Sechzehn Wörter

von Nava Ebrahimi 
4,4 Sterne bei24 Bewertungen
Sechzehn Wörter
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Tini2006s avatar

Iran von innen - aus der Sicht einer, die eigentlich von außen kommt.

miro76s avatar

Sechzehn Wörter, sechzehn Geschichten zwischen den Kulturen. Wundervoll erzählt!

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Inhaltsangabe zu "Sechzehn Wörter"

Es gibt Wörter, die wir nicht kennen. Deren Bedeutung wir aber erahnen. Als hätten sie schon immer in uns gewohnt. Und manchmal wollen sie endlich ausgesprochen werden. Als ihre Großmutter stirbt, diese eigenwillige Frau, die stets einen unpassenden Witz auf den Lippen hatte, beschließt Mona, ein letztes Mal in den Iran zu fliegen. Gemeinsam mit ihrer Mutter wagt sie die Reise in die trügerische Heimat. Der Rückflug in ihr Kölner Leben ist schon gebucht. Doch dann überredet sie ihr iranischer Langzeitliebhaber Ramin zu einem Abschiedstrip nach Bam, in jene Stadt, die fünf Jahre zuvor von einem Erdbeben komplett zerstört wurde. Die Fahrt wird für Mona zu einer Konfrontation mit ihrer eigenen Identität und ihrer Herkunft, über die so vieles im Ungewissen ist.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783442717545
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:320 Seiten
Verlag:btb
Erscheinungsdatum:14.01.2019

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Rezensionen und Bewertungen

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    Tini2006s avatar
    Tini2006vor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Iran von innen - aus der Sicht einer, die eigentlich von außen kommt.
    Persische Familiengeschichte, die Einblicke in den Iran von damals und heute gibt

    Die Autorin hat den Österreichischen Buchpreis für Debütromane bekommen - so wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Nachdem ich mich durch jenes Buch einer bekannten Autorin gequält hatte, die den eigentlichen Buchpreis gewonnen hat, war ich anfangs etwas skeptisch, was mir dieses wohl bescheren wird: mühsame Metaphern? Langweilige pseudointellektuelle Ausführungen? Binsenweisheiten, die unter dem Deckmantel der Literatur als neuartige, fast philosophische Erkenntnis verkauft werden? - Nichts davon trat ein. Von der ersten Zeile an war ich von der Geschichte so gefangen genommen, dass ich nicht mehr zu lesen aufhören wollte.

    Nava Ebrahimi erzählt ihre Geschichte aus der Sicht von Mona, deren Eltern mit ihr von Persien nach Deutschland ausgewandert sind, als sie selbst noch ein Kind war, Mona ist jetzt Mitte 30, Journalistin, spricht Deutsch wie ihre Muttersprache, schreibt als Ghostwriterin Biographien. Sie hat sich selbst Bindungsangst diagnostiziert, da sie quasi noch immer (mehr oder weniger) Single ist, auf jeden Fall aber unverheiratet. Als ihre Großmutter stirbt, reist sie mit ihrer Mutter in den Iran zur Beerdigung und dann mit ihrem persischen Teilzeit-Lover noch ein wenig im Land herum, die Mutter quasi im Gepäck. Während das Trio u.a. in die historische Stadt Bam reist, erfährt der Leser so einiges über Monas Familie.

    Die Mutter war erst 13, als sie mit Monas Vater verheiratet wurde. Relativ rasch darauf kam auch schon Mona zur Welt. Die Ehe wurde auf Wunsch der Mutter geschieden, als diese 18 war. Die Großmutter bestand darauf, dass alle auswanderten, denn sie wollte nicht mit der Schande einer geschiedenen Tochter leben. Und schon sind wir bei der Großmutter, DER zentralen Figur in dem Buch (und das auch nach ihrem Ableben). Die Großmutter thront(e) wie eine Matriarchin über der Familie und steuert das Schicksal ihrer Tochter und auch von Mona. Sie selbst nahm sich, wie man mehr oder weniger deutlich erfährt, alle Freiheiten.... Mehr kann ich nicht verraten, denn am Ende des Buches offenbart sich ein Familiengeheimnis, das aus meiner Sicht zwar nicht zentrales Thema dieses Buches ist, aber durchaus für einen Überraschungseffekt sorgt.

    Themen gibt es in diesem Buch viele: die Zerrissenheit der Ich-Erzählerin zwischen den Kulturen. Wie es war, das einzig "dunkle" Kind in einer Schar Europäerinnen zu sein. Die skeptischen Blicke, das Misstrauen, das Betonen der Andersartigkeit durch z.B. die Mütter ihrer Schulfreundinnen. Der Vater, der als gescheiterte Existenz sein Leben fristete - an der Seite einer deutschen Frau, die auch mir beim Lesen fremd blieb. Die Mutter, die eine ganz eigene Geschichte mit sich herum trägt, und die ich als Opfer sehe. Und vieles andere.

    Wer sich für andere Kulturen interessiert, besonders für Persien,  und persönliche Geschichten trockenen Abhandlungen vorzieht, hat mit diesem Buch sicher einen Volltreffer gelandet. Den Buchpreis hat die Autorin auf jeden Fall voll und ganz verdient.

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    sabatayn76s avatar
    sabatayn76vor einem Jahr
    ‚Das stört mich am meisten, wenn ich im Iran bin [...].'

    ‚Das stört mich am meisten, wenn ich im Iran bin: dass ich wahr und unwahr manchmal nicht unterscheiden kann.‘

    Die Ich-Erzählerin Mona lebt in Deutschland, aber ist gebürtige Iranerin. Gemeinsam mit ihrer Mutter reist sie nach dem Tod ihrer Großmutter ein letztes Mal nach Maschhad im Nordosten des Iran. Durch den Tod der Großmutter wird Monas einzige Verbindung zum Land gekappt und die ‚anstrengende On-Off-Beziehung‘ der Ich-Erzählerin zu ihrer alten Heimat beendet.

    Eigentlich war nur ein kurzer Aufenthalt im Iran geplant und der Rückflug bereits gebucht, doch dann meldet sich Ramin, Monas Daueraffäre im Iran, bei Mona und lädt sie zu einer Abschiedsreise nach Bam ein, in die Stadt, die fünf Jahre zuvor bei einem Erdbeben vollkommen zerstört wurde.

    Monas Mutter schließt sich den beiden Reisenden an, und für Mona stellt der Ausflug nach Bam eine Reise in die eigene Vergangenheit, in die Geschichte ihrer Familie, in das Leben ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihren Vater dar.

    Anhand von 16 Farsi-Wörtern, die als Kapitelüberschriften und als roter Faden im jeweiligen Kapitel dienen, erzählt Nava Ebrahimi ihre Geschichte um Mona und die Vergangenheit ihrer Familie. Dabei entsteht ein ungewöhnlich erzählter Roman, bei dem die Ich-Erzählerin häufig die Zeitebene wechselt, den Leser so in verschiedene Epochen mitnimmt und ihre Geschichte mit großer Komplexität erzählt. Diesen Wechsel zwischen den Zeiten (z.B. Iran zu Zeiten des Schah-Regimes, Iran nach der Islamischen Revolution, Gegenwart) empfand ich stets als gelungen umgesetzt und nie als verwirrend oder unpassend.

    Ebrahimi ermöglicht durch ihren Debütroman ‚Sechzehn Wörter‘ tiefe Einblicke in die Gedanken und Gefühle der Protagonisten und in das Leben im Iran, aber auch in die Fallstricke eines Lebens im Exil und in Besonderheiten des Farsi. Schön fand ich in diesem Zusammenhang auch die zweisprachigen Kapitelüberschriften (Farsi/Deutsch), da ich Farsi lesen kann und so die Aussprache der Wörter und Phrasen jenseits der vereinfachten Transkription kennenlernen konnte. Für alle, die Farsi nicht lesen können, sind die zweisprachigen Überschriften nichtsdestoweniger ein schöner Einblick ins persische Alphabet sowie ein hübsches Layout-Detail.

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    Petriss avatar
    Petrisvor einem Jahr
    Einmal Deutschland Iran und retour

    Auf dieses Buch musste ich lange warten. Ich hatte es schon vor Wochen in der Bücherei vorbestellt, doch die Warteliste war lang. Es scheint, dass sich in diesem Fall mein Büchergeschmack mit dem vieler anderen Leser*innen deckt. Aber das ließen ja auch schon die begeisterten Rezensionen vermuten.

    Als ich es dann endlich in Händen hielt, schob ich das Buch, das ich gerade las, zur Seite und musste gleich loslegen. Obwohl ich im Moment sehr wenig Lesezeit habe, hatte ich es in wenigen Tagen gelesen. Es ließ mich begeistert und fasziniert zurück.

    Die Protagonistin Mona, deren Eltern aus dem Iran sind, reist gemeinsam mit ihrer Mutter noch einmal in das Land ihrer Herkunft, um die Großmutter zu begraben. Sieben Tage Trauerfeierlichkeiten und dann noch einen Abstecher nach Bam, der historischen Stadt, die fünf Jahre zuvor von einem Erdbeben zerstört worden war. Sie fährt nicht wie geplant alleine mit ihrem Liebhaber Ramin, den sie in ihrer Zeit als Auslandskorrespondentin in Teheran kennengelernt hatte, ihre Mutter hatte beschlossen mitzukommen.
    In Episoden, überschaubaren Kapiteln, jeweils immer einem Wort gewidmet, macht sich die Autorin auf Spurensuche. Der Blick ist kritisch aber voller Respekt und Liebe, manchmal einfach nur erstaunt, ob der Reaktionen, die die Unterschiede zwischen Iran und Deutschland auslösen.
    In diesen Tagen im Iran kommt Mona sich selber ein wenig näher und vielleicht auch dem Knackpunkt, wieso es so schwer für sie ist, sich zu binden.

    Ich mochte die Sprache, ich mochte die Protagonisten, mir gefiel die Geschichte, ich fand die Kapiteleinteilung sehr gelungen,… Kurzum, ein Buch, das mich begeistert, verzaubert und in eine fremde Welt entführt hat. 

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    Buchraettins avatar
    Buchraettinvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein gefühlvolles Buch, eine Reise zu den Wurzeln, ein weicher authentischer Erzählstil
    Ein gefühlvolles Buch, eine Reise zu den Wurzeln, ein weicher authentischer Erzählstil

    Der Autorin gelingt es in diesem Buch mich als Leser mitzunehmen auf Monas Reise in ihre Heimat den Iran. Es ist eine Reise zur Beerdigung ihrer Großmutter, aber es ist auch eine Reise der Erinnerungen für Mona.
    Mona lebt und arbeitet in Deutschland. Ihre Eltern stammen aus dem Iran, auch sie wurde dort geboren. Nun kehrt sie zurück in dieses Land, ihre Heimat.
    Als Leser bin ich hautnah bei ihr, kann teilhaben an ihrem Leben, erfahre Erlebnisse, Erinnerungen, ihre Kindheit anhand von einer Art Stichwort mit der jeweils ein Kapitel gekennzeichnet wurde und das dann in diesem Kapitel zum Thema der Erzählung wird.
    Das Besondere an diesem auf mich authentisch wirkenden Erzählstils ist, dass die Reise von Mona und ihrer Mutter, der Besuch im Iran durchgängig erzählt wird, aber dann durch die Erinnerungen unterbrochen wird und in die Vergangenheit schwenkt. Mir hat es unheimlich gut gefallen.
    Natürlich habe ich mich gefragt, wieviel steckt von der Autorin in Mona. Hat sie persönliche Erlebnisse verarbeitet? Auch sie lebt und arbeitet in Deutschland, stammt aber aus dem Iran. Für mich stellt sich hier auch die Frage der Identität- wer bin ich, woher komme ich?
    Als Leser bekomme ich hier einen Einblick. Jemand, der in Deutschland aufwächst und dort lebt, der zurückgeht in seine Heimat, zumindest auf Besuch, wie empfindet er das Leben dort. Den Alltag, andere Traditionen, Sitten, den Umgang mit Frauen? Mona hat mich mitgenommen auf ihre Reise. Sie zeigt mir den Humor ihrer Großmutter, sie lässt mich teilhaben an ihrem Liebesleben, sie erzählt einige Sehenswürdigkeiten vor Ort, berichtet von architektonischen Leistungen, sprich den Umgang mit Frauen an.
    Stück für Stück entfaltet sie ihre Vergangenheit, jedes Kapitel stellt zusätzlich eine Art Punkt der Vergangenheit dar und ich hatte schon während des Lesens einen gewissen Verdacht auf ein Geheimnis, da die Autorin geschickt Hinweise im Text verstreut und war dennoch überrascht.
    Ein gefühlvolles Buch, eine Reise zu den Wurzeln, ein weicher authentischer Erzählstil- ich freue mich auf weitere Bücher der Autorin- vollste Leseempfehlung.

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    schnaeppchenjaegerins avatar
    schnaeppchenjaegerinvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Reise in die Vergangenheit, Erinnerungen an die Aufenthalte im Iran - für mich allerdings ohne roten Faden
    Reise in die Vergangenheit, Erinnerungen an die Aufenthalte im Iran - für mich allerdings ohne roten


    Mona ist 34 Jahre alt, eine Journalistin aus dem Iran, die in Köln wohnt. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und westlich sozialisiert. Als ihre Maman-Bozorg (Großmutter) stirbt, reist sie zusammen mit ihrer Mutter anlässlich der Beerdigung in den Iran. 


    Dort lebt auch ihre On-Off-Affäre Ramin, der selbst auch Journalist ist und sie einlädt, mit nach Bam zu kommen. Da sich ihre Mutter im Kreis der trauernden Cousinen nicht wohl fühlt, beschließt sie, mit Mona mitzukommen, schließlich bräuchten die beiden als unverheiratetes Paar - auch wenn sie nur Kollegen seien - eine Begleitung wegen der streng islamischen Sittenwächter. 
    Mona kann dagegen keine Einwände erheben und so wird die Fahrt nach Bam zu einer Art "Familienausflug", bei dem sie sich des Nachts zu Ramin ins Hotelzimmer schleicht. 


    Auf ihrer Reise bzw. ihrem Aufenthalt im Iran schwelgt Mona in Erinnerungen, natürlich an ihre Großmutter, die eine sehr selbstbewusste und eigenwillige Frau war, aber auch an ihren Vater, der viel älter als ihre Mutter war und diese im zarten Kindesalter von 13 Jahren geheiratet hat. Auch Monas Vater, der sehr sparsam an Emotionen war und von dem sich ihre Mutter nach wenigen Ehejahren scheiden ließ, ist bereits verstorben. 


    Der Roman ist in 16 Kapitel untergliedert, deren Aufhänger jeweils ein persisches Wort - von Maman-Bozorg bis Azadi (Freiheit) ist, das näher erklärt wird und das auf irgendeine Art und Weise einen bleibenden Eindruck auf Mona hinterlassen hat oder sie an ihre Besuche im Iran und insbesondere ihre Großmutter erinnert. Die Kapitel sind weder chronologisch aufgebaut, noch stehen sie inhaltlich in einem Zusammenhang. 
    Für mich waren ihre Gedankensprünge schwer nachvollziehbar, da weder Zeiten noch Orte angeführt waren, mit denen sich innerlich beschäftigte. Auch aus dem Kontext war kaum zu eruieren, ob die Szenen aus der Vergangenheit oder der Gegenwart bzw. von welchen Bekannten oder Verwandten handelten. 
    Auch wenn die Episoden an und für sich einen Eindruck von Mona und ihrem Leben als Iranerin, die sich weder in Deutschland, aber noch viel weniger im Iran zugehörig fühlt, vermittelten, hatte der Roman für mich keinen roten Faden. 


    "Sechzehn Wörter" ist einerseits eine Reise in die Vergangenheit und die Suche nach den eigenen familiären Wurzeln, andererseits auch die Darstellung einer jungen Migrantin, die zwar in Deutschland aufgewachsen ist, dort aber als "Muslima" bzw. Iranerin/ Perserin gilt und im Iran als eine Frau aus Deutschland, der die iranischen Sitten und Rituale, angefangen von der Körperpflege, über die Wirkung der heimischen Lebensmittel, nicht geläufig sind. 


    Was mir in dem Roman zu kurz kam, war die Rolle der Sittenwächter, die Situation der Frau in einem streng religiösen Land, die mit so vielen Einschränkungen verbunden ist und die politische Situation in einer islamischen Republik, die vom einem autoritären, religiösen Führungssystem und einem starken Wächterrat geprägt ist. 


    Zu viel des Guten empfand ich dagegen die schon fast penetrante Wiederholung des obszönen Schimpfwortes "Kos". 

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    pardenvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eine leise Erzählung, melancholisch und poetisch, aber auch anarchisch und voll abgründigem Humor. Über die Fremde und das Fremde in uns.
    Auf der Suche...

    AUF DER SUCHE...

    Als ihre Großmutter stirbt, diese eigenwillige Frau, die stets einen unpassenden Witz auf den Lippen hatte, beschließt Mona, ein letztes Mal in den Iran zu fliegen. Gemeinsam mit ihrer Mutter wagt sie die Reise in die trügerische Heimat. Der Rückflug in ihr Kölner Leben zwischen Coworking und Clubszene ist schon gebucht. Doch dann überredet sie ihr iranischer Langzeitliebhaber Ramin zu einem Abschidstrip nach Bam, in jene Stadt, die fünf Jahre zuvor von einem Erdbeben komplett zerstört wurde. Und Monas Mutter schließt sich den beiden an. Die Fahrt wird für Mona zu einer Konfrontation mit ihrer eigenen Identität und ihrer Herkunft, über die so vieles im Ungewissen ist. Aber manchmal wird uns das Fremde zum heimlichen Vertrauten. Und über das, was uns vertraut schien, wissen wir so gut wie nichts...


    "Erst war es nur ein Wort. Das Wort, flink und wendig, überfiel mich, wie alle diese sechzehn Wörter, aus dem Hinterhalt. (...) Regelmäßig war ich ihnen ausgeliefert, diesen Wörtern, die nichts mit meinem Leben zu tun hatten. (...) Nichts hatten sie mit meinem Leben zu tun, trotzdem, oder gerade deshalb brachten sie mich immer wieder in ihre Gewalt. Doch dann, einer Eingebung folgend, übersetzte ich ein Wort, und es war, als hätte ich es entwaffnet. (...) Mit einem Schlag verlor es die Macht über mich. (....) Wir waren nun beide frei, das Wort und ich." (S. 7 f.)


    Die Iranerin Nava Ebrahimi hat sie genommen, diese sechzehn Wörter, und hat sie den Kapiteln ihres Buches vorangestellt, in arabischer Schrift und auf Persisch - und hat die Ich-Erzählerin Mona sich an diesen Wörtern entlanghangeln lassen auf ihrer Reise in den Iran, in die Vergangenheit, zu ihren Wurzeln, auf der Suche nach Antworten und sich selbst. Die 34jährige Mona erscheint als toughe Frau, die ihr Leben sicher nicht geradlinig führt, aber mit beiden Beinen fest darin zu stehen scheint. Doch tief im Innern schlummern Fragen, lauern Zweifel, bröckelt das Fundament. Dies ist Mona selbst gar nicht so deutlich - bis zu ihrer Reise in den Iran, zum Begräbnis ihrer Großmutter.


    "Bevor ich eine Moschee betrete, spüre ich jedes Mal Widerwillen. Bin ich drin, möchte ich sie nicht mehr verlassen. Ich fühle mich dann, wie sich ein Baby auf einer riesigen Krabbeldecke fühlen muss. Gestillt, gepudert, gewickelt. Ich würde am liebsten ganze Tage und Nächte auf den Perserteppichen herumkugeln. (...) In den Nächten bräuchte ich weder Kissen noch Decke, ich schliefe wie ein Neugebornes, das an der Brust der Mutter eingenickt ist und dessen Träume von warmer Milch beim ersten Augenaufschlag wahr würden." (S. 73)


    Der Leser reist mit Mona in den Iran, widerwillig eher, pflichtergeben, weil nun einmal die Großmutter verstorben ist. Maman-Bozorg starb in hohem Alter recht unspektakulär im Sessel vor ihrem Fernseher, der zuletzt ihr ein und alles war. Diese Großmutter ist in dem Roman überaus präsent und hat mich des öfteren den Kopf schütteln lassen, mich aber auch wirklich amüsieren können. Immer ein loses und oft ordinäres Mundwerk('Kämm dir mal die Haare. Du siehst aus wie ein verprügelte Nutte.'), lebte Maman-Bozorg von Klatsch und Tratsch, äußerte stets unverblümt ihre Meinung, nahm sich, was sie wollte und hatte ein heimliches Faible für nette Männer. Ihr Lieblingswort war 'Kos', was allen anderen die Schamesröte ins Gesicht trieb, doch nein, ich werde jetzt nicht übersetzen, um was für ein Schimpfwort es sich hierbei handelt.

    Die Großmutter gehörte irgendwie immer zu Monas Leben dazu, auch wenn sie sich oft nur einmal im Jahr sahen - meist kam Maman-Bozorg nach Köln, zu Mona und ihrer alleinerziehenden Mutter, reiste stets mit großem Übergepäck, Ezafebar. Mona selbst wurde im Iran geboren, lebt aber bereits seit frühester Kindheit in Deutschland - zwischen den Kulturen, wie ihr nun deutlich bewusst wird. Immer das Gefühl, irgendwie nicht dazu zu gehören: im Iran ist sie die Deutsche, in Deutschland ist sie die Iranerin. Wie ist es möglich, sich so irgendwo zu Hause zu fühlen? Doch Mona begibt sich auf ihrer Reise im Iran nicht nur auf die Suche nach sich selbst - auch ein langgehütetes Familiengeheimnis drängt hier zunehmend an die Oberfläche.


    "Glück? Nach drei Bier auf einer Tanzfläche, über mir viel Raum, durch mich hindurch ein Bass, der alles in Schwingung versetzt, um mich herum Menschen, deren Gesichter mir bekannt vorkommen, die ich manchmal zufällig streife, die genau wie ich darauf warten, dass der DJ sein Versprechen einlöst, dass er aufhört, sich und uns zu zügeln, und dann ist es endlich so weit, der Damm bricht, und uns erfasst eine riesige Welle. (...) und ich denke auch daran, dass, nachdem uns alle dieselbe Welle erfasst hat, jeder woanders angespült wird und jeder von vorne beginnt." (S. 186 f.)


    Ein Schreibstil, der eher nüchtern daherkommt, wechselnd zwischen leise-poetisch und derb-zotig, dabei nichts davon überstrapazierend. Wie auf einer Welle treibt Nava Abrahimi den Leser durch das Land, das einem bei aller Fremdheit und Befremdlichkeit plötzlich nahe kommt, wodurch aber auch deutlich wird, wie groß der Spagat der in Deutschland lebenden Mona sein muss, um sich zwischen den Kulturen nicht zu verlieren. Subtil dabei das Kreisen um das ominöse Familiengeheimnis, das letztlich nicht nur für Mona in einer gewaltigen Überraschung gipfelt.

    Eine leise Erzählung, melancholisch und poetisch, aber auch anarchisch und voll abgründigem Humor. Über die Fremde und das Fremde in uns. Für mich eine ganz besondere Entdeckung...


    © Parden

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    jaylinnvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Solche Bücher wie Sechzehn Wörter sind so kostbar. Bücher, die ehrliche und glaubhafte Geschichten erzählen,
    Kostbar


    Diese Rezension erscheint auch auf meinem Blog www.zeilenliebe.wordpress.com.

    Allgemeines:

    Sechzehn Wörter ist im März 2017 bei btb erschienen und umfasst 316 Seiten. Nava Ibrahimi ist im Iran geboren und lebt heute in Graz. Mit Sechzehn Wörter legt sie ihren ersten Roman vor. Sechzehn Wörter ist ein Entwicklungsroman einer jungen Muslima, die versucht, ihren Platz zwischen Orient und Okzident zu finden.

    Inhalt:

    „Es gibt Wörter, die wir nicht kennen. Deren Bedeutung wir aber erahnen. Als wären sie immer schon hier gewesen. Als hätten sie schon immer in uns gewohnt. Und manchmal wollen sie endlich ausgesprochen werden.

    Als ihre Großmutter stirbt, diese eigenwillige Frau, die stets einen unpassenden Witz auf den Lippen hatte, beschließt Mona, ein letztes Mal in den Iran zu fliegen. Gemeinsam mit ihrer Mutter wagt sie die Reise in die trügerische Heimat. Der Rückflug in ihr Kölner Leben zwischen Coworking und Clubszene ist schon gebucht. Doch dann überredet sie ihr iranischer Langzeitliebhaber Ramin zu einem Abschiedstrip nach Bam, in jene Stadt, die fünf Jahre zuvor von einem Erdbeben komplett zerstört wurde. Und Monas Mutter schließt sich den beiden an. Die Fahrt wird für Mona zu einer Konfrontation mit ihrer eigenen Identität und ihrer Herkunft, über die so vieles im Ungewissen ist. Aber manchmal wird uns das Fremde zum heimlichen Vertrauten. Und über das, was uns vertraut schien, wissen wir so gut wie nichts.“ (Quelle: Verlagsgruppe Random House)

    Meine Meinung:

    Endlich mal ein Cover, das ästhetisch ansprechend ist und auch noch einen tieferen Sinn hat: Es besteht aus einem Mosaik in blau und weiß, den Umriss des Iran in der Mitte freigebend, der den Titel des Buches enthält. Das Bild des Covers ist zudem in schwarz-weiß jedem Kapitel vorangestellt, in der Mitte steht jeweils sein Titel in persischer und lateinischer Schrift.

    Das Buch enthält  – dem Titel entsprechend – 16 Kapitel, die eine ganz besondere Begebenheit aus dem Leben der Protagonistin zum Inhalt haben. Dadurch kommt man ihr immer näher.

    Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Mona, die in Köln lebt, aber im Iran geboren ist. Sie fühlt sich oft nirgendwo zuhause, hadert mit ihrem Leben in Deutschland und ihren iranischen Wurzeln. Fühlt sich dann doch wieder in beiden Kulturen heimisch, schwelgt in Erinnerungen, kann sich aber nicht entscheiden, wer sie wirklich sein will. Das folgende Zitat beschreibt ihre Situation ganz gut, finde ich. Es zeigt ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und Identität:

    „Bevor ich eine Moschee betrete, spüre ich jedes Mal Widerwillen. Bin ich drin, möchte ich sie nie mehr verlassen. Ich fühle mich dann, wie sich ein Baby auf einer riesigen Krabbeldecke fühlen muss. Gestillt, gepudert, gewickelt. Ich würde am liebsten ganze Tage und Nächte auf den Perserteppichen herumkugeln. (…) In den Nächten bräuchte ich weder Kissen noch Decke, ich schliefe wie ein Neugeborenes, das an der Brust der Mutter eingenickt ist und dessen Träume von warmer Milch beim ersten Augenaufschlag  wahr würden.“ (S. 74)

    Mona ist vieles fremd geworden im Iran, aber ganz tief in ihr drin sind ihre Kindheitserinnerungen, ist ihr kulturelles Gedächtnis versteckt. Schicht um Schicht wird es entpackt. Der Tod ihrer Großmutter zwingt sie, in den Iran zu reisen und auf Spurensuche zu gehen. Nava Ebrahimi schreibt nüchtern und sachlich, greift dabei aber sehr persönliche Stimmungen und Inhalte der Protagonistin auf. Dieser Schreibstil geht sehr ins Herz und macht das Buch besonders und ist an keiner Stelle kitschig oder trivial. Großartig!

    Fazit:

    Durch die Fluchtbewegung in 2015 ist Literatur, die sich mit Migranten beschäftigt oder von Menschen mit ausländischen Wurzeln geschrieben wurde, endlich einmal stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. Momentan entsteht gerade so etwas wie eine kleine Schwemme, bei der man durchaus auch schlecht Geschriebenes findet. Darum sind solche Bücher wie Sechzehn Wörter so kostbar. Bücher, die ehrliche und glaubhafte Geschichten erzählen, die uns berühren und uns verstehen lassen.

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    Federfeevor einem Jahr
    Monas um sich selbst kreisende Suche nach Orientierung

    3,5 von 5 Sternen

    Worum geht es eigentlich in diesem Buch? So ganz ist mir das nicht klar geworden. Politische Hintergründe spielen keine Rolle; die Einschränkungen der Menschen im Iran werden nur am Rande erwähnt. Und auch die Nischen, die sich die Menschen geschaffen haben, dass trotz der 'Sittenwächter' Partys stattfinden und dass die Frauen sich unter der Verschleierung ein Permanent-Make-Up leisten und dass einige sexuell freizügig sind, ist mir nichts Neues.

    Aber der Familienzusammenhalt ist ein anderer, engerer, als wir es im Westen kennen und leben und das zeigt sich besonders bei Trauerfällen, wo es ganz anders zugeht als bei uns. Die Trauerzeit ist sieben Tage lang und auch entfernte Verwandte tauchen auf.

    "Mamans Cousinen ziehen heran, eine Gewitterwolke, die uns einhüllt und sich entlädt." (19)

    Hier setzt der Roman ein: Mona, 34 Jahre alt, aus Köln, im Iran geboren, aber in Deutschland aufgewachsen und völlig der westlichen Lebensweise verhaftet, fliegt zur Beerdigung ihrer geliebten Großmutter in den Iran. Fremd kommen ihr manche Verhaltensweisen vor. Sie hat mit dem typischen Problem zu kämpfen: in Deutschland sieht man ihr an, dass sie 'Perserin' ist, im Iran ist sie 'die aus Deutschland'. Sie fühlt sich hin- und hergerissen und nirgendwo richtig zugehörig, ein oft thematisiertes Problem.

    "… der Iran und ich, diese anstrengende On-Off-Beziehung …" (29) – "Wenn ich in Köln-Bonn landete, war alles weg. Als stiege dort eine andere Mona aus." (102)

    Aufgehängt an sechzehn Wörtern, die die Kapitel einleiten und typisch Persisches symbolisieren, erzählt die Autorin in zeitlichen Hin- und Hersprüngen aus Kindheit und Gegenwart, von früheren und jetzigen Liebhabern, von Eltern und Verwandten.

    Als eine bewusste Suche nach den familiären Wurzeln sehe ich diesen Roman nicht, denn die überraschende Entdeckung am Ende des Buches – die der aufmerksame Leser vorhersehen konnte – kam eher zufällig auf Mona zu. Sie scheint ein wenig orientierungslos zu sein und bindungsunfähig. So handelt das Buch hauptsächlich von ihren Gedanken, die um sich selbst und ihren Platz in der Welt kreisen.

    Das konnte mir nichts geben, weder persönliche noch allgemeine Einsichten. Fesseln konnte mich auch dieses Einzelschicksal nicht, so dass ich mich leider der bisher guten Beurteilung des Buches nicht anschließen kann. Zu oft wurden Gedanken angeschnitten und wieder abgebrochen.

    "Aber was ich aufnahm, fiel auf keinen Boden, sondern schwebte schwerelos umher, und wenn etwas dennoch mal irgendwo andockte, fühlte ich mich für eine Weile glücklich, Teil des Universums zu sein." (137)

    Eines jedoch hat mir gefallen: die Verpackung der Gedanken in eine schöne, bildhafte Sprache:

    "Die Zeit hört auf zu fließen und staut sich zu einem tiefen, dunklen See." (25)

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    MelEs avatar
    MelEvor einem Jahr
    Zwischen den Kulturen

    "Sechzehn Wörter" ist ein Roman, der mir die iranische Kultur ein klein wenig näher bringen konnte, In sechzehn Worten, die Monas leben prägen erhalten wir Einblicke in eine Welt, die mir fremd war und je mehr ich las nicht mehr unverständlich blieb, sondern beeindrucken konnte. Nach dem Tod der Großmutter setzt sich Mona mit ihren Wurzeln auseinander und dies geschieht zwar allmählich, wird aber von Seite zu Seite eindrücklicher. Gerade der Schreibstil konnte mich überzeugen, da die Worte fließen und mich mitnehmen konnte in eine sehr interessante Lebensgeschichte und eine Kultur, die mir irgendwann nicht mehr fremd erschien. Für mich war "Sechzehn Wörter" intensiv, da sich die Story hauptsächlich auf Mona konzentrieren konnte und natürlich auch auf Sitten und Gebräuche des besuchten Landes. Es ist ein Roman der nicht überfordert oder eigentümlich auf seine Leserschar wirkt, da es authentisch bleibt und mich dadurch besonders anrühren konnte. Hervorgehoben werden Familienbande, die auch zerbrechen können und dennoch bestehen bleiben, da Familie wertgeschätzt wird. Auch wenn man viele Meilen auseinander lebt bleibt man verbunden. Besonders herrlich sind die Rückblicke auf die Großmutter, die mir äußerst herzlich erschien und deren Lieblingswort "Kos" mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte. Für mich war "Kos" bisher eine Insel in Griechenland und nun werde ich sicherlich grinsen müssen, sobald jemand "Kos" sagen wird, da ich nun auch eine andere Bedeutung kenne. 
    "Sechzehn Wörter" ist ein Roman mit dem ich mich gerne auseinandergesetzt habe, denn die mitunter naive analytische Suche nach Wahrheit und Erkenntnis konnten mich überzeugen. Mona steht zwischen zwei Kulturen und auch wenn ich dieser fremden Welt mitunter misstrauisch entgegenblicken konnte, war ich am Ende fasziniert und auch aufgeklärter was Begebenheiten und Traditionen betrifft. "Sechzehn Wörter" hat mich überzeugt und daher vergebe ich gerne eine Leseempfehlung. Die knapp 2000 Seiten waren fast schon zu zügig gelesen, denn mein Interesse an Land, Kultur und Tradition war geweckt und ich hätte hier und da gerne mehr Einblicke in Gepflogenheiten erhalten. Dennoch war die Story rund und ich finde nichts, was ich bemängeln müsste. Außergewöhnlich, warmherzig und interessant gestaltete sich jede Buchseite und nahm mich mit auf eine Suche nach Identität. 

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor 2 Jahren
    Die andere Heimat

    Die andere Heimat

    Monas Großmutter ist gestorben, und so fliegt sie zusammen mit ihrer Mutter nach Teheran zur Beerdigung. Es wird eine Reise zu ihrer Familie, die sie lange nicht gesehen hat und zu einer Kultur, die auch die ihre ist, in ein Land, dass sie Heimat nennen könnte, auch wenn sie in Deutschland aufwuchs und hier ihr Leben hat. Ein Leben, das sie nicht aufgeben will. Der Rückflug in wenigen Tagen ist bereits gebucht.

    „Sechzehn Wörter“, so der Titel des Debütromans von Nava Ebrahimi, diese sechzehn Wörter stehen exemplarisch für die andere Seite von Monas Identität, für die persische Kultur im Großen und ihre eigene persönliche Familiengeschichte im Kleinen. Der Roman ist folgerichtig in sechzehn Kapitel eingeteilt, die jeweils mit einem dieser Wörter überschrieben sind und die uns immer tiefer hineinführen in Monas Geschichte und in ihre Vergangenheit.

    Einige Jahre zuvor hat Mona bereits ein paar Monate im Iran verbracht, als sie über den Fall eines Deutschen berichtete, dem wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs die Todesstrafe drohte. Aus dieser Zeit hat sie noch Kontakte: Zu Ramin, der ihr Liebhaber wurde, und auch zu Siabasch, mit dem sie zusammenarbeitete.

    Mona hat immer gespürt, dass beide Welten, ihre beiden Welten, nicht recht zueinander passten, dass es ihr nicht möglich war, sie auf welche Weise auch immer miteinander zu verbinden, sich ihrer gleichzeitig bewusst zu sein. „Sechzehn Wörter“ zeigt – wie schon andere Romane zuvor – eine Heldin, die zwischen den Stühlen sitzt: Sie kennt Deutschland und den Iran, die Eigenheiten beider Länder, die Gepflogenheiten ihrer Einwohner. Doch wo gehört sie hin? Hier ist sie die Iranerin, fällt durch ihre Haut- und Haarfarbe auf, dort sieht man in ihr die Deutsche, die dazu noch ein holpriges Persisch spricht.

    Ebrahimi greift in ihrem Roman ein Thema auf, das mir zur Zeit tatsächlich recht präsent erscheint, sodass man ihr vorwerfen könnte, nicht unbedingt Neues zu liefern: Man kann nicht umhin, an Shida Bazyars wunderbaren Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ zu denken und gerade vor wenigen Tagen erst beschäftigte sich auch Jonas Hassen Khemiris „Alles, was ich nicht erinnere“ mit jungen Menschen, die zwischen den Kulturen aufgewachsen sind, auch wenn der Fokus dort auf anderem liegt. So stößt man als Leser, der diese oder andere Romane mit ähnlichen Plots kennt, unweigerlich auf Bekanntes. Andere werden etwas über den Iran lernen können, über die Menschen dort und über das Leben in einem Land, in dem eine Sittenpolizei überprüft, ob Kopftücher richtig sitzen und ob das junge Paar, das zusammen im Auto sitzt, auch wirklich verheiratet ist.

    Vor allem ist „Sechzehn Wörter“ aber eine persönliche Geschichte, die sich vollkommen auf ihre Hauptfigur konzentriert. Mona erzählt aus der Ich-Perspektive. Nach der Beerdigung der Großmutter machen sie und ihre Mutter eine Reise mit jenem Ramin, dessen Rolle in Monas Leben nicht ganz klar ist. Und auf dieser Reise erinnert sich Mona immer wieder zurück. An ihre Kindheit. An ihren Vater, der nicht mehr lebt. Daran, wie sie schon früh erkannte, dass sie sich von ihren Klassenkameradinnen unterschied, dass etwas an ihr anders war. An frühere Reisen in den Iran, an Ereignisse in ihrer Vergangenheit, die erst mit der Zeit Sinn ergeben.

    „Sechzehn Wörter“ ist ein sehr lebendiges Buch, und ein sehr kurzweiliges, selbst wenn dem Leser Geschichte und Kultur des Irans nicht gänzlich unbekannt sind. Ebrahimi zeichnet auf sensible Weise ein Porträt ihrer Hauptfigur, lässt sie immer wieder fragen und zweifeln, ohne Antworten parat zu haben. Sie hält dem Leser manches Mal einen Spiegel vor, entlarvt Klischees und Vorurteile. Nava Ebrahimis Roman regt zum Nachdenken an, auch dazu, sich selbst zu hinterfragen. Die Autorin erschafft eine Figur wie aus Fleisch und Blut, über die ich noch lange hätte weiterlesen können.

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