Im letzten Frühsommer hatte sich eine Amsel entschieden in den Weinreben auf unserer Terrasse ein Nest zu bauen und ihre Jungen auszubrüten. In dieser Zeit habe ich dieses Buch gelesen und dann verfolgt, wie sich die geschlüpften Amseln verhielten, wenn die Mutter mit Futter kam. Es war ein einziges Geschreie und Gedränge. Jedes Leben kämpft um seinen Erhalt. Was hat das nun mit diesem Buch zu tun? Viel, denn Menschenkinder verhalten sich im Prinzip nicht anders als kleine Amseln. Sie kämpfen um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, weil sie nur durch die Eltern überleben können. Das ist ein Reflex der Natur, den die Autorin leider nicht völlig versteht.
Irgendwann waren die vier Jungen mit ihrer Mutter aus dem Nest verschwunden. Vielleicht füttert die Mutter draußen noch eine Weile weiter. Aber dann ist bald Schluss, und dieser Bruch ist endgültig. Bei Menschen ist das ganz anders. Da zieht sich dieser Bruch inzwischen noch lange über die Volljährigkeit hinaus. Und bei sehr vielen Menschen bleibt als Relikt aus der Kindheit die Sucht nach Aufmerksamkeit. Nun werden viele Zeitgenossen das für sich abstreiten. Aber dieses Streben nach Aufmerksamkeit, im Buch als People Pleasing bezeichnet, wird vom Gehirn sehr raffiniert durchgezogen. So raffiniert, das viele das gar nicht mitbekommen, weil es unterschwellig und versteckt geschieht. Es läuft ein Automatismus, den wir oft gar nicht wahrnehmen.
Menschen halten sich oft grundlos für minderwertig, ordnen sich mehr oder weniger bedingungslos unter, versuchen es allen recht zu machen, sind besonders sozial, beachten ihr Eigeninteresse nicht oder handeln einfach in der Erwartung, dass ihr Einsatz für andere gesehen und eventuell auch honoriert oder wenigstens anerkannt wird. Oft geschieht genau das Gegenteil. Sie werden ausgenutzt, denn andere haben ein feines, ebenfalls unbewusstes Gespür für ihren eigenen Vorteil, der sich durch ein solches Verhalten für sie ergibt.
Das ändert sich erst, wenn man sich dieses Verhaltens und seiner Folgen wirklich bewusst wird. Manchmal fällt es einem dann wie Schuppen von den Augen, und man merkt erschreckt, welche Dimensionen dieser Unsinn tatsächlich besitzt. Vielleicht hilft dieses Buch auf dem Weg der Erkenntnis.
Leider hat es die Autorin nicht wirklich verstanden das Thema tiefer zu durchdringen. So vermutet sie beispielsweise, dass das Streben nach Gefallen der Erziehung zur Gehorsamkeit geschuldet ist. Sie glaubt offenbar, das Menschen wegen ihrer Erziehung zum Gehorsam nicht "nein" sagen können. Das halte ich für einen ziemlich schweren Irrtum. Gehorsam in einem vernünftigen Sinne ist zwingend erforderlich, auch wenn das moderne Eltern nicht hören wollen. Spätestens wenn ein Kind in Gefahrensituationen weder auf den Ton, noch auf die Botschaft hört, werden sie das verstehen. Die Erziehung zum Gehorsam (sicher im schlechten Sinne von der Autorin gemeint) ist nicht die Ursache für das, was sie richtig als Problem erkannt hat, sondern die unbewusste Weiterführung eines kindlichen Verhaltens, das möglicherweise durch fehlende Elternliebe in der Kindheit im Unterbewusstsein angelegt wurde.
Die Autorin meint, man müsse einfach lernen "nein" zu sagen. Dafür entwickelt sie vielfältige Strategien. Sie werden alle ins Leere gehen, wenn man sich nicht wirklich seines unbewussten Verhaltens gewahr wird. Und zwar in seiner ganzen raffinierten Vielfalt. Man kann sich von einer solchen Vielfalt auch bei der Autorin überzeugen, denn sie stellt verschiedene Typen von Menschen vor, die sich anderen andienen, um auf diese Weise Anerkennung oder wenigstens Aufmerksamkeit zu erlangen. Nach meiner Beobachtung treten solche Typen nicht in dieser sortierten Form auf. Vielmehr hat das eigene Gehirn zahlreiche Strategien entwickelt, um dieses unsinnige Verhalten durchzuziehen. Mal so, mal anders.
Tatsächlich muss man seinen seelischen Ballast aus der Kindheit loswerden. Da kann man der Autorin nur zustimmen, denn in dieser Zeit wurden die Verhaltensweisen angelegt. Dass es nicht gelungen ist, dafür einen deutschen Begriff zu finden, zeugt von Unverständnis und einer gewissen sprachlichen Armseligkeit.
Leider ist dieses Buch auch noch völlig überladen. Wäre das Thema nicht so wichtig, hätte ich es ganz anders bewertet. Die Autorin versucht, für jeden und alles eine Strategie zu finden, um das erkannte Problem für andere zu lösen. Das wird nicht fruchten, weil es einfach zu viel ist und zu unübersichtlich dargestellt wurde. Es reicht völlig aus, wenn man sich mit sich selbst befasst und sein eigenes Verhalten zu verstehen versucht. Die Lösung liegt dort und nicht im Versuch, irgendwelche Strategien anderer zu übernehmen.
Aber das Buch macht auch deutlich, dass die Autorin ihr eigenes Verhalten nicht bis zum Ende verstanden hat. Sie verfällt ins gewohnte Muster, will es wieder allen recht machen und überlädt deshalb ihren Text völlig unnötig. Man könnte das Buch wenigstens um die Hälfte kürzen ohne Inhalt zu verlieren. Hier sieht man, wie raffiniert das Gehirn vorgeht. Selbst eine Frau, die denkt, sie hätte es verstanden, verfällt wieder in das von ihr beschriebene Muster und merkt es nicht.