Nicole Wagners Roman „Tom Winter und der weiße Hirsch“ wurde im Dezember 2016 als E-book herausgegeben. Diese Rezension bezieht sich auf eine Printausgabe, die insgesamt 517 Seiten umfasst.
Äußeres Erscheinungsbild
Bedenkt man die Menge an Büchern, die heutzutage mit ansehnlichen Covern ausgestattet werden, ist es schwer, noch von einem einzelnen überwältigt zu sein. Doch genau das war ich, als ich das Cover sah. Es zeigt eine Art Allee, durch die eine schmutzige und nasse Straße führt, die von vertrocknetem Gras und Geröll gesäumt zu sein scheint. Das Geäst der Bäume ist teilweise durchschaubar. Der Himmel ist grau und somit sehr düster. In der Mitte zeigt sich die weiße Silhouette eines Hirschkopfes, die dem Cover einen leuchtenden, mystischen Glanz verschafft. In dieser Silhouette befinden sich die Umrisse von drei Personen, die unterschiedlich groß sind. Autorenname und Titel des Buches stehen unter und neben den Silhouetten. Die Farben sind blass, aber dennoch leuchtend, es handelt sich um blaue, grüne und graue Töne, die an einen Regentag erinnern. Auch die Rückseite zeigt das zuvor beschriebene Bild, statt den Silhouetten und Namen befindet sich hier ein Klappentext. Der Buchrücken zeigt erneut den Autorennamen und den Buchtitel. Das Bild des Himmels und Geästs zieht sich auch hier weiter herum.
Klappentext
Tom fehlten die Worte für das, was ihm in diesem Moment widerfuhr. Er fühlte sich nicht länger wie ein einziges, selbstständiges Wesen, sondern als hätte man ihn in der Mitte zerteilt. Dieses zweite Geschöpft, das vor ihm in einem hellen gelben Licht erstrahlte, war genauso wichtig wie er selbst, ihre Leben miteinander verbunden.“ Hals über Kopf stürzt Tom sich ins Augenteuer, die Anderswelt vor Vampir Graf Skelardo zu retten. Dabei ist es nicht unbedingt von Vorteil, dass er bis eben noch geglaubt hatte, völlig normal zu sein. Zum Glück sind seine Freunde Charlie, Peer und Astos bei ihm, wenn es brenzlig wird.
Schreibstil
Der Schreibstil ist locker und gut verständlich. Es gibt viele amüsante und auch spannende Stellen, sowie Hinweise auf andere, literarische Werke. Das Buch liest sich flüssig und ist perfekt geeignet, um die Welt um sich herum zu vergessen. Negativ zu nennen sind einige Rechtschreibfehler, die allerdings im Verhältnis zum Seitenumfang kaum nennenswert sind.
Charaktere
Die Charaktere sind verschieden und vielfältig. Unzählige, magische Wesen haben kürzere oder auch längere Auftritte, von Elfen, Kobolde, Werwölfe und Meerwesen über Vampire, Zauberer, Drachen und andere, sagenhafte und nicht so unnatürliche Wesen ist alles dabei. Die Magie wird schon durch diese Auftritte lebendig, doch auch die unterstützenden, menschlichen Charaktere haben viel Persönlichkeit und lassen den Leser oft rätseln, auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Der Spannungsaufbau ist schon auf der Charakterebene spürbar.
Der Protagonist des Romans, Tom Winter, ist ein ganz eigentümlicher Junge voll Neugierde, Willensstärke und schließlich auch magischer Kraft. Ihn muss man im Zusammenhang mit Astos nennen, einem weißen Hirsch, der schon über 300 Jahre alt ist und sich Respekt und einen Namen gemacht hat. Er entscheidet sich schließlich, sich Tom anzuschließen und von diesem Moment an verbindet die beiden ein untrennbares und sehr tiefes Band, das ihnen sogar erlaubt, ihre Gedanken miteinander zu teilen. Auch Toms Status steigt damit, denn er ist ein Reiter, der in der magischen Welt einen hohen Stand hat. Toms alleinerziehender Vater ist Reginald, eine Art Erfinder, den viele für nicht ganz normal zu halten scheinen.
Tom ist mit Charlotte und Peer befreundet, die ihn auf seinem Weg mehr oder weniger lange und gut begleiten und ebenfalls magische Kräfte bekommen. Peer ist ein sehr loyaler Charakter, Charlotte hat hingegen schon länger Erfahrung mit Magie und recht egozentrisch. Selbiges gilt auch für ihren Vater Kunibert, Peers Eltern sind normale Bankangestellte.
Die Magie wird ihnen durch Griselbart näher gebracht, einem Nachbarn der Kinder, den Peer und Tom erst für verschroben, gemein und gefährlich halten. Durch einige Fügungen des Schicksals finden sie aber heraus, dass sie mit ihrer Meinung nicht ganz richtig lagen. Der Leser wird hier erst auf eine falsche Fährte geführt und erlebt angenehme und nicht so angenehme Überraschungen im Punkt Charakterentwicklung.
Die dunkle Seite stellt Graf Skelardo (allein der Name ist schon brillant), ein Vampir, der sich natürlich von Blut ernährt und ein ganzes Gebiet dazu zwingt, ihm immer wieder ein „Zufallsopfer“, das grundsätzlich das schönste Mädchen der Umgebung ist, zukommen zu lassen. Er hat viele Schergen, der Wichtigste ist Raephas, ein Junge in Toms Alter, den er zum Vampir gewandelt hat und als so etwas wie seinen Sohn ansieht. Raephas hat eine sehr besondere Ausstrahlung, die erahnen lässt, dass er nicht abgrundtief böse ist, oder komplett unter der Fuchtel Skelardos steht.
Bewertung
Tom und seine Freunde erleben phantastische Abenteuer, von denen eines spannender als das nächste ist. Ihre Mission ist es, drei Zutaten zu finden, aus denen sie einen Trank bauen können, mit dem der König von Bruckwalde geheilt werden kann, der die Umgebung regiert und den Frieden sichert. Doch Skelardo hat es sich in den Kopf gesetzt, den Thron für sich zu beanspruchen. Tom Winter ist also eine Gefahr, die er aus dem Weg räumen muss.
Wenn es ein aktuelles Buch verdient hätte, als Printexemplar zu erscheinen, dann ist es definitiv „Tom Winter und der weiße Hirsch“! Ich bin begeistert von diesem Buch, das eine ganz neue Welt und Sichtweise auf die Magie ermöglicht. Die Themen Freundschaft, fantastische Welten und Intrigen wurden hier perfekt umgesetzt. Tatsächlich hätte ich mir gewünscht, dass das Buch noch viel, viel länger gewesen wäre. Die Idee der Gluthiens, die die magische Kraft vermitteln und unterschiedliche Farben haben, ist mir soweit neu gewesen und ich finde sie ganz spannend. Tom Winter und Astos sind in meinen Augen ein Paar mit sehr viel Potential, das vor allem im letzten Drittel des Buches fast perfekt ausgeschöpft wurde. Charlie war mein absoluter „Hasscharakter“, dementsprechend glücklich war ich, als sie vorerst ausgeschieden und dann auch nicht weiter aufgetaucht ist. Ich finde sogar, dass sie ganz gut auf die dunkle Seite und somit zu Skelardo passt. Ich hätte gerne gesehen, wie sie gegen Raephas eingetauscht worden wäre, der doch ein sehr interessanter Charakter war.
Vergleich mit Harry Potter
Während der Lektüre ist es kaum zu übersehen, dass es einige Parallelen oder Anspielungen auf die Reihe von J.K. Rowling gibt. Angefangen damit, dass es ein menschliches Trio gibt, bestehend aus einem Jungen mit schwarzen Haaren, einem Jungen mit braunen (bzw. roten) Haaren und einem besserwisserischen Mädchen. Der Name Tom sollte auch jedem Harry Potter Fan bekannt vorkommen. Es wird gleich zu Anfang von Griselbart, der auch Toms Zauberstab fertigt, gesagt, dass „man Großes von ihm erwarten“ kann, der Bezug zu Ollivander ist auch hier eindeutig. Ebenso wird angedeutet, dass Toms magische Kraft etwas Gefährliches in sich trägt. Er begegnet zu Beginn einem Werwolf und einem Hund und der Hirsch ist sein Begleiter. Der Hirsch ist zudem noch weiß, erinnerte mich also an Harrys Patronus. Später wird Tom von Ratten angefallen, hier musste ich bezüglich der Anspielung doch sehr schmunzeln. Die Meerwesen sind in beiden Büchern bzw. Reihen stolz und sehr gefährlich. Zauberstabherstellung und die Verwendung von magischen Sprüchen und Flüchen spricht für sich, es gibt sogar auch in „Tom Winter“ einen Todesfluch. Bezüglich der magischen Wesen bekommt auch der Phönix eine nennenswerte Rolle, ebenso wie ein magischer Stein. Tom Winters Mutter wird von Graf Skelardo, dem Bösewicht, getötet und auch Harrys Mutter fiel Voldemort, dem Antagonist in Harry Potter, zum Opfer. Charlie bzw. Hermine verändern an einem Punkt der Geschichte magisch das Gesicht des Protagonisten, damit dieser nicht erkannt wird und es wird ein Verwirrspiel ausgelöst, indem andere Personen das Äußere des Protagonisten kopieren. Zuletzt mein (diesbezügliches) Lieblingszitat aus „Tom Winter und der weiße Hirsch“:
Charlie faselte etwas von kulturellen Anekdoten und Geschichten über Fabelwesen und wo sie zu finden seien.
Trotz all dieser Überschneidungen ist „Tom Winter und der weiße Hirsch“ ein eigenständiger Roman, der keineswegs als Kopie herüberkommt. Er ist ein eigenständiges Werk mit ganz neuen Ideen und einem einzigartigen Storyverlauf.
Kritik
Ein paar kleine Rechtschreibfehler sind drin.
Fazit
Bücher über magische Welten und Wesen gibt es nun zu genüge, aber mit „Tom Winter und der weiße Hirsch“ wurden neue Aspekte und eine gehörige Portion Spannung in dieses Genre eingereiht, die in keinem Bücherregal fehlen darf!