Natalia Widla

 4,5 Sterne bei 4 Bewertungen

Lebenslauf

Natalia Widla, 1993 in Cham geboren, wohnt und arbeitet seit 2014 in Zürich. Sie ist freischaffende Journalistin und Textproduzentin und hat Politikwissenschaften und Gender Studies in Zürich studiert. Sie moderiert immer wieder Anlässe zu feministischen Themen. 

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Natalia Widla

Cover des Buches Niemals aus Liebe (ISBN: 9783039260782)

Niemals aus Liebe

(2)
Erschienen am 10.10.2024
Cover des Buches Hast du Nein gesagt? (ISBN: 9783039260546)

Hast du Nein gesagt?

(2)
Erschienen am 02.03.2023

Neue Rezensionen zu Natalia Widla

Cover des Buches Niemals aus Liebe (ISBN: 9783039260782)
Seitenmusiks avatar

Rezension zu "Niemals aus Liebe" von Miriam Suter

Seitenmusik
Wenn Männer töten – und niemand es verhindert

In "Niemals aus Liebe" widmen sich die Journalistinnen Miriam Suter und Natalia Widla einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit: der tödlichen Gewalt an Frauen durch vornehmlich (Ex-)Partner – sogenannter Femizide – und der Frage, wie sie verhindert werden könnten.
Miriam Suter (geb. 1988) lebt als freie Journalistin in Aarau und Zürich und ist unter anderem Mitbegründerin des feministischen Podcasts Faust & Kupfer. Natalia Widla (geb. 1993) hat Politikwissenschaft und Gender Studies studiert, lebt in Zürich und beschäftigt sich beruflich intensiv mit feministischen Perspektiven auf gesellschaftspolitische Themen. Zusammen ist ihnen mit diesem Buch eine tiefgehende, eindringliche und journalistisch hochwertige Analyse gelungen.

Worum geht’s genau?

Jede zweite Woche wird in der Schweiz eine Frau von einem (Ex-)Partner getötet, jede Woche überlebt eine einen versuchten Femizid. Die Autorinnen gehen in ihrem Buch der Frage nach: Warum töten Männer ihre Partnerinnen?
Sie beleuchten das Thema aus verschiedenen Perspektiven – juristisch, psychologisch, gesellschaftlich. Dafür führen sie Gespräche mit Expert:innen wie der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh, Soziologin Melanie Brazzell, Strafrechtsprofessorin Nora Markwalder oder Bundesrat Beat Jans. Auch Betroffene, Angehörige und sogar Täter kommen zu Wort. So entsteht ein umfassendes Bild davon, was häusliche und sexualisierte Gewalt strukturell mit unserer Gesellschaft zu tun hat – und was getan werden müsste, um sie zu verhindern.

Meine Meinung

Wow – was für ein wichtiges, aber auch emotional forderndes Buch. "Niemals aus Liebe" hat mich nachhaltig berührt, beschäftigt, erschüttert und gleichzeitig wütend gemacht. Die Art, wie Suter und Widla sich dem Thema nähern, ist alles andere als oberflächlich oder einseitig. Im Gegenteil: Das Buch stellt keine schnellen Schuldzuweisungen aus, sondern bemüht sich um eine komplexe, differenzierte Auseinandersetzung – mit Gewalt, mit Tätern, mit Systemversagen.

Besonders beeindruckt hat mich, wie viele Perspektiven einbezogen werden. Die Autorinnen sprechen nicht nur mit Betroffenen oder Expert:innen, sondern auch mit Tätern. Diese Gespräche sind schwer zu ertragen, aber unglaublich aufschlussreich. Etwa wenn ein Täter rückblickend sagt: 

„Ich hätte nie gedacht, dass ich zu so etwas fähig bin. Aber irgendwann war da nur noch Wut.“ (S. 72) 

Es sind Sätze wie diese, die deutlich machen, wie wichtig Prävention und psychologische Arbeit schon vor der Tat wären.

Die vielen Gespräche mit Fachpersonen und die Einordnung von Fällen in rechtliche und strukturelle Zusammenhänge machen deutlich: Femizide sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines tief verwurzelten gesellschaftlichen Problems. Die Soziologin Melanie Brazzell bringt es auf den Punkt: 

„Die Gewalt ist nicht das Ende einer Beziehung. Sie ist ein Werkzeug, um Macht zu sichern.“ (S. 115)

Erschreckend fand ich vor allem, wie oft das System – Polizei, Justiz, Gesellschaft – versagt. Frauen melden sich, sie bitten um Hilfe – und trotzdem eskaliert die Gewalt. In einem Fall (Kapitel 5) sagt eine Angehörige: 

„Wir wussten, dass er gefährlich ist. Aber niemand hat etwas unternommen.“ (S. 137) 

Diese Ohnmacht zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Ein großes Lob muss ich für den Rechercheaufwand aussprechen. Die Tiefe, mit der Fälle beleuchtet, Interviews geführt und Studien eingebunden wurden, ist beeindruckend. Die Autorinnen nehmen sich Raum für Komplexität, ohne sich in ihr zu verlieren. Das Buch wirkt dabei nie voyeuristisch oder reißerisch, sondern hochsensibel.

Allerdings: Zwei Dinge haben mich beim Lesen gestört. Erstens das Layout. Es gibt extrem viele und zur Verdeutlichung der strukturellen Problematik äußerst wichtige (!) Zahlen, Daten und Fakten – aber sie sind alle in Fließtextform eingebettet, ohne Tabellen, Grafiken oder Zwischenüberschriften. Gerade bei so einem anspruchsvollen Thema wären visuelle Auflockerungen oder Infokästen extrem hilfreich gewesen. Ich musste häufig zurückblättern, weil Informationen untergingen (und hab sie dann auch nicht immer mehr gefunden).

Zweitens: Die Sprache ist stellenweise recht akademisch. Es werden viele Fachbegriffe und sehr lange, verschachtelte Sätze verwendet. Das passt zwar zum anspruchsvollen Inhalt – könnte aber Leser:innen, die weniger im Thema sind, schnell abschrecken. Ein etwas zugänglicheres Wording hätte das Buch noch stärker gemacht – denn es soll ja gerade möglichst viele Menschen erreichen.

Trotz dieser Kritikpunkte: Der Erkenntnisgewinn, die emotionale Tiefe und der gesellschaftliche Wert dieses Buches sind enorm. Selten habe ich ein Sachbuch gelesen, das so unmissverständlich aufzeigt was in der medialen Berichterstattung oft untergeht: Gewalt gegen Frauen ist KEIN Randphänomen. Es ist ein Spiegel unserer patriarchalen Strukturen – und es braucht politischen, juristischen und gesellschaftlichen Mut, um wirklich etwas zu verändern.

Fazit

"Niemals aus Liebe" ist ein erschütterndes, kluges und gesellschaftlich enorm wichtiges Buch. Die Mischung aus journalistischer Tiefe, persönlicher Betroffenheit und struktureller Analyse macht es zu einem Werk, das lange nachhallt. 4,5 von 5 Sternen – ein starkes, dringendes Buch, das durch Layout und Sprache noch besser hätte zugänglich gemacht werden können, inhaltlich aber voll überzeugt.

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