Ámbar hat Sorgen – aber nicht die eines typischen Teenies. Die 15-Jährige lebt zwischen einsamen Landstraßen und heruntergekommenen Motels, an der Seite ihres Vaters Víctor Mondragón, einem gefährlichen Gangster. Statt am Wochenende zu Rockkonzerten zu gehen und Freund:innen zu treffen, verarztet sie Víctors Schussverletzungen oder denkt sich neue Tarnidentitäten aus.
Nicolás Ferraro hat mit seinem Roman ein durchaus spannendes Szenario geschaffen, das Thriller, Roadmovie und Coming-of-Age-Geschichte miteinander verbindet. Dabei zeigt er geschickt, wie normalisiert Gewalt für das Mädchen geworden ist, wie sie zwischen kindlicher Loyalität und dem instinktiven Wissen um die Falschheit ihres Lebens schwankt.
Allerdings offenbart sich hier auch eine der Schwächen des Romans: An einigen Stellen verhält sich Ámbar wie eine normale 15jährige, an anderen erscheint sie abgebrüht und bereits in der Erwachsenenwelt angekommen. Diese Inkonsistenz in der Charakterzeichnung macht es schwer, wirklich mit der Protagonistin mitzufühlen. Liegt vielleicht auch daran, dass ein männlicher Autor die Perspektive eines jugendlichen Mädchens annimmt.
Trotzdem ist „Ámbar“ ein interessanter Genre-Mix, eine spannende Geschichte mit Szenen voller Nervenkitzel und einem fantastischen Ende. Außerdem hat Ámbar die beste Musik im Walkman und fantastische T-Shirts. Kleines Bonus-Sternchen dafür. Für Jugendliche sicher ein empfehlenswertes Buch, erwachsene Leser:innen müssen hier Abstriche machen – oder nicht mehr als einen Jugendbuch-Thriller erwarten, um nicht enttäuscht zu werden.




