Rezension
„Freetown in sieben Stunden“
von Nicola Juretko
Das Buch fiel mir bereits vor ein paar Jahren auf; die hervorragenden Rezensionen sprachen für sich. Leider war es seinerzeit nur als Hörbuch erhältlich und ich bin auditiv allenfalls mäßig begabt. Vor ein paar Wochen aber sah ich es als Print und – juchhu – auch als E-Book, obendrein zu einem ausgesprochen fairen Preis.
Natürlich habe ich es mir gekauft. :-)
Zum Inhalt:
Drei Menschen, drei Schicksale und ... Sierra Leone.
Zentrale Figur ist der Pilot James Marburgh, der die Dämonen seiner Vergangenheit mit Hochprozentigem in Schach zu halten versucht und dabei Stück für Stück immer weiter abrutscht.
Die Erzählung startet mit dem Kennenlernen Piloten und dem kanadischen Mikrobiologen Nanook Lavoie, ein sensibler Mann mit Inuit-Wurzeln, der James nach der Frachtbesprechung freundlich, aber bestimmt auf dessen Zustand anspricht.
Der Flug geht 2 ½ Tage später nach Sierra Leone, wo seit Monaten eine tödliche Seuche grassiert. In einem Researchzentrum arbeitet die talentierte, einheimische Internistin Yabu Kuyateh.
Während die Epidemie immer weiter aus dem Ruder läuft, kaum beachtet von der restlichen Welt, beginnen sich die Fäden der Schicksale der drei zentralen Figuren zunehmend zu verweben ...
Fazit:
Tatsächlich hatte ich bei dem Buchtitel zunächst geglaubt, es handle sich um die Geschichte eines einzigen Flugs, der eigentlich nur sieben Stunden dauern soll, aber vollkommen aus dem Ruder läuft, warum auch immer. Schnell erkannte ich, dass ich mich im Irrtum befand. Ja, Sierra Leone ist sieben Stunden Flugzeit von London entfernt, aber wenn es um die Gewichtung geht, könnte das Land ebenso gut auf dem Mars sein. Für mich stellte sich beim Lesen die zentrale Frage: Was ist ein Menschenleben wert? Bzw. im Geiste George Orwells: Sind alle Menschen gleich, oder sind manche gleicher als die anderen?
Nicola Juretko hält uns Leuten in der „westlichen Welt“ den Spiegel vor und was sich darin sehe, gefällt mir nicht. Ja, die Handlung ist Fiktion, allerdings werte ich sie als extrem realistisch.
Das Buch hat eine irrsinnige Tiefe. Die Sprache ist dicht, die Atmosphäre schwer. Die Geschichte ist nicht zupackend im Sinne reißerischer Actionromane, sondern entwickelt einen ganz eigenen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Der Schreibstil der Autorin ist bildhaft und mein innerer Film bezog auch Temperatur, Feuchtigkeit und Gerüche ein, Aspekte, die ich bei einer Filmvorführung im Kino nicht erfahre.
Einen Teil las ich Ende Juni 2026, als der fiese Hitzedom über Deutschland lag. So erlebte ich das äquatornahe Land bei der Lektüre in der Tat hautnah. Ein bisschen nebenbei erfuhr ich von der Historie Sierra Leones, damit beweist sich wieder einmal, dass Lesen definitiv bildet. :-)
„Freetown in sieben Stunden“ bietet neben der eindrucksvollen Kulisse absolut überzeugende Figuren (z.B. Dr. Perry, den ich im Laufe der Seiten zunehmend zu schätzen begann). Darüber hinaus zolle ich der Autorin für die Detailtreue, wenn es z.B. um das Pilotenhandwerk oder um die Immunologie geht, meinen ehrlichen Respekt. Es ist eines der beeindruckendsten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.







