Nach den ersten beiden Bänden hatte ich das Gefühl, Nghi Vos Erzählweise inzwischen gut zu kennen. Umso spannender war es zu erleben, wie sich Into the Riverlands vertrauter Elemente bedient und dennoch einen anderen Akzent setzt. Erneut begleitet man Chih auf einer Reise, die diesmal in die geheimnisvollen Flusslande führt. Das Sammeln von Geschichten steht nicht nur im Mittelpunkt, sondern wird selbst Teil der Handlung. Was zunächst als Suche nach überlieferten Geschichten beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer eigenen Geschichte, in der Chih nicht mehr nur beobachtet, sondern selbst Teil des Geschehens wird.
Die Flusslande besitzen eine ganz eigene Ausstrahlung. Zwischen alten Kampfkünstlern, Legenden und scheinbar beiläufigen Begegnungen entfaltet sich eine Welt, die weit größer wirkt, als ihr geringer Umfang vermuten lässt. Nghi Vo erklärt kaum etwas ausführlich. Stattdessen setzt sie auf Bruchstücke von Überlieferungen, kulturelle Eigenheiten und Andeutungen, die sich nach und nach zu einem stimmigen Ganzen verbinden. Dieses Vertrauen in die Aufmerksamkeit der Lesenden schätze ich an der Reihe besonders.
Auch thematisch führt die Autorin ihre Gedanken konsequent weiter. Wieder geht es um Erinnerung, um Wahrheit und um die Frage, wem Geschichten eigentlich gehören. Hinzu kommt der Gedanke, dass nicht jede Geschichte erzählt werden möchte und dass Schweigen manchmal ebenso bedeutsam sein kann wie das Bewahren von Erinnerungen. Die Themen liegen in den Begegnungen und Entscheidungen der Figuren, statt ausdrücklich hervorgehoben zu werden.
Sprachlich bleibt Nghi Vo ihrem unverwechselbaren Stil treu. Viele Szenen leben von feinen Bildern und einer Sprache, die Raum für eigene Gedanken lässt. Gleichzeitig gibt es mehr Bewegung als zuvor, wodurch sich die Novelle etwas anders anfühlt als ihre Vorgänger. Die Novelle setzt stärker auf viele Begegnungen als auf wenige intensiv ausgearbeitete Figuren. Ich habe die einzelnen Charaktere deshalb etwas weniger greifbar empfunden als in den Vorgängerbänden.
Auch der dritte Band zeigt, wie viel Nghi Vo auf wenigen Seiten erzählen kann. Die Chroniken von Chih gehören für mich zu den seltenen Fantasyreihen, die nicht über Größe oder Spektakel wirken, sondern über ihre Ideen, ihre kulturelle Prägung und die Fragen, die noch lange nach dem Lesen im Kopf bleiben.
















