Nele Pollatschek Das Unglück anderer Leute

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Inhaltsangabe zu „Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek

'Immer, wenn ich denke, ich bin den Wahnsinn los, passiert etwas und zieht mich wieder zurück.' Rabenmütter, Vaterwunden, Geschwisterliebe. In ihrem verblüffenden Debüt spielt Nele Pollatschek mit Statistik und Magie – und erzählt dabei eine turbulente, hochkomische und tieftraurige Geschichte vom Schicksalsschlag, eine Familie zu haben. Thene, 25, Oxford-Studentin mit Zweitwohnsitz in Heidelberg, lebt eigentlich ihren Traum: mit ihrem Freund im alten BMW zur Lieblingslichtung im Odenwald fahren, Klapptisch aufstellen, lesen, schreiben und ab und an ein Stück Kirschjockel essen. Leider aber fällt in Thenes Odenwald-Idyll immer wieder ein, was sie nur in kleinen Dosen verträgt: ihre Patchwork-Familie, eine in alle Himmelsrichtungen verstreute ostwestdeutsche Mischpoke. Allen voran: Ihre Mutter Astrid – Weltretterin, Punk, hochmanipulativ und mehr an ihren guten Taten als an ihren Kindern interessiert. Dann Georg, ihr Vater, der eigentlich die bessere Mutter gewesen wäre, wäre er nur nicht ganze fünf Jahre verschwunden, als Thene zehn war. Des Weiteren: Eine Schar von abgelegten Stiefvätern, unter ihnen der jüdisch-orthodoxe Menachem. Und – einziger Lichtblick – Menachems Sohn: Thenes fünfzehnjähriger Halbbruder Eli, Zauberlehrling und begnadeter Kenner von Statistik, Wahrscheinlichkeit und Magie. Als die Masterverleihung in Oxford ansteht, reist die Familie wie selbstverständlich an. Wer hätte schon ahnen können, dass der Zufall – das Schicksal? Gott? – ausgerechnet hier den Hebel ansetzt, um Thenes Welt aus den Angeln zu heben …

Wunderschöne Geschichte

— cat10367
cat10367

Familie und Ende treiben in den Wahnsinn – und das Buch in die Versenkung.

— killmonotony
killmonotony

unterhaltsame Geschichte, aber auch nicht mehr!

— perilla
perilla

Ein sehr witziges Buch. Ich habe mich köstlich amüsiert. Die Geschichte geraet etwas aus dem Ruder und strotzt vor bösem Humor, mir gefiels

— naninka
naninka

Ein fulminantes Debüt mit Witz und einer außergewöhnlichen Autorin-Figur-Beziehung, die mir noch lange im Gedächtnis herumgeistern wird.

— Julino
Julino

Schöner Stil, gutes Thema, enttäuschendes Ende

— Silkchen2909
Silkchen2909

Ein ideales Buch für Leser, die mal etwas Neues wagen wollen! Interessant konstruiert und ideenbeladen! 3,5 Sterne!

— Floh
Floh

Wer Nothomb mag, wird auch Pollatschek mögen. Quirlig, liebenswert und bizzar. Hat mich am Ende mit offenem Mund zurückgelassen. Toll.

— schlaura
schlaura

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  • Rezension: Das Unglück anderer Leute

    Das Unglück anderer Leute
    killmonotony

    killmonotony

    06. May 2017 um 14:25

    PUH! Also diejenigen, die mir auf Instagram folgen, haben vielleicht schon mitbekommen, dass ich von diesem Roman sehr, SEHR überfordert war, was das groteske Ende anging. Weiter unten gibt es ein Spoiler-Rant, aber vorher werde ich mich bemühen, spoilerfrei zu bleiben. Es geht generell um die Oxford-Absolventin Thene und ihre wahnsinnig nervige und anstrengende Familie (ihren Halbbruder ausgenommen). Außerdem geht es um den Tod, das Schicksal und Wahrscheinlichkeiten. Als es nämlich auf dem Weg zu ihrer Abschluss-Zeremonie in Oxford einen Todesfall gibt, kommt die gesamte „Mischpoke“, die ihre Familie ist, zusammen, und das artet etwas aus. Leute werden aus dem Familien-Zusammenkommen vertrieben, dann muss getröstet werden und zwischen all dem soll Thene auch noch ihre Trauer begreifen. Die Familie macht sich dann auf zur Beerdigung, diskutiert während der Fahrt über alte Zeiten (die nicht immer gut waren.. wenn überhaupt) und als sie ankommen, sind alle baff über die riesige Menschentraube, die sich versammelt hat. Auf der Rückfahrt bzw. danach schlägt dann aber das Schicksal zu und alle beginnen, die Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten der Dinge zu berechnen… Die komplette Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

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  • Untrennbare Melange aus Nähe und Distanz

    Das Unglück anderer Leute
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    12. December 2016 um 14:18

    Untrennbare Melange aus Nähe und DistanzAber gewaltig nervt die Mutter Thene. Unglaublich gewaltig.„Es gibt Menschen die liebt man, aber man kann sie nicht leiden. Menschen, mit denen man auf immer verbunden ist, mit denen man aber um Gottes willen nicht in einem Raum sein möchte“.Was auf Thenes Mutter zutrifft. Für Thene jedenfalls.Und dennoch, da kann noch so viel passiert sein mit der unzuverlässigen, stets unpünktlichen, konsequent nur mit sich beschäftigten und manipulativen Mutter. Die nie zugeben würde, irgendetwas falsch gemacht zu haben.Auch nicht als Thene als Kind barfuß im Winter vor der Haustür stand und sich weigerte, sich zu bewegen. Weil ihr Vater ihre Weihnachtsgeschenke zurückgegeben hatte um nicht mehr erpressbar zu sein durch seine ehemalige Lebensgefährtin.Und nun steht Thenes Abschlussfeier in Oxford an, das Studium gut beendet. Von allen Seiten kommen Familienangehörige nach Oxford, um der Abschlussfeier beizuwohnen. Natürlich auch Thenes Mutter, ihr Vater, dessen Lebensgefährt, die beiden Stiefgeschwister (ihren Stiefbruder, den „Magier“, liebt Thene über alles).Großeltern väterlicherseits, die Thene noch gar nicht kannte.Eine Großmutter, die konsequent die Wahrheit sagt und kein Blatt vor den Mund nimmt, gerade ihrer „Punkt-Tochter“, Thenes Mutter, gegenüber nicht. Während sich Thenes Vater biegt und beugt und es längst aufgegeben zu haben scheint, diesem Tornado einer Egomanin gegenüber zu widersprechen.Und auch Thene selbst ertappt sich immer wieder, gegen alles Wissen der Vernunft, dass die „Kinderseele>“ in ihr sich nicht wirklich zu lösen versteht. Dass das Erwachsene-Ich und das Kindheits-Ich in ständigem Widerstreit stehen. Was Thenes Mutter sehr genau weiß und damit doch immer wieder Thene in Situationen bringt, die sie nie mehr im Leben erleben wollte.Eine innere Spannung, die selten so gut, witzig und auf den Punkt in Form eines inneren Monologes beschrieben wurde, wie es Pollatschek im Roman gelingt.Alles also im inneren Wirrwarr. Bis das „große Sterben“ beginnt und auch in der Außenwelt die Dinge Fahrt aufnehmen in teils skurriler Richtung. Denn selten hat in einer Familienkomödie der hoch-ironischen Art der Tod eine so maßgebliche Rolle, wie in diesem Roman. Den Nele Pollatschek mit zwar teils unglaubwürdigen (siehe manche der Tode, gerade am Ende des Romans) Ereignissen würzt, diese aber in einer solch pointierten Sprache auf das Papier bringt, das man als Leser kaum anders kann, als mit tiefem Grinsen den sich überschlagenden Ereignissen im Roman zu folgen.Und zudem sicher auch Teile der eigenen Lebensgeschichte darin wiederzuerkennen, denn wer kennt das nicht, das man „dauerhaft Kind“ bleibt in den Augen der eigenen Eltern und manche Verhaltensweisen „wie auf Schienen“ immer wieder den gleichen Ablauf nehmen, den man doch nie wieder erleben wollte und der im eigenen, erwachsenen Leben auch nicht vorkommt. In der Regel.Ein paar Längen allerdings finden sich ebenfalls im Roman, gerade nach dem starken Beginn und der intensiven Beschreibung der Mutter und der Verhältnisse untereinander wird es doch fast ein wenig zu viel an Anekdoten und Ereignissen, an Verhaltensweisen der Protagonisten, die teils zu merkwürdig dann folgen. Nach dem ersten Todesfall im Roman, der wiederum auf einem gewissen exzentrischen Irrwitz beruht, der das Leben der verschiedenen Familienangehörigen auszumachen scheint.Eine anregende, sprachlich mit viel trockenem Humor verfasste, innere „Odyssee“, deren äußere Orte zumindest die bisherigen Lebensorte der Autorin widerspiegeln. 

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  • Untrennbare Melange aus Nähe und Distanz

    Das Unglück anderer Leute
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    25. November 2016 um 15:32

    Untrennbare Melange aus Nähe und DistanzAber gewaltig nervt die Mutter Thene. Unglaublich gewaltig.„Es gibt Menschen die liebt man, aber man kann sie nicht leiden. Menschen, mit denen man auf immer verbunden ist, mit denen man aber um Gottes willen nicht in einem Raum sein möchte“.Was auf Thenes Mutter zutrifft. Für Thene jedenfalls.Und dennoch, da kann noch so viel passiert sein mit der unzuverlässigen, stets unpünktlichen, konsequent nur mit sich beschäftigten und manipulativen Mutter. Die nie zugeben würde, irgendetwas falsch gemacht zu haben.Auch nicht als Thene als Kind barfuß im Winter vor der Haustür stand und sich weigerte, sich zu bewegen. Weil ihr Vater ihre Weihnachtsgeschenke zurückgegeben hatte um nicht mehr erpressbar zu sein durch seine ehemalige Lebensgefährtin.Und nun steht Thenes Abschlussfeier in Oxford an, das Studium gut beendet. Von allen Seiten kommen Familienangehörige nach Oxford, um der Abschlussfeier beizuwohnen. Natürlich auch Thenes Mutter, ihr Vater, dessen Lebensgefährt, die beiden Stiefgeschwister (ihren Stiefbruder, den „Magier“, liebt Thene über alles).Großeltern väterlicherseits, die Thene noch gar nicht kannte.Eine Großmutter, die konsequent die Wahrheit sagt und kein Blatt vor den Mund nimmt, gerade ihrer „Punkt-Tochter“, Thenes Mutter, gegenüber nicht. Während sich Thenes Vater biegt und beugt und es längst aufgegeben zu haben scheint, diesem Tornado einer Egomanin gegenüber zu widersprechen.Und auch Thene selbst ertappt sich immer wieder, gegen alles Wissen der Vernunft, dass die „Kinderseele>“ in ihr sich nicht wirklich zu lösen versteht. Dass das Erwachsene-Ich und das Kindheits-Ich in ständigem Widerstreit stehen. Was Thenes Mutter sehr genau weiß und damit doch immer wieder Thene in Situationen bringt, die sie nie mehr im Leben erleben wollte.Eine innere Spannung, die selten so gut, witzig und auf den Punkt in Form eines inneren Monologes beschrieben wurde, wie es Pollatschek im Roman gelingt.Alles also im inneren Wirrwarr. Bis das „große Sterben“ beginnt und auch in der Außenwelt die Dinge Fahrt aufnehmen in teils skurriler Richtung. Denn selten hat in einer Familienkomödie der hoch-ironischen Art der Tod eine so maßgebliche Rolle, wie in diesem Roman. Den Nele Pollatschek mit zwar teils unglaubwürdigen (siehe manche der Tode, gerade am Ende des Romans) Ereignissen würzt, diese aber in einer solch pointierten Sprache auf das Papier bringt, das man als Leser kaum anders kann, als mit tiefem Grinsen den sich überschlagenden Ereignissen im Roman zu folgen.Und zudem sicher auch Teile der eigenen Lebensgeschichte darin wiederzuerkennen, denn wer kennt das nicht, das man „dauerhaft Kind“ bleibt in den Augen der eigenen Eltern und manche Verhaltensweisen „wie auf Schienen“ immer wieder den gleichen Ablauf nehmen, den man doch nie wieder erleben wollte und der im eigenen, erwachsenen Leben auch nicht vorkommt. In der Regel.Ein paar Längen allerdings finden sich ebenfalls im Roman, gerade nach dem starken Beginn und der intensiven Beschreibung der Mutter und der Verhältnisse untereinander wird es doch fast ein wenig zu viel an Anekdoten und Ereignissen, an Verhaltensweisen der Protagonisten, die teils zu merkwürdig dann folgen. Nach dem ersten Todesfall im Roman, der wiederum auf einem gewissen exzentrischen Irrwitz beruht, der das Leben der verschiedenen Familienangehörigen auszumachen scheint.Eine anregende, sprachlich mit viel trockenem Humor verfasste, innere „Odyssee“, deren äußere Orte zumindest die bisherigen Lebensorte der Autorin widerspiegeln. 

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  • Schwarzer Humor par excellence

    Das Unglück anderer Leute
    Julino

    Julino

    24. November 2016 um 13:07

    Die Literaturkritik lenkt ihren Blick oft auf Romananfänge, insbesondere auf den ersten Satz einer Handlung. Nicht umsonst kennt der Großteil unter uns Leseratten wohl den berühmtesten ersten Satz der Literaturgeschichte, jenen aus Tolstois Anna Karenina. Auch Nele Pollatschek beginnt ihren Debütroman Das Unglück anderer Leute (Galiani Berlin) mit einem starken Satz: „Ich hasse, ich hasse, ich hasse sie.“ Das Gefühl, welches mit diesem Ausruf transportiert wird, ist maßgeblich für die Ich-Erzählerin Thene und deren Geschichte. Thene ist 25 Jahre alt, studiert in Heidelberg und Oxford, hat einen festen Freund und führt eigentlich ein ruhiges, fast schon spießiges Leben. Eigentlich. Wäre da nicht ihre verrückte Familie. Da sind zum einen Thenes Eltern, die schon lange getrennt sind. Ihr Vater Georg hat sich, nachdem er fünf Jahre lang aus Thenes Leben verschwunden war, als homosexuell geoutet und lebt jetzt mit seinem Partner zusammen in Berlin. Beide ergänzen sich hervorragend. Wenn Georg sich mal wieder in eine seiner halbwahren Geschichten hineinsteigert oder hektisch wird, ist es Christoff, der ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Neben diesem leicht verschrobenen Vater hat Thene auch noch eine Mutter, Astrid, mit der die Ich-Erzählerin so gar nicht klar kommt. Beide haben sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und geraten regelmäßig aneinander. Zudem hat Astrid ein enorm hohes Geltungs- und Aufmerksamkeitsbedürfnis sowie die Gabe, „Problem-Männer“ anzuziehen. Nachdem sich Thenes Eltern getrennt hatten, bekam Astrid noch zwei weitere Kinder von zwei verschiedenen Männern. Thene liebt ihren pubertierenden Halbbruder Elijah, der gern Zaubertricks vorführt. Mit der Halbschwester Trixie, die noch ein Kleinkind ist, kann die Ich-Erzählerin dagegen gar nichts anfangen. Eine Patchwork-Familie par excellence, die darüber hinaus von genauso komplizierten Großeltern ergänzt wird. So bezieht sich der im Teaser zitierte erste Satz aus Thenes Mund – leicht zu erraten – natürlich auf ihre Mutter. Dieses Hassgefühl nimmt die Ich-Erzählerin im weiteren Verlauf der Handlung genauer unter die Lupe: Es gibt Menschen, die liebt man, aber man kann sie nicht leiden. […] Im Laufe der Jahre hatte sich diese Feststellung zur Standarderklärung meiner Beziehung zu meiner Mutter gemausert. Aber im stillen Kämmerchen meines Herzens war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob das noch stimmte. Oder ob ich nur behauptete, dass ich sie liebte, ohne sie leiden zu können, weil man seine Mutter nun mal zu lieben hat. Weil „Du musst deine Mutter lieben“ mir wie das zweitgrößte emotionale Gebot der Neuzeit erschien. Nur überschattet von „Du musst deine Kinder lieben“, was bestimmt auch nicht immer leicht ist. Nele Pollatschek beleuchtet eine Mutter-Tochter-Beziehung, wie sie wohl in vielen Familien vorzufinden ist. Obwohl hier der Fokus auf den weiblichen Part der Familie gelegt wird, ist dies keinesfalls „weibliche Literatur“. Die Mutter-Tochter-Beziehung als spezielle Verwandtschaftskonstellation kann durchaus auch als allgemeine gelesen werden. Die Autorin erläutert auf charmante Weise die Unausweichlichkeit der familiären Bindung, die für manche Menschen das große Glück, für andere aber einfach nur eine Qual darstellt. Doch warum gibt sich die volljährige Thene überhaupt mit ihrer Mutter ab? Nun ja, sie bezahlt ihr nun mal das teure Studium. All das wäre eigentlich schon chaotisch genug, aber es kommt noch härter. Ausgerechnet am Tag der Masterverleihung in Oxford wird Thenes Mutter auf der Autobahn überfahren. Wie schon so oft in Thenes Leben, stiehlt ihr Astrid auch dieses Mal die Show. Die ganze Familie ist in Aufruhr. Für die Ich-Erzählerin beginnt eine stressige Zeit, in der sie ihre familiäre Vergangenheit Revue passieren lässt. Nun möchte man meinen, dass dies vielleicht ein sehr trauriges Buch sei. Weit gefehlt. Bei aller Trauer um die tote Mutter lebt Das Unglück anderer Leute vor allem von Thenes trockenem Humor und ihrem abgeklärten Blick auf die Geschehnisse. Dabei behält sie stets einen kühlen Kopf und lässt sich selten von ihren Emotionen lenken. Thenes Gedankengänge sind sehr komplex. Gern setzt sie ihre Überlegungen in Beziehung zu Schriften von Marx, Shakespeare und Freud bis hin zu Vonnegut. Diese Intertextualitäten, die nie überheblich oder fehl am Platz wirken, sehe ich als große Stärke des Romans. Hinzu kommt, dass Nele Pollatschek in ihrem Debüt nicht nur Anleihen aus der Philosophie, sondern auch aus anderen Wissenschaftsbereichen einfließen lässt. Dazu gehören Überlegungen zum Bereich der Statistik: Wie wahrscheinlich ist es, dass mehrere Mitglieder einer Familie kurz hintereinander sterben? Wieso ist der Zufallsmodus beim iPod nicht wirklich zufällig? Thene versucht immer wieder, sich die offensichtliche „Beklopptheit“ ihrer Familie rational herzuleiten: Denn meine Mutter und mein Vater waren ursprünglich der gleiche Mensch. Sie hatten sich auch nur deshalb kennengelernt, weil sie Dipol-Dipol-Kräfte entwickelten und sich wie zwei identische Wassermoleküle angezogen hatten. Das Unglück anderer Leute ist durchzogen von solchen lockeren, aber doch durchdachten Schlussfolgerungen der Ich-Erzählerin. Gepaart mit einer großen Portion Situationskomik wird dieses Debüt zu einem der besten, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Der Roman überrascht (vor allem gegen Ende), er spielt mit den Erwartungen der Lesenden und behandelt das große Überthema „Familie“ auf eine freche Art und Weise. Darüber hinaus fand ich den Umgang der Autorin mit ihren Figuren besonders markant. Indem Pollatschek ihre Protagonistin Thene nach und nach neuen, plötzlichen und vor allem höchst unwahrscheinlichen Katastrophen aussetzt, spielt sie eine Art Göttin, die über der Ich-Erzählerin wütet. Vor allem literaturtheoretisch könnte Das Unglück anderer Leute in Hinblick auf die Sichtbarkeit der Autor_innen durch auffällige Eingriffe in den Plot von Interesse sein. Bei diesem Debüt ist zu bemerken, dass die Hauptfigur Thene und die Autorin Nele Pollatschek sehr viele Überschneidungspunkte in ihren Leben aufweisen. Die Debütantin hat sehr eng an ihrem eigenen Erfahrungshorizont entlang geschrieben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber umso gespannter bin ich nun auf ihr zweites Werk, wenn es denn eins geben wird.Das Unglück anderer Leute jedenfalls ist ein fulminantes Debüt mit viel Witz und einer außergewöhnlichen Autorin-Figur-Beziehung, die mir noch lange im Gedächtnis herumgeistern wird.

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  • Schöner Stil, gutes Thema, enttäuschendes Ende

    Das Unglück anderer Leute
    Silkchen2909

    Silkchen2909

    22. October 2016 um 10:39

    Thene ist Mitte 20, studiert in Oxford, verliebt und in einer Patchworkfamilie aufgewachsen. So weit, so gut, würde Thenes Mutter sie nicht unendlich nerven. Sie ist das genaue Gegenteil von dem, was Thene als liebevolle Mutter empfindet. Doch dieses Genervt-sein wird jäh unterbrochen, als eben jene Mutter stirbt und Thene sich mit dem Rest des bunten Patchwork-Wahnsinns auseinandersetzen muss: ihre beiden jüngeren Geschwister, ihr eigener Vater und die ihrer Geschwister, Großeltern und verrückte Freunde und Ex-Liebhaber der Mutter halten sie auf Trab. Nele Pollatschek schreibt jung und frisch, es macht Spaß, die Ich-Erzählerin Thene  zu begleiten, ihren Gedanken zu folgen und zwischen Mitleid und Amüsement hin und her gerissen zu sein. Das Ende war mit etwas zuviel des Guten, aber auch eine Überraschung, mit der man so nicht gerechnet hat. Ich freue mich auf das, was von Nele Pollatschek  da noch kommen mag, ihr Stil ist toll!

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  • Nachdenklich stimmend, aber mit humorvollem Unterton und einem Augenzwinkern erzählt

    Das Unglück anderer Leute
    Girdie

    Girdie

    11. October 2016 um 20:28

    „Das Unglück anderer Leute“ ist der Debütroman von Nele Pollatschek. Titelgebend ist die Grundaussage des Buchs, dass man selber bestimmen kann wie man auf ein Unglück reagiert, das anderen passiert. Wut, Trauer, Verzweiflung und Mitgefühl kann man sehr gut schauspielern, doch wenn man direkt betroffen ist, wird es schwer, seine wahren Gefühle zu verbergen.Thene ist Mitte 20 und studiert in Oxford. Ihre Mutter Astrid ist jemand, der besonders all jene liebt, die ihrer Hilfe bedürfen und dafür darauf besteht, dass ihre Wohltat auch immer wieder thematisiert wird. Leider schafft ihr das nicht nur Freunde. Zur Verleihung ihres Mastertitels hat Thene ihre in Frankfurt lebende Mutter und ihren Vater sowie ihre Oma, die beide in Berlin wohnen, nach Oxford/England eingeladen. Typischerweise ordnet Astrid an, dass sie am Flughafenzubringer abgeholt werden will, Widerspruch zwecklos obwohl andere Möglichkeiten bestehen. Ihre Verwandtschaft steht in ihrer Schuld für alle vergangenen Dienste. Damit nimmt das Unglück seinen Lauf und breitet sich jenseits aller Wahrscheinlichkeiten in der Familie von Thene mütterlicher- wie auch väterlicherseits aus.Auf den ersten Buchseiten plaudert Thene als Ich-Erzähler ein wenig über ihre Mutter, die seit langem von ihrem Vater geschieden ist, aber noch von zwei weiteren Männern noch jeweils ein Kind, beide jünger als Thene, bekommen hat. Sie thematisiert den Konflikt in dem sie steckt. Gerne würde sie selbstbestimmt leben, war aber bisher finanziell von ihrer Mutter abhängig und hatte sich deshalb immer wieder ihrem Willen zu beugen. Mit ihrem Masterabschluss in der Tasche sieht sie ein Ende in Sicht. Doch die Ablösung aus dieser immer wiederkehrenden Konfrontation und die Durchsetzung des eigenen Willens gehen nicht ohne Gewissensbisse vonstatten. Es ist nicht einfach, die eingefahrene Linie von jemandem zu durchbrechen, der auf seine Art und Weise stets erfolgreich war. Inzwischen hat Thene aber für sich eine Möglichkeit gefunden, dem Streit mit ihrer Mutter zu umgehen.Nachdem ich in der ersten Hälfte der Geschichte schon mit einigen kuriosen Verwandten Bekanntschaft schließen durfte, lernte ich im Folgenden weitere sehr interessante und skurille Personen kennen, die mehr oder weniger zu Thenes Familie gehören. Obwohl Thene einiges zum Kotzen findet, kümmert sie sich trotz Wenn und Abers um diejenigen, die ihr am nächsten stehen.Der Roman handelt von Liebe, Hass und Zusammenhalt in der Familie und ist trotz nachdenklich stimmendem Hintergrund stets mit einem humorvollen Unterton und einem Augenzwinkern erzählt. Die Geschichte trägt durchaus autobiographische Züge, weil die Protagonistin im gleichen Alter wie die Autorin ist und die Romanhandlungen an den Plätzen stattfinden, an denen auch Nele Pollatschek beheimatet ist. Allerdings führt sie die Geschichte mittels des Stilmittels der Hyperbel zu einem grandiosen, überwältigendem, unerwarteten Schluss. Mit einem lachendem und einem weinenden Auge habe ich das Buch zu Ende gelesen. Es hat mir sehr gut gefallen und ich empfehle das Buch gerne weiter.

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  • Fordernde Unterhaltung

    Das Unglück anderer Leute
    lilaloft

    lilaloft

    31. August 2016 um 12:29

    “Das Unglück anderer Leute” beginnt mit Hasstiraden. Als Thene bei ihrem Auslandsstudium in Oxford ihren Master verliehen bekommt, reist ihre ganze Familie an. Mit dabei: Ihre Mutter, die exzentrisch, wie sie ist, immer im Mittelpunkt stehen muss. Es brodelt in Thene. Sie ist genervt von der Vorliebe ihrer Mutter für die Farbe rot, davon dass sie immer zu spät kommt, von ihren Liebesschreien beim Sex mit immer wechselnden Stiefvätern - eine Liste, die kein Ende nimmt. „Es gibt Menschen, die liebt man, aber man kann sie nicht leiden. Menschen, mit denen man auf immer verbunden ist, mit denen man aber um Gottes Willen nicht in einem Raum sein möchte. Im Laufe der Jahre hatte sich diese Feststellung zur Standarderklärung meiner Beziehung zu meiner Mutter gemausert. Aber im stillen Kämmerchen meines Herzens war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob das noch stimmte. Oder ob ich nur behauptete, dass ich sie liebte, ohne sie leiden zu können, weil man seine Mutter nun mal zu lieben hat.“ Doch plötzlich ist ihre Mutter tot. Und die chaotische Patchworkfamilie muss sich mit ihrem Nachlass auseinandersetzen. Und selbst da wird sie nicht von den Marotten der übermächtigen Mutter verschont. Das Buch „Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek ist eine Mischung aus berauschendem Trip und einem chaotischen Sammelsurium. Es sprudelt vor Ideen, streift etliche aktuelle Themen, verlangt einem aber auch viel ab. Die Hauptfigur gibt spätpubertärem Genörgel eine perfekte Stimme. Aber das ist nichts zum Entspannen. Nehmt Euch „Das Unglück anderer Leute“ als Stück gute aber fordernde Unterhaltung.

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  • Ein ganz beachtliches Debüt

    Das Unglück anderer Leute
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    31. August 2016 um 11:48

    Sie liebt Kurt Vonnegut und sein chrono-synklastisches Infundibulum“ aus seinem Roman „Die Sirenen des Titan“ und sie liebt ihre Unabhängigkeit in den Leben, das sie sich eingerichtet hat, ich 25- jährige Ich-Erzählerin Thene, die in Oxford studiert und in Heidelberg ihren Zweitwohnsitz hat, von wo aus sie immer wieder mit ihrem Freund Paul in den Odenwald fährt.Doch auch dort, in dieser Idylle holt sie immer wieder ihre chaotisch Patchworkfamilie  ein, eine in alle Himmelsrichtungen verstreute ostwestdeutsche Mischpoke.Da ist die Mutter Astrid, Althippie, Weltretterin, Punk, die noch nur ihre Familie manipuliert, sondern der es mehr um ihre guten Taten geht, die sie zweifellos in eigennütziger Absicht begeht, als um ihre Familie. Da ist der Vater Georg, der als Thene zehn war, sie erlasen und für fünf Jahre abgetaucht ist, um dann als  Schwuler wieder aufzutauchen. Und da ist eine ganze Menge abgelegter Stiefväter (Astrid ist nebenher immer auch sexuell sehr aktiv), darunter der jüdisch-orthodox gewandelte Menachem. Nur mit dessen Sohn, ihrem 15-jährigen Halbbruder Eli kommt Thene einigermaßen klar.Thene ist auf der Suche nach einer Mutter, die Astrid nicht sein will. Sie ist Teil einer Generation, die in einer Art neuen Spießigkeit und Angepasstheit revoltiert. Anpassung als eine Form der Rebellion, weil sie kein anderes Mittel der Abgrenzung zu ihren ach so engagierten und linken Eltern sehen – so geht es sicher nicht nur Thene, die man ruhig als Alter Ego von  Nele Pollatschek bezeichnen kann, denn alle biographischen Stationen von Thene sind auch die von Nele.Es ist schon eine große Leistung, bei einer solchen Mischpoke von Verwandtschaft ein eigenständiges Leben zu führen.Ich hoffe, es bleibt nicht bei diesem gelungenen und beachtenswerten Debüt und wir werden bald noch mehr von en literarischen Talent von Nele Pollatschek erleb

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  • Ein ideales Buch für Leser, die mal etwas Neues wagen wollen! 3,5 Sterne!

    Das Unglück anderer Leute
    Floh

    Floh

    18. August 2016 um 04:42

    Wenn man gern, viel und absolut leidenschaftlich Bücher liest, so wie ich, wird man irgendwann erkennen, dass es SchriftstellerInnen gibt, die ihre Bücher mit der gleichen Leidenschaft und mit dem gleichen Herzblut verfassen, wie die Leser die Buchstaben und Inhalte verschlingen. Im Laufe meines persönlichen „Lesewerdegangs“ habe ich festgestellt, dass es sogar Autoren und Autorinnen gibt, die mit ihren Debüts oder Werken etwas völlig Neues, Einzigartiges und scheinbar noch nie Dagewesenes schaffen. So wie die junge Debütautorin Nele Pollateschek mit ihrem Erstlingswerk „Das Unglück anderer Leute“. Ein Roman, wie ein Film. Ein Leben voller Klischees, Gedanken und skurrilen Fügungen. Ein Buch von und über das gnadenlose Einwirken einer egozentrischen und exzentrischen Mutter, die das Leben und Handeln aller ihr nahestehenden Personen, Familienmitgliedern, insbesondere das ihrer frühen Tochter Thene, stetig beeinflusst. Sogar über ihren unglaublichen Tod hinaus… Erschienen im Galiani Berlin Verlag (http://www.galiani.de/) Inhalt: „»Immer, wenn ich denke, ich bin den Wahnsinn los, passiert etwas und zieht mich wieder zurück.« Rabenmütter, Vaterwunden, Geschwisterliebe. In ihrem verblüffenden Debüt spielt Nele Pollatschek mit Statistik und Magie – und erzählt dabei eine turbulente, hochkomische und tieftraurige Geschichte vom Schicksalsschlag, eine Familie zu haben. Thene, 25, Oxford-Studentin mit Zweitwohnsitz in Heidelberg, lebt eigentlich ihren Traum: mit ihrem Freund im alten BMW zur Lieblingslichtung im Odenwald fahren, Klapptisch aufstellen, lesen, schreiben und ab und an ein Stück Kirschjockel essen. Leider aber fällt in Thenes Odenwald-Idyll immer wieder ein, was sie nur in kleinen Dosen verträgt: ihre Patchwork-Familie, eine in alle Himmelsrichtungen verstreute ostwestdeutsche Mischpoke. Allen voran: Ihre Mutter Astrid – Weltretterin, Punk, hochmanipulativ und mehr an ihren guten Taten als an ihren Kindern interessiert. Dann Georg, ihr Vater, der eigentlich die bessere Mutter gewesen wäre, wäre er nur nicht ganze fünf Jahre verschwunden, als Thene zehn war. Des Weiteren: Eine Schar von abgelegten Stiefvätern, unter ihnen der jüdisch-orthodoxe Menachem. Und – einziger Lichtblick – Menachems Sohn: Thenes fünfzehnjähriger Halbbruder Eli, Zauberlehrling und begnadeter Kenner von Statistik, Wahrscheinlichkeit und Magie. Als die Masterverleihung in Oxford ansteht, reist die Familie wie selbstverständlich an. Wer hätte schon ahnen können, dass der Zufall – das Schicksal? Gott? – ausgerechnet hier den Hebel ansetzt, um Thenes Welt aus den Angeln zu heben …“ Die Handlung / darum geht´s: In diesem Roman geht es um so viel und doch um wieder fast nichts. Ein einzigartiges Geflecht aus Einflüssen und gesellschaftlichen Themen. Thene ist 25 Jahre alt und studiert in England, Oxford. Sie hat einen Freund im Odenwald und eine überdimensionale Familie Mutter, Vater, Oma, Stiefvater, Halbruder, Halbschwestern, Ziehenkeln, Lebensgefährten und Lebensabschnittspersönlichkeiten… Thene lebt in einer chaotischen Patchworkfamilie mit einer egozentrisch, alternativ und exzentrisch angehauchten Alt-Hippiemutter mit feuerroten Haaren und einer Art, die alle beeinflusst. So beeinflusst Mutter Astrid auch Thenes Leben. Von Kindestagen an, bis ins Erwachsenenalter. Und so droht die Anwesenheit Astrids bei Thenes Graduation in Oxford an der Universität nun auch dieses einmalige Ereignis zu sprengen. Wie es hier Astrid wieder einmal schafft, alles auf sich zu ziehen und ihr Umfeld zu manipulieren, ist echt der Hammer. Und so steht Thene nicht nur mit buntgekringelten Socken vorne auf dem Podium, obwohl doch nur schwarze Socken erlaubt sind, sondern muss auch noch die Überführung ihrer toten Mutter nach Deutschland regeln. Und da sind da noch Oma Patzi, die mitgereist sind und Vater Georg, der sich just in dieser trauernden Situation als Schwul outet… OMG. Dieses Buch ist so bunt wie der Regenbogen und man sollte es einfach mal gelesen haben. Worum es genau geht und was alles passiert kann ich gar nicht zusammenfassen, denn diese Zusammenfassung bestünde aus dem ganzen knapp 222 seitigem Buch. Es gibt einfach zu viel zu erzählen und zu erwähnen und nichts zu kürzen… Das Buch ist die Handlung! Warum ich dieses Buch lesen wollte / musste: Der Grund, bzw. der Motor, warum ich diese Neuheit unbedingt lesen MUSSTE, war der, dass der Verlag es mit seiner Buchpräsentation, Pressemitteilung und Beschreibung zur Überraschungsautorin Nele Pollatschek mit „Das Unglück anderer Leute“ wirklich geschafft hat, mich so neugierig zu machen, dass an diesem Buch kein Weg vorbeiführte und das Lesen keinen Aufschub duldete. Wer ein Buch so interessant macht, als Verlag, der muss damit rechnen, dass alle dieses Wunder der Schriftstellerei kennenlernen möchten, gar unweigerlich müssen. Der Galiani Berlin Verlag stellt den verlegten Debütroman der jungen Autorin so genial in den Fokus, dass dieses Buch einfach wegen all seiner skurrilen, bedeutenden, abgefahrenen, ernsten, nachdenklichen, einflussreichen, gesellschaftskritischen und unfassbaren Themen, verwoben und verwurschtelt in einem einzigen Roman, entdeckt werden will. Themen wie Patchworkfamilie, alternative Wohnkonzepte, Hippie-Allüren, Exzentrismus, Homosexualität, Doktorarbeit, Studium, Tod, Geliebte, Geschwister, Stiefväter, Ziehenkel, Pragmatismus, Halbgeschwister, Schwiegermütter, Chaos, Selbstbestimmung, Zukunft, Einfluss, Verantwortung, Vergebung, Rabenmütter, Matriarchismus, FKK; … Das sind wirklich alles Einflüsse und Themen, mit denen sich die 25 jährige Absolventin Thene rumschlagen muss. Zwischen Oxford, Berlin, Heidelberg und Odenwald… Schreibstil: Der Schreibstil der Autorin Nele Pollatschek wurde als etwas ganz Besonderes und schier Neuartiges betitelt. Damit trifft der Verlag ins Schwarze. Mir fehlen gar die Worte, diesen Stil zu beschreiben, oder mit etwas anderem zu vergleichen. Ich denke, es ist einfach der persönliche Stil der Autorin, der so individuell ist, wie all die skurrilen Einflüsse in diesem Roman aus dem Leben der jungen Studentin Thene. Die Debütautorin weist eine ähnliche Vita auf wie die sämtliches Familienleid ertragende Hauptprotagonistin Thene in diesem Roman. Ob es da vielleicht autobiografische Züge gibt? Eine reine Vermutung. Denn das Buch ist zwar so abgedreht, aber dennoch so nah am Leben geschrieben, dass es fast wahr sein könnte. Doch wer würde all diese Familienkonstellationen so ertragen und damit umgehen können, wie es Thene hier bemerkenswert zeigt?... Der Roman wird aus der Ich-Perspektive der jungen und ambitionierten, aber stark durch ihre Mutter Astrid geprägten, Studentin Thene erzählt. Dieser unglaubliche Roman erzählt aus Thenes Sicht unglaublich herzhaft, stets mit einem Augenzwinkern und viel Humor, Metapher, Sarkasmus, Zynismus und Ironie über ihr vielseitiges Leben in dieser Patchworkfamilie mit all den vielen anverwandten, angeheirateten, angenommenen, eingebrachten und verlassenen Personen, Müttern, Vätern, Omas, Opas, Kindern, Enkeln und so weiter, wie es sich damit lebt und liebt und wie eine einflussreiche Mutter, Astrid, aller Leben beeinflusst. Sogar über ihren Tod hinaus. Die Autorin nutzt ein interessantes Stilmittel, denn sie schweift immer wieder in Gedanken und Sinnbilder ab. Dies ohne melancholisch, depressiv oder poetisch zu wirken. Sinnbilder, Metaphern, Mantra und Phantasie. So wie sich Thenes Leben überschlägt, so überschlagen sich hier auch die sprudelnden Ideen und Einflüsse der Autorin. Wie ein Gewitter im Kopfe, welches sie zu Papier bringt. Sehr lange, komplizierte und verschachtelte Sätze, die man zu entwirren und zu entknäueln hat. Das Lesen gestaltet sich etwas anstrengend. Das liegt an den überladenen Sätzen und Ideenergüssen, die sich in einer Zeile und in einem Moment über eine Aussage überschütten. Für den Leser ist das wirklich sehr geballt und überreizt. Eine Reizüberflutung, die aber so witzig ist, dass man sich gern mitschwämmen lässt. Über Thenes Leben kann ich gar nicht so viel verraten, denn dann würde ich den ganzen Roman niederschreiben müssen. Einen roten Faden sucht man vergebens. Man befindet sich stets mitten im Roman, und stets am Rande und immer am Anfang und Ende zugleich. Wie eine Spirale hat man sogar am Ende der knapp 222 Seiten das Gefühl, gleich wieder mit Seite 1 beginnen zu können. Auch so etwas habe ich noch nie erlebt. Ja, an so ein Werk muss man sich wirklich erst gewöhnen, wenn man es schafft. Ein Buch mit seinen humorvollen, aber auch sehr emotionalen Tönen (auch wenn man sie auf den ersten Blick gar nicht als solchen Tiefsinn erkennt), der nicht nur aufgrund der sonderbaren Geschichte und der kreativen Begebenheiten intensiv erscheint. Besonders der geschickte Aufbau des Romans, bei dem zwischen Vergangenheit und dem gegenwärtigem Zeitpunkt ein schmaler Grat bewältigt wird überzeugt hier sehr. Man weiß wirklich nie, was jetzt Traum oder Realität ist. Durch Gedanken, Sinnbilder, Erzählungen und Gefühlslagen und der Weltanschauung von Thene selbst, gibt uns die Autorin Nele Pollatschek geniale und unterhaltsame Einblicke in das Leben einzelner Charaktere, so nimmt dieses Buch im Kern Gestalt an und weckt beim Leser Momente des Sinnierens, Amüsierens und sogar des Nachdenkens. Teils gesellschaftskritisch, teils sarkastisch, teils ernst nimmt die Autorin N. Pollatschek kein Blatt vor dem Mund und schildert durch Gedanken, Erzählungen, Protokolle und Sinnbilder dem Leser eine Thene-typische Welt, das Studentenleben, die Graduation, das Pendeln zwischen Oxford und Odenwald, die Liebe zu ihrem Halbbruder Elijah dem Zauberer, ihrem Vater George, dem Stiefvater Ralf bzw. Mechanem, der Oma Patzi, dem Tod der Mutter Astrid, ihrem Freund und das Leben in dieser kunterbunten Familie. In jedem der recht kurzen und knackigen Kapitel und in jeder Zeile spürt der Leser all die Ideen, Inspirationen, Ergüsse, Facetten und Einflüsse, die die Autorin zu ihrem erlebnisreichen, mutigen und einzigartigen Debütroman verwoben hat und sie zu dieser Geschichte bewegt haben. Irgendwie wird hier wohl auch ein Stück des Lebens von der Autorin selbst zu Papier gebracht und ein lebendiges Bild abgedrehter Momentaufnahmen, Facetten und Eindrücke entsteht. In wunderbar charmant geformten Dialogen erleben wir lebendigen Charme, viel Wortwitz, Ironie und Parodie. Und in nahezu jeder Wendung steckt eine kleine Botschaft, eine besondere Lebensweisheit, die der Leser für sich mitnehmen darf, wenn er sie denn daraus erkennt und aufgreifen kann. Dieser Schachzug der Autorin Pollatschek erzeugt absolute Intensität, Nähe und Verbundenheit und Liebe zu dieser abgefahrenen und abgedrehten Geschichte, in der es sogar ein bisschen um die Liebe und der Familie selbst geht… Manchmal exzentrisch anmutend, manchmal todernst, manchmal einfach nur zum todlachen, dann wieder tiefgründig ohne melancholisch oder traurig zu wirken. Das Leben dieser skurrilen (Familien-) Lebensgemeinschaft mit all seinen Entbehrungen und Traditionen wurden von der Autorin absolut modern und mit viel Mut und Wagnis zu einem Roman geworden. Sprachliche Experimente, andere Wege, neue Stilrichtungen und ein Erguss an Ideen und Handlungsfetzen. Ein noch nie dagewesener Leseausflug! All diese Facetten der Schriftstellerei sind mit stimmigen Klischees, Karikaturen, Wortwitz und wunderbarem Humor versetzt, samt Anekdoten und kleiner Sinnmalerei fürs Kopfkino und Wohlfühlerlebnisses des Lesers. Meinung / Eindrücke: Das Buch ist definitiv kein reißerischer oder fulminanter Roman im bestsellerischen Sinne, es ist ein Wagnis und ein Experiment. Für die Autorin und für den Leser. Wobei die Autorin scheinbar völlig hinter ihrem Erstlingswerk steht und wie ich erfahren habe, die gesamte Belegschaft des Galiani Berlin Verlages mit diesem Debüt überrascht und gewonnen hat. Eine kleine Perle der humorvollen Literatur. Ein Werk für Kurzweil und für Zwischendurch, ein Buch für das Wohlfühlgefühl und den Feierabend. Ein Kleinod, eine Oase im Bücherwald. Es ist einladend, wenn man es gefunden hat. Es ist aber auch sehr schwierig und geballt. Dieses Buch drängt sich auf und man muss es einfach für sich testen. Diese Testreihe war für mich ein gespaltenes, wenn auch hocherfreutes Leseerlebnis. Ich brauchte sehr lange, um in diesem Buch anzukommen, auch wenn ich niemals richtig da war und es gleich nochmals lesen könnte. Es gibt unheimlich viel zu entdecken, die Sätze sind enorm lang, sprudelnd, kompliziert und verschachtelt. Die Sätze stammen aus den Winkeln von Thenes brodelndem Gehirn, was gleichzeitig das Gehirn der Autorin darstellen könnte. Ich habe mich wie in einer Achterbahn gefühlt. Ich wusste nie so recht, wann der nächste Looping kommt, wann geht es bergauf, wann wieder bergab. Ich habe das Buch genossen, aber auch fast verteufelt. Es ist so witzig und humorvoll, aber auch so überladen und fordernd, dass ich oft durchatmen musste und mich gefragt habe, was der Roman jetzt eigentlich will und vor allem wohin er will? Ich denke, das Entscheidende ist hier einfach das „Wie“. Der Weg ist das Ziel und ein Ziel im üblichen Sinne wird es bei dem Buch nicht geben. Der Leser darf sich auf ein besonderes Ende freuen, mit dem wohl jeder Leser anders umgehen wird. Ich bin gespannt, was andere Leser mit ihren Leseeindrücken zu berichten haben… Das Buch hat viele positive Seiten, aber heimst von mir auch Kritik ein. Ich habe so eine Leseerfahrung einfach noch nie erlebt und fühle mich nach beenden einfach etwas leer und überfrachtet zugleich. Geht das denn? Leere und Fülle in einem Leseeindruck? Ja, auch diese Besonderheit ist ein Merkmal dieser grandiosen Autorin mit diesem innovativen und völlig anderen Buch. DAS ist kein Mainstream, das ist ein Experiment, was reinhaut. Man sollte sich als neugieriger Leser einfach anstecken lassen und diese Erfahrung für sich mitnehmen. Mach die Welt, wie sie dir gefällt…. Störend empfand ich das Chaos und die unordentlich wirkende Struktur. Alles erscheint wie ein großes Durcheinander. Ich mag keine Unordnung, auch in Büchern nicht. „Wer Ordnung hält, ist zu faul zum Suchen“. Hier dürfen dann fleißige Leser ran, die sich durchs Chaos wühlen und all die Facetten aufsammeln wollen. Ein Bällebad aus Sinn, Botschaft, Handlung und Tiefsinn. Ein Bällebad aus Sätzen und Metaphern. Ein brodelnder Vulkan aus Ideen und Inspirationen. So empfinde ich dieses Buch, nachdem ich es genossen habe. Ja, ich habe es genossen. Ich liebe Herausforderungen und dieser Stil, diese Umsetzung hat mich herausgefordert und wird es wieder tun, denn dieses Debüt lohnt es sich sogar nochmals zu lesen. Ich vermute sogar, dass es beim zweiten Lesen ein ganz anderes Buch sein wird. Aber was für eins? Jetzt ist es besonderes, ein schönes Buch, was mich sehr erheitert und unterhalten hat. Pessimistisch, misanthropisch optimistisch. Klar, so etwas geht auch… Ein Gegensatz an sich, der Zusammen aber so viel Wert schöpft und sich lohnt. Dieses Buch ist eine Eintrittskarte in Thenes verquirlte Welt. Dieses schmale Buch mit seinen knapp 222 Seiten bringt Humor, Ironie, große Emotionen, Ideenreichtum und Gesellschaftsformen zu Tage. Witzige Anekdoten, typische Floskeln und Dialoge bringen eine besonders gewürzte Atmosphäre an den Leser. Die Kapitel werden, ganz interessant, als Alphabet mit seinen 25 Buchstaben als Überschriftenzeile angegeben. Es beginnt mit einem dicken A, dann ist das A weg und das nächste Kapitel startet mit einem dicken B, dann ein C, bis alle Buchstaben verschwunden sind und das Z das Ende darstellt und man gleich wieder mit A beginnen könnte. Eine richtig tolle Idee. Wer sich das hat einfallen lassen, bekommt unbekannter Weise mein großes Lob. Mir gefallen vor allem, neben der Gesamtstory natürlich, auch die vielen aberwitzigen und sonderbaren Charaktere und Charaktermerkmale, die sich die Autorin hier ausgedacht hat. Fein verwoben findet man sogar, wenn man genau schaut, Botschaften und Denkanstöße des sozialen Zusammenlebens unterschiedlichster Kulturen, Gesinnungen und Charaktere. In einem grandiosen Plot mit gezielter Umsetzung hat Nele Pollatschek dieses Gesamtensemble in „Das Unglück anderer Leute“ vereint. Mehrere Inspirationen, die Pollatschek zu Papier bringt, und daher ehrliche und reale Bilder mit ihren Worten wiederspiegeln lässt. Meiner Meinung nach stellt dieser Roman ein sonderbares und visionäres und zugleich wachrüttelndes Portrait einer ewig suchenden Seele dar, unsere beeinflusste Tochter Thene, die unter Astrids Macht die wurde, die sie nun mal jetzt ist. Mit gekringelten Socken bei der Graduation, obwohl schwarze Sockenpflicht herrscht. Aber Mutter hat gekringelte bunte Socken im Angebot ergattert und scheißt auf die Kleiderordnung der Engländer… Zur Not kann man ja noch diskutieren… Haha… Klare Leseempfehlung für all diejenigen, die sich auf einen humorvollen, ironischen, abgedrehten, schrulligen und absolut unterhaltsamen Roman einlassen können und wollen. Für Leser, die gern was Neues wagen und experimentierfreudig sind. Ein wunderbares Lesehighlight von Witz, Humor, Stärke, Mut und Zusammenhalt. Es gibt nicht nur schwarz-weiß, Gut und Böse, Arm oder Reich, es gibt auch etwas dazwischen und das nennt sich Thenes Leben, oder das Unglück anderer Leute… Persönliche Kritikpunkte: Entweder man mag es, oder aber nicht. Die Autorin Nele Pollatschek hat hier einen Roman geschrieben, der so voll und geballt ist, dass es mich als Leserin oft wirklich überfordert und überreizt hat. Es wirkt durcheinander und unsortiert. Hilfe, wo ist der rote Faden? Der Rettungsring? Ein Anker? Man wird schier mitgerissen und kommt kaum hinterher. Was das Buch von seinen Leser will, habe ich persönlich für mich lange nicht erkannt. Aber dieses Buch will spielen, provozieren und dezent mahnen. Das gelingt dem Buch, man muss sich aber auch offen zeigen und sich einlassen können. Die Autorin Nele Pollatschek zeigt sich für ein Debüt sehr offensiv und mutig. Sie überzieht die Skizzierung ihrer zahlreichen und skurrilen Charaktere an einigen Stellen sehr. Gibt es hier überhaupt jemanden, der fast normal ist? Damit möchte sie die Einzigartigkeit und Besonderheit ihrer gewählten Figuren betonen. Hier wäre manchmal weniger doch vielleicht sogar mehr gewesen, um die Authentizität zu wahren und ein realistischeres Bild zu formen. Durch Wiederholungen der besonderen Charakterzüge drängt sie sich dem Leser an einigen Passagen etwas auf. Abgesehen von diesem Punkt muss ich wiederum die eigenwillige Portraitierung der Familie und Thenes und Astrids Umfeld sehr loben. So etwas Sonderbares und Abgedrehtes habe ich selten zusammen unter einem Dach oder in einem Familienkonstrukt erlebt. Dass das Buch irgendwie kein Ende hat und ich mich frage, was war das nun stört mich nur bedingt, denn dann lese ich es einfach nochmals und entdecke bestimmt beim zweiten Lesen ein ganz anderes Buch. Ein Kaleidoskop aus Worten und Ideen. Die Charaktere: In diesem facettenreichen Werk sind für jeden Leser sicherlich ein oder mehrere Charaktere und Figuren dabei, die einen besonders gefallen oder unterhalten, gar bewegen, und zu denen man besondere Nähe und Bezug aufbaut. Die man hasst, nicht versteht, die man lenken will, die man hinterfragt oder verteufelt. Hauptprotagonistin in dem Buch soll die 25 jährige Thene sein. Doch da die Mutter, Astrid, so ein einnehmendes Wesen ist, wird wohl sie hier die Attraktion sein. Bewundernswert finde ich sowieso, wie es der Autorin gelungen ist, ein so buntes und vielschichtiges Portfolio an Persönlichkeiten und Charakterstudien in nur einer Geschichte, unter einem Dach, zu bringen und lebendig werden zu lassen. Ganz besonderer Pluspunkt, großes Glanzstück in dem Buch. Lebhaft, authentisch, abgedreht und verschroben skizziert Nele Pollatschek nicht nur die Studentin Thene mit ihrer nahen Verwandtschaft ersten Grades, sondern auch all die Flicken dieser Patchworkfamilie. Denn Astrid nahm es nie so genau und ihr Vater Georg hat später sein Coming out und Christoff kommt hinzu. Dann ist da ja noch Oma Patzi, der Halbbruder Eli, sein Vater Ralf der plötzlich Mechanem heißt, Thenes Freund, die kleine Trixie und viele viele mehr… Es ist ein Vergnügen, all diese besonderen Figuren durch dieses Buch zu begleiten und mit ihnen zu leben, sie sogar versuchen zu lieben, so wie es sich Thene stets vornimmt und an der Liebe scheitert. Einige wird man sofort ins Herz schließen, einige nehmen im Verlauf der Ich-Erzählung aus Thenes Sicht eine ganz ungeahnte Seite ein, einige werden den Leser verblüffen und erstaunen. Hier wird nicht gegeizt und jeder der einzelnen Figuren wird mit eigenen Ecken und Kanten gezeichnet und dargestellt. Jeder der unglaublich eigenwilligen Charaktere darf in Nele Pollatscheks Buch so leben, wie er möchte, wenn er denn den Segen der einflussreichen Mutter Astrid hat. Wie sie sogar nach ihrem sonderbaren Tod noch wirkt, ist genial. Ich sage nur Thenes Socken bei der Graduation!... Künstlerisch, exzentrisch, träge, ambitioniert, verträumt, tatkräftig, gesellschaftlich, scheiternd, abwegig…. Sie alle haben ihre eigene ungewöhnliche Lebensgeschichte, die wir nach und nach erfahren und miterleben dürfen. Nele Pollatscheks Figuren passen irgendwie so gar nicht in die Norm unserer Gesellschaft. Doch in Thenes Familie scheinen sie ein Zuhause zu haben. Diese schräge Gesellschaft ergänzt sich wunderbar, klafft auseinander, eckt an und kuschelt sich doch wieder irgendwie zusammen… . Irgendwie möchte ich jeden einzelnen im realen Leben einmal selbst kennenlernen. Oder kenne ich solche Personen vielleicht sogar schon? Wieviel von denen wohnt in mir selbst? Eine interessante Frage…. Da sie alle ehrlich, frei und offen sind, denke ich jedoch, dass diese einzelnen Charaktere, sei es Thene selbst, Schwulenvater Georg, die jüdische Patzi, der Zauberer Eli, die kleine Trixie, der konvertierte Ralf, Christoff, Ziehenkel Thao… Oder die Randfiguren aus Studienpräsident, Polizei, Thenes Freund, die Schwiegereltern von Astrid… sie alle würden im realen Leben, in der heutigen Gesellschaft, außerhalb dieser Familie, mindestens für irre gehalten, belächelt, oder sogar als Gefährlich eingestuft werden… Fantastisch! Die ambitionierte Autorin Pollatschek beweist bei ihren einzelnen Psychogrammen für ihre Charaktere viel Fantasie, aber auch inspirierender Alltag unserer Straßen. Detailverliebt, klischeehaft und ein wenig überfrachtet, aber auch dadurch besonders einladend und abgefahren. Hier werden Sprüche gekloppt und so mache Parodie gespielt. Ich habe mir das ein oder andere Argument einfach mal herausgeschrieben und in meine persönliche Zitatensammlung ergänzt! Schauplätze: Zwischen Oxford und Odenwald und Thenes Parallelwelt, dem „Schwierigen Weg“, eine Lichtung im Wald. Man könnte meinen, dieses Buch ist das Drehbuch eines Spielfilms. Das Leben so unterschiedlicher Charaktere in diesem so besonderen gemeinsamen Familiengeflecht, was so weit reicht wie ein sporender Pilz, ist einfach einen Film wert. Die Bilder die sich hier beim Lesen formen, sind wahrer Inspirationen beim Lesen, wie muss es wohl der Autorin beim Schreiben des Buches ergangen sein bei all den Bildern und Szenen, die sich auftun? Hier darf der Leser die Früchte ernten, die die Autorin mit ihren Beobachtungen und vielleicht mit ihrem eigenen Leben und offenen Blicken durch die Gesellschaft, Cafes, öffentlichen Plätzen und ihrem persönlichen Umfeld und Vita säte. Viele kleine Anekdoten gestalten die Schauplätze lebendig, detailverliebt und wunderbar ausgeschmückt. Wie ein kleiner Urlaub in eine andere Welt. In Thenes beschissene und doch liebreizende kleine Welt mit diesem familiären Ausmaß… ! Lieblingszitate (nur eine winzige Auswahl der zahlreichen Metaphern!): • „Was das Verhältnis zu meiner Mutter anging, war ich Marxist. Das heißt, ich wusste, dass die materiellen Verhältnisse die ideellen Verhältnisse schaffen.“ (Seite 26) • „Wenn Georg nicht schlief, redete er. Oma war vielleicht die Rekordhalterin im Schnarchen, aber in einer Familie voller Redner war Georg das Radio.“ (Seite 56) • „Der Vorteil einer beschissenen Kindheit ist, dass man lernt, routiniert mit Katastrophen umzugehen. Während andere im Sturm anfangen, mit ihren Ängsten zu ringen und mit den Tränen zu kämpfen, bleibt man selbst ganz ruhig, befestigt die Takelage und verschiebt emotionale Ausbrüche auf die Zeit, wenn das Schiff im sicheren Hafen angekommen ist. Und so ratterte mein Gehirn alle Möglichkeiten und Handlungen durch, schnell und analytisch, eher Schachspiel als Todesfall.“ (Seite 66 / 67) • „Ich will nicht sagen, dass Mamas Tod sie nicht erschütterte. Und irgendwie standen wir natürlich unter Schock. Aber ein Todesfall in der Familie ist ja keine Persönlichkeitsgeneralüberholung. Sie waren beide traurig, aber immer noch die alten. Und das bedeutete vor allem eins: Sie waren immer noch geizig.“ (Seite 73) • „Als wir am Friedhof ankamen, begriff ich lange nicht, dass all die Menschen, die in fetten Trauben um den Haupteingang vor der Trauerhalle standen, für Mama da waren.“ (Seite 183) • „Eli, das würde nur stimmen, wenn es genauso wahrscheinlich ist, dass jemand stirbt, wie das einem ein Turmfalke in die Geranien kackt.“ (Seite 203) • „Ich kam nicht drum herum, in dem plötzlichen Massensterben in meinem Genpool ein Muster zu erkennen. Aber eben ein chaotisches.“ (Seite 215) Die Autorin: „Nele Pollatschek lebt im Odenwald und in Oxford. Sie wurde 1988 in Ost-Berlin geboren, hat einige Zeit später Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford studiert. Sie arbeitet als Dozentin und promoviert gerade über das Problem des Bösen in der Literatur.“ Das Cover: Je öfters ich es betrachte, je genauer ich es mir ansehe, umso mehr verliebe ich mich in dieses beinahe nichtssagende Cover. Dumm gelaufen, das Eis landet mit der leckeren Kugel nach unten. Murphys Gesetz lässt grüßen… Schwarz und weiß. Das Cover ist weiß mit schwarzer Schrift. Auch im Buche selbst findet man schwarze Seiten. Diese könnten den Tod der Mutter assoziieren, doch Astrid scheint nicht wirklich tot zu sein. Astrid ist allgegenwärtig und da leuchtet dann das verpatze Eis wieder auf. Und wenn man sich dann auch noch in das Buch verliebt hat, und die Geschichte gelesen hat, so wird man ganz viele kleine Details wiederfinden, die zum Cover passen und zum Unglück anderer Leute. Die Kapitelskalierung ist mein persönliches kleines Highlight bei der gestalterischen Ideenumsetzung im Buch. Mein Fazit: Ein sehr reizendes und überreizendes Buch. Ich habe es genossen, aber auch gehasst. Ja, das Buch macht etwas mit seinen Lesern, da es einfach mal ganz anders provozierend und zugleich liebreizend ist. Einfach mal was neues Wagen, ganz dem Motto: Buch an – Alltag raus! Eine schwer einschätzbare, kleine humorvolle Perle auf den Nebenstraßen der großen Buchautobahn! Eine 3,5 Sterne Leseempfehlung für alle, die sich auch nur leise angesprochen fühlen und es einfach mal wagen wollen! Gerne hier noch meine persönliche Lesechronik, um meine einzelnen Leseeindrücke verfolgen zu können: http://www.lovelybooks.de/bibliothek/Floh/lesestatus/1255781216/

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