Sie kam aus Mariupol

von Natascha Wodin 
4,5 Sterne bei28 Bewertungen
Sie kam aus Mariupol
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Rosebuds avatar

Eine ergreifende Familiengeschichte

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Dieses Buch habe ich verschlungen und konnte es eigentlich erst aus der Hand legen, als die Familiengeschichte zu Ende erzählt war.

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Inhaltsangabe zu "Sie kam aus Mariupol"

Eine junge Frau aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol, 1944 von den Nazis nach Deutschland verschleppt, überlebt die Zwangsarbeit und zerbricht doch daran. Mehr als ein halbes Jahrhundert später macht sich ihre Tochter auf Spurensuche, zeichnet ihr Leben nach. Dieses bewegende, dunkel-leuchtende Zeugnis eines Schicksals, das für Millionen anderer steht, ist ein literarisches Ereignis.
Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783499290657
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:368 Seiten
Verlag:ROWOHLT Taschenbuch
Erscheinungsdatum:21.08.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 24.08.2017 bei Argon erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    MilaWs avatar
    MilaWvor 8 Monaten
    Kurzmeinung: An die Erzählweise muss man sich erst gewöhnen, aber man taucht ein in ein sehr bewegendes, vielschichtiges und ungewöhnliches Leseerlebnis.
    Spurensuche

    Natascha Wodin begibt sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Mutter, die Selbstmord beging. Sie weiß, dass ihre Eltern als Ostarbeiter aus Mariupol kamen, aber der größte Teil ihrer Vergangenheit liegt im Dunkeln. Das Buch ist in drei Teile eingeteilt. Zunächst sucht sie im ersten Teil vom heimischen Computer aus mit Hilfe eines Ahnenforschers nach Hinweisen. Zufällig stößt sie auf eine Spur und kann im zweiten Teil aus der Sicht ihrer Tante erzählen. Im dritten Teil trägt sie die Informationen über ihre Mutter zusammen.

    Die Suche gleicht einem Krimi. Die Verwandtschaft der Autorin ist wirklich mehr als ungewöhnlich. Enttäuschte Liebe, Mord, Adelige, die ihre Stellung verloren haben, Zwangslager in der Sowjetunion und in Deutschland, Hunger, allgegenwärtige Gewalt… Daraus hätte man einen historischen Roman machen können, aber Natascha Wodin entscheidet sich für eine eher dokumentarische Vorgehensweise, indem sie ihre Suche chronologisch darstellt. So wird das Hinzugedachte auf ein Minimum reduziert und man begleitet Natascha Wodin auf ihrer fast detektivischen Suche und ist ganz nah bei ihr. Man starrt selbst auf die Fotos der Familienmitglieder und versucht die Geschichte, die sich hinter dem Bild verbirgt, zu ergründen. Nur schade, dass die Bilder so klein sind, dass man nicht viel erkennt. Das hätte man vielleicht anders lösen können.

    Der erste und letzte Teil sind natürlicherweise recht weit weg von den Figuren, da sie größtenteils auf Vermutungen basieren bzw. die Suche thematisieren. Besonders den zweiten Teil habe ich als emotional packend empfunden, gerade die vielen Details, die die Geschichte so real machen und das Grauen so greifbar. Manchmal musste ich ob der Grausamkeiten doch schlucken und das Buch eine Weile weglegen. Ein sehr wichtiges Buch über das Schicksal der Ostarbeiter in Deutschland, das selten angesprochen wird, aber auch über die Geschehnisse in der Ukraine während der Revolution und in der Zeit danach.

    An diese Erzählweise muss man sich erst gewöhnen, aber man wird mit einem sehr bewegenden, vielschichtigen und ungewöhnlichen Leseerlebnis belohnt, das keine einfachen Lösungen anbietet. Zugleich eine sehr erschütternde Geschichte über die Vernichtung von Menschen im Krieg durch Hunger, Zwangsarbeit und Deportation.

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    UteSeiberths avatar
    UteSeiberthvor 9 Monaten
    Ungewöhnliche Spurensuche

    Natascha Wodin versucht hier die Lebensgeschichte ihrer ukrainischen Mutter nachzuerzählen,die aus Mariupol stammt
    und später mit ihrem Mann als Ostarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde. Dabei erfährt man sehr viel über die Zwangsarbeit im Dritten Reich und ihren Folgen, Die Autorin beschreibt sehr eindringlich dieses schwierige Leben  hauptsächlich der Mutter und das hat mich sehr nachdenklich gemacht.


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    Goldie-hafis avatar
    Goldie-hafivor einem Jahr
    Eine bewegende Familiengeschichte

    Abseits von jedweder historischen Aufgeregtheit schafft es Natascha Wodin die Spurensuche zu dem Wurzeln ihrer Familie spannend zu verpacken. Die Reise in die Vergangenheit ihrer eigenen Lebensgeschichte enthüllt Schicht um Schicht auch die Geschichte des deutschen und des russischen Volkes in den Wirren der Revolution und des folgenden Krieges. Meistens nüchtern geschrieben, kann man doch an vielen Stellen die dahinterliegenden Gefühle erahnen und das Buch zieht einen immer mehr in einen Sog, so dass man es nicht mehr aus der Hand legen mag.

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    LolitaBuettners avatar
    LolitaBuettnervor einem Jahr
    Lange Spurensuche

    Die Autorin Natascha Wodin sucht nach Spuren ihrer Herkunft, vor allem aber nach ihrer Mutter. Ihre Suche beginnt im Internet und es ist erstaunlich, wie viele Informationen sie dort findet, nicht zuletzt dank eines Mannes namens Konstantin. Vor Ort im nordrussischen Tscherepowez unterstützt er die Suche aktiv, spricht mit Einwohnern, Ämtern, verhandelt und versendet für die Autorin. Ohne ihn wäre die Geschichte womöglich nur halb erzählt geblieben. Dieser Bereich wirkt streckenweise zäh und gleichzeitig authentisch, weil es die Gefühlswelt der Autorin widerspiegelt: Warten und Hoffen auf Entwicklungen und Fortschritte. Ich muss sagen, dass viele Passagen konstruiert sind. Eindeutige Beweise oder Belege gibt es nicht und kann es nicht mehr geben. Denn, wenn uns Menschen nur Dokumente mit Fragmenten ohne menschliche Stimmen bleiben, sind es am Ende Spekulationen und Fantasie, die ein Leben rückwärts erzählen. Einzig bei der Schwester der Mutter scheint ein Leben sichtbar, denn hier lag der Autorin ein Tagebuch vor. Dennoch ist auch hier die Beschreibung des Lebens eine wahrscheinliche Möglichkeit. Die Geschichte der Tante nimmt einen großen Teil des Buches ein und ich verlor ein wenig den Bezug zu dem eigentlichen Thema, der Suche nach der Mutter. Gegen Ende des Buches lernt der Leser die Mutter kennen. Ich kann nicht sagen, dass sie eine sympathische Figur ist. Die Lebensgeschichte, so wie von der Autorin vorgestellt, wirkt kalt, schwer und grausig. Mutter und Tochter schienen keine besonders innige Bindung zu haben. Woraus das resultiert, hat sich mir nicht erschlossen. Die Autorin war meines Erachtens zu sehr mit den misslichen Umständen jener Zeit beschäftigt, die uns Leser zwar schockieren, aber bekannt sind. Auch wenn es wichtig ist, nicht zu vergessen, welche Grausamkeiten in den Zeiten der Weltkriege geschehen sind, was sich Menschen gegenseitig angetan haben, so hätte ich mich mehr für die Ursachen des seltsamen Gemützustandes der Mutter interessiert. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war so zerbrechlich und distanziert, dass ich mich fragte, warum das so ist. Hier und da ist die Rede von einer Geisteskrankheit, die der Vater immer wieder auf den Tisch bringt, aber gab es dafür Beweise? Das Buch startet mit einer Spurensuche im Internet und endet mit dem Tod in kalten Fluten. Der Freitod der Mutter ist beinahe eine Erlösung. Was bleibt sind Trauer und Wehmut. Preisverdächtig empfinde ich das Buch nicht - die Autorin erhielt den ALFRED-DÖBLIN-PREIS – lesenswert dennoch, weil es ein paar wenige Einblicke in das Schicksal vieler Ukrainer und Russen zu Zeiten der Weltkriege liefert.

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    buecher-beas avatar
    buecher-beavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein sehr lesenswertes Buch mit starken weiblichen Figuren, nicht nur für Kriegskinder, Nachkriegskinder oder Kriegsenkel.
    Auf einmal hab ich eine Familie, Vorfahren ...

    Dies ist die Geschichte von der Suche nach einer Mutter, die zu früh ging. Natascha Wodins Mutter Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko wurde 1920 in Mariupol (heutige Ukraine) geboren und kam während des zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiterin nach Deutschland. Nach dem Krieg blieb sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern (geboren 1945 und 1952) in Deutschland, floh nach Bayern, hatte aber schwere Traumata und Depressionen und brachte sich 1956 um.


    Die Reportage, wie die Autorin auf den Spuren ihrer Mutter zu wandeln versucht und dabei auf eine richtige Familie mit allen Tragödien stößt, ist genauso spannend und atemberaubend wie die Tagebücher ihrer Tante, die sie während der Suche findet, ihre Vorstellungen, wie für ihre Eltern die Zeit der Zwangsarbeit sein musste und ihre Erinnerungen an die frühen Jahre nach dem Krieg. 


    Frau Wodin schildert ihre Familienbiographie mit solch einer Spannung, dass man nicht aufhören möchte zu lesen / zu hören. 

    Es scheint, als habe ihre Familie jede mögliche Wendung durchgemacht, und sie beschreibt sehr gut, wie die Menschen sich in diesen Situationen gefühlt haben könnten. Ein sehr lesens-/hörenswertes Buch mit starken weiblichen Figuren, nicht nur für Kriegskinder, Nachkriegskinder oder Kriegsenkel. 



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    Haverss avatar
    Haversvor einem Jahr
    Dunkle Zeiten

    Auf Natascha Wodin wurde ich nach der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse aufmerksam, den sie für „Sie kam aus Mariupol“ Ende März erhielt. Es ist wichtig, dass dieses Buch geschrieben wurde. Nicht nur für die Autorin, die damit den Leser an einem bewegenden Kapitel ihrer eigenen Geschichte teilhaben lässt, sondern auch für jeden von uns, wird hier doch exemplarisch an einem individuellen Schicksal ein sehr dunkles Kapitel unserer deutschen Geschichte beleuchtet, das jahrzehntelang totgeschwiegen wurde.

    Zwischen 1939 und 1945 deportierten die Nationalsozialisten zig Millionen Menschen (die genaue Zahl ist unbekannt) aus allen Gesellschaftsschichten, vornehmlich aus Osteuropa, die in deutschen Fabriken, überwiegend Rüstungsbetrieben, als Arbeitssklaven eingesetzt wurden. Ungefähr ein Drittel davon waren Frauen, von denen man manche gemeinsam mit ihren Kindern verschleppte und in Arbeitslagern unterbrachte. Die meisten schufteten sich zu Tode, aber auch die Überlebenden waren für den Rest ihres Lebens gezeichnet und kaum mehr in der Lage, für sich oder auch ihre Kinder zu sorgen.

    So auch die Mutter der Autorin, die an den erlebten Gräueln zugrunde geht und sich schließlich das Leben nimmt, als Natascha Wodin gerade einmal zehn Jahre alt ist. Für das Mädchen folgt der Aufenthalt in Lagern für „displaced persons“, danach eine Odyssee durch verschiedene Heime. Erst viele, viele Jahre später setzt sie sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander und beginnt nachzuforschen, wo die Wurzeln ihrer Mutter liegen.

    Immer nüchtern, fast schon emotionslos, nimmt Natascha Wodin den Leser mit auf ihre Reise in die Vergangenheit und enthüllt Schicht für Schicht die Tragik eines Lebens in dunklen Zeiten. Peu à peu setzt sich aus einzelnen Fragmenten der mütterliche Lebenslauf zusammen und dokumentiert an deren Einzelschicksal die Lebensumstände der Zwangsarbeiter, die für (noch immer) renommierte deutsche Firmen (nicht nur, aber doch überwiegend Rüstungskonzerne) sprichwörtlich verheizt wurden. Ein erschütterndes Dokument unserer Geschichte, das zur Pflichtlektüre im Unterricht werden sollte. Lesen!

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 2 Jahren
    Ein großartiges Buch

    Der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an Natascha Wodin. In meinen Augen völlig zurecht, hat mich doch seit langem kein Buch mehr so durchgerüttelt und aufgewühlt wie „Sie kam aus Mariupol“.
    Das Buch kreist um eine große Leerstelle in Wodins Leben – ihre Mutter. 1956, die Autorin war gerade zehn Jahre alt, die kleine Schwester vier, nahm sich diese das Leben, indem sie sich bei Forchheim in den Fluss Regnitz stürzte. Der Vater, ein dem Alkohol und der Gewalt zugeneigter Mann kam mit den Kindern wohl allein nicht zu Rande. Man weiß es nicht nach Lektüre des Buches, denn das Buch ist keine Autobiografie, die Autorin nimmt sich sehr zurück, erzählt nur sehr am Rande über sich und dann völlig ohne Sentimentalität. Fakt ist (und das kann man in ihrer Biografie nachlesen), dass sie in einem katholischen Mädchenheim groß wurde. Über die Schwester, der das Buch gewidmet ist, erfährt man nichts weiter. Das Buch ist nichts weniger als eitel, selbstreferentiell oder voyeuristisch. Auch nur durch ihre Biografie erfährt man, dass auch Obdachlosigkeit und eine äußerst schwierige Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zu Wodin Lebensweg gehörten.
    Sicher kein einfaches Leben, und es begann auch nicht einfach, 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ in Fürth. Dorthin sind die Eltern vor den herannahenden russischen Truppen aus Leipzig geflüchtet. Später wird die Familie in einem elenden Schuppen einer Fabrik hausen, abhängig vom guten Willen des Fabrikbesitzers und nur bis sie schließlich im gefürchteten Lager Valka in Nürnberg landen. Dort sind die Lebensbedingungen nur wenig besser als in den Lagern, die sie schon hinter sich haben. Aber davon weiß die Tochter noch nichts. Und wird es lange nicht wissen.
    Denn erstens wird in der Familie Wodin, wie typischerweise in fast allen Familien in der Nachkriegszeit nicht über die Vergangenheit gesprochen. Zu schmerzlich, zu zerstörerisch. Und zweitens hat Natascha schon als Kind nur einen Wunsch: Raus aus dieser Familie, die für sie zu „einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war“. Von den Mitschülern verachtet und gequält hasst sie schon früh ihre russischen Wurzeln und will mit ihnen nichts zu tun haben. Stattdessen erfindet sie sich eine „Traumfamilie“ mit fürstlichen Wurzeln. Später wird sie immer wieder darüber staunen, wie nah sie ihrer tatsächlichen Herkunft damit war.
    Zunächst weiß Natascha Wodin aber tatsächlich fast nichts über ihre Familie und ihre Mutter. Zwei verblichene Fotografien sind das einzige, was ihr geblieben war. Und ein paar undeutliche Erinnerungen. „Sie kam aus Mariupol.“ Und war Jahrgang 1920.
    Vielleicht lag es an der friedlichen Atmosphäre ihres Schreibdomizil am Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern, dass sie doch noch einmal einen Versuch startet und den Namen ihrer Mutter, Jewgenia Jakowlewa Iwatschenko, in eine russische Internetsuchmaschine eintippt. Und zu ihrem großen Erstaunen erhält sie einen Treffer auf einer Seite namens „Azov´s Greeks“, die sich mit den griechisch-stämmigen Bewohnern des Asowschen Meeres befasst. Und noch einmal hat sie Glück und findet in dem Ahnenforscher Konstantin einen nahezu besessenen Anwalt ihrer Sache.
    Und nun wird der Leser Zeuge einer Spurensuche, bei der beharrliches Graben gepaart mit etwas Glück tatsächlich nach und nach Nataschas Familie zutage fördert. Verarmter Aristokratie und großbürgerlicher Kaufmannsfamilie italienischer Abstammung entstammten die Großeltern, deren wohlhabender Lebensstil in den Wirren der russischen Revolution unterging. Sogar noch lebende Verwandte, eine Cousine in Kiew und ein Cousin in Miass werden gefunden und können von Onkel Sergej, einem Opernsänger, und Tante Lidia, einer nach Sibirien verbannten „Abweichlerin“ berichten. Letztere rückt zunehmend in den Fokus, da Wodin deren Memoiren zu lesen bekommt.
    Der erste Teil des Buches, der die zunehmend spannende Recherche umfasst, macht nun einem zweiten Teil Platz, der den erschütternden Aufzeichnungen Lidias gewidmet ist. Wodin berichtet von den unglaublich gewaltvollen Tagen der Revolution, den Zeiten der stalinistischen Säuberungen und dem Elend, das für das Volk folgte. Hunger ist durch die gesamten Schilderungen hindurch stets präsent, auf von der grauenvollsten Art. Aber auch das Ausmaß der puren Zerstörung erschüttert nachhaltig. Nicht nur das von kulturellen Gütern und Lebensressourcen, sondern natürlich vor allem das von unzähligen Leben. Von Wodins Mutter ist in diesen Aufzeichnungen kaum die Rede, der Altersunterschied zur Schwester war einfach zu groß. Erwähnt wird nur, dass deren Mutter zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf dem Weg zu Lidia verschwand. Wodins Mutter blieb allein zurück.
    Über ihr Leben, auch im nun folgenden dritten Teil, der die Kriegsjahre umfasst, in denen sich ihre Eltern kennenlernten, heirateten und als Zwangsarbeiter nach Deutschland gingen (ob unter Gewalt oder sogar freiwillig, mit dieser Frage hadert die Autorin), kann Natascha nur Mutmaßungen anstellen. Sie imaginiert sich in ihre Mutter hinein, versucht zu erspüren, wie es hätte sein können, wie sich der harte Lageralltag, als Ostarbeiter kaum über den jüdischen Häftlingen stehend, angefühlt haben könnte. Es ist ein besonderes Anliegen der Autorin, auf diese Zwangsarbeiterschicksale aufmerksam zu machen. Fassungslos steht sie vor der Zahl 42500, die die geschätzte Anzahl von Lagern im gesamten deutschen Machtbereich angibt.
    „Unendliche Massen namenloser Menschen, die es nur als Zahlen gibt. Jeder von ihnen ist meine Mutter.“
    und
    „Die Überlebenden der Konzentrationslager hatten Weltliteratur hervorgebracht, Bücher über den Holocaust füllen Bibliotheken, aber die nicht-jüdischen Zwangsarbeiter, die die Vernichtung durch Arbeit überlebt hatten, schwiegen.“
    Erst im nun folgenden vierten Teil, der sich mit der Nachkriegszeit beschäftigt, kann die Autorin auf eigenes Erinnern zurückgreifen und dieses ihren Recherchen, der Rekonstruktion und dem Nachfühlen hinzufügen.
    Es ist ein Leben mitten im Grauen des blutrünstigen 20. Jahrhunderts, das so vor den Augen des Lesers entsteht. Es gibt da keine Ruheinseln, keine Erholungsphasen, keine glücklichen Momente, auch wenn es sie irgendwo gegeben haben muss. Der Sturm der Geschichte hat sie zumindest in der Rückschau hinweggefegt. Angesichts dieser Vergangenheit und der ablehnenden, ja feindlichen Haltung, die den Überlebenden, den Geflohenen im Nachkriegsdeutschland entgegenschlug, kann man die Verzweiflung der Mutter, die dann 1956 im Selbstmord mündete, die gewaltbereite, der Trunksucht zuneigende Art des Vaters, der in diesem Buch fast gar nicht vorkommt, zunehmend verstehen.
    Auch wenn die Fakten natürlich bekannt sind, sind solche Bücher wie „Sie kam aus Mariupol“ gerade heute wieder so wichtig, wo wieder Abgrenzung, "Überfremdung", Homophobie und Hassparolen öffentliche Themen sind und eine zunehmend lässige Haltung gegenüber so Dingen wie Menschenrechte, Toleranz, Völkerverständigung und Humanismus eingenommen wird. Solchen Entwicklungen schreit dieses Buch entgegen: „Nein! Nie wieder!“. Nur Chaos, Zerstörung, unsagbares Leid und unzählige Tode sind aus den Ideologien des 20. Jahrhunderts entstanden. Und niemand konnte sich zuvor vorstellen, wie grundlegend seine Welt dadurch zerstört werden würde. Bücher wie das vorliegende können dazu beitragen, dass man es sich vorzustellen vermag. Und dass Dinge wie Demokratie, Freiheit, Toleranz und Frieden so unbedingt wertzuschätzen sind, wie sie es verdienen. Die große Geschichte herunterbrechen auf einzelne konkrete Schicksale, sie dadurch erfahrbar, erfühlbar machen, das ist Natascha Wodin auf eindrückliche Weise gelungen.

    Und nicht zuletzt ist „Sie kam aus Mariupol“ auch ein ganz großartiges Buch.


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    J
    jamal_tuschickvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Großartig.
    Horizonte der Verzweiflung

    Als Dreiundzwanzigjährige gelangt die Ukrainerin Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko 1943 nach Deutschland. Als “heimatlose Ausländerin” begeht sie da mit sechsunddreißig Selbstmord. Sie lässt einen Mann und zwei Töchter zurück, die ältere Tochter begibt sich schließlich auf Spurensuche. Ihre ins Fiktionale durchstechenden Ermittlungen in eigener Sache greifen den Leser ans Herz. Natascha Wodin wurde für ihre Aufzeichnungen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
    Kam die Mutter auf den Wegen der Deportation nach Deutschland und starb im Land ihrer Verschleppung? Oder ließ sie sich in der Ukraine von der deutschen Besatzungsmacht anwerben und blieb notgedrungen als Kollaborateurin? Die Autorin spricht zuerst von einer Deportierten, schwächt jedoch die Eindeutigkeit im Darstellungsverlauf ab. Jedenfalls zerstört der “Reißwolf zweier Diktaturen” die Mutter. Ihr gehört kein Leben. In einer Stahlhölle der Flick’schen Rüstungsindustrie wird sie zur Zwangsarbeit gepresst. Natalia, die erzählende Tochter, geboren in einem nationalsozialistischen Arbeitslager und “zu Hause im Ungefähren”, nähert sich auf den Umwegen der eigenen Ortslosigkeit der Geburtsstadt ihrer Mutter - Mariupol am Asowschen Meer. Sie setzt der maritimen Geografie blühende Fantasien zu und verpasst der Ukraine im Ganzen einen sibirischen Schneemantel.
    Die Erzählerin als Kind - Natalias Vater geht als Metallhilfsarbeiter in Leipzig durch. Ihre Bleibe ist ein Schuppen. Darin bringt Natalia die Verhältnisse auf einer inneren Tenne zum Tanzen. In ihren “Dunkelkammern” belichtet sie die Welt neu. Biografische Tatsachen behaupten sich dagegen schwer. Die Fantasie wirkt als Schutzschild. Alle Erfindungen dienen dem Ziel, nicht vom grauen Nichts verschlungen zu werden.
    Natalie verweigert der Dürftigkeit einer deklassierten, zudem staatenlosen “Ostarbeiterfamilie” das Recht auf Geltung, indem sie den im Keller schimmelnden kyrillisch beschrifteten, ein schwarzes Jahrhundert im Vollbild spiegelnden “Papierkram” der Eltern in die Mülltonne haut. Sie ist acht, als sie sich in einem befreienden Akt um den Identitätssockel negativer Selbstbestimmung bringt. Die Erzählerin beschreibt den Vorgang als Verbrechen. Sie ignoriert die Chancen der Selbsterschaffung als eine andere. Die Sehnsucht danach steht im Buch.
    Stalin überzieht Deportierte mit dem Vorwurf der Kollaboration. Die Verschleppten und die Angeworbenen haben keine Heimat, sind aber bei ihren, der nächsten Pole Position zustrebenden Sklavenhaltern besser aufgehoben als in der vor Verdächtigungen knisternden Sowjetunion. Das Erbe der Stigmatisierung motiviert Natalie zu Hoch- und Weitsprüngen der verweigerten Realitätsannahme im öffentlichen Raum. Sie macht sich zum angenommen Kind dieser “rassisch minderwertigen” Leute, bei denen sie wohnt, und beansprucht auf dem Stoppelfeld spärlicher Informationen eine ansehnliche Ahnenreihe mit italienischer Oma.
    Überrascht begreift sich die erwachsene Erzählerin als Nachkommende (auch) baltischdeutscher Aristokraten, die im 19. Jahrhundert der griechischstämmigen Bourgeoisie von Mariupol in die Parade fuhren und von der Oktoberrevolution aus ihrem Stand gerissen wurden. Die illustre Verwandtschaft bringt die Recherchierende zum Träumen. Doch als die Wehrmacht die Ukraine okkupierte, war die Familie längst von Hunger und Verbannung zersetzt. Die Mutter fand eine Anstellung ausgerechnet beim Arbeitsamt der Besatzer.
    Bei ihren Nachforschungen gerät Wodin immer wieder in Sackgassen. Darin haben Horizonte der Verzweiflung nur eben nichts mit ihrer Familie zu tun. Wodin stapelt Unrechtsgeschichten. Sie fordert und erhält das achtzig Jahre alte “Geständnis” so wie jenes Urteil, das eine ältere Schwester der Mutter zur Verbannten machte. “Lidia, die Starke, die Mutige, die vielleicht schon fast Halsbrecherische”, wird Wodins Gewährsfrau. Sie hinterließ Tagebücher, die, wie es sich gehört, wieder und wieder der Vernichtung entgingen, um zum guten Schluss der Autorin zuzufallen.
    Die Mutter könnte sogar Lehrerin gewesen sein; dieser “mit Dreck beworfene Untermensch”, der die Erzählerin in die Welt gesetzt hat. Es scheint, als wolle Wodin die in der Nachsicht Glanz gewinnende Mutter mitnehmen auf ihren Hochseefahrten zu den Häfen der Vergangenheit. Wieder denkt sie sich ein Leben aus, diesmal für die Mutter. Deren Vater war als Revolutionär zu früh daran gewesen. Der Versuch, die Geschichte zu überholen, wurde mit zwanzig Jahren zaristischer Verbannung abgegolten.

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    Rosebudvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Eine ergreifende Familiengeschichte
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    JeLavendelvor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Dieses Buch habe ich verschlungen und konnte es eigentlich erst aus der Hand legen, als die Familiengeschichte zu Ende erzählt war.
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    Wie klein, wie reich so ein Menschenleben ist und wie unrettbar es in die Mühlen der Geschichte gerät, davon erzählt diese zwischen Roman, Recherche, Rekonstruktion und Erinnerung angesiedelte Spurensuche. (.) Die Sprache ist kunst- und schmucklos, aber genau das ist das einzig Angemessene. (…) Das ist, gerade in der dokumentarischen Nüchternheit, ganz große und äußerst wirkungsvolle Kunst.

    Was sich da an Unvorhergesehenem und Überrumpelndem enthüllt, ist wie bei einem Krimi aufgebaut: Die Spannung steigt mit jedem einzelnen Detail, und der Zufall generiert eine spektakuläre Breitwandstory. (.) Die katastrophalen Geschichtsbrüche des 20. Jahrhunderts werden en miniature verhandelt, aber mit existenzieller Wucht.

    Es hat jüngst kluge Bücher über den Albtraum des zwanzigsten Jahrhunderts gegeben (…). Sie alle erzählen die Geschichte der Gewalt so, wie sie in den Archiven erscheint, als weit entferntes blutiges Gewimmel. Natascha Wodin zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Geschehen. Aber sie holt es so nah heran, dass wir unsere eigene Geschichte darin gespiegelt sehen.

    Die Geschichte der Recherche selbst liest sich wie ein spannendes Abenteuer. Lakonisch, klar, nüchtern und vollkommen unpathetisch führt Natascha Wodin den Leser durch die Verästelungen ihrer Familienforschung. Sie macht keine großen Worte. Sie lässt die Dinge für sich selbst sprechen. Eine kühle Sprödigkeit, mit der Wodin jede Emotionalität zügelt, wird als Markenzeichen dieses außerordentlichen Prosa-Werks erkennbar.

    So vieles ist bekannt über das schreckliche 20. Jahrhundert, über die Vernichtung der Juden, die Gräuel der Kriege, über Verrat, der Familien zerriss. Und es sind die Bücher von Imre Kertész und Primo Levi, von Daniil Granin und Anatoli Rybakow, Jürgen Fuchs und Erich Loest, die halfen, einzelne Kapitel nicht nur faktisch zu begreifen, sondern auch emotional zu verstehen. Nun kann man ein weiteres in diese Bibliothek einreihen. Natascha Wodin wirft einen Lichtstrahl auf das Leid ihrer Mutter und erhellt das Schicksal Hunderttausender.

    Natascha Wodin hat ein großartiges Buch gegen das Schweigen verfasst. Das ist lebendige, anschauliche, fragende, verzweifelte, rührende Geschichtsschreibung. Auch Trauerarbeit natürlich. Ein ergreifendes Buch, das persönlich gehaltene Dokument einer Spurensuche.

    Weil Wodin sich Raum nimmt für Momente, die schräg stehen zu allen historischen Ereignissen, die sonderbar wirken, weil Menschen selbst in den schrecklichsten Situationen manchmal etwas Schönes tun und erst diese Ungereimtheit ein tieferes Verständnis vermittelt, wie es ihnen ergangen sein muss, weil die Schriftstellerin diese Möglichkeit der Literatur voll ausschöpft, ist ihr ein großes Buch gelungen.

    Das Schicksal der in der deutschen Kriegswirtschaft zu Tode geschundenen osteuropäischen Zwangsarbeiter blieb lange im Schatten der anderen monströsen Verbrechen der NS-Diktatur. (…) Und weil Wodin diesen Stoff nicht einfach nur aufgreift, sondern bis ins Herz durchdringt, schreibt sie die Geschichte der Mutter in die Weltliteratur ein.

    Natascha Wodin ist ein so klassisches wie außergewöhnliches Buch gelungen.

    Es ist ein vom ersten Satz an fesselnder Roman, spannend, tragisch, erschütternd, sodass man kaum die Unterbrechung des Seitenumblätterns hinnehmen möchte. (…) Dieses Buch gehört in eine Reihe mit Werken von Hertha Müller und Imre Kertész, die vom Wüten und Töten in Diktaturen erzählen.

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