Natascha Wodin Sie kam aus Mariupol

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Inhaltsangabe zu „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin

"Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe" - Natascha Wodins Mutter sagte diesen Satz immer wieder und nahm doch, was sie meinte, mit ins Grab. Da war die Tochter zehn und wusste nicht viel mehr, als dass sie zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war. Wieso lebten sie in einem der Lager für "Displaced Persons", woher kam die Mutter, und was hatte sie erlebt? Erst Jahrzehnte später öffnet sich die Blackbox ihrer Herkunft, erst ein bisschen, dann immer mehr. "Sie kam aus Mariupol" ist das außergewöhnliche Buch einer Spurensuche. Natascha Wodin geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als "Ostarbeiterin" nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt beklemmend, ja bestürzend intensiv vom Anhängsel des Holocaust, einer Fußnote der Geschichte: der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ihre Mutter, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, bevor sie mit ungewissem Ziel ein deutsches Schiff bestieg, tritt wie durch ein spätes Wunder aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. "Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter", kann Natascha Wodin nun zärtlich sagen, und auch für uns Leser wird begreifbar, was verlorenging. Dass es dieses bewegende, dunkel-leuchtende Zeugnis eines Schicksals gibt, das für Millionen anderer steht, ist ein literarisches Ereignis. "Das erinnert nicht von ungefähr an die Verfahrensweise, mit der W. G. Sebald, der große deutsche Gedächtniskünstler, verlorene Lebensläufe der Vergessenheit entriss." (Sigrid Löffler in ihrer Laudatio auf Natascha Wodin bei der Verleihung des Alfred-Döblin-Preises 2015)

Großartige RechercheDoku über eine ukrainische Familie im Mahlstrom der Geschichte. Nur der nüchterne Stil macht die Schilderung erträglich.

— alasca
alasca

Es ist sehr nüchtern geschrieben. Konnte mich nicht überzeugen

— Cinderella11k
Cinderella11k

Wie ein Puzzle fügt sich Teil um Teil zusammen, bis am Ende eine ganze Familiengeschichte entsteht.

— meppe76
meppe76

Intensiv und berührend

— BiancaBerlin
BiancaBerlin

Großartig.

— jamal_tuschick
jamal_tuschick

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  • Dunkle Zeiten

    Sie kam aus Mariupol
    Havers

    Havers

    13. June 2017 um 07:24

    Auf Natascha Wodin wurde ich nach der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse aufmerksam, den sie für „Sie kam aus Mariupol“ Ende März erhielt. Es ist wichtig, dass dieses Buch geschrieben wurde. Nicht nur für die Autorin, die damit den Leser an einem bewegenden Kapitel ihrer eigenen Geschichte teilhaben lässt, sondern auch für jeden von uns, wird hier doch exemplarisch an einem individuellen Schicksal ein sehr dunkles Kapitel unserer deutschen Geschichte beleuchtet, das jahrzehntelang totgeschwiegen wurde. Zwischen 1939 und 1945 deportierten die Nationalsozialisten zig Millionen Menschen (die genaue Zahl ist unbekannt) aus allen Gesellschaftsschichten, vornehmlich aus Osteuropa, die in deutschen Fabriken, überwiegend Rüstungsbetrieben, als Arbeitssklaven eingesetzt wurden. Ungefähr ein Drittel davon waren Frauen, von denen man manche gemeinsam mit ihren Kindern verschleppte und in Arbeitslagern unterbrachte. Die meisten schufteten sich zu Tode, aber auch die Überlebenden waren für den Rest ihres Lebens gezeichnet und kaum mehr in der Lage, für sich oder auch ihre Kinder zu sorgen. So auch die Mutter der Autorin, die an den erlebten Gräueln zugrunde geht und sich schließlich das Leben nimmt, als Natascha Wodin gerade einmal zehn Jahre alt ist. Für das Mädchen folgt der Aufenthalt in Lagern für „displaced persons“, danach eine Odyssee durch verschiedene Heime. Erst viele, viele Jahre später setzt sie sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander und beginnt nachzuforschen, wo die Wurzeln ihrer Mutter liegen. Immer nüchtern, fast schon emotionslos, nimmt Natascha Wodin den Leser mit auf ihre Reise in die Vergangenheit und enthüllt Schicht für Schicht die Tragik eines Lebens in dunklen Zeiten. Peu à peu setzt sich aus einzelnen Fragmenten der mütterliche Lebenslauf zusammen und dokumentiert an deren Einzelschicksal die Lebensumstände der Zwangsarbeiter, die für (noch immer) renommierte deutsche Firmen (nicht nur, aber doch überwiegend Rüstungskonzerne) sprichwörtlich verheizt wurden. Ein erschütterndes Dokument unserer Geschichte, das zur Pflichtlektüre im Unterricht werden sollte. Lesen!

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  • Lesemarathon zu Ostern vom 14. - 17. April 2017 bei LovelyBooks

    LovelyBooks Spezial
    Marina_Nordbreze

    Marina_Nordbreze

    Hoppel-Hoppel – Mit LovelyBooks durch die Oster-Tage! Endlich ist es wieder soweit! Wir nutzen das lange Wochenende um Ostern, um uns gemeinsam mit euch in den nächsten Lesemarathon zu stürzen! Den Schoko-Osterhasen lassen wir links liegen (obwohl ... vielleicht auch nicht ;)), stattdessen widmen wir uns dem schönsten Zeitvertreib – Lesen! Auf gehts, wir starten in den Lesemarathon zu Ostern! Was ist ein Lesemarathon?Bei unserem Lesemarathon vom 14. - 17. April (Karfreitag bis Ostermontag) möchten wir uns ganz bewusst Zeit dafür nehmen, endlich einmal längere Zeit am Stück zu lesen. Sonst kommt doch immer der Alltag dazwischen und plötzlich hat man die schöne Lesezeit mit Putzen, Fernsehen usw. verbracht. Natürlich müsst ihr nicht die gesamten 4 Tage durchlesen, sondern es ist so gedacht, dass jeder mitmachen kann, wann und wie er möchte. Hier haben wir einen gemeinsamen Platz, an dem wir uns über unsere Lesefortschritte und die gelesenen Bücher austauschen können.Wie kann man mitmachen?Jeder ist herzlich willkommen hier jederzeit mitzumachen. Einfach drauflosschreiben und dabei sein – wir freuen uns über jeden, der uns ein kleines oder auch großes Stück unseres Lesemarathons begleiten möchte. Für die Abwechslung zwischendurch, werden wir hier im Zeitraum der 4 Tage kleine Fragen oder Aufgaben stellen, bei denen ihr gern mitmachen könnt. Natürlich ist das kein Muss, aber es macht immer wieder viel Spaß, auf diese Weise andere Leser kennen zu lernen, neue Bücher zu entdecken und sich sein eigenes Leseverhalten näher anzuschauen. Selbstverständlich könnt ihr gern auch über eure Blogs und Social Media Kanäle teilnehmen. Verwendet hierbei bitte den Hashtag #lblm - so können wir unsere Beiträge leicht wiederfinden.Jetzt heißt es nur noch, ein paar Tage warten und schon ist unser Lesemarathon da. Wir freuen uns auf viele fantastische, berührende, lustige und einfach nur schöne Lesestunden mit euch!

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    • 1293
  • Ein großartiges Buch

    Sie kam aus Mariupol
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    11. April 2017 um 18:52

    Der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an Natascha Wodin. In meinen Augen völlig zurecht, hat mich doch seit langem kein Buch mehr so durchgerüttelt und aufgewühlt wie „Sie kam aus Mariupol“.Das Buch kreist um eine große Leerstelle in Wodins Leben – ihre Mutter. 1956, die Autorin war gerade zehn Jahre alt, die kleine Schwester vier, nahm sich diese das Leben, indem sie sich bei Forchheim in den Fluss Regnitz stürzte. Der Vater, ein dem Alkohol und der Gewalt zugeneigter Mann kam mit den Kindern wohl allein nicht zu Rande. Man weiß es nicht nach Lektüre des Buches, denn das Buch ist keine Autobiografie, die Autorin nimmt sich sehr zurück, erzählt nur sehr am Rande über sich und dann völlig ohne Sentimentalität. Fakt ist (und das kann man in ihrer Biografie nachlesen), dass sie in einem katholischen Mädchenheim groß wurde. Über die Schwester, der das Buch gewidmet ist, erfährt man nichts weiter. Das Buch ist nichts weniger als eitel, selbstreferentiell oder voyeuristisch. Auch nur durch ihre Biografie erfährt man, dass auch Obdachlosigkeit und eine äußerst schwierige Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zu Wodin Lebensweg gehörten.Sicher kein einfaches Leben, und es begann auch nicht einfach, 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ in Fürth. Dorthin sind die Eltern vor den herannahenden russischen Truppen aus Leipzig geflüchtet. Später wird die Familie in einem elenden Schuppen einer Fabrik hausen, abhängig vom guten Willen des Fabrikbesitzers und nur bis sie schließlich im gefürchteten Lager Valka in Nürnberg landen. Dort sind die Lebensbedingungen nur wenig besser als in den Lagern, die sie schon hinter sich haben. Aber davon weiß die Tochter noch nichts. Und wird es lange nicht wissen. Denn erstens wird in der Familie Wodin, wie typischerweise in fast allen Familien in der Nachkriegszeit nicht über die Vergangenheit gesprochen. Zu schmerzlich, zu zerstörerisch. Und zweitens hat Natascha schon als Kind nur einen Wunsch: Raus aus dieser Familie, die für sie zu „einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war“. Von den Mitschülern verachtet und gequält hasst sie schon früh ihre russischen Wurzeln und will mit ihnen nichts zu tun haben. Stattdessen erfindet sie sich eine „Traumfamilie“ mit fürstlichen Wurzeln. Später wird sie immer wieder darüber staunen, wie nah sie ihrer tatsächlichen Herkunft damit war.Zunächst weiß Natascha Wodin aber tatsächlich fast nichts über ihre Familie und ihre Mutter. Zwei verblichene Fotografien sind das einzige, was ihr geblieben war. Und ein paar undeutliche Erinnerungen. „Sie kam aus Mariupol.“ Und war Jahrgang 1920.Vielleicht lag es an der friedlichen Atmosphäre ihres Schreibdomizil am Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern, dass sie doch noch einmal einen Versuch startet und den Namen ihrer Mutter, Jewgenia Jakowlewa Iwatschenko, in eine russische Internetsuchmaschine eintippt. Und zu ihrem großen Erstaunen erhält sie einen Treffer auf einer Seite namens „Azov´s Greeks“, die sich mit den griechisch-stämmigen Bewohnern des Asowschen Meeres befasst. Und noch einmal hat sie Glück und findet in dem Ahnenforscher Konstantin einen nahezu besessenen Anwalt ihrer Sache. Und nun wird der Leser Zeuge einer Spurensuche, bei der beharrliches Graben gepaart mit etwas Glück tatsächlich nach und nach Nataschas Familie zutage fördert. Verarmter Aristokratie und großbürgerlicher Kaufmannsfamilie italienischer Abstammung entstammten die Großeltern, deren wohlhabender Lebensstil in den Wirren der russischen Revolution unterging. Sogar noch lebende Verwandte, eine Cousine in Kiew und ein Cousin in Miass werden gefunden und können von Onkel Sergej, einem Opernsänger, und Tante Lidia, einer nach Sibirien verbannten „Abweichlerin“ berichten. Letztere rückt zunehmend in den Fokus, da Wodin deren Memoiren zu lesen bekommt.Der erste Teil des Buches, der die zunehmend spannende Recherche umfasst, macht nun einem zweiten Teil Platz, der den erschütternden Aufzeichnungen Lidias gewidmet ist. Wodin berichtet von den unglaublich gewaltvollen Tagen der Revolution, den Zeiten der stalinistischen Säuberungen und dem Elend, das für das Volk folgte. Hunger ist durch die gesamten Schilderungen hindurch stets präsent, auf von der grauenvollsten Art. Aber auch das Ausmaß der puren Zerstörung erschüttert nachhaltig. Nicht nur das von kulturellen Gütern und Lebensressourcen, sondern natürlich vor allem das von unzähligen Leben. Von Wodins Mutter ist in diesen Aufzeichnungen kaum die Rede, der Altersunterschied zur Schwester war einfach zu groß. Erwähnt wird nur, dass deren Mutter zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf dem Weg zu Lidia verschwand. Wodins Mutter blieb allein zurück. Über ihr Leben, auch im nun folgenden dritten Teil, der die Kriegsjahre umfasst, in denen sich ihre Eltern kennenlernten, heirateten und als Zwangsarbeiter nach Deutschland gingen (ob unter Gewalt oder sogar freiwillig, mit dieser Frage hadert die Autorin), kann Natascha nur Mutmaßungen anstellen. Sie imaginiert sich in ihre Mutter hinein, versucht zu erspüren, wie es hätte sein können, wie sich der harte Lageralltag, als Ostarbeiter kaum über den jüdischen Häftlingen stehend, angefühlt haben könnte. Es ist ein besonderes Anliegen der Autorin, auf diese Zwangsarbeiterschicksale aufmerksam zu machen. Fassungslos steht sie vor der Zahl 42500, die die geschätzte Anzahl von Lagern im gesamten deutschen Machtbereich angibt.„Unendliche Massen namenloser Menschen, die es nur als Zahlen gibt. Jeder von ihnen ist meine Mutter.“und„Die Überlebenden der Konzentrationslager hatten Weltliteratur hervorgebracht, Bücher über den Holocaust füllen Bibliotheken, aber die nicht-jüdischen Zwangsarbeiter, die die Vernichtung durch Arbeit überlebt hatten, schwiegen.“Erst im nun folgenden vierten Teil, der sich mit der Nachkriegszeit beschäftigt, kann die Autorin auf eigenes Erinnern zurückgreifen und dieses ihren Recherchen, der Rekonstruktion und dem Nachfühlen hinzufügen.Es ist ein Leben mitten im Grauen des blutrünstigen 20. Jahrhunderts, das so vor den Augen des Lesers entsteht. Es gibt da keine Ruheinseln, keine Erholungsphasen, keine glücklichen Momente, auch wenn es sie irgendwo gegeben haben muss. Der Sturm der Geschichte hat sie zumindest in der Rückschau hinweggefegt. Angesichts dieser Vergangenheit und der ablehnenden, ja feindlichen Haltung, die den Überlebenden, den Geflohenen im Nachkriegsdeutschland entgegenschlug, kann man die Verzweiflung der Mutter, die dann 1956 im Selbstmord mündete, die gewaltbereite, der Trunksucht zuneigende Art des Vaters, der in diesem Buch fast gar nicht vorkommt, zunehmend verstehen. Auch wenn die Fakten natürlich bekannt sind, sind solche Bücher wie „Sie kam aus Mariupol“ gerade heute wieder so wichtig, wo wieder Abgrenzung, "Überfremdung", Homophobie und Hassparolen öffentliche Themen sind und eine zunehmend lässige Haltung gegenüber so Dingen wie Menschenrechte, Toleranz, Völkerverständigung und Humanismus eingenommen wird. Solchen Entwicklungen schreit dieses Buch entgegen: „Nein! Nie wieder!“. Nur Chaos, Zerstörung, unsagbares Leid und unzählige Tode sind aus den Ideologien des 20. Jahrhunderts entstanden. Und niemand konnte sich zuvor vorstellen, wie grundlegend seine Welt dadurch zerstört werden würde. Bücher wie das vorliegende können dazu beitragen, dass man es sich vorzustellen vermag. Und dass Dinge wie Demokratie, Freiheit, Toleranz und Frieden so unbedingt wertzuschätzen sind, wie sie es verdienen. Die große Geschichte herunterbrechen auf einzelne konkrete Schicksale, sie dadurch erfahrbar, erfühlbar machen, das ist Natascha Wodin auf eindrückliche Weise gelungen.Und nicht zuletzt ist „Sie kam aus Mariupol“ auch ein ganz großartiges Buch.

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  • Horizonte der Verzweiflung

    Sie kam aus Mariupol
    jamal_tuschick

    jamal_tuschick

    25. March 2017 um 12:00

    Als Dreiundzwanzigjährige gelangt die Ukrainerin Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko 1943 nach Deutschland. Als “heimatlose Ausländerin” begeht sie da mit sechsunddreißig Selbstmord. Sie lässt einen Mann und zwei Töchter zurück, die ältere Tochter begibt sich schließlich auf Spurensuche. Ihre ins Fiktionale durchstechenden Ermittlungen in eigener Sache greifen den Leser ans Herz. Natascha Wodin wurde für ihre Aufzeichnungen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.Kam die Mutter auf den Wegen der Deportation nach Deutschland und starb im Land ihrer Verschleppung? Oder ließ sie sich in der Ukraine von der deutschen Besatzungsmacht anwerben und blieb notgedrungen als Kollaborateurin? Die Autorin spricht zuerst von einer Deportierten, schwächt jedoch die Eindeutigkeit im Darstellungsverlauf ab. Jedenfalls zerstört der “Reißwolf zweier Diktaturen” die Mutter. Ihr gehört kein Leben. In einer Stahlhölle der Flick’schen Rüstungsindustrie wird sie zur Zwangsarbeit gepresst. Natalia, die erzählende Tochter, geboren in einem nationalsozialistischen Arbeitslager und “zu Hause im Ungefähren”, nähert sich auf den Umwegen der eigenen Ortslosigkeit der Geburtsstadt ihrer Mutter - Mariupol am Asowschen Meer. Sie setzt der maritimen Geografie blühende Fantasien zu und verpasst der Ukraine im Ganzen einen sibirischen Schneemantel.Die Erzählerin als Kind - Natalias Vater geht als Metallhilfsarbeiter in Leipzig durch. Ihre Bleibe ist ein Schuppen. Darin bringt Natalia die Verhältnisse auf einer inneren Tenne zum Tanzen. In ihren “Dunkelkammern” belichtet sie die Welt neu. Biografische Tatsachen behaupten sich dagegen schwer. Die Fantasie wirkt als Schutzschild. Alle Erfindungen dienen dem Ziel, nicht vom grauen Nichts verschlungen zu werden.Natalie verweigert der Dürftigkeit einer deklassierten, zudem staatenlosen “Ostarbeiterfamilie” das Recht auf Geltung, indem sie den im Keller schimmelnden kyrillisch beschrifteten, ein schwarzes Jahrhundert im Vollbild spiegelnden “Papierkram” der Eltern in die Mülltonne haut. Sie ist acht, als sie sich in einem befreienden Akt um den Identitätssockel negativer Selbstbestimmung bringt. Die Erzählerin beschreibt den Vorgang als Verbrechen. Sie ignoriert die Chancen der Selbsterschaffung als eine andere. Die Sehnsucht danach steht im Buch.Stalin überzieht Deportierte mit dem Vorwurf der Kollaboration. Die Verschleppten und die Angeworbenen haben keine Heimat, sind aber bei ihren, der nächsten Pole Position zustrebenden Sklavenhaltern besser aufgehoben als in der vor Verdächtigungen knisternden Sowjetunion. Das Erbe der Stigmatisierung motiviert Natalie zu Hoch- und Weitsprüngen der verweigerten Realitätsannahme im öffentlichen Raum. Sie macht sich zum angenommen Kind dieser “rassisch minderwertigen” Leute, bei denen sie wohnt, und beansprucht auf dem Stoppelfeld spärlicher Informationen eine ansehnliche Ahnenreihe mit italienischer Oma.Überrascht begreift sich die erwachsene Erzählerin als Nachkommende (auch) baltischdeutscher Aristokraten, die im 19. Jahrhundert der griechischstämmigen Bourgeoisie von Mariupol in die Parade fuhren und von der Oktoberrevolution aus ihrem Stand gerissen wurden. Die illustre Verwandtschaft bringt die Recherchierende zum Träumen. Doch als die Wehrmacht die Ukraine okkupierte, war die Familie längst von Hunger und Verbannung zersetzt. Die Mutter fand eine Anstellung ausgerechnet beim Arbeitsamt der Besatzer.Bei ihren Nachforschungen gerät Wodin immer wieder in Sackgassen. Darin haben Horizonte der Verzweiflung nur eben nichts mit ihrer Familie zu tun. Wodin stapelt Unrechtsgeschichten. Sie fordert und erhält das achtzig Jahre alte “Geständnis” so wie jenes Urteil, das eine ältere Schwester der Mutter zur Verbannten machte. “Lidia, die Starke, die Mutige, die vielleicht schon fast Halsbrecherische”, wird Wodins Gewährsfrau. Sie hinterließ Tagebücher, die, wie es sich gehört, wieder und wieder der Vernichtung entgingen, um zum guten Schluss der Autorin zuzufallen.Die Mutter könnte sogar Lehrerin gewesen sein; dieser “mit Dreck beworfene Untermensch”, der die Erzählerin in die Welt gesetzt hat. Es scheint, als wolle Wodin die in der Nachsicht Glanz gewinnende Mutter mitnehmen auf ihren Hochseefahrten zu den Häfen der Vergangenheit. Wieder denkt sie sich ein Leben aus, diesmal für die Mutter. Deren Vater war als Revolutionär zu früh daran gewesen. Der Versuch, die Geschichte zu überholen, wurde mit zwanzig Jahren zaristischer Verbannung abgegolten.

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  • LovelyBooks Romane-Challenge 2017: Die Challenge mit Niveau

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    LovelyBooks lädt im neuen Jahr wieder zu spannenden Challenges ein.Und auf euch warten tolle Gewinne.Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist 2017 wieder dabei!Liest du gerne Bücher mit Niveau?Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2017 bis 31.12.2017 lesen.Es gelten Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.Auch Neuauflagen – 2017 erschienen - von Klassikern.Die Regeln: Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an. Einstig ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts. Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein. Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind! Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Nimmst du die Herausforderung an? Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2017 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema. Ich freue mich auf viele Anmeldungen! Teilnehmer: AgnesM aljufa Ancareen anushka Arietta ArizonaAspasia ban-aislingeachbanditsandra Barbara62 blaues-herzblatt BookfantasyXY bookgirl Buchina Buchraettin CaroasCaro_LesemausCornelia_Ruoff Corsicana Curin cyrana czytelniczka73 dia78 DieBerta Dionemma_vandertheque erinrosewell Federfee Flocke86 Fornika Gela_HK Ginevra Gruenentegst Gwendolina hannelore259 imitas Insider2199 Isaopera jenvo82 JoBerlin kalestraKatharina99 katrin297 krimielse lesebiene27 leselea LibriHolly maria1 Maritzel marpije Mercado Miamou Mira20 miro76  miss_mesmerized moni_loves Nane_M naninka Nil parden Petris Pocci Sandra_Halbesar89 schokoloko29 serendipity3012 SikalSimi159 sofie solveig SorR StefanieFreigericht Sumsi1990 suppenfee TanyBee Tinchen07 TochterAliceulrikerabe vielleser18 Weltensucher Xirxe xlxn Yolande

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