Nicole Lundrigan Glass Boys: A Novel

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Inhaltsangabe zu „Glass Boys: A Novel“ von Nicole Lundrigan

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    Glass Boys: A Novel
    Ricardo Caeiro Pessoa

    Ricardo Caeiro Pessoa

    10. April 2012 um 16:51

    Die Familiengeschichte spielt in einer kleinen (fiktionalen) Gemeinde namens Knife’s Point – ein isolierter, von Wäldern überwachsener und von zahlreichen Flüssen durchzogener Landstrich in Neufundland, wo jeder jeden kennt, und es daher fast unmöglich scheint, Geheimnisse zu wahren. Eben jenes Setting von provinzieller Abgeschiedenheit, Wildnis, Eigenbrötlerei, religiösem Pflichtbewusstsein, dunklen Geheimnissen und Nähe innerhalb der Gemeinde gibt den passenden Rahmen für die konfliktbeladenen Verhältnisse zwischen den Bewohnern ab, insbesondere zwischen den Trenchs und den Fagans, deren Entwicklung der Roman über zwei Generationen hinweg verfolgt. Inhalt (ausführlich) Als Eli Fagan dahinterkommt, was sein verhasster elfjähriger Stiefsohn Garrett Glass in einem alten, im nahe gelegenen Fluss versenkten Gurkenglas aufbewahrt und immer wieder heimlich aufsucht, anstatt seinem Stiefvater bei der Arbeit zu helfen, wird er von einem abgründigen Ekel erfasst, und die Wut des erzprotestantischen Farmers droht überzukochen. Eli ist versucht, Garrett im Fluss zu ertränken, doch lässt den Jungen schließlich wieder laufen. Denn er empfindet nicht nur tiefe Abscheu vor Garrett, sondern zugleich eine gewisse, unbestimmbare Angst. Just in dem Moment als Eli den Inhalt verbrennt, stolpern die Brüder Lewis und Roy Trench sturzbetrunken auf den Hof der benachbarten Fagan-Farm. Lewis wurde erst kürzlich zum Constable von Knife’s Point ernannt. Sich betrunken in der Gemeinde blicken zu lassen, so etwas hatte er sich natürlich selbst verboten. Er wollte von nun an ein tadelloses Vorbild sein, denn nur auf diese Weise könne er sich, so dachte er, in einem Ort, wo jeder jeden kennt, den nötigen Respekt verschaffen. Roy hingegen gilt eher als ein Draufgänger und Herumtreiber. Er war es auch, der Lewis überredete, den hochprozentigen Kartoffelvodka zu leeren, ein Glas nach dem anderen, ein letztes Mal, auf die Zukunft. Als Roy sich dem aufgebrachten Eli nähert, kommt es zu einer Auseinandersetzung, bei der Roy tödlich verletzt wird. Das Gericht urteilt für die Unschuld Elis und bezeichnet den Vorfall als tragischen Unfall. Diese Ereignisse bilden den Auftakt und den Motor der ganzen folgenden Geschichte, die die Entwicklung der beiden Familien über zwanzig Jahre begleiten wird. Lewis hält Eli, der ihm schon immer zwielichtig erschien, für den Mörder seines Bruders. Nur hat auch er nichts Genaues gesehen und kann es nicht beweisen. Hass, aber auch Schuldgefühle drohen ihn aufzuzehren, bis er eine junge Frau, Wilda, kennenlernt, in deren Bekanntschaft er ein Zeichen der Hoffnung auf einen Neuanfang sieht. Doch Wilda scheint von ihren eigenen Dämonen aus der Vergangenheit gejagt zu werden – häppchenweise erfährt der Leser auch ihre Geschichte, hört von ihren Schuldgefühlen, für den Tod ihres Vaters verantwortlich zu sein, von der Entzweiung mit ihrer Mutter, der Flucht, der Zwischenstation in einem Bordell, bis sie von Francis, einem älteren gutmütigen Kleinwaren- und Raritätenhändler aufgenommen wird. Von Eli verachtet und von den Jugendlichen von Knife’s Point als „hinbreed“ gemobbt, erfährt Garrett einzig und allein Liebe von seiner zurückgezogen lebenden Mutter. Sie verhätschelt ihn geradezu. Um sich vor Elis Schikanierungen und den Stigmatisierungen der Jugendlichen zu schützen, zieht sich Garrett mehr und mehr in eine dunkle Fantasiewelt zurück, in der er der Jäger, nicht mehr der Gejagte ist. Aber zunehmend versucht er seine homosexuellen und pädophilen Neigungen auch in der Wirklichkeit auszuleben. Er will sein Vorhaben einer „menschlichen Karte“ fortsetzen, wie damals mit den Polaroidbildern, die jeden einzelnen nackten Körperteil eines achtjährigen Jungen festgehalten hatten – was der Leser erst gegen Ende des Romans konkret erfährt. Garrett erregte das, und beruhigte ihn zugleich. Zwischenzeitlich wird der Roman um eine neue Generation erweitert. Etwa in der gleichen Zeitspanne, als die von ihrem früheren Leben gebeutelte Mrs. Fagan zwei Töchter zur Welt bringt, Angie und DeeDee, bekommen auch die mittlerweile verheirateten Lewis und Wilda zwei wundervolle Söhne, Melvin und Toby. Die Trench-Jungen wachsen mit dem Gebot auf, dass sie jeglichen Kontakt zu den Fagans vermeiden sollen, da dort das personifizierte Böse wohne. Das Glück währt nicht lange für die Trenchs. Wilda, die sich überfordert sieht, ihren Söhnen die notwendige emotionale Wärme und Geborgenheit zu geben, entschließt sich eines Tages, von ihrer Vergangenheit verfolgt, ihrer neuen Familie den Rücken zu kehren – ohne ein weiteres Wort. Ein Schock für alle. Lewis wirkt hilflos. Melvin, der ältere der beiden Brüder, der stets ein wenig mehr von seiner Mutter wollte, als diese geben konnte, bemüht sich, Schmerz und Schuldgefühle zu verstecken. Er gibt den Beschützer für den schüchternen Toby, denn das ist es, was große Brüder tun, wie ihm sein Vater nahelegte. Als die beiden Brüder einen Ausflug durch die Wälder unternehmen, begegnen sie Garrett, der mit seinem Wagen eine Spritztour unternimmt. Er winkt Toby heran, macht ihn neugierig mit einem möglichen Taschengeld. Plötzlich enthüllt Garrett das Zeitungspapier von seinem Schoß und versucht, Tobys Hand mit Gewalt durch das offene Fenster zu zerren, an sein blankes Glied. Melvin geht dazwischen. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen – annähernd. Bei der Auseinandersetzung stürzt Melvin zu Boden und erleidet ein schweres Hirn-Schädel-Trauma. Von da an wird der Junge von bizarren Träumen und, wie er glaubt, von Visionen heimgesucht, die ihm ein Unheil ankündigen. Melvin zieht sich in seine eigene Welt zurück. Lewis findet keinen Zugang mehr zu ihm. Selbst für Toby stellt Melvins Verhalten ein abgründiges Rätsel dar. Die beiden erzählen niemandem, was genau damals passierte zwischen ihnen und Garrett. Aber Melvin ahnt, dass dieses Ereignis noch weitere schwerwiegende Folgen zeitigen wird. Völlig aufgebraucht macht er sich auf zur Fagan-Farm, wo er Garrett alleine mit einem kleinen Jungen erwischt. Beim Kampf werden beide schwer verletzt. Toby, der endlich allen Mut zusammennimmt, um den Eltern von Angie Fagan zu gestehen, dass er ihre Tochter über alles liebt, und er nicht mehr gewillt ist, sich weiterhin heimlich mit ihr treffen zu müssen, geht ebenfalls zur Farm rüber, ohne etwas von dem momentanen Vorfall zu ahnen. Er findet beide blutüberströmt am Boden liegen – der kleine Junge ist bereits abgehauen –, schreit um Hilfe, weiß nicht wirklich, was er tun soll, da er nicht einen Zentimeter von seinem Bruder weichen möchte. In jenem Augenblick kehrt Eli zurück, hört die Schreie, eilt in Garretts Zimmer und stößt Toby beiseite. Er legt Melvin einen Druckverband aus seinem Hemd an, was ihm das Leben rettet. Garrett stirbt. Melvin wird in eine Art Heil- und Erziehungsanstalt eingewiesen. Als Toby ihn das erste Mal besuchen kommt, sind Monate vergangen. An diesem Tag wird er von Lewis erfahren, dass sowohl er als auch Melvin in Kontakt mit Wilda stehen, mit seiner Mutter, die Toby eigentlich tot glaubte. Es kommt zu einem Treffen, bei dem Toby all den unterdrückten Gefühlen, vielleicht nicht liebenswürdig genug gewesen zu sein, aber auch Hass gegenüber seiner Mutter, freien Lauf lässt. Eine wahre Versöhnung findet nicht statt. Aber alle arrangieren sich damit, dass Wilda weiterhin Melvin Besuche abstattet, dass sie wieder eine kleine Rolle im Leben aller besitzt, wenn auch auf getrennten Wegen. Lewis zieht mit Mrs. Verge zusammen, einer liebevollen Frau, die sich die letzten Jahre immer wieder um die Trench-Jungen gekümmert hat, wenn Lewis sich überfordert sah. Und auch für den mittlerweile neunzehnjährigen Toby, wird es nun an der Zeit, das Elternhaus zu verlassen, vielleicht auch Knife’s Point. Form, Figurenzeichnung und Stil Der plot ist zirkulär und multiperspektivisch in fünf Abteilungen mit insgesamt 31 Kapitel gegliedert. Zirkularität bedeutet in diesem Fall eine Loslösung vom linearen Erzählen. Wie in einer Schaukelbewegung von Gegenwartsebene, Analepse und proleptischen Andeutungen spinnt Lundrigan in einer anhaltenden suspense die einzelnen Fäden zu einem Diskurs zusammen. Durch das narrative Verfahren der Multiperspektivität wird das erzählte und auf der Figurenebene dargestellte Geschehen und in mehrere komplementäre sowie widersprüchliche Versionen bzw. Ansichten aufgefächert. Die Andeutungen und zirkulären Analepsen der Erzählerbene verhindern dabei, dass der Leser sich einer zu großen Synthetisierungsleistung ausgesetzt sieht. Die Charakterprofilierung der Hauptfiguren erfolgt somit durch ein gutes Duzend von Protagonisten, die Lundrigan gut auseinander zu halten weiß, und deren Perspektiven und erzählte Geschichten, die wiederum mit den Hauptfiguren zusammenhängen, peu à peu ein schärferes Bild der erzählten Welt zeichnen, und helfen, die Frage zu beantworten, warum einige Figuren jene schwerwiegenden Entscheidungen fällen, und nicht Alternativen wählen. Wenngleich Toby gegenüber Garrett deutlich als Sympathieträger bezeichnet werden kann, so vermeidet Lundriran aber eine allzu simple dualistische Figureninszenierung in schwarz-weiß. Ihre Charaktere erlauben keine stereotype Zuordnung. Durch die Ausgestaltung komplexerer Profile bestimmen Frage und Suche nach Gründen und Ursachen die Erzählung. Vielmehr als die Antagonien von Opfer-Täter bzw. Gut-Böse interessieren die Figuren als zerüttete, vom Leben gebeutelte Menschen, die an ihrem Schicksal mitunter zu Grunde gehen – und dennoch humane Facetten aufweisen –, oder es in die eigenen Hände nehmen. Gerade dies macht die beklemmende Wirkung und Möglichkeit der Einfühlung aus. Lundrigan bedient sich eines flüssigen und bildstarken Erzählstils. Nur an einigen Stellen kippen Bilder und Wortwahl gerade für deutschsprachige Leser in unangenehme Superlative und sentimentale Zeichnungen ab, bspw. wenn gegen Ende der Erzählung Eli erfährt, dass sein Krebs breit gestreut hat, seine Hände „flailing through cold blackness, feeling nothing… . Eternal emptiness… . He looked upwards again, into the endless darkness”. Oder in der Schlusssequenz, wenn Toby seinen Blick himmelwärts richtet und der Spur eines Vogels folgt, die sich im vollen Sonnenlicht des sich ankündigenden Frühlings verliert. Abgesehen von den Dialogen, die mitunter in neufundländischem Dialekt stattfinden, besitzt die Erzählsprache einen recht dunklen Ton. Lundrigan gelingt es jedoch immer wieder Hoffnung aufblitzen zu lassen, Hoffnung darauf, dass die Figuren noch ihren Frieden mit sich und der Welt machen. Fazit Wenn die Ereignisse der Vergangenheit so schwer wiegen, die Geschichten von früher immer wieder aufbrechen, welche Freiheiten haben die Menschen dann noch? Warum gelingt es einigen, das enge Korsett unglücklicher Verkettungen zu sprengen, und anderen nicht? Dies sind die Leitfragen, die Nicole Lundrigan in ihrem Roman aufwirft. Mit ›Glass Boys‹ hat sie einen solide gebauten Roman geschrieben, der durchgehend die Spannung hält. Es ist ihr ein nachdenklich stimmender und bedrückender Roman gelungen, der die Widersprüche der menschlichen Seele erforscht. Ein guter Roman. Aber kein außergewöhnliches Kunstwerk. Das alte Thema Determination vs. Freiheit hat sie mittels der zirkulären und multiperspektivischen Struktur originell gelöst. Eine Herausforderung für die Übersetzung stellten sicherlich einige Dialogszenen hinsichtlich der Adäquatheit des Lokalkolorits dar. Denn es ist nicht nur die Determination früherer Handlungen, Entscheidungen, Zufälle, sondern auch der spezifische Charakter des neufundländischen Knife‘s Point der auf die Figuren einwirkt.

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