Der Sohn des Hauptmanns

von Nedim Gürsel 
4,3 Sterne bei3 Bewertungen
Der Sohn des Hauptmanns
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J

Bukolische Bilanz - Ein Greis erinnert sein Leben als Sohn eines feurigen Mannes. Fabelhaft erzählt.

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Inhaltsangabe zu "Der Sohn des Hauptmanns"

Ein alter, ehemaliger Journalist in Istanbul, der bereits die Nähe des Todes spürt, vertraut einem Tonbandgerät seine Lebensgeschichte an. Er denkt zurück an seine Kindheit in einer Garnisonsstadt in der türkischen Provinz, an die Großmutter, an den unnahbaren Vater, der als Mitglied des Militärs am Putsch von 1960 beteiligt war. Der alte Mann erzählt mal sehr direkt, mal bitter in seinen Erinnerungen schwelgend von den Jahren in einem Internat in Istanbul, den derben Scherzen der Mitschüler und den ersten sexuellen Erfahrungen. Er hört die Stimme des Vaters, hat den Geschmack seiner geliebten »Lebensbonbons« auf der Zunge und kehrt immer wieder zu einer Person zurück, die er mit zunehmendem Alter mehr vermisst denn als kleiner Junge: seine Mutter, die als junge Frau starb. Ist sie, die so sehr unter der Gefühlskälte und Härte des Vaters litt, der Grund dafür, dass er zeit seines Lebens alles Autoritäre ablehnte? Als alter Mann begreift er immer mehr, wie sehr seine Kindheit und Jugend sein Leben bestimmt haben: die Mutter und ihr Tod, der ihm stets fremd bleibende Vater und dessen politische Ansichten, seine Einstellung zur Welt und zur Politik.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783832189433
Sprache:Deutsch
Ausgabe:E-Buch Text
Umfang:350 Seiten
Verlag:DUMONT Buchverlag
Erscheinungsdatum:21.03.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    Fantasie_und_Träumereis avatar
    Fantasie_und_Träumereivor einem Jahr
    Nichts dazu gelernt?

    Der Einstieg in den Roman ist mir nicht ganz leicht gefallen. Aber meine Erwartung an das Buch war nicht die, einem Roman zu begegnen, der sich einfach so weglesen lässt. Vielmehr erhoffte ich mir vom Klappentext, dass Gürsel die Struktur zwischenmenschlicher Beziehungen offen legt. Am besten Häppchenweise und so, dass mein Geist wach und in Bewegung bleibt.
    Als ich vom Verlag die Anfrage bekam, ob ich das Buch lesen wolle, war mein erster Impuls Ablehnung. Türkei - interessiert mich doch gar nicht. Warum? Ich glaube, weil ich kaum etwas über Land, Kultur und die Menschen dort weiß. Und das, obwohl ich so häufig über Toleranz spreche. Ein Blick in die Leseprobe und ich war mir sicher: Gürsel würde mir dabei helfen, meinen Horizont zu erweitern.
    Der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans hat ein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern. Auf den Vater sollte er stolz sein, denn die Großmutter ist es auch und die Nachbarn irgendwie auch. Hat er sich doch Ruhm erworben beim Militärputsch 1960, einem Kampf für die Türken und gegen die Kurden. Doch wie soll man stolz sein auf einen Mann, der glaubt die Meinung seines Volkes durchgesetzt zu haben, obwohl das Volk aus verschiedenen, individuellen Perönlichkeiten und Ansichten besteht? Und obwohl er dafür Gewalt und Erpressung anwandte? Obwohl er seine Machtposition ausgenutzt hat, um seine eigene Stellung zu verbessern?
    In dieser, aber auch vielen anderen Betrachtungen des Autors, finde ich eine Parallele zur heutigen politischen Lage in der Türkei und frage mich, ob die Bevölkerung auf dieser Ebene bewusst stecken geblieben ist oder ob es einem einzelnen immer und immer wieder möglich ist, ein ganzes Volk zu unterwerfen und durch geschickte Psychospielchen die eigene Meinung, als die des Volkes zu verkaufen (siehe auch unsere eigene Historie)?
    Das Verhältnis zwischen Ich-Erzähler und Mutter ist schwierig. Gespalten. Er wünscht sich mehr Liebe und Zuneigung zu ihr, der Vater gewährt dies nicht und am Ende stirbt sie bei einem Unfall. Oder ist es Suizid? Gürsel überlässt es dem Leser zu entscheiden, ob das Leben an der Seite eines Mannes, der von seiner Mutter vergöttert wird und dieses Selbstbewusstsein oder falsche Verständnis von zwischenmenschlichem Zusammenleben, in seine kleine, beschränkte Welt hinausträgt und dort den Dicken markiert, überhaupt lebenswert ist.
    Die Sehnsucht nach der Mutter begleitet den Protagonisten ein Leben lang. Gestaltet seine eigene Entwicklung als schwierig. Von unerfüllten Wünschen belastet, bleibt er immer auf der Suche. Glaubt mal hier, mal dort angekommen zu sein, und macht sich kurz darauf doch erneut auf den Weg.
    Der Ich-Erzähler beschreibt sein Leben aus einer Gegenwart und kehrt immer wieder in die Vergangenheit zurück. Scheinbar beliebig greift er nach einer Geschichte aus seinem Leben. Die Willkür der Reihenfolge geht erst dann verloren, als dem Protagonisten klar wird, worauf alle Fäden hinauslaufen. Der Ursprung all seines Denkens und Handelns liegt in seiner Beziehung zu den Eltern und der Heimat. Wir wollen es oftmals nicht wahrhaben, aber Heimat prägt unser Leben ebenso wie Begegnungen.
    Das Buch ist nicht für die LeserInnen geeignet, die Action suchen. Die Spannung versteckt sich hier eher zwischen den Zeilen. In Fragen, die Charakterstruktur des Protagonisten und des Landes mit seiner Politik betreffend. Psychologische wie kritische Gedankengänge voller Tiefe. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, sondern erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen.
    Gerade diese Form des Ausdrucks, die Verwendung von Umschreibungen, die Alles und Nichts bedeuten können, sowie die direkte Ansprache von Themen, die nicht immer direkt angesprochen werden (dürfen?), holt mich genau dort ab, wo ich auf diesen Roman gewartet habe.

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    R_Mantheys avatar
    R_Mantheyvor 2 Jahren
    "Er kam, lachte und starb"

    Diese Inschrift sollte seinen Grabstein zieren. Doch bevor der Sohn des Hauptmanns und Erzähler in diesem Roman sich zum Sterben aufmachte, nahm er seine Lebenserinnerungen noch mit einem alten Tonbandgerät auf. Diesen Roman muss man wohl als Abschrift auffassen. Zurück in Istanbul erinnert sich der Erzähler in der letzten Phase seines Lebens vor allem an die Jahre seiner Kindheit und Jugend. Er beginnt mit dem Freitod der Mutter und schildert die wenig freudvollen Tage, die er danach mit seinem Vater und der Großmutter in einer türkischen Garnisionsstadt verbringen musste. Mit dem Alter verschwinden wohl auch viele schlechte Erinnerungen. Während sich der Erzähler am Blick auf Istanbul erfreut, kommen ihm Gedanken an seinen Internatsaufenthalt, seinen besten Freund und seine ersten heftigen sexuellen Erlebnisse, die in einem Liebesverhältnis mit dessen Mutter ihren Höhepunkt fanden. 


    Die ganze Geschichte spielt in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts und wird mit orientalischer Weitschweifigkeit erzählt. Wem die türkische Geschichte dieser Zeit nicht geläufig ist, der findet am Ende des Buches einige Hinweise auf solche Zusammenhänge. Man muss beim Lesen auf kursiv geschriebene Worte achten und sollte dann hinten nachschlagen. Wenn man das jedoch nicht weiß, bemerkt man es erst am Ende. 


    Im Mai 1960 kam es nach Unruhen in der Türkei zu einem Militärputsch, an dem der Vater des Erzählers unmittelbar beteiligt war. Der Roman kann keine Anspielungen auf die aktuelle Lage in der Türkei enthalten, wie einige Leser vermuten. Er wurde bereits 2014  im Original veröffentlicht. Ob er sich hingegen mit solch schwerwiegenden Fragen, wie dem Einfluss unserer Herkunft auf unser Leben tatsächlich befasst und dazu Antworten bereit hält, kann man guten Gewissens nicht beantworten. Schließlich handelt es sich nur um das Leben eines Menschens, aus dem man alles und nichts schließen kann. Was wirklich bleibt, ist eine wirklich interessante Reise in ein zu dieser Zeit für Deutsche eigentlich unbekanntes Land, in der sich ein Leben entfaltet, das uns wiederum so fremd nicht ist. 


    Das Buch liest sich gut, setzt aber Geduld mit dem etwas weitschweifigem Stil und Neugier gegenüber einer anderen Kultur voraus. 

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    J
    jamal_tuschickvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Bukolische Bilanz - Ein Greis erinnert sein Leben als Sohn eines feurigen Mannes. Fabelhaft erzählt.
    Das Märchen vom Aneurysma

    Der Hauptmann macht eine aus dem Waisenhaus zu seiner Frau. Mit zweitem Namen heißt das Mädchen Kader - Schicksal. Es hat ein Mondgesicht. Sein Zopf widersteht wie ein Tau. Kader steigt zur Mutter des Erzählers auf. Sie stirbt zeitig, die Rede ist zuerst von einem Aneurysma. Später sagen die Quartiersauguren, Kader habe sich erschossen, vermutlich aus Versehen. Das naseweise Ich notiert: “Ob Selbstmord oder Unfall, meine Mutter war urplötzlich”. Nach einer anatolischen Weisheit zählte sie zu der Blüte des Landes, die (in einem Zustand vollkommener Gebirgsergebenheit von jeher) stirbt, ohne gelebt zu haben.
    Der Yüzbaşı befehligt ein Bataillon. Ihm dient ein Bursche, der mit lauter Verachtung Memet gerufen wird; während man seinen Herrn Plattfuß nennt, sofern man eine Lizenz zum Duzen hat. Freundschaft unter Kemalisten verlangt Löwenmilch - Aslan sütü. Wasser trübt den Rakı zum wolkigen Mix. Jeden Abend hauen sich Plattfuß und andere ihre Würde verblüffend leicht tragende Honoratioren die Hucke voll in einer voll laizistischen Türkei.
    Das Militär garantiert die Demokratie und drängt das religiöse Element zurück. Plattfuß fürchtet nur einen Menschen, das ist seine Mutter, die ihn Hasan und eine Enttäuschung nennt. Als Henker Hasan geht er in die Geschichte ein. Er zieht den Kadettenputsch von 1960 durch. Die Angelegenheit endet u.a. mit der Hinrichtung des gestürzten Staatschefs Adnan Menderes und dem Verbot der Demokratischen Partei.
    Die türkische Armee als Hüterin der Demokratie zählt zur Jugendromantik nicht nur des Erzählers. Nach Jahrzehnten in der Fremde kehrt er hinfällig heim, um sich räumlich nah der Kindheit ein letztes Mal zu erinnern. Das Nachlassende und Durchsackende des Alters stimmen ihn gnädig. Er wählt den Ton der Hirtengesänge für seine Bilanz. Immer wieder stellt er sich die sinnloseste aller Fragen. Was wäre gewesen, wenn?
    Eine einleuchtende Unterscheidung zwischen Gesellschaften beschreibt die Türkei als alte Gesellschaft im Gegensatz zum jungen Amerika. Den römischen Reichsnachfolgebestrebungen zum Trotz ist auch Deutschland mädchenhaft jung im Vergleich zu dem, was sich in Mesopotamien lange vor Rom abspielte. Alte Gesellschaften haben immer etwas Chinesisches. Sie achten den Einzelnen wenig und begrüßen das Autoritäre. Sie sind schlitzohrig und gießen auch das Böse in Humor. So dass es sich einprägt, schließlich hat es sich bewährt.
    Als Repräsentant gleichzeitig bewahrender und fortschrittlicher Kräfte steckt Hasan in einer Zwickmühle. Einerseits versteht der Hauptmann die von Atatürk geformte Türkei als Schrumpfform des Osmanischen Reichs und älterer Gesellschaftsformationen auf dem von ihm persönlich beschützten, manchmal auch beschossenen Staatsgebiet und in den verlorenen Weiten babylonischer Prachtentfaltung mit effektiver Vielweiberei, orientalischer Klugscheißerei, Myrrhe- & Weihrauchgedöns, Kameldungexport und jeder Menge Sklaven. Andererseits sieht sich der Kommandant an der Sturmspitze der Zukunft seines Landes. Das Dilemma löst er im Kreis einer Avantgarde von Schwadroneuren allabendlich geschickt auf. Stichwort Wirtshausvollrausch.
    Man ahnt einen kritischen Abstand des Erzählers zum Vater. Lieber hält er sich an die Mutter, die zur Hohlform für jeden Verlust wird, da es von ihr keine widerständige Selbstbeschriftung gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob Gürsel seinem Andersich die Sentimentalität väterlich nur durchgehen lässt. Jedenfalls weint er ganz schön einem prall vergangenen Leben nach, all den “schwarzen, roten, weißen und sogar grünen Strings”. - Strings kursiv gesetzt. Sexuell sozialisiert wurde er in der Schlüpfer-Ära.
    Der Roman erzählt im Schnelldurchlauf von der Verwandlung des Klassenbesten mit dem Wappen von Galatasaray auf der Hemdbrust in einen selbstgesprächig “launig lüsternen Greis” mit Rheuma. Gelegentlich fällt eine spitze Bemerkung zum amtierenden Pharao.

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