lange nachhallt...


© Parden

Kommentare: 10
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Ancareens avatar

Rezension zu "Das perfekte Leben des William Sidis" von Morten Brask

Wer kennt den intelligentesten Menschen aller Zeiten?
Ancareenvor 2 Jahren

William Sidis ist keine fiktionale Figur. Er lebte tatsächlich und gilt als der intelligenteste Mensch aller Zeiten. Wie kann es sein, dass er nie in der Geschichtsschreibung auftaucht, es gibt kaum Veröffentlichungen von ihm gibt? Nur die Sensationspresse schrieb immer wieder über ihn.

„Man soll danach streben, das Leben zu wählen, das man selber für richtig hält,...“. William gibt diesen Ratschlag Nat, seinem Freund, der reichlich Alkohol trinkt und seine wissenschaftliche Laufbahn auf diese Weise ruiniert. Hatte William die Möglichkeit so zu leben, wie er es für richtig hielt?


Die Handlung des Romans beginnt 1944 in einem riesigen Bürogebäude in dichtem Nebel. William ist ein Büroangestellter, der nun schon seit 20 Tagen an diesem Ort arbeitet und auf jeden Fall unerkannt bleiben will. Dann folgt ein Sprung zurück in das Jahr 1910. William ist elf Jahre alt und hält in Harvard einen Vortrag über die vierte Dimension vor einem gefüllten Saal, in der ersten Reihe sein Vater Boris. Die Kluft zwischen diesen beiden Situationen könnte größer nicht sein. Mit diesen Sprüngen durch die Zeit erzählt Morten Brask von Williams Leben. Die einzelnen Szenen lassen ein komplexes Bild entstehen, seine Kindheit, das Leben seiner Eltern,seine große Liebe Martha, seine Flucht aus der psychiatrischen Klinik, sein Leben als Büroangestellter.

Mich fesselte die Art der Komposition und die Sprache mit der Morton Brask von dem sensiblen Mann erzählt.

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JulesBarroiss avatar

Rezension zu "Das perfekte Leben des William Sidis" von Morten Brask

Klug, einsam und doch perfekt!?
JulesBarroisvor 2 Jahren

Das perfekte Leben des William Sidis - Morten Brask (Autor), Peter Urban-Halle (Übersetzer), 368 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG (30. Januar 2017), 24,00 €, ISBN-13: 978-3312010134

Vor diesem Buch sagte mir der Name William Sidis gar nichts. Meine Neugier wandelte sich beim Lesen sehr schnell in Verblüffung:

Da ist jemand außergewöhnlich intelligent und klug. Verpflichtet ihn das auch, seine Fähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft zu stellen? Wie kann so ein Talent, das wie kein anderes für den Fortschritt des menschlichen Wissens beigetragen haben sollte, ohne eine Spur in der Geschichte verschwinden? Diese Frage stellt sich mir beim Lesen dieser Biographie.

Wer war William Sidis? Er lebte von 1898 bis 1944 in den Vereinigten Staaten und hatte den höchsten Intelligenzquotienten, geschätzt bei etwa 250 bis 300. Er konnte lesen bevor er zwei Jahre alt war, mit drei Jahren sprach er Griechisch und Latein. Mit acht Jahren absolvierte er in nur zwölf Wochen die High-School. Bis dahin hatte er bereits vier Bücher geschrieben. Mit 11 Jahren begann er sein Studium an der Harvard-University und hielt dort schon in diesem Alter Vorträge über nichteuklidische Geometrie und die vierte Dimension. Also ein Wunderkind. Dem Höhenflug folgte ein jäher Sturz. Sidis konnte sich gerade noch graduieren, musste bald schlecht bezahlte Jobs annehmen und gar eine Gefängnisstrafe absitzen und starb, nur 46 Jahre alt, als mittelloser Misanthrop. Und trotzdem war er am glücklichsten allein und wollte nur in Ruhe gelassen werden.

Sein Vater lehrte Psychologie an der Harvard-University und seine Mutter war Ärztin. Beide regten ihn vom Babyalter an, sein Gehirn zu benutzen und sahen keinen Sinn darin ihn spielen zu lassen, vor allem nicht mit anderen Kindern. So entwickelte sich William Sidis zu einem ganz anderen und sehr einsamen Kind, das sich mit dem sozialen Leben schwer tat. Er hatte natürlich auch Bekannte und einen Freund namens Nathaniel Sharfman. Er lebte und starb einsam. Und es gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass ihn diese Einsamkeit unglücklich machte. „Ich möchte ein perfektes Leben führen. Das perfekte Leben lässt sich nur in Abgeschiedenheit führen. Menschenmengen habe ich immer gehasst.“

Morten Brask schreibt einen dokumentarischen und doch nachdenklichen, hochliterarischen Roman über den wahrscheinlich klügsten und einsamsten Mann der Welt. Es ist nicht einfach nur eine Biographie, sondern eine Interpretation von William und seinem Schicksal. Er geht den Fragen nach: Warum ist ein so begabter Mensch heute unbekannt? Was war sein Leben? Was ist passiert? Was ist schief gelaufen? Was bringt einen Menschen dazu zu sagen, „Der einzige Weg, das perfekte Leben zu leben, ist es in der Einsamkeit zu leben." William Sidis lebte fast gleichzeitig mit Albert Einstein. Aber wo Einstein ein weltbekannter Physiker wurde, beendete William sein Leben in der Anonymität. Wie kam es dazu? War seine Intelligenz angeboren oder anerzogen?

Der Autor lässt die Geschichte in drei Erzähllinien entstehen: Seine Kindheit und Jugend, seine Beteiligung an der sozialistischen Bewegung und nicht zuletzt (keusche) Liebesaffäre mit Martha und sein letztes Jahre 1944. Seine Sprache ist einfach, nicht im Sinne von oberflächlich oder primitiv, sondern im Sinne von nüchtern, von einer durchaus lobenswerten Trockenheit. Es gelingt ihm, in diesem spannenden Roman hinter den tausend Gesichtern eines Genies, das wahre Gesicht des Menschen William Sidis zu entdecken. Es ist das starke Porträt eines in vielerlei Hinsicht vernachlässigten Kindes.

Die Quintessenz aus diesem Buch lautet für mich: Es gibt viele Möglichkeiten, das Leben zu leben. Niemand sagt, dass die traditionelle Familie, Kinder und Karriere auf jeden Fall die einzige Möglichkeit ist, ein perfektes Leben zu leben. Und es bleibt die Frage: Ist ein perfektes Leben auch ein glückliches Leben? Oder wie Sidis selber sagte: „Es gibt wohl kein Leben, das richtiger ist als ein anderes.“ (Seite 315)

Eine lesenswerte authentische Geschichte, die sich um Fragen dreht, die auch und besonders heute ihre Berechtigung haben und nach Antwort rufen, z.B. für die groteske Tendenz, dass Eltern völlig unkritisch ihre mehr oder weniger talentierten Sprösslinge als hochbegabt bezeichnen und alles tun, damit andere das auch so sehen. Das Buch liefert dazu einige Antworten und lässt viel Raum zum eigenen Nachdenken.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Nagel & Kimche Verlags Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-perfekte-leben-des-william-sidis/978-3-312-01013-4/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

  

 

 

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