Nassim Nicholas Taleb Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen

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Inhaltsangabe zu „Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ von Nassim Nicholas Taleb

Taleb schreibt wild, versiert und kontrovers - eine spannende Lektüre.

— NicolasDierks
NicolasDierks
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    Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen
    NicolasDierks

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    Antifragilität sprüht Funken. Taleb schreibt wild und versiert, belesen und ironisch, selbstverliebt und angriffslustig. Manche halten ihn für arrogant und überheblich, manche für den derzeit interessantesten Denker des Planeten. Wozu soviel Aufregung und was bringt die Lektüre unterm Strich? Der große Bruder von Der schwarze Schwan sei dieses Buch, so Taleb, sein Hauptwerk. Mit 556 Seiten Text kommt Antifragilität schon optisch als opus magnum daher. Ich bin zwar kein Feind langer Bücher - aber zu lang gewordener. Wie fällt das Urteil hier aus? Das Wort "Anleitung" im Untertitel und die frische Aufmachung winken mit dem Zaunpfahl: "Entwarnung! Keine Überforderungsgefahr! Das ganze Drama der unübersichtlichen Welt genial gelöst." …und in der Tat ist dieses Buch zumindest gut zugänglich: flüssige Sätze, kurze Kapitel, ein Meer an Beispielen, vorsichtiger Gebrauch von Fachsprache. Und auch für die Navigation im Buch ist einiges getan: Nach dem Inhaltsverzeichnis ein detaillierter Kapitelüberblick und hinten ein großer Anhang mit Glossar, Anmerkungen, Literatur und Register. Hier hat Taleb den Apparat eines Fachbuchs mit dem Stil eines Sachbuchs kombiniert. Talebs Sprache ist (auch in der deutschen Übersetzung) voller Bilder und Emotionen, temporeich, mit bissigem Humor und Selbstironie. Hier freue ich mich über die feinfühlige Übersetzung von Susanne Held (die auch andere interessante Autoren übersetzt, wie zuletzt Douglas Hofstadter oder Laura Hillenbrand). Der Aufbau des Buches ist also recht klar - aber innerhalb der Kapitel brodelt und schäumt es, dass es eine Freude ist. In einer Sekunde noch mit Statistik befasst, wechselt Taleb plötzlich zu Wirtschaft, Politik, Gesundheitsfragen, antiker Philosophie oder eigenen Anekdoten. Dabei erzählt er überraschend persönlich, so dass er - der immer wieder augenzwinkernde Pauschalurteile auf Banker, Wirtschaftswissenschaftler und "Fragilisten" loslässt - selbst auch nur menschlich wirkt, sogar sympathisch. Kann man Taleb seine Eskapaden und Verleumdungen übel nehmen? Darin scheiden sich die Geister. Antifragilität will gerade keine großangelegte "Anleitung" sein - genau dieser Anspruch, die Zukunft zu kalkulieren und handhabbar erscheinen zu lassen, ist Taleb zuwider. Es geht ihm vielmehr darum, wie wichtig Fehler und Rückschläge, Zufall und Unordnung für unsere Entwicklung sind. Dieses Unbekannte habe die Moderne zu eliminieren versucht und schwäche uns dadurch immer mehr. Dabei brauchen wir Taleb zufolge kleine Fehler, um große Desaster zu vermeiden. Komplizierten Erklärungsmodelle seien unnötig, um unsere komplexe Welt zu verstehen - eine Handvoll einfacher Heuristiken (Leitsätze) seien viel nützlicher. Bricolage, bzw. "Bastelei" ist das Konzept, das Taleb favorisiert. Wir sollten nicht wie Touristen eine Pauschalreise des Lebens buchen, sondern uns wie "rationale Flaneure" verhalten - also offen bleiben und uns inmitten des Stroms neuer Informationen stets aufs Neue fragen, ob wir unsere Route beibehalten oder nicht. Und Stress sei gut! Wir sollten zwar chronische niedrige Stressoren vermeiden. Aber sporadische stärkere Stressoren lösen bei uns Wachstumsreize aus. Und des naiven Interventionismus sollten wir uns enthalten, denn der bringe mehr Schaden als Nutzen. Lernen und Entwicklung laufen besser nach Versuch und Irrtum ab, und in Medizin, Wirtschaft oder Politik solle man sich deshalb eher zurückhalten. Wir bräuchten keinen "großen Plan" oder perfekte Prognosen. Stattdessen sollten wir die Anfälligkeit unserer Systeme für Zufälle überprüfen und dabei unser Verständnis nichtlinearer Effekte verbessern. Taleb hält also ein Plädoyer für das Machen, das Versuchen und Scheitern sowie für das Selbstvertrauen, dass Fehler und Stress die eigene Entwicklung befördern. Ist Taleb also überhaupt kontrovers? Wer würde dem nicht zustimmen, dass unsere Schulsysteme die Bildung fürs Leben manchmal sogar erschweren? Wer würde nicht zustimmen, dass im Wirtschaftsbereich nicht akademische Bildung, sondern erst die Praxis entscheidende Kompetenzen vermittelt? Wer würde nicht zustimmen, dass die Medizin (neben manchen Segnungen) auch grobe Verzerrungen an uns vorgenommen hat und es uns manchmal gut tun würde, zu einer Lebensform zu kommen, die eher jenen unserer Vorfahren ähnelt? (Nicht umsonst sind die Paleodiät, Barfußlaufen und Waldkindergärten im Trend). Mit seiner Einstellung trifft Taleb insofern den Zeitgeist vieler gebildeter Leser. Ist also nur noch Talebs Attitüde der Stein des Anstoßes? Begeisterte Leser schreiben, Taleb hätte ihnen zu einer neuen Weltsicht verholfen. Wie kann es sein, dass ein Buch, das so dem populären Ton entspricht und vor allem offene Türen einrennt, angeblich die Weltsicht verändert? Vielleicht liegt es daran, das Taleb durch sein Konzept der Antifragilität einen Weg gefunden hat, viele Lebensbereiche in einen Zusammenhang zu bringen - Weltverstehen, Finanzen, ethisches Verhalten, Gesundheit. Deshalb avisiert das Buch am Ende doch genau das, dessen Sinn und Möglichkeit Taleb abstreitet: Ein Panorama des Lebens unter dem Leitstern einer integrativen Idee. Dass diese Idee eine Stufe höher liegt als viele andere "Glücks-Rezepte" macht sie interessant - und überall demonstriert der Autor seine Glaubwürdigkeit durch seine sprachlichen Gesten: indem er sich nicht fügt, darauf pfeift, schonungslos entlarvt, alles bereits umgesetzt hat und es nicht nötig hat, sich zurückzuhalten. Und dieses rasante Leseerlebnis begleitet er mit seiner unverwechselbaren Stimme. Nun gut, gegen Ende habe ich Seiten überflogen, denn die Pointe des Buches war mir nach der Hälfte hinreichend klar. Dabei scheinen mir Redundanzen durchaus zum Konzept zu gehören. Aber es war wie bei einem großartigen Gitarrensolo, dem man eine zeitlang fasziniert folgt, aber dass sich dann in die Länge zieht - und irgendwann steigt man aus. Aus meiner Sicht hätte das Buch 100 bis 150 Seiten kürzer sein können. Im Ganzen also eine spannende Lektüre, ein besonderes Buch, ein fundiertes Konzept, dass sich gut diskutieren lässt, begeistert dargestellt von einem interessanten Intellektuellen (Taleb würde jetzt mit seiner Verachtung für diese Bezeichnung kokettieren). Fazit: Klare Leseempfehlung!

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