Inhalt:
Massachusetts, 17. Jh.: Hester Prynne wird öffentlich an den Pranger gestellt, weil sie Ehebruch begangen hat. In der mehrjährigen Abwesenheit ihres Ehemanns hat sie das Kind eines anderen Mannes zur Welt gebracht. Fortan muss sie als Zeichen ihrer Verfehlung ein scharlachrotes „A“ auf ihrer Kleidung tragen. Außerdem wird sie von der Gesellschaft als Ausgestoßene betrachtet und mit Verachtung gestraft. Doch nicht nur Hester hat zu leiden: Der Vater ihres unehelichen Kindes, dessen Identität Hester beharrlich verschweigt, leidet im Stillen ebenso und muss lernen mit seinen massiven Schuldgefühlen umzugehen. Die Lage verschärft sich als Hesters totgeglaubter Ehemann zurückkehrt und sich am Geliebten seiner Ehefrau rächen will…
Sie lebte abseits von den anderen und doch unter ihnen, wie der Geist eines Verstorbenen, der unsichtbar zu den Seinen zurückkehrt, aber nicht mehr ihre Freude und ihren Kummer teilen kann, und nur Schrecken und Entsetzten hervorrufen würde, wenn man ihn plötzlich wahrnähme. Wirklich schienen Schrecken und Entsetzen – und zudem die bitterste Verachtung – die einzigen Gefühle zu sein, die die Menschen für sie übrig hatten. (S. 96)
Meine Meinung:
Das Buch hat mir gefallen – jedoch mit einer kleinen Einschränkung: Zum Glück habe ich die Einleitung, die „Das Zollhaus“ heißt, zunächst übersprungen und direkt mit dem ersten Kapitel angefangen. Ich muss nämlich leider sagen, dass ich die Einleitung gar nicht mochte und ich sie ehrlich gesagt ziemlich langweilig und anstrengend zu lesen fand – ganz im Gegensatz zur eigentlichen Geschichte. Für das Verständnis der eigentlichen Geschichte ist es auch unerheblich, ob man die Einleitung zuvor gelesen hat. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, habe ich dann doch noch die komplette Einleitung gelesen, aber meine anfängliche Meinung bleibt bestehen: Ich mag die Einleitung einfach nicht und bin froh, dass ich mich davon nicht habe abschrecken lassen dieser Geschichte eine Chance zu geben.
Hester ist eine überraschend tapfere und starke Protagonistin. Sie hält dem öffentlichen Druck stand und behält den Namen des Vaters ihres unehelichen Kindes für sich. Sie nimmt ihn in Schutz und trägt die Konsequenzen ihres gemeinsamen Handelns alleine. Auch später macht sie dem Vater ihres Kindes keine Vorwürfe, obwohl er nicht zu ihr gestanden hat und sich nie zu ihr und dem gemeinsamen Kind bekannt hat. Sie ist diejenige, die ihm Mut macht und ihm klarmacht, dass es trotz allem für sie drei noch eine glückliche Zukunft geben kann, wenn er bereit ist dafür zu kämpfen. Die Dorfbewohner ächten Hester selbst Jahre nach ihrer Verfehlung noch immer und zwingen sie und ihre Tochter zu einem Leben in Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Ihre Ablehnung und Missbilligung lassen die Dorfbewohner Hester unerbittlich und auf vielfältige Weise spüren. Sie richten nicht einmal Dankesworte an sie, wenn sie ihnen Gutes tut. Hester lässt sich davon nicht beirren. Sie bleibt weiterhin freundlich und hilfsbereit und steht das alles tapfer durch.
Wenn man bedenkt, dass das Buch bereits 1850 erschienen ist, hat mich neben der starken weiblichen Protagonistin auch der Umgang des Autors mit dem Thema Ehebruch positiv überrascht. Es wird nicht etwa schlicht betont, dass sich Hester und ihr damaliger Geliebter einer großen moralischen Verfehlung schuldig gemacht haben. Vielmehr wird auch ein durchaus kritischer Blick darauf geworfen wie hart und unerbittlich die Gesellschaft mit Hester ins Gericht geht. Einige Dorfbewohner halten die öffentliche Ächtung für nicht ausreichend und fordern gar die Todesstrafe für Hester. Außerdem werden Hesters Empfindungen und Gedanken sehr einfühlsam und lebensnah beschrieben. Dadurch steht man beim Lesen auf Hesters Seite. Man empfindet Mitgefühl hat Verständnis für die außereheliche Affäre, denn es wird beschrieben, dass sie ihren Ehemann bei der Hochzeit kaum kannte und dass er zum Zeitpunkt der Affäre bereits seit zwei Jahren verschwunden und längst für tot gehalten wurde. Deshalb war sie sehr einsam.
Zu den größten Stärken der Geschichte zählen meiner Meinung nach die gelungenen Charakterisierungen der Hauptpersonen und die einfühlsamen Schilderungen von deren Gedanken- und Gefühlswelt. Man kann sich sehr gut in Hester hineinversetzen und verstehen wie unglaublich schwierig die ganze Situation für sie ist und wie sehr sie darum kämpft für sich und ihre Tochter stark zu bleiben. Darüber hinaus wird auch sehr eindrücklich beschrieben wie sehr der Vater von Hesters unehelichem Kind von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen richtiggehend zerfressen wird und wie sehr er mit sich hadert. Auch die niederträchtigen Gedanken und Pläne von Mr. Chillingworth werden einem sehr gut nahegebracht. Die Szenen in denen es um ihn ging sind ziemlich beklemmend.
Die Geschichte vermittelt auch ein eindrückliches und äußerst beklemmendes Bild von der Lebensweise im 17. Jahrhundert. Man ist nach dem Lesen dieser Geschichte richtig froh, dass man in der Gegenwart lebt und sich die Einstellung der Gesellschaft zu bestimmten Themen inzwischen verändert hat. Es hat mich sehr erschüttert wie sehr der Fehltritt der Eltern auf die unehelich geborene Pearl zurückfällt. Viele Dorfbewohner sind überzeugt, dass es sich in ihrem Charakter niederschlagen muss, dass sie „in Sünde“ geboren wurde und dass aus einem Kind wie ihr niemals ein guter und rechtschaffener Mensch werden kann. Selbst Pearls Mutter kann sich zuweilen solcher Gedanken nicht erwehren. In Gefühls- und Temperamentsausbrüchen wie sie für Kinder ihres Alters normal sind wird gleich ein Hinweis darauf gesehen, dass eventuell etwas mit ihrer Seele nicht stimmen könnte. Generell ist der in der Geschichte geschilderte Aberglaube der Menschen erschreckend. So sind z. B. manche Leute überzeugt, dass das „A“, das Hester an ihrer Kleidung tragen muss, in der Dunkelheit rot glüht und sie im Bund mit dem Bösen ist. Außerdem wurden damals reihenweise Leute verdächtigt sich des nachts im Wald mit dem Teufel zu treffen und man lief Gefahr aufgrund einer solchen Anschuldigung zum Tode verurteilt zu werden.
Der Schreibstil ist zwar ein wenig altmodisch, aber gut lesbar und sehr schön:
Das Schicksal und die Umstände hatten sie einander entfremdet, und sie brauchten die kleinen Belanglosigkeiten, die vorauseilten und die Tür des Gesprächs aufstießen, um die wirklichen Gedanken über die Schwelle zu lassen. (S. 216)
Die Handlung verläuft recht geradlinig und ohne größere Überraschungen. Das hat mir aber nichts ausgemacht, da man mit der Hauptperson Hester mitfühlt und deshalb an ihrem Schicksal und dem ihrer Tochter interessiert ist. Ich habe die Geschichte gern gelesen und gespannt verfolgt wie es für Hester weitergeht. Außerdem ist man gespannt zu erfahren was der doch recht hinterhältige Mr. Chillingworth als nächstes vorhat und man fragt sich ob die Wahrheit über Hesters Geliebten doch noch irgendwann ans Licht kommt.
Das Ende der Geschichte ist meiner Meinung nach ein wenig überdramatisch ausgefallen. Außerdem ist es relativ vorhersehbar, denn ein weniger moralisches Ende wäre im Erscheinungsjahr des Romans (1850) sicher nicht denkbar gewesen. Immerhin sahen sich selbst Jahrzehnte später die Macher des Filmes Casablance (1943) noch gezwungen dem Publikum ein moralisch vertretbares Ende zu bieten. Trotzdem hätte man sich für eine der Hauptpersonen ein glücklicheres Ende gewünscht.
In der Ausgabe, die ich gelesen habe gibt es noch ein interessantes Nachwort von Sabina Schult. Es geht darin unter anderem um die Frage für was der Buchstabe „A“ steht, denn das wird in der Geschichte tatsächlich an keiner Stelle erwählt. Außerdem erfährt im Nachwort u. a., dass Nathaniel Hawthorne mit Herman Melville befreundet gewesen ist und ihm dieser deswegen seinen Roman Moby Dick gewidmet hat.
Vergleich mit Verfilmung von 1995 (mit Demi Moore und Gary Oldman):
Nach dem Lesen Buches habe ich mir noch die Verfilmung von 1995 angesehen. Anders als das Buch beginnt der Film nicht mit Hesters öffentlicher Ächtung, sondern viele Monate vorher. Diese Idee hat mir sehr gefallen, weil es den Dramafaktor nochmals ein wenig erhöht hat und man die Protagonisten dadurch noch besser kennenlernt. Es wird gezeigt wie die beiden sich von Beginn an zueinander hingezogen fühlen und Gemeinsamkeiten entdecken, die sie verbinden. Zunächst versuchen sie noch ihre Gefühle zu verdrängen und auf Abstand zu gehen, aber schließlich beginnt eine Affäre aus der schließlich die kleine Pearl hervorgeht.
Hester wird im Film im Wesentlichen so charakterisiert wie man sie auch im Buch erlebt. Das Verhalten von Arthur hat mir im Film aber besser gefallen als im Buch. Im Buch versinkt er so sehr in Verzweiflung und Selbstmitleid, dass er kaum darüber nachzudenken scheint, dass Hester ebenso schlimm (eigentlich sogar noch schlimmer) dran ist als er. Er denkt fast nur an sich selbst. Im Film ist Arthur viel tapferer und wagemutiger und eine entscheidende Stütze für Hester. Er ist im Film schon zu Beginn bereit die Schuld öffentlich auf sich zu nehmen und nimmt davon allein Hester zuliebe Abstand, weil er hingerichtet werden würde und Hester ihn nicht verlieren will. Außerdem verhält sich Arthur im Film keineswegs so passiv wie im Buch. Er ist liebevoller und unternimmt viel mehr um Hester und der kleinen Pearl zu helfen und um ihnen seine Liebe zu zeigen.
Hesters überraschend heimgekehrter Ehemann ist im Film noch bösartiger, hinterhältiger und auch blutrünstiger als im Buch. Seine Darstellung finde ich im Film etwas zu übertrieben. Außerdem gibt es im Film einige Actionszenen, die im Buch nicht vorkommen, mich aber dennoch sehr gut unterhalten haben und der Geschichte nicht geschadet haben.
Der größte Unterschied zwischen dem Buch und dem Film ist zweifellos das Ende. Im Film gibt es für alle Sympathieträger ein rührendes Happy End (auch wenn es nicht ganz frei von einer Prise Wehmut ist). Das Ende des Buches ist im Vergleich dazu tragischer.
Ich denke es ist gut, dass ich die Verfilmung erst nach dem Lesen des Buches angesehen habe, weil ich sonst mit falschen Erwartungen an das Buch herangegangen wäre. Hätte ich zuerst den Film gesehen hätte mich wahrscheinlich das passive Verhalten von Arthur gestört und ich wäre von dem in Teilen recht tragischen Ende enttäuscht gewesen.
Fazit:
Es handelt sich um einen lesenswerten Literaturklassiker, der mir viel besser gefallen hat als ich erwartet hatte. Trotz des Alters lässt sich das Buch gut lesen. Es bietet einen interessanten und auch erschütternden Einblick in vergangene Zeiten. Hesters Geschichte hat mich sehr bewegt.
Wer (wie ich) nichts mit der Einleitung anfangen kann, kann sie getrost überspringen und direkt mit dem ersten Kapitel beginnen. Man braucht die Einleitung nicht um die eigentliche Geschichte zu verstehen. Die eigentliche Geschichte ist sehr viel besser als es die etwas langwierige und anstrengend zu lesende Einleitung vermuten lässt.
Wer die Verfilmung von 1995 bereits kennt und diese mag sollte wissen, dass man im Buch nicht erfährt wie sich Arthur und Hester kennenlernen und verlieben. Überhaupt ist die Liebe zwischen Hester und Arthur im Buch weitaus weniger spürbar als im Film. Außerdem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sich Arthur im Buch passiver verhält und Hester nicht so sehr zur Seite steht. Außerdem fällt das Ende im Buch tragischer aus als im Film.