Cover des Buches Glycinien Mord (ISBN: 9783944251196)Cappuccino-Mamas avatar
Rezension zu Glycinien Mord von Nicole Joens

Die Schatten der Vergangenheit

von Cappuccino-Mama vor 7 Jahren

Review

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Cappuccino-Mamavor 7 Jahren

Wer liebt ihn nicht – üppig blühenden Blauregen mit seinem betörenden Duft, der Insekten anlockt. Doch eine Glycinie kann auch ganz schnell zur tödlichen Gefahr werden...


Das Cover / Die Gestaltung:

Die Blütenstände des Blauregens, traubenähnlich herabhängend, bilden den Vordergrund des Buchcovers. Im leicht verschwommenen Hintergrund befindet sich eine gepflasterte Fläche, der ockerfarbene Steinboden wirkt warm, nicht zuletzt Dank der Sonnenstrahlen, die auf ihn fallen. Eine grün gestrichenen Bank, umgeben von Blumenbeeten, lädt zum Verweilen ein. Der Name der Autorin Nicole Joens ist in einem zarten Violett gehalten – farblich passend zum Blauregen.

Das Buch ist eine hochwertige Klappenbroschur, was ich einem herkömmlichen Taschenbuch vorziehe, da es für mich hochwertiger und stabiler wirkt. Die Innenklappen sind in einem violetten Farbton gehalten, so wie auch die Buchrückseite, was einen harmonischen Gesamteindruck hinterlässt. Auf der vorderen Innenklappe befindet sich die Buchbeschreibung, auf der hinteren ein Autorenporträt, samt Farbfoto. Hinter den Innenklappen befinden sich Fotos von üppig blühendem Blauregen, dazu Zitate von William Faulkner, sowie von Sappho, einer griechischen Dichterin. Alles in allem kann ich sagen, dass das Buch mit viel Liebe zum Detail gestaltet wurde.


Die Handlung:

Gisela Martin hinterlässt kurz vor ihrem Tod in einem niederbayrischen Hospiz eine geheimnisvolle Botschaft. GLYCINIE – dieses Wort hat sie mit ihrem eigenen Blut auf ihre Bettdecke geschrieben. Dr. Jens Hauser, der als erfolgreicher Dozent in New York tätig ist, erhält von der bayrischen Regierung einen Auftrag, der ihn nach zwanzig Jahren zurück in seine deutsche Heimat führt. Seine Assistentin Olivia, die unsterblich in ihn verliebt ist, begleitet ihn in seine alte Heimat. Dort angekommen erfährt Jens von Giselas plötzlichem Tod.

Die Schatten der Vergangenheit lassen Jens nicht los, er erinnert sich an seine Kindheit zurück, und ein Erlebnis, das einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterließ: Im Mai 1969 entdeckte der kleine Jens eine in der Donau treibende Leiche eines Mannes. Gisela, noch ein kleines Kind, kannte den Toten. Doch wo ist Giselas Mutter geblieben? Und wer hat den Mann ermordet?

Doch da sind noch weitere ungeklärte Mordfälle aus der Nachkriegszeit, die Jens nun mit Hilfe der modernen Forensik untersuchen soll. Schnell stellt sich heraus, dass einige der Fälle absichtlich vertuscht wurden. Die Spuren führen bis in die Regierungskreise. Was und wer steckt hinter dem Geflecht aus Korruption und Vertuschung?...


Meine Meinung:

Dr. Jens Hauser wuchs in einem Frauenhaushalt auf – zusammen mit seiner Mutter und der Zwillingsschwester von Anna Hauser, seiner Tante Hildegard. Doch auch als Erwachsener spielen Frauen eine wichtige Rolle für ihn. Da ist seine amerikanische Assistentin, die unsterblich in ihn verliebt ist, die ihn zwar reizt, zu der er aber, aufgrund ihres Alters, eher auf Distanz geht.

Kaum in Deutschland angekommen trifft er auf die Berliner Polizeipsychologin Dr. Lilian Kämmerer, die ihn magisch anzieht. Aber auch mit der Vergangenheit seiner alten Jugendfreundin Gisela Martin, die ein ausschweifendes Leben führte, wird er konfrontiert. Der Kontakt zu Gisela brach nie ab – immer wieder schickte sie ihm in der letzten Zeit vermehrt Mails, vor allem mit diversen Anschuldigung gegen ihren eigenen Vater.

Ich fand Jens anfangs noch sympathisch, er hatte schon viel Pech in seinem Leben – sowohl beruflich, als auch privat. Er verlor früh seinen Vater, seit dem Leichenfund in der Donau war sein geliebter Hund spurlos verschwunden. Später dann, nach einem schweren Fehler, wurde er nach New York in die „Verbannung“ geschickt, wo er dann allerdings eine steile Karriere hinlegte.

In Sachen Liebe entschied er sich, statt für seine große Liebe Gisela, für die falsche Frau. Nun ist er ungebunden, kann sich allerdings nicht für eine bestimmte Frau entscheiden – es scheint, als sei er außerstande, eine feste Bindung einzugehen – letztendlich büßte Jens durch sein Beziehungschaos einiges an Sympathie bei mir ein. Aber wie üblich ist eben auch er ein Ermittler mit Ecken und Kanten und kein aalglatter, langweiliger Typ.

Rolf Martin, Giselas Vater, der einst dem schlesischen Flüchtlingstrupp angehörte, hat es durch viel Geschick vom einfachen Schrotthändler zu einem wohlhabenden Geschäftsmann auf dem Gebiet der Müllentsorgung gebracht, baute sich sogar ein richtiges Imperium auf. Mir war dieser Mann mehr als suspekt, ich vermutete, dass er, um seine Ziele zu erreichen, auch über Leichen gehen würde – vielleicht sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich mochte Giselas Vater gar nicht, fand ihn berechnend, überheblich und unnahbar – ein Mann, der wohl dachte, man könne alle Menschen kaufen. Eines verbindet Rolf Martin dennoch mit der Familie Hauser, denn alle waren sie Heimatvertriebene und kamen im tiefsten Winter des Jahres 1945 aus Breslau nach Niederbayern. Aber schon zu der Zeit, als die Leiche im Fluss gefunden wurde, wirkte Rolf Martin sehr unsympathisch auf mich – ein Mann, der schon damals bestimmend und dominant wirkte und der keinen Widerspruch duldete.

Dass Rolf Martin – RM – sein Vermögen nicht auf ganz legalen Wegen erwirtschaftet hat, das dürfte klar sein. Auch mit Müll lässt sich Geld scheffeln – und wie groß ist da die Versuchung, dies nicht fachgerecht zu erledigen!? Jens erhält Nachrichten über illegale Machenschaften von Giselas Vater, unter anderem ist von nicht sachgerechten Giftmüllentsorgungen die Rede, ebenso aber von anderen Delikten. Ich fand das interessant, denn kann man gegen den Vater seiner Freundin aus der Kinder- und Jugendzeit ermitteln – wie objektiv kann man da urteilen, wie professionell ermitteln?

RM ist ein einflussreicher Mann, zudem mit einem großen Wirkungskreis. Und man sagt ja, jeder wäre käuflich, es wäre lediglich eine Sache des Preises. Alte Fälle, neu aufgerollt – die moderne Forensik hilft dabei – werden einige der bislang ungeklärte Todesfälle nun endlich aufgeklärt werden? Und in wie weit ist Rolf Martin involviert? Erschreckend fand ich, dass RM so kalt und berechnend ist – von der Milde des Alters keine Spur, ebensowenig zeigt er Reue für sein Verhalten in der Vergangenheit.

Gisela Martin war für mich eine sehr geheimnisvolle Frau. Sie wuchs nach dem rätselhaften Verschwinden der Mutter bei ihrem Vater auf, war mit Jens Hauser schon seit früher Kindheit befreundet. Das Verhältnis zum Vater war eher schlecht als recht. Sie führte ein turbulentes, temporeiches Leben – wohl auch deshalb, weil sie einiges aus der Vergangenheit zu verarbeiten hatte. Eines steht fest: Gisela führte zwar ein umtriebiges Leben, war geradezu „mannstoll“ was ihren Umgang mit der Männerwelt betrifft, war aber zugleich auch sehr intelligent – eine Planerin bis ins letzte Detail. Doch es bleibt die Frage nach den Todesumständen von Gisela – wurde sie ermordet – vielleicht um sie zum Schweigen zu bringen, oder starb sie eines natürlichen Todes als Folge ihrer schweren Krankheit? Oder setzte sie ihrem Leben gar selbst ein Ende?

Rosalie und Annabel sind die einzigen Verwandten, die Rolf Martin nach Giselas Tod noch hat. Rosalie, die in der Firma ihres Großvaters arbeitet, deren Mann Brian aber bei einem Unglücksfall ums Leben kam, wird ein schweres Erbe antreten. Nun muss Rosalie ihre kleine Tochter alleine großziehen. Doch eines ist klar: Rolf Martin wird seinen Einfluss auf die Enkelin und ihre Tochter haben. Und wer denkt, zu Enkeln und Urenkeln wären Großeltern nachsichtiger, der wird hier eines besseren belehrt. Rolf duldet keinerlei Widerspruch, sondern verlangt absoluten Gehorsam.

Anna Hauser, die Mutter von Jens, ist zwar betagt, aber nichtsdestotrotz neugierig – scheinbar fließt durch ihre Adern Ermittlerblut. Und durch den Tod von Gisela ist ihr Ermittlergeist geweckt. Ich fand Anna sehr sympathisch. Und obwohl sie es im Leben alles andere als leicht hatte, erst die Flucht und die Erlebnisse, die damit verbunden waren , dann starb ihr Mann früh, so verlor sie dennoch nicht ihren Lebensmut. Anna brachte mich mit ihrer Art immer wieder mal zum Schmunzeln.

Die Schatten der Vergangenheit – dagegen kämpft nicht nur Jens. Auch die anderen Heimatvertriebenen werden von diesen Schatten immer wieder heimgesucht, haben teilweise ein regelrechtes Trauma erlitten, das ihr weiteres Leben geprägt hat. Doch jeder von ihnen geht anders damit um, um das Erlebte zu verarbeiten.

Lilian und Olivia – zwei unterschiedliche Frauen, die sich zum Ziel gesetzt haben, Jens zu erobern. Während Olivia, die junge Amerikanerin eher zaghafte Annäherungsversuche startet, geht die ältere Dr.Lilian Kämmerer weniger zimperlich auf Männerjagd. Dennoch bekriegen sich die Frauen nicht, sondern finden einen Weg, sich miteinander zu arrangieren – ansonsten könnte aus den beiden Frauen und Jens Hauser kaum ein dauerhaftes Team werden – sie werden auch im nächsten Fall wieder gemeinsam ermitteln. Mir war Olivia weitaus sympathischer als die berechnende Lilian, mit ihren Hintergedanken. Doch gerade die Gegensätze lassen die beiden Charaktere besonders reizvoll erscheinen.

Auch wenn der Krimi nicht sehr temporeich, sondern eher gemächlich war, dafür aber tiefgründig, so nahm die Handlung im letzten Teil des Buches richtig an Tempo auf. Der Schluss brachte einiges an den Tag, die Szenen waren spannend, man fieberte mit.

Die Glycinie spielte eine wichtige Rolle in diesem Roman – auf der einen Seite als üppig blühende Pflanze im Garten der Familie Martin, auf der anderen Seite in Form eines Giftes, das die schlesischen Flüchtlinge für den Notfall in einem Giftfläschchen mit sich führten.

Familienroman, Schicksalsroman oder Krimi? Ich persönlich mag es, wenn man in einem Krimi auch noch etwas über den Ermittler selbst erfährt. In diesem Fall ist er in den Fall selbst involviert. Krimileser, bei denen Action im Vordergrund steht, werden von diesem Krimi vielleicht enttäuscht sein, Leser, die stattdessen Wert auf Tiefgang legen, werden hingegen sicherlich die familiären Hintergründe, welche eine Rolle spielen, zu schätzen wissen.

Den große Anteil des Buches, der das Privatleben des Ermittlers durchleuchtet, finde ich von daher gerechtfertigt, dass dieses Buch der Auftakt einer mehrteiligen Krimiserie mit dem Titel FRAUEN MORDEN BESSER ist. So erhält der Leser hier im ersten Band bereits einen recht umfangreichen Einblick in das Familien- und auch Gefühlsleben der Hauptpersonen. Ein Mann zwischen mehreren Frauen ist immer ein beliebtes Thema. Die Autorin machte dies zu einem Hauptthema, mitunter recht ausführlich, aber durchaus (noch) akzeptabel. Dadurch, dass so sehr auf die Beziehungen untereinander eingegangen wird, kann man in den Folgebänden die Entwicklung der Beziehungen untereinander mitverfolgen.

Interessant fand ich, dass hier das Leben der Flüchtlinge geschildert wurde, die nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Stadt Kelheim, an der Donau gelegen, war einer der Zufluchtsorte für die Heimatvertriebenen. Sehr glaubhaft wird dargelegt, dass diejenigen, die schweren Herzens ihre Heimat verlassen mussten, es schwer hatten, an ihrem Zielort Akzeptanz zu erlangen – sie blieben für die Einheimischen meist „die Flüchtlinge“.

Lokalkolorit ist in diesem Buch reichlich vorhanden. Das niederbayrische Städtchen, an der Donau gelegene Kelheim, ist ein gut gewählter Handlungsort. Katholisch geprägt, nach dem Krieg Zufluchtsort vieler Menschen. Die Donau – mal ruhig dahinfließend, dann wieder zum gefährlichen Gewässer anschwellend. Die prächtige Befreiungshalle mit all ihren Statuen, auf einer Anhöhe, dem Michelsberg errichtet, findet ebenfalls recht ausführlich Erwähnung, und wird sogar zum Schauplatz einer Szene.

Den Schreibstil fand ich angenehm zu lesen. Durch die Unterteilung in zwanzig Kapitel las sich das Buch auch recht flott. Statt die Kapitel lediglich mit Zahlen zu versehen, bekam jedes Kapitel eine gut gewählte, aussagekräftige Überschrift zugeteilt, was mir sehr gut gefiel. Ein Buch, das mit einer Rückblende beginnt – ein beliebtes Mittel der Autoren, den Leser bereits von der ersten Seite an zu fesseln – auch Nicole Joens gelang dies hervorragend, denn die Neugier wurde geweckt und ich fragte mich, was wohl damals wirklich geschah. Was anfangs im Dunkeln lag – zum Schluss blieben bei mir keine (oder zumindest kaum) Fragen mehr offen – so wie es bei einem Krimi der Fall sein sollte.

Bereits im November soll der zweite Band dieser Krimiserie mit dem Titel HOPFENKÖNIGIN erscheinen, und ich bin gespannt, ob hier der Krimi-Anteil etwas größer sein wird, nachdem man bereits in diesem ersten Teil die Hauptpersonen sehr ausführlich kennenlernen durfte.

Von Nicole Joens bin ich eine solide Arbeit gewohnt. Auch hier, in ihrem ersten Krimi, hat sie mich überzeugen können, so wie in den drei Büchern, die ich bislang von ihr gelesen hatte – eine Familiensaga, die auf Hawaii spielt (geschrieben unter dem Pseudonym Noemi Jordan), sowie eine moderne, sozialkritische Weihnachtsgeschichte.


Fazit:

Nein, dieser Krimi ist etwas anders als die üblichen Krimis. Doch dies ist ja nicht negativ zu bewerten. So spricht dieser Roman sicherlich auch Leser an, die ansonsten eher nicht zu Kriminalromanen greifen, sondern einen Familien- oder Schicksalsroman bevorzugen. Meine Erwartungen hat der Roman erfüllt und ich empfehle ihn daher gerne weiter. Wer jedoch eine temporeiche, actiongeladene Handlung erwartet, der könnte von diesem Krimi (zumindest teilweise) enttäuscht sein.

Von mir erhält der Roman trotz kleiner Abstriche 5 Sterne (da es keine halben Sterne gibt – ansonsten hätte ich das Buch mit 4,5 Sternen bewertet). Manche Themen (Jens und seine Beziehung zu Frauen) standen sehr im Vordergrund, jedoch gerade noch in einem akzeptablen Rahmen – letztendlich ist dies eine Geschmacks- bzw. Ansichtssache. Der grandiose, wirklich atemberaubende Schluss macht jedenfalls alles wieder wett, ebenso wie das Coverfoto, das so hervorragend zu dem Sitzplatz passt, welcher im Buch beschrieben wurde.

Und die Neugier auf die Fortsetzung wurde bei mir auf jeden Fall geweckt, wobei ich hoffe, dass die private Dreiecksgeschichte Lilian – Jens – Olivia zumindest ein klein wenig in den Hintergrund rückt. Jedenfalls freue ich mich auf ein Wiederlesen.

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