Jack und Elizabeth lernen sich kennen, als sie zum Studieren nach Chicago kommen, im Jahr 1992. Beide sind froh, ihren Elternhäusern entkommen zu sein: Sie dem reichen und rücksichtslosen und gefühlskalten Ostküstenestablishment; er dem armen und hinterwäldlerischen und gefühlskalten Rancherleben in Kansas. Ihre Studentenbuden sind nur durch eine schmale Gasse getrennt, sie können einander ins Zimmer schauen; sie kennen sich und sind voneinander fasziniert, noch ehe sie sich treffen. Als es dann endlich zur persönlichen Begegnung kommt, ist es der ganz große Knall, die ganze Breitseite der Liebe. Größer als das Leben, größer als die Zeit!
Zwanzig Jahre später hat sich manches geändert. Jack und Elizabeth sind verheiratet, der Kampf gegen das Establishment und den Kapitalismus und die Konventionen nicht mehr so wichtig. Elizabeth arbeitet als Psychologin in einem Institut, das Placebostudien macht, und Jack hangelt sich an der Uni als Dozent für Fotografie von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Sie haben einen Sohn, Toby, dessen Erziehung allen guten Vorsätzen zum Trotz, nicht so läuft, wie insbesondere Elizabeth sich das vorstellt; sie wollen eine Wohnung in einem gentrifizierten Vorort kaufen; und ihr Sexleben ist nicht mehr so, wie insbesondere Jack sich das vorstellt.
Kurzum, eine ganz normale Ehe in unserer Zeit, mit den Herausforderungen und Widrigkeiten, mit denen sich die Generation X eben so herumschlagen muss. Nathan Hill beschreibt das Verblassen der Romantik, das Einschlafen der Liebe, diesen so menschlich-allzu-menschlichen Transformationsprozess vom leidenschaftlichen Paar zur freundlichen Zweckgemeinschaft. Er tut das brillant, diese Ehegeschichte ist klug und wahr und witzig und traurig - ich (ein paar unbedeutende Jahre älter als Nathan Hill oder seine Helden) habe manches Mal einen Spiegel meiner eigenen Befindlichkeiten vorgefunden und kann dem Autor nur gratulieren. Das Buch hätte an dieser Stelle noch einen knalligen Höhepunkt gebraucht und einen guten Abschluss, dann wäre ich restlos zufrieden gewesen. Ein rundum gelungener, relevanter Roman über Beziehungen, unsere Vorstellungen vom Leben und der Romantik und der Leidenschaft darin — und wie wir alle Opfer der schnöden Umstände werden.
Nur sind wir an dieser Stelle noch nicht mal auf Seite 200 des Buches, das insgesamt über 600 Seiten umfasst. Und da beginnt das Drama. Nathan Hill nämlich führt uns jetzt erstmal in die Vergangenheit seiner beiden Hauptfiguren, wir erfahren ausgiebigst wie Elizabeths Familie im 19. Jahrhundert auf höchst fragwürdige Weise zu ihrem Vermögen gekommen ist, wir begleiten sie mit ihrem egozentrischen und kompetitiven Alphamännchenpapa, und auch in Jacks traurige Kindheit und Jugend auf der kleinen Ranch in Kansas tauchen wir ein - mit einer guten Portion an Mysery Porn inkusive.
Aber damit nicht genug. Nathan Hill muss unbedingt jedes Thema verhandeln, das ihm für sein Publikum relevant erscheint. Und so erfahren wir alles über Universitäten, die ihre Dozenten auf Social Media sehen wollen, über die Algorithmen von Facebook und wie sie die freundlichsten Menschen zu Hass und Konspiration drängen, wir amüsieren uns bitter über die schnöselige Kunstelite und ihr arrogantes Verständnis der Postmoderne. Dazu kommen Ausführungen darüber, wie Placebos wirken, was uns als Verliebte zueinander führt, wie man Kinder erzieht und mit welchen Methoden ideologische Gruppen ihre Leute bei der Stange halten. Das ist alles nett und lehrreich und lesenswert, aber eben Schmuck am Baum - für die Geschichte von Jack und Elizabeth gibt es mir nichts.
Typisch ist für meine Begriffe die Szene, in der Elizabeth am Verhalten ihres störrischen Sohnes verzweifelt. Sie will ein bestimmtes Verhalten von ihm erreichen und sie versucht es mit allen psychologischen Tricks, und sie sagt sich immer wieder vor, was sie zu tun hat (Geduld bewahren, nicht schimpfen, dem Kind Zeit geben usw.) - und untermauert das mit empirischen Forschungsstudien aus Psychologie und Erziehungswissenschaft. Also etwa „Bleib ruhig; Kinder, die regelmäßig Zornausbrüche ihrer Eltern erleben, erreichen deutlich seltener einen Collegeabschluss (Kowalski & McDowell, 2003).“ Ein witziges und treffendes Stilmittel, um die übereifrige und kopfgesteuerte Elizabeth zu charakterisieren, finde ich. Allerdings hätte ich erwartet, dass die Studien frei erfunden sind - ich an Stelle von Nathan Hill hätte das getan, vielleicht noch ein paar Insiderwitze bei den Namen eingebaut. Aber nein. Sie sind alle echt und authentisch. Ein halbes Hundert findet sich im Anhang des Romans aufgeführt!
Diese akribische Sinnlosigkeit, dieses Um-jeden-Preis-alles-richtig-machen-wollen, das ist es, was an „Wellness“ so nervt. Nathan Hill will offenbar den einzig relevanten amerikanischen Gegenwartsroman abliefern, will John Updike und Jonathan Franzen auf die Plätze verweisen - und daran scheitert er mit Schmackes! Denn seine Teile, so treffend sie im einzelnen sein mögen, wollen sich einfach nicht zu einem runden Ganzen fügen.
Positiv kann man sagen, dass man mit „Wellness“ drei oder vier Bücher zum Preis von einem bekommt. Mir persönlich hätte die wunderbare Ehegeschichte allerdings voll und ganz genügt.