Nava Ebrahimi

 4.3 Sterne bei 26 Bewertungen
Autor von Sechzehn Wörter.

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Sechzehn Wörter

Sechzehn Wörter

 (26)
Erschienen am 14.01.2019

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Rezension zu "Sechzehn Wörter" von Nava Ebrahimi

Zeit, die Erinnerung zu überschreiben
jenvo82vor einem Monat

„Von einem neuen Ort angezogen werden allein reicht nicht. Der alte Ort muss einen auch wegschieben. „Ich glaube“, sagte er, nachdem er die Tasse wieder abgestellt hatte, „dass man immer eher weggeschoben wird, auch, wenn man glaubt, angezogen zu werden.“


Inhalt


Bereits als Kind kommt die junge Iranerin Mona Nazemi nach Deutschland und wächst dort auf, sie selbst sieht sich als Deutsche und merkt ihre Fremdartigkeit eher in den Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen, als in ihrem eigenen Denken. Allerdings erhält sie sich auch die Verbindungen zur Heimat, in der ihre Großmutter immer noch lebt und ihr leiblicher Vater ebenfalls. So anders ist das Leben dort, bietet ganz andere Reize. Für Mona sind es die Besuche in ihrem Heimatland, die sie immer wieder reflektiert und auch die Liebe zu Ramin, einem Iraner, der mittlerweile selbst verheiratet und Vater geworden ist. Es fällt ihr schwer sich ein ständiges Leben im Iran vorzustellen, doch sie liebt auch die dortigen Eindrücke und die Menschen in ihrem Leben. Als ihre Großmutter stirbt, bricht eine elementare Stütze aus der kindlichen Erinnerung weg und Mona reist gemeinsam mit ihrer Mutter in ihr altes Zuhause. Doch bei ihrer Rückkehr nach Deutschland muss sie erkennen, dass es nicht das eine, einzig wahre Leben ist, das sie ihr eigenen nennt, sondern vielmehr eine kleine Facette ihrer Persönlichkeit. Es gibt da eine Mona in Deutschland, doch obwohl sie bestens integriert ist, schleicht sich ihre wahre Herkunft immer wieder in die Gegenwart ein.


Meinung


Die junge Autorin Nava Ebrahimi, schreibt in ihrem Debütroman sehr empathisch und mit viel Fingerspitzengefühl von einem Leben zwischen zwei Kulturen, von gegensätzlichen Erwartungen und konträren Ansprüchen. Dabei versetzt sie den Leser direkt in den Kopf ihrer Hauptprotagonistin Mona, die als Ich-Erzählerin auftritt und deren Erinnerungen so lebendig und eindringlich wirken, dass man meint selbst dabei zu sein. Scheinbar nebenbei erfährt man auch die familiären Umstände, die sie von einer Kindheit in Persien in ein Leben nach Deutschland geführt haben, erkennt die Zwänge denen ihre Mutter ausgesetzt war und die Ansprüche der Großmutter an eine Frau, die es immer noch nicht geschafft hat sich Mann und Kind zuzulegen.

Anders als in vielen Romanen über die Herkunft und die Liebe zur Heimat, bleibt Mona ein sehr sachliches Wesen und trauert ihren verpassten Chancen in einem Leben im Iran nicht nach, auch spürt man die innere Zerrissenheit nicht wirklich, denn ihrer Identität ist sie sich gänzlich bewusst. Das hat mir gut gefallen, weil ich nicht glauben mag, dass ein Leben in der Fremde immer nur mit dem Verlust des Heimatgefühls einhergeht.

Dennoch bleibt die Erzählung hinter meinen Erwartungen zurück, weil mir einfach die klare Ausrichtung fehlt, eine direkte und greifbare Entwicklung, eine Verbindung zwischen der persönlichen Geschichte und der Außenwelt. Alles dreht sich im Kreis, die Erinnerungen speisen den Text und bleiben doch nur eine Abbildung vergangener Zeiten.

Die Verluste, die Trennungen und der von mir erwartete Schmerz, bleiben aus. Mona distanziert sich von Emotionen, sie handelt mit Bedacht und nicht immer mit dem Herzen. Sie lebt einfach irgendwie vor sich hin, nimmt, was sich ihr bietet und denkt ohne große Wehmut an anderes. Man könnte meinen hier einen oberflächlichen Charakter vor sich zu haben, doch das ist es ganz und gar nicht, denn die Tiefgründigkeit ist spürbar und präsent.

Vielleicht ist dieses Verwischen einer klaren Aussage auch das Ziel der Autorin, die sich damit diverse Denkansätze offenhält und ihre Leser nicht in eine bestimmte Richtung drängt, doch genau das hätte ich mir erhofft.


Fazit


Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen Roman über eine junge Frau mit fremden Wurzeln und Bindungsängsten in der Gegenwart, die sich hier auf Spurensuche begibt und ihre Erinnerungen ausgräbt, um sie mit neuem Leben zu füllen. Sehr gelungen sind die kleinen, unscheinbaren Momentaufnahmen, die zahlreiche Differenzen zwischen Persien und Deutschland sichtbar machen. Auch sprachlich berührt das Buch, nur bleibt kaum etwas hängen, keine Assoziation, kein Wiedererkennen, kein Schmerz, keine Liebe, keine Endgültigkeit – seltsam unpersönlich bleibt der Text, fragil die Aussage und müsste ich das Buch mit Farben bewerten, so würde ich Grau wählen.

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Rezension zu "Sechzehn Wörter" von Nava Ebrahimi

Leider nicht zu Ende gelesen
thebooklettesvor 2 Monaten

"Es gibt Wörter, die wir nicht kennen. Deren Bedeutung wir aber erahnen. Als wären sie immer schon hier gewesen. Als hätten sie schon immer in uns gewohnt. Und manchmal wollen sie endlich ausgesprochen werden." 

Ich war sehr gespannt und freute mich unheimlich das Buch endlich zu lesen. Doch leider musste ich schnell feststellen, dass mich das Buch und die Geschichte überhaupt nicht packten. Normalerweise lese ich fast jedes Buch zu Ende, doch in dem Fall habe ich es zur Seite gelegt, als ich in der Mitte ankam und feststellen musste, dass ich immer noch kein Fan geworden war. Ich weiß, man sollte nicht über ein Buch urteilen, wenn man es nicht zu Ende gelesen hat. Doch bei so vielen anderen tollen Büchern die noch darauf warten gelesen zu werden, musste ich in diesem Fall den Kampf vorzeitig aufgeben. Wirklich schade! Die Idee dahinter ist toll und es sind auch witzige Szenen bei, doch Sechzehn Wörter war einfach kein Buch für mich. Dennoch kann es mit Sicherheit vielen anderen sehr gefallen.

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Rezension zu "Sechzehn Wörter" von Nava Ebrahimi

Persische Familiengeschichte, die Einblicke in den Iran von damals und heute gibt
Tini2006vor 8 Monaten

Die Autorin hat den Österreichischen Buchpreis für Debütromane bekommen - so wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Nachdem ich mich durch jenes Buch einer bekannten Autorin gequält hatte, die den eigentlichen Buchpreis gewonnen hat, war ich anfangs etwas skeptisch, was mir dieses wohl bescheren wird: mühsame Metaphern? Langweilige pseudointellektuelle Ausführungen? Binsenweisheiten, die unter dem Deckmantel der Literatur als neuartige, fast philosophische Erkenntnis verkauft werden? - Nichts davon trat ein. Von der ersten Zeile an war ich von der Geschichte so gefangen genommen, dass ich nicht mehr zu lesen aufhören wollte.

Nava Ebrahimi erzählt ihre Geschichte aus der Sicht von Mona, deren Eltern mit ihr von Persien nach Deutschland ausgewandert sind, als sie selbst noch ein Kind war, Mona ist jetzt Mitte 30, Journalistin, spricht Deutsch wie ihre Muttersprache, schreibt als Ghostwriterin Biographien. Sie hat sich selbst Bindungsangst diagnostiziert, da sie quasi noch immer (mehr oder weniger) Single ist, auf jeden Fall aber unverheiratet. Als ihre Großmutter stirbt, reist sie mit ihrer Mutter in den Iran zur Beerdigung und dann mit ihrem persischen Teilzeit-Lover noch ein wenig im Land herum, die Mutter quasi im Gepäck. Während das Trio u.a. in die historische Stadt Bam reist, erfährt der Leser so einiges über Monas Familie.

Die Mutter war erst 13, als sie mit Monas Vater verheiratet wurde. Relativ rasch darauf kam auch schon Mona zur Welt. Die Ehe wurde auf Wunsch der Mutter geschieden, als diese 18 war. Die Großmutter bestand darauf, dass alle auswanderten, denn sie wollte nicht mit der Schande einer geschiedenen Tochter leben. Und schon sind wir bei der Großmutter, DER zentralen Figur in dem Buch (und das auch nach ihrem Ableben). Die Großmutter thront(e) wie eine Matriarchin über der Familie und steuert das Schicksal ihrer Tochter und auch von Mona. Sie selbst nahm sich, wie man mehr oder weniger deutlich erfährt, alle Freiheiten.... Mehr kann ich nicht verraten, denn am Ende des Buches offenbart sich ein Familiengeheimnis, das aus meiner Sicht zwar nicht zentrales Thema dieses Buches ist, aber durchaus für einen Überraschungseffekt sorgt.

Themen gibt es in diesem Buch viele: die Zerrissenheit der Ich-Erzählerin zwischen den Kulturen. Wie es war, das einzig "dunkle" Kind in einer Schar Europäerinnen zu sein. Die skeptischen Blicke, das Misstrauen, das Betonen der Andersartigkeit durch z.B. die Mütter ihrer Schulfreundinnen. Der Vater, der als gescheiterte Existenz sein Leben fristete - an der Seite einer deutschen Frau, die auch mir beim Lesen fremd blieb. Die Mutter, die eine ganz eigene Geschichte mit sich herum trägt, und die ich als Opfer sehe. Und vieles andere.

Wer sich für andere Kulturen interessiert, besonders für Persien,  und persönliche Geschichten trockenen Abhandlungen vorzieht, hat mit diesem Buch sicher einen Volltreffer gelandet. Den Buchpreis hat die Autorin auf jeden Fall voll und ganz verdient.

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