Nathacha Appanah

 4,1 Sterne bei 9 Bewertungen
Autor*in von Der letzte Bruder, Das grüne Auge und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Nathacha Appanah, geboren 1973, stammt aus einer traditionellen indischen Familie und verbrachte ihre Kindheit und Jugend auf Mauritius. In ihrer Heimat arbeitete sie als Journalistin für die Tageszeitung Le Mauricien. Seit 1998 lebt sie in Paris. Ihr Roman Der letzte Bruder war in Frankreich ein Bestseller, wurde mehrfach preisgekrönt und in über fünfzehn Sprachen übersetzt.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Nathacha Appanah

Cover des Buches Der letzte Bruder (ISBN: 9783293205833)

Der letzte Bruder

 (7)
Erschienen am 16.07.2012
Cover des Buches Das grüne Auge (ISBN: 9783039250127)

Das grüne Auge

 (2)
Erschienen am 09.03.2021
Cover des Buches Blue Bay Palace (ISBN: 9783857877643)

Blue Bay Palace

 (0)
Erschienen am 29.01.2013

Neue Rezensionen zu Nathacha Appanah

Cover des Buches Der letzte Bruder (ISBN: 9783293205833)
Ana80s avatar

Rezension zu "Der letzte Bruder" von Nathacha Appanah

Freundschaft
Ana80vor 9 Monaten

Da ich meinen Herbsturlaub auf Mauritius verbracht habe, wollte ich dort auch unbedingt ein Buch einer/s mauritianischen Autor*in lesen und bin auf dieses hier gestoßen.

Erzählt wird hier die Geschichte des zehnjährigen Raj, der in einem Dorf am Rande einer Zuckerrohrplantage im Norden von Mauritius lebt. Er ist immer wieder der Gewalt seines trinkenden Vaters ausgesetzt, vor allem, nachdem seine beiden Brüder bei einem Unglück ums Leben kommen. Die Familie verlässt daraufhin das Dorf und am neuen Wohnort lernt Raj David kennen, der allerdings in einem Gefängnis lebt. Trotz aller Widrigkeiten Freunden sich die beiden Kinder an und Raj hat das Gefühl, endlich wieder einen Bruder zu haben. Nachdem David die Flucht aus dem Gefängnis gelingt beschließen die beiden, dass sie sich nicht mehr trennen wollen…

Ich bin unglaublich froh dieses tolle und intensive Buch über Freundschaft gefunden zu haben. Es ließ sich schnell weglesen. Ich war sofort in der Geschichte drin und der Schreibstil hat mich sofort mitgenommen. Die Geschichte der beiden Kinder ist ganz wundervoll erzählt und hätte für mich ruhig noch länger sein dürfen. Erzählt wird in Rückblicken, da der mittlerweile alte Raj sich an damals erinnert.

Erzählt wird aber nicht nur von Freundschaft , sondern auch von einem Teil der Geschichte jüdischer Flüchtlinge zu Zeiten des zweiten Weltkrieges, von der ich nichts wusste. Mir war nicht bekannt, dass viele davon auf Mauritius in einem Lager eingesperrt und dort auch gestorben sind. Mauritius selbst hat diesen Teil seiner Landesgeschichte auch lange verdrängt. 

Mich hat dieser Roman sehr berührt und ich kann ihn wirklich sehr weiterempfehlen.

Cover des Buches Das grüne Auge (ISBN: 9783039250127)
A

Rezension zu "Das grüne Auge" von Nathacha Appanah

Die Zweifarbigkeit der Welt oder Die Pforten der Wahrnehmung oder Illusorische Paradiese
Almut_Scheller_Mahmoudvor 3 Jahren

Tropische Inseln gelten als Elysium. Und schaut man sich die einschlägigen Reiseportale an, wird Mayotte, eine französische Insel des Komoren-Archipels im Indischen Ozean, als solches angepriesen und „verkauft“

Aber die Realität sieht anders aus. Das beschreibt die Autorin in ihrem Roman mit monologisierenden biographischen Fragmenten der fünf Protagonisten.

Da bilden sich die Schattenräume einer zweigeteilten, sozusagen zweifarbigen Welt –gesehen durch ein schwarzes und ein grünes Auge – schwarz/farbig vs. weiß, arm vs. reich, gebildet vs. ungebildet.


Das Leben des durch seine zweifarbigen Augen verfluchten Moïse verläuft die ersten Jahre in gradlinigen glücklichen Bahnen, Seine weiße Mutter, Marie, sieht in ihm ihren Wunsch nach einem eigenen Kind inkarniert, nachdem sie jahrelang, Monat für Monat, ihr Blut fließen sah. Ihre Ehe mit dem Einheimischen Chamsidine scheitert. Sie bleibt allein. Für seine biologische Mutter jedoch war das Baby mit einem schwarzen und einem grünen Auge verflucht, eine Inkarnation des Dschinn. Und so drückte sie ihn der nächstbesten weißen Frau, der Krankenschwester Marie, in die Arme, nachdem ihr die Flucht über das Meer nach „Frankreich“ gelungen war. 


Doch das Schicksal will es anders und Moïses Leben mit Musik, dem immer wieder gehörten Chanson von Barbara „L’aigle noir“ und seinem tausendmal gelesenen Buch, das wie ein Talisman für ihn ist: „L’enfant et la rivière“, findet ein jähes Ende. Marie hatte endlich den Mut gefunden, ihm die Wahrheit zu erzählen: die Wahrheit über ihn und über sich selbst. Moïse verändert sich, immer wieder will er die „Geschichte“ in allen Details hören, er nennt Marie nicht mehr Mam, sondern bei ihrem Vornamen. Er macht ihr Vorwürfe, dass sie ihn gehindert hätte, sein wahres, sein eigentliches Leben zu leben. Er schwänzt die Schule. Und Maries andauernde Kopfschmerzen enden in einem Aneurysma. Sie kippt um: sie ist tot. Und das Leben zieht Moïse in einen Strudel von Gewalt, von Machtspielchen des ungekrönten jugendlichen Königs des Ghettos von Mayotte, Bruce. Und er wird konfrontiert mit seinem eigentlichen Leben, das er von Marie gefordert hatte. Im Ghetto von Gaza mit seinen umherschweifenden Jugendbanden, die stehlen, rauben, rauchen, trinken, sich mit „der Chemischen“ (einem Gemisch aus Tabak, Haschisch und weißen Pillen) voll dröhnen. Nun hat Moïse kein Zuhause mehr, kein Blechdach, auf dem der Regen die Sarabande tanzte, keine luftigen bunten Vorhänge, kein Duschgel und keine Schokolade mehr, keinen Garten mit seinem betörenden Duft. Nur seinen Rucksack, den Rucksack von Marie, der ihm nun als Kopfkissen diente. 


Er ist und bleibt ein Außenseiter in diesem Elendsviertel, einer Favela, einem gewalttä-tigen Niemandsland. Ein Ort ohne Hoffnung. Und doch gehört es zu Mayotte, zu Frank-reich. Aber niemand kümmert es, was dort geschieht. Niemand kümmert sich um die Tausenden von illegalen Flüchtlingen, die in brüchigen Booten übers Meer kommen, wie eine glühende Energie, eine zerstörerische Woge. Alle wollen sie ins Paradies. Und alle Besuche von Politikern, alle Kampagnen und alle Reportagen änderten nichts an diesem Urzustand. Dass auch hier Menschen und besonders Kinder an den Stränden sterben. 


Es gibt Zeiten, da ist Moïse fast glücklich, er raucht, singt und tanzt zum Tamtam, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Aber er weiß tief in seinem Inneren über die Destruktivität von Ghettos: alle stinken nach Urin und Scheiße, alle haben den gleichen Lärmpegel: das Schreien und Weinen hungriger Kinder, in allen klingt amerikanischer Rap und Nigga und Fuck sind Standardwörter. Und im TV laufen Hardcore-Pornos, in den Männer Hunde ficken, Hunde die Frauen und Männer die Männer fickten, die Frauen fickten, welche Hunde fickten. 


Wie kann in so einem Milieu ein Mensch ein guter Mensch bleiben? Wie kann dort Hoffnung gedeihen? Der Wille zur Veränderung?

Da helfen auch die gutmenschlichen NGO’ler nicht, die für ein paar Monate nach Mayotte kommen, Projekte anschieben wie eine Bibliothek oder Filmabende. Denn sie haben die Strukturen der jugendlichen Überlebenswelt nicht erkannt, kamen und gingen blind zurück ins wohl behütete Mutterland. 


Bruce ist der Gegenspieler von Moïse, gewaltbereit, herrschsüchtig, er präsentiert sich als der Unbesiegbare, als der Chef, dem alle anderen auf Befehl gehorchen. Und genau diese Befehlsgewalt führt in die Katastrophe. Führt in eine Massenvergewaltigung, die Moïse als Opfer zurücklässt, die ihn zum Mörder werden lässt. 


Moïse kann seinem Schicksal, von machetenschwingenden Jungs gelyncht und zerstückelt zu werden, entfliehen. 

„Ich heiße Moïse, ich bin fünfzehn und ich lebe. Ich habe keine Angst mehr vor der Meute, ich laufe zum Ende der Pier und tauche ein in den Ozean. Ich tauche nicht wieder auf.“


Ist es ein Happy End? Ist es sein prophezeites verfluchtes Schicksal? Da gibt es manche Interpretationsmöglichkeiten. 


Eindeutig jedoch ist, dass Nathacha Appanah ein wunderbares Buch geschrieben hat, ein Buch, das trotz aller Tristesse der Realität, trotz aller Gewalt mit wunderschönen poetischen Momenten beglückt,  so dass man als Leser oder Leserin für ein paar Augenblicke (mit dem schwarzen oder dem grünen Auge?) fast an das Paradies glauben kann. 


Unbedingt empfehlenswerte Lektüre, die viele Fragen beleuchtet: das Rassismus-Thema, das Lost Paradise-Thema, das Flüchtlings-Thema, das Ungleiche-Chancen-Thema, das Gewalt-Thema, das Gutmenschen-Thema. Eine nachhaltige Lektüre.

Cover des Buches Das grüne Auge (ISBN: 9783039250127)
Ann-KathrinSpeckmanns avatar

Rezension zu "Das grüne Auge" von Nathacha Appanah

Interessanter Schauplatz
Ann-KathrinSpeckmannvor 3 Jahren

Inhalt:
Als Moise Adoptivmutter unerwartet stirbt, schließt er sich einer Jugendbande im Elendsviertel "Gaza" auf Mayotte an.

Aufbau:
Das Buch gliedert sich in viele einzelne Kapitel, die aus der Sicht von unterschiedlichen Personen geschrieben worden sind. So hat der Leser die Chance Mayotte und insbesondere das Elendsviertel vom Standpunkt verschiedener Gesellschaftsschichten kennenzulernen. Da ich vor dem Buch gar nichts über diesen kleinen Teil der Welt wusste, finde ich es gut, auf diese Weise ein möglichst vielschichtiges Bild zu erhalten. Auch die Personenwahl finde ich interessant.

Meiner Meinung nach sind die Ausschnitte und deren Zusammenhänge nicht immer gut gewählt. Für mich hat sich nur selten ein echter Spannungsbogen aufgebaut, sodass ich das Buch zwischenzeitig recht lange zur Seite gelegt habe. Ich denke, es hätte bessere Wege gegeben inhaltlich das gleiche zu erzählen, aber dennoch einen stärkeren Bezug zum roten Faden aufrecht zu erhalten oder alternativ die einzelnen Abschnitte selbst klarer, prägnanter und spannender aufzubauen.

Stil:
Nach dem ersten Kapitel war ich begeistert. Marie (Moise Mutter) fasst als Ich-Erzählerin ihre Vergangenheit zusammen. Den Stil empfand ich als außergewöhnlich und sehr prägnant. Leider tauchte genau das, was mir besonders vorkam, später bei den anderen Figuren immer wieder auf. Da alle Figuren Ich-Erzähler aus völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten sind, hätte ich auch in ihrer Erzählweise deutliche Unterschiede und nicht die gleichen auffälligen Stilmittel erwartet. Die einzige Ausnahme ist vielleicht Moise, da er eine gewisse Erzählweise von seiner Mutter übernommen haben könnte. Das Problem hätte leicht umgangen werden können, wenn Marie die Erzählerin der ganzen Geschichte gewesen wäre und dem Leser von dem Leben der anderen erzählt hätte.

Abgesehen von der Erzählperspektive hat das Buch sehr gute, bildliche und lebendige Stellen. Meistens hatte ich jedoch das Gefühl sehr weit weg von den Charakteren zu sein. Insbesondere die Kapitel aus Moise und Bruce Sicht kamen mir wir Reportagen vor. So als hätte die Autorin mit betroffenen Jugendlichen gesprochen und sich deren Welt angesehen und die Ergebnisse sehr gut umgesetzt. Gleichzeitig wirkt es aber auch so, als hätten die Jugendlichen sie auf Distanz gehalten, ihr nicht alles erzählt, sie nie wirklich am Alltag teilhaben lassen. Und all diese Dinge hat sie dann auch im Buch weggelassen. In einem Roman hätte die Autorin eigentlich Freiheit diese fehlenden Stellen kreativ auszuschmücken, aber es wirkt auf mich so, als hätte die Autorin einige Eckpunkte einer Geschichte erfunden, die dazu dienen, dass was sie erfahren hat, in eine Form zu bringen.

Ich weiß natürlich nicht, ob meine Vermutungen stimmen. Vielleicht liege ich auch daneben. Es ist jedenfalls so, dass ich nur selten mit den Figuren mitfühlen konnte, was sehr schade ist. Andererseits hatte ich jedoch auch das Gefühl, dass es wirklich um Mayotte, "Gaza" und die Menschen dort geht und dass die Dinge, die ich mitfühlen und miterleben durfte echt sind und der Handlungsort nicht austauschbar. 

Insgesamt:
Ich habe das Buch mit sehr gemischten Gefühlen beendet. Mir haben in Lebendigkeit, Emotionen und ein Spannungsbogen gefehlt. Andererseits fand ich es toll, gedanklich an einen außergewöhnlichen Schauplatz reisen zu dürfen und etwas über diesen zu lernen. Wenn Dein Fokus eher auf dem zuletzt genannten Aspekt liegt, kann ich Dir das Buch empfehlen.

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