Es ist dies ein Buch, das Sprache verwendet, wie ein Lebewesen atmet:mit überlebenswichtiger Natürlichkeit; manchmal geht die Atmung schneller, manchmal langsamer, manchmal wird tief Luft geholt; manchmal bleibt die Luft weg – und plötzlich wird aus dem Gewöhnlichen eine Gier, ein größerer Wille.
„Ich schreibe unsere Geschichte auf, um zu vergessen, dass es uns nicht mehr gibt.“
So beginnt der Roman: mit einer Ansage, mit einer Absage. Und obgleich nun eine Geschichte erzählt wird, der man atemlos folgt, bangend, wird es einen nie wieder loslassen, dieses Versprechen. Obgleich die Sprache Blüten schlägt und mit Splittern und Scherben der Wahrnehmung noch Formulierungen zu schneiden versteht, die eine eigenwillige Schönheit für sich beanspruchen können, eine eigene Poetik entfalten – das Gefüge, in dem diese Sprache steht, durch das sich die Erzählung bewegt, ist brüchig, von Beginn an.
Die Geschichte könnte man schnell nacherzählen, wovon ich aber hier Abstand nehme. In ihrer überschaubaren Dimension erinnert sie einen an die stillen, kleinen Bögen in den Romanen von Patrick Modiano, wie z.B. „Eine Jugend“.
Aber ganz anders als dort, ist es bei Nicolas Clément nicht die zeitliche Dimension, die Brüchigkeit der Erinnerungen, die thematisiert wird und an deren Fragilität sich die Sprache orientiert, sondern eine traumatische Erfahrung, die extreme Zerrüttung einer nicht ins Lot zu bringenden Wirklichkeit, die auch durch eine ausbrechende Sprache nicht bezwungen oder überwunden werden kann, wie es die Protagonistin dennoch versucht.
Die Protagonistin: eine Schwester. Da sind sie und ihr Bruder, Mutter und Vater. Eine Familie. Die aber keine mehr sein kann. Der Vater schlägt immer wieder die Mutter. Gründe gibt es keine, auch keine Vorgeschichte, die wir kennen, Psychologie sucht man vergebens. Im Zentrum, am Ausgangspunkt des Flusses an Sprache, der über die 86 Seiten des Romans mäandert und fließt, unaufhaltsam, steht diese schlichte Tatsache, die völlig zerkratzte Welt.
„Ich traue mich nicht, gegen das gewaltsame Eindringen in das, was ich liebe, Anklage zu erheben.“
So bleibt die Anklage aus. Als einzige Möglichkeit erscheint der Ausbruch. Der Weg hin zu einer selbstbestimmten Wirklichkeit, durch Literatur vielleicht; durch einen Menschen, bei dem man Liebe erfahren kann, möglicherweise. Ohne Pausen trägt uns das Buch durch die Wandgemälde der Geschehnisse – in jedem bricht sich die Sprache malerisch Bahn, jeder Abschnitt hat seine eigene, mikrokosmische Dramatik und Struktur. Nicolas Clément komponiert aus den oft haltlosen Versuchen seiner Protagonistin, mit Formulierungen eine bessere Welt näher an sich heranzurücken – das Furchtbare zu fassen, zu fesseln, zu entkommen oder anzukommen in einem wieder geheilten Dasein – eine knappe, von Anfang bis Ende verwundete Geschichte. Sie breitet sich vor einem aus und fällt wieder zusammen. Dazwischen verhandelt sie Existenzielles auf eine beeindruckende, mutige, anwandlungsreiche Art und Weise.
„ich setze mich auf eine Bank, spüre, wie die Welt ihre Krücken abwirft und zu mir spricht“
Nicolas Clément
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Nichts als Blüten und Wörter
Neue Rezensionen zu Nicolas Clément
Eine junge Frau erzählt in Rückblenden von ihrer Familie, die auf einem Bauernhof lebt, von ihrem gewalttätigen Vater, der Liebe der Mutter und der innigen Beziehung zu ihrem Bruder.
Was diese Erzählung ausmacht ist aber nicht die Handlung, sondern die Sprache, die hier deutlich im Vordergrund steht. Wenn man zu den Lesern gehört, die gerne besonders gelungene Formulierungen unterstreichen, müsste man hier an jeden einzelnen Satz Hand anlegen. Für mich ist dieses Buch eher wie ein langes Gedicht, da jeder Satz wunderbar formuliert, jedes Wort perfekt gewählt ist. (Hier ist auch die gelungene Arbeit der Übersetzerin Bernadette Ott hervorzuheben!)
Völlig zurecht hat der Autor in Frankreich die wichtigsten Literaturpreise abgeräumt und er hat es verdient, auch hierzulande von mehr Leser*innen entdeckt zu werden.
Es ist schwierig, über dieses Buch zu schreiben, da man in einer Rezension kaum vermitteln kann, wie wunderschön und gleichzeitig tieftraurig es ist. Ich kann nur sagen: lest es! - das dauert nicht lange aber lohnt sich.
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