Nadja Spiegelman

 3.7 Sterne bei 36 Bewertungen

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Was nie geschehen ist

Was nie geschehen ist

 (35)
Erschienen am 09.03.2018

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Rezension zu "Was nie geschehen ist" von Nadja Spiegelman

Was nie geschehen ist
BluevanMeervor 23 Tagen

"Maus, der Comic meines Vaters, in dem er die Erfahrungen seiner Eltern in Auschwitz und weiteren Konzentrationslagern verarbeitet hatte, gewann den Pulitzer Preis, als ich fünf war. Im Licht dieses Preises erschien er der Welt überlebensgroß, so groß, dass sogar er selbst hin und wieder damit zu kämpfen hatte. Bei uns zu Hause war jedoch meine Mutter diejenige, die den längeren Schatten warf." (S.18)


Nadja Spiegelman ist die Tochter des Comiczeichners Art Spiegelman und der Art-Direktorin des New Yorker  Françoise Mouly. Deswegen, so stellt sie relativ am Anfang ihres Romans fest, habe sie schon immer gewusst, wie es sich anfühle, als Protagonistin in einem Roman aufzutauchen. Als sie geboren wurde, markierte ihr Vater sie als Sternchen im Nachthimmel von "Maus". Im autobiographischen Debütroman der 30-jährigen kommt ihr Vater allerdings kaum vor. Stattdessen beleuchtet sie das komplizierte Verhältnis ihrer Mutter und ihrer Großmutter und die Machtkämpfe mit ihrer Mutter, während ihrer Pubertät und als junge Frau.

Ihre Mutter wird 1955 in Paris geboren. Eine Szene aus ihrer Kindheit erzählt sie ihrer Tochter Nadja immer wieder: Francoise versucht eine Zitronentarte zu backen. Ihre Mutter, ihr Vater und ihre Schwestern lachen sie aus, man bräuchte ja einen Hammer und eine Säge um das Stück Kuchen essen zu können. Doch bei dieser Demütigung bleibt es nicht. Francoise bekommt mit, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, der Vater ist Schönheitschirurg und verkehrt in den Kreisen der High Society, auch ihre Mutter hat Affären und kümmert sich nicht um ihre Tochter - bis diese nach New York abhaut, versucht sich das Leben zu nehmen, überlebt, wieder an Depressionen leidet und am Ende eine erfolgreiche Karriere als Künstlerin und Leiterin eines Comicverlages antritt.

Das Verhältnis von Francoise und ihrer Mutter Josée war immer angespannt. Seit 2009 überlegte Spiegelmann ein Buch über ihre Mutter und ihre Großmutter zu schreiben und greift damit ein Thema auf, dass auch ihren Vater immer umtrieben hat: Familie.

Nadja Spiegelman beschreibt, wie viel Zeit es gekostet hat, dass ihre Mutter ihr mit ihrer Geschichte vertrauen konnte. Hat man als Leser*in gerade das Gefühl, ein Gespür für Joseé bekommen zu haben und sie als herrschsüchtige und dominante Figur eingeordnet, folgt Nadja in der Mitte des Romans einer Einladung Josées nach Paris, wo die ältere Dame auf einem Hausboot lebt. Enkelin und Großmutter verstehen sich wunderbar - und Josée erinnert sich ganz anders an die Erlebnisse ihrer starrsinnigen Tochter Francoise. Außerdem erzählt sie Nadja stattdessen von ihrer Kindheit und dem, was sie unter ihrer Mutter zu erleiden hatte.    
Es ist spannend zu lesen, wie sehr sich die Erinnerungen dieser beiden wichtigen Frauenfiguren in Nadjas Leben unterscheiden.
Es gibt so viele blinde Flecken und so wenig Verständnis füreinander. Schon allein die Geschichte mit der Zitronentarte, die für Francoise zur lebenslangen Schmach wurde, erscheint in Josées Erinnerung als kleine Nichtigkeit, die niemanden lange interessiert hat. So unterschiedlich können Erinnerungen sein und so unzuverlässig ist letztlich das, was sich als prägender Moment in unserem Leben herauskristallisiert. Eine allgemein gültige Erkenntnis, die doch die Besonderheit dieses Romans ausmacht.

Auch wenn man nicht das Gefühlt hat, dass es sich um einen Roman handelt, in dem viel passiert, sind die Beziehungen untereinander häufig von Missverständnissen, gänzlich unterschiedlich wahrgenommenen Ereignissen und auch Vernachlässigung geprägt. Durch die Gespräche mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter gelingt es Nadja, neben den sich wiederholenden Mustern von Selbstbehauptung und Aufbegehren gegen die festgelegten Familienstrukturen, zwei faszinierende Frauen und ihre Lebensgeschichte zu beschreiben, die sich immer wieder auch gegen männliche Dominanz in ihrem Leben stellen mussten. Je länger man liest, desto mehr gewinnt man den Eindruck, beide, Mutter und Großmutter auf ihre ganz eigene Art zu verstehen. Und das ist faszinierend zu lesen. 


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L

Rezension zu "Was nie geschehen ist" von Nadja Spiegelman

Interessant, aber anstrengen zu lesen
Lealein1906vor 2 Monaten

Eigentlich würde ich dem Buch gerne mehr Sterne geben, weil ich es unglaublich mutig finde die Geschichte von sich, seiner Mutter und seiner Großmutter in so einer ehrlichen Weise aufzuschreiben. Leider fand ich das Buch jedoch sehr anstrengend zu lesen, habe Monate dafür gebraucht, weil mich nichts wirklich am Lesen gehalten hat. Da kann ich, wenn auch mit Bedauern, nicht mehr als zwei Sterne geben.
Wie schon gesagt erzählt die Autorin Nadja hier ihre Geschichte, also auch die Geschichte, wie sie dieses Buch schreibt. Im Mittelpunkt stehen ihre Mutter und später auch ihre Großmutter und deren Lebensgeschichten.
Mein größtes Problem war, dass auf mich alles sehr unstrukturiert wirkt. Mal erzählt sie hier von, mal da von, dann springt sie zurück in die Gegenwart, wechselt wild die Perspektiven. Das hat für mich nicht funktioniert, hat es mir schwer gemacht der Geschichte zu folgen. Schwergetan habe ich mich auch damit, dass oft verschiedene Versionen einer Geschichte erzählt worden sind, weil es verschiedene Erinnerungen gibt.
Trotzdem kann ich nicht sagen, dass nicht viele Aspekte sehr interessant gewesen wären.
Ich glaube, wenn man von Anfang an fasziniert von dieser Geschichte ist, fällt es einem leichter sich mit dem Buch zu identifizieren und hat ein ganz anderes Leseerlebnis. Das hatte ich aber leider nicht.

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Rezension zu "Was nie geschehen ist" von Nadja Spiegelman

Versionen einer Geschichte
leseleavor 6 Monaten

Kinder berühmter Eltern neigen häufig dazu, ihre Geschichte im Schatten der übergroßen Eltern erzählen zu wollen, ihr Aufwachsen und Großwerden mit lebenden Helden skizzieren, erklären und deuten zu wollen. Auch Nadja Spiegelmans Debütroman Was nie geschehen ist steht in dieser Tradition – wenn auch anders, als man beim Erblicken des Autorennamens nennt. Denn Nadja Spiegelman ist zwar die Tochter des Pulitzer-Preisträger Art Spiegelman, doch ihr Buch kreist um ihre weniger bekannte, wenn auch nicht weniger talentierte Mutter Françoise Mouly. Denn das Leben an ihrer Seite, mit ihrer Wut, ihrer Zurückweisung und ihrer Verschlossenheit, ist es, was Nadja Spiegelman dem eigenen Empfinden nach am meisten geprägt hat. Indem sie den Gefühlen und Charaktereigenschaften ihrer Mutter nachforscht, die sich auf ähnliche Weise auch bei anderen Mitgliedern der mütterlichen Familie finden lassen – bei den Tanten, der Großmutter, der Urgroßmutter –, begibt sich Nadja Spiegelmann auch auf die Suche nach dem eigenen Ich und versucht zu verstehen, warum passierte, was passierte und warum sie ist, wie sie ist.

Nadja Spiegelmann schreibt in Was nie geschehen ist im Allgemeinen und im sehr konkreten Fall der Familie Mouly über Liebe und Liebesentzug, uneheliche und nicht-gewollte Kinder, Gewalt und sexuellen Missbrauch, Rivalitäten, Geltungssucht und die Unfähigkeit von Familienmitgliedern, offen und ehrlich miteinander zu sprechen. Gerade der letzte Punkt führt sie jedoch zum eigentlichen Kern ihres knapp 400-Seiten langen Werkes: Was nie geschehen ist setzt sich intensiv mit den Geschichten auseinander, die Familien über sich selber erzählen, ja beinahe kultivieren, bis sie zu Familienmythen werden, die scheinbar alles sagen, was man über eine Familie wissen muss. Die Krux ist nur: Jedes Familienmitglied erzählt diese Geschichten anders, bewertet sie anders, deutet sie anders. Folgt man diesen verschiedenen Versionen, unter denen – und das ist das literarisch Interessante an Spiegelmans Roman – die Autorin mit ihrem Buch quasi das vorläufige Glied einer langen Kette einnimmt, so gelangt man schließlich an ein Ende mit vielen Fragen, auf das es keine befriedigenden Antworten gibt: Wie gut kennen wir unsere engsten Verwandten? Wie nah kann sich eine Familie eigentlich wirklich kommen? Was hält Vater, Mutter, Kind und alle anderen zusammen und ist es schlimm, wenn dieses „Was“ wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat?

Ich versuchte mir vor Augen zu führen, dass jeder von uns ein Recht auf seine eigene Version der Vergangenheit hatte. Die Sicht meiner Mutter war nicht wahrer als meine eigene. (S. 42)

Jenseits dieses durchaus interessanten Gedankenspiels ist Was nie geschehen allerdings erschreckend nichtssagend. Nadja Spiegelmann folgt in ihrem Debüt leider der Tendenz, alles zu zerreden, vieles zu wiederholen und zu stark in einen Plauderton zu fallen, der noch so jedes unbedeutende und uninteressante Detail ihrer Familiengeschichte ausbreitet. Immer wieder stellte sich mir beim Lesen die Frage: Was interessiert mich eigentlich, was mit dieser einen kaputten Familie unter so vielen kaputten Familien ist? Was lerne ihr hieraus, was geben mir diese Geschichten an die Hand, inwiefern sind sie relevant? Die Antwort fällt bescheiden aus und doch – und das ist das Paradoxe – liest man bzw. habe ich das Buch unheimlich gerne gelesen. Es ist trotz aller Makel sehr atmosphärisch, wartet mit intensiven Passagen auf und zeigt durchaus Spiegelmans Schreibtalent. Dieses wird sie hoffentlich in einem nächsten Roman mit einer bedeutsameren Geschichte jenseits jeder Nabelschau erneut unter Beweis stellen. Eine weitere Chance würde sie von mir auf jeden Fall bekommen. 4 Sterne!

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Gespräche aus der Community

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Nadja Spiegelman erzählt mehr als ihre eigene Geschichte. Sie zeichnet die Lebenswege dreier Frauen nach, deren Schicksale kaum enger miteinander verknüpft sein könnten. Ein eindrucksvolles Debüt über die blinden Flecken in Familien, über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerung und über die Kraft des Erzählens.Als Kind glaubt Nadja Spiegelman, ihre Mutter sei eine Fee. Ein besonderer Zauber umgibt Françoise Mouly, die erfolgreiche Art-Direktorin des New Yorker. Erst Jahre später, als Nadja allmählich zur Frau wird, bricht dieser Zauber. Immer häufiger trifft sie die plötzliche Wut der Mutter, ihre Zurückweisung, ihre Verschlossenheit. Nadja ahnt, dass sich in Françoises Ausbrüchen deren eigene Familiengeschichte widerspiegelt, und sie beginnt, der Vergangenheit nachzuspüren. In langen Gesprächen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter stößt sie auf unsagbaren Schmerz und widerstreitende Erinnerungen, aber auch auf die Möglichkeit, im Erzählen einen versöhnlichen Blick auf die Vergangenheit zu finden. Ein poetisches, zutiefst ehrliches Buch, das offenlegt, warum uns die, die wir am meisten lieben, häufig am stärksten verletzen.

Über Nadja Spiegelman
Nadja Spiegelman, geboren 1987, wuchs in New York City auf und lebt heute in Paris und Brooklyn. Sie ist die Tochter des berühmten Comic-Autors und Pulitzer-Preisträgers Art Spiegelman und der Art-Direktorin des New Yorker, Françoise Mouly.

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