Négar Djavadi

 4.5 Sterne bei 4 Bewertungen
Autor von Desorientale.

Alle Bücher von Négar Djavadi

Desorientale

Desorientale

 (4)
Erschienen am 19.09.2017

Neue Rezensionen zu Négar Djavadi

Neu
miss_mesmerizeds avatar

Rezension zu "Desorientale" von Négar Djavadi

Négar Djavadi - Desorientale
miss_mesmerizedvor einem Jahr

Kimiâ Sadr sitzt im Warteraum ihrer Ärztin. Heute ist der Tag, an dem sie endlich die Insemination vornehmen soll, sie wird Mutter werden, so wie es ihr vor langer Zeit in einem anderen Leben prophezeit wurde. Dieses Leben hat nichts mehr mit ihrem Hier und Jetzt zu tun und dennoch bestimmt es, wer sie ist und wie sie in diese Klinik gekommen ist. Also holt sie aus und berichtet ihren Zuhörern von ihrer Kindheit im Iran, ihren politisch engagierten Eltern und der Zeit der Revolution, wie sie mit der Absetzung des Schahs das Leben veränderte, härter und bedrohlicher wurde. Gewalt und Verfolgung, schließlich die Flucht in ein fremdes Land. Die Schwierigkeit in ihrer Familie über das zu reden, was passiert war, den Neuanfang zu wagen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Entgegen meiner Erwartung ist das Buch weniger ein Bericht über die Schwierigkeit, in Frankreich anzukommen und Fuß zu fassen, sondern viel mehr erlaubt es einen Blick in den Iran der 70er Jahre. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in der Zeit vor der Flucht und den Entwicklungen im Mittleren Osten. Die Autorin erklärt ihren autobiographischen Roman auch rasch zu Beginn:

«Die Rolltreppe, die gehört denen.» Das war ein Stück weit der Grund, warum ich diese Geschichte begonnen habe, ohne recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass das hier keine lineare Erzählung wird. Um die Gegenwart schildern zu können, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgehen, muss Grenzen überqueren.

Und Ihr noch junges Leben ist bereits sehr bewegt:

Ich habe das Land gewechselt und die Sprache, mir wiederholt eine andere Vergangenheit ausgedacht, eine andere Identität. Ich habe gekämpft, jawohl, gekämpft habe ich gegen den heftigen Wind, der sich vor sehr langer Zeit erhoben hat, in einer abgelegenen persischen Provinz namens Mazandaran, mit vielen Todesfällen und vielen Geburten, rezessiven und dominanten Genen, Staatsstreichen und Revolutionen.

So entsteht in der Tat eine Erzählung, die zwischen Frankreich und dem Iran springt, die auf die Generation ihrer Eltern und deren politisches Engagement, das sie in Lebensgefahr bringt, zurückblickt. Vor allem ist es immer wieder die Mutter der drei Mädchen, Sara Sadr, die im Zentrum steht. Keine Frau, die sich mit häuslichen Pflichten zufrieden gibt, sondern die das Leben anpackt und für eine bessere Zukunft kämpft und stets ihrem Mann an der Seite steht. Simone Veil ist ihr bewundertes Vorbild, doch das, was im Frankreich der 70er Jahre möglich ist, ist im Iran noch in weiter Ferne. Durch die Frauen werden die vorherrschenden Rollenbilder und vor allem der Umgang mit Sexualität thematisiert. Bezogen auf ein unfruchtbares Paar aus ihrer Nachbarschaft stellt die Mutter fest:

«Natürlich ist er unfruchtbar. Wenn sie die Schuldige wäre, hätte er sich schon lange von ihr scheiden lassen!» Damit hätten wir die Stellung der iranischen Frau mit zwei Sätzen zusammengefasst.

Ähnlich verhält es sich als die junge Kimiâ den Familienstammbaum entdeckt:

Eines Tages fragte ich Bibi: «Warum haben sie die Mädchen nicht in den Baum eingezeichnet. Wir existieren doch auch, oder nicht?»
«Du glaubst, dass du existierst, aber du existierst nicht …»
«Und ob ich existiere!»
«(Fatalistische Grimasse von Bibi) Warte, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du es verstehen …»
Mit der Flucht lassen sie alles hinter sich. Keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, nichts können sie mit in das neue Leben retten. Das Schweigen in der Familie über das, was passierte, macht es für die Mädchen nicht einfach. Sie werden Jahre brauchen, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man in Frankreich keine Vorstellung von ihrer Heimat hat und es nicht gelingt, ihr Bild des Iran zu vermitteln. Es interessiert auch nicht, sie sollen sich integrieren und dazu gehört zu vergessen, zu verdrängen, die iranische Identität abzulegen.

Nachdem ich Négar Djavadi auf der Buchmesse erlebt hatte, war mein Interesse an ihrer Geschichte geweckt. Wir haben viele Vorstellungen über Einwanderer und deren Heimat, aber oftmals werden diese durch die westliche Schablone verzerrt, umso wichtiger sind diese Erzählungen, die uns einen direkten Einblick erlauben und vieles wieder zurechtrücken können. Ein sehr bewegender Roman, der bislang in Deutschland noch viel zu wenig beachtet wurde. 

Kommentieren0
1
Teilen
sabatayn76s avatar

Rezension zu "Desorientale" von Négar Djavadi

‚Ich gehe. [...].'
sabatayn76vor einem Jahr

‚Ich gehe. Es ist möglich, dass eine so schreckliche Sache geschieht, so wie es möglich ist zu sterben, obwohl man noch eine Sekunde zuvor gelacht hat. Genauso einfach ist das, und genauso unbegreiflich.‘

Kimiâ Sadr, die Ich-Erzählerin des Romans und Alter Ego der Autorin Négar Djavadi, nimmt den Leser mit auf die Reise in die Vergangenheit ihrer Familie.

Djavadi erzählt von der Herrschaft des Schahs und der Geheimpolizei SAVAK, von Verhaftung und Eliminierung, von der kommunistischen Partei Tudeh und dem Leben im Untergrund, von der Rückkehr Chomeinis aus dem Exil und der Gründung der Islamischen Republik, von Hoffnung und Enttäuschung, von Flucht und Migration, vom Leben im Exil und den Schwierigkeiten, an einem anderen Ort anzukommen und weiterzuleben.

Mir hat der Einstieg ins Buch sehr gut gefallen, und die Art und Weise, wie Djavadi bzw. ihr Alter Ego Kimiâ sich direkt an den Leser wendet, wie sie vertraut mit diesem spricht und dass sie ein sehr mysteriöses erstes Kapitel gewählt hat, das viele Fragen aufwirft, hat mich neugierig auf den Roman gemacht.

Die nachfolgenden Kapitel haben mich durch die vielen Verschachtelungen, die beinahe an ‚1001 Nacht‘ erinnern, da die Autorin immer weiter abschweift und immer neue Aspekte anspricht, jedoch eher verwirrt statt begeistert, auch wenn mir die vielen geschichtlichen Informationen, die man durch die Autorin und ihre Familiengeschichte erhält, gut gefallen haben. Die ausführlichen Geschehnisse in der Familie Sadr werden immer wieder unterbrochen von den Ereignissen in der Kinderwunsch-Abteilung eines Krankenhauses, in denen man Kimiâs Insemination im Detail verfolgen kann.

Auch wenn ich viele Episoden im Roman sehr gelungen fand, mich die vielen Momente, in denen man als Leser sehr eindrücklich von historischen Ereignissen erfährt, begeistert haben und mich ‚Desorientale‘ durch seine anspruchsvolle Sprache mit kreativen Wortneuschöpfungen (z.B. ‚ajatollisiert‘) überzeugen konnte, habe ich erst ab der Hälfte wirklich in den Roman gefunden. Bis dahin hat ‚Desorientale‘ als Gesamtwerk für mich nicht recht funktioniert, da ich die Ausführungen als allzu inkohärent empfunden habe. Auf der sogenannten ‚B-Seite‘ des Romans, die sich - wie bei einer Schallplatte - ganz grundlegend von der ‚A-Seite‘ unterscheidet, habe ich all das gefunden, was ich im ersten Teil des Romans vermisst habe, wurde mitgerissen, konnte das Buch kaum weglegen, war bewegt und berührt.

‚Desorientale‘ ist ein Debütroman, der dem Leser den Iran sehr nahe bringen kann, da hier die Geschichte, die Politik, die Traditionen und der Alltag sehr ausführlich vorgestellt werden, der jedoch auch zeigt, welche Wunden durch das Weggehen aus der Heimat entstehen können, wie man sich verloren und nirgends zugehörig fühlen kann. Letztendlich ist es ein Buch, das ich sicherlich noch einmal lesen muss und möchte, da ich beim ersten Lesen oft keinen Zugang gefunden habe, ich nach Beendigung des Romans jedoch das deutliche Verlangen habe, nochmals im Detail den Ausführungen Djavadis zu folgen.

Kommentieren0
4
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 16 Bibliotheken

auf 6 Wunschlisten

Worüber schreibt Négar Djavadi?

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks