Nikolaj Tabakov

 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von Der erdachte Krieg und Ja.

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Nikolaj TabakovDer erdachte Krieg
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Der erdachte Krieg
Der erdachte Krieg
 (1)
Erschienen am 15.05.2015
Nikolaj TabakovJa
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Ja
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 (1)
Erschienen am 06.05.2013

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Rezension zu "Der erdachte Krieg" von Nikolaj Tabakov

Vielschichtig und mit kraftvoller Sprache
michael_lehmann-papevor 3 Jahren

Vielschichtig und mit kraftvoller Sprache

Schon der Titel und die Ereignisse um den „erdachten“ Krieg zeigen die Vielschichtigkeit, mit der Tabakov seine Geschichte, seine „Erfahrungswerte des Lebens“ erzählt.

Denn da findet doch real was statt, das ist doch nicht nur erdacht. Oder folgen seine Kriegs-Beschreibungen (die im Übrigen nur einen kleinen Teil der Geschichte im Buch ausmachen) doch „erdachten“, märchenhaften, symbolischen Zügen? So, wie viele andere Elemente des Romans immer wieder zurückgeführt werden auf das Märchen von den Störchen und den Adlern, das im Buche erzählt wird? Und das Tabakov auf eine ganze Reihe eindrucksvoller, differenziert und lebendig gezeichneter „realer“ Figuren verteilt.

Andererseits, dieser „erdachte Krieg“ in Südosteuropa fordert reale Opfer, schlägt eine Schneise in die weit verzweigte Familie Ster, kostet die „Gegenseite“ einen Arm und ist somit alles andere als „nur erdacht oder geträumt“ für den weiteren Verlauf der Geschichte.

In der Tabakov in der Regel mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Ereignisse bleibt (nur hier und da, tatsächlich etwas irritierend, stark symbolische, märchenhafte Züge einfügt, wenn Mitglieder der Familie Ster plötzlich sich „empor schwingen“ und „davonfliegen“).

Liebe, Eifersucht, Trauer, Glück, Familienbande, Tradition und Moderne, Prägung und Freiheit, der alte Kampf des Menschen gegeneinander um Einfluss und Macht, all das sind die Themen, die Tabakov wunderbar verwoben in seiner teils kantigen, immer aber klaren und bildreichen Sprache für dieses „moderne Osteuropa“ setzt.

„Seine Schultern, die Hände, sogar sein Gesicht, wenn ihr wollt, hatten die Form eines Quadrats, eines militärischen Karrees“.

Zwei Familien stehen im Mittelpunkt der Erzählung, samt all derer, die sich im Lauf der Ereignisse um diese beiden Familien mit drehen werden und samt der inneren Bindungen, die zwischen Teilen beider Familien entstehen werden. Bindungen, die es nicht leicht haben in dieser sich verzweigenden, auseinanerdriftenden Welt.

Die Familie Ster, die im Winter ihre Wege geht, von Paris bis Moskau bis Kanada und wo auch immer Kontakte wichtig sind oder es einfach angenehm ist, sich aufzuhalten. Aber im Sommer trifft man sich im alten Dorf in Bulgarien. Hält die Tradition des Familienessens hoch (mitsamt einer wunderbaren und griffigen Beschreibung, was unter „Kleingebratenem“ zu verstehen ist).

Doch die Ereignisse und Gedanken haben ebenfalls trennende, in die Ferne ziehende Kraft. Der eine, als Hedonist, sucht die legere, westliche Welt mit ihren Liebschaften und ihrem Glücksspiel, der andere sucht lange die Liebe, die schon in den ersten Zeilen des Buches beginnt. Und da ist ja auch noch der „graue Adler“, eine Art „Pate“ des Dorfes, später Bürgermeister, der keine Ruhe lassen will und wird, was diese Familie und seinen unbändigen Drang der Brechung allen Widerstandes angeht.

Überall wird dabei deutlich, auf wie vielen Ebenen die Geschichte zu lesen wäre.
Als Parabel über den Menschen an sich, der so oft gegeneinander steht und selten daraus lernt (selbst wenn man einen Arm verliert, selbst wenn man im Elend für Unterstützung ansteht, wie „der Storch“ entsetzt erleben muss). Oder als Symbol, der angespannten Atmosphäre im Osten Europas Russland (Adler) gegenüber. Oder als Ringen zwischen Weisheit und Glück auf der einen und materieller Ausrichtung auf der anderen Seite. Oder als Blick auf die erodierenden Familientraditionen alter Tage in der modernen Zeit, die auch im Buch die Menschen geographisch (und im Herzen) teilweise weit auseinanderbringt?

„Rede kein dummes Zeug, Junge. Der Alltag tötet alles. Der graue Alltag. Die Sorge ums tägliche Brot. Was bildest Du Dir ein? Dass sie weiser geworden sind?“

Das macht es schwer, das Ansinnen, Weisheit weiter zu geben.

Während die beiden Schwestern Tatjana und Swetlana aus dem behüteten Schoß ihrer Familie in Rostov ebenfalls ihre eigenen Wege gehen. Und so verschieden diese Wege auch sind, so glitzernd gerade für Svetlana sich der „goldene Westen“ öffnet, so betörend sie auch für manche selbst Gouverneure ist.

Was wird am Ende stehen? Zwischen den Personen, den Liebenden, den sich Trennenden, den nicht zusammenkommenden? Nach tödlichen Ereignissen, Trauer, Eifersucht und Sehnsucht und tiefer Freundschaft (die sich nur selten im Leben ereignet)? Nach dem Aufeinanderprallen von Weisheit (die „Störche) und Menschen mit „gestandenem, aber schwierigem Charakter“ („Adler“), die doch den Takt der Moderne vorzugeben scheinen mit ihrer skrupellosen Haltung.

Eine Liebesgeschichte einerseits mit vielfachen Wendungen und Verschachtelungen, ein Blick auf das moderne Leben des Erfolgs und Konsums und des Strebens nach Macht, ein Blick auf die althergebrachte, „analoge“ Lebensweise und das, was mit ihr verlustig geht.
Mit einem „Personal“, das mitten aus dem Leben gegriffen ist und, jeder und jede für sich, auch Archetypen abdeckt, die für die Vielzahl aktueller Lebensentwürfe und Lebensweisen stehen.

Eine sehr lesenswerte, sprachlich anregende, bildkräftige Lektüre, die den Leser nicht so schnell loslässt und einen Einblick in das Fühlen und Denken der Regionen in Osteuropa gibt angesichts der schnellen und tiefgreifenden Veränderungen des Lebensalltages.

Aber, war es je anders? Und dennoch gilt und bleibt die Hoffnung: „Es wird nicht immer so sein“.

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Rezension zu "Ja" von Nikolaj Tabakov

Rahmensprengend
michael_lehmann-papevor 5 Jahren


 

Fast physisch ist der Roman des in Bulgarien gut bekannten Schriftstellers Tabakov, der mit diesem Buche erstmals auf Deutsch erscheint, den Rahmen sprengend. Sprachlich üppig, bildreich, assoziativ, mit einer Vielzahl von Figuren, mit dem Wechsel in den Formen von Liebesgeschichte zu Geschichtsunterricht zu teils fast schnodderigem Dialog mit dem Leser bis hin zu sanften Szenen und hier und da gesetzten, tiefen philosophischen Grund-Sätzen.

 

Mit einem Spiel mit den Figuren, dass auch harte Brüche setzt, eigenartige Charaktere auftreten lässt, Leben in stetiger Tradition und sprunghafter Moderne nicht nur im Gesamten in Reibung treten lässt, sondern auch in den einzelnen Personen für Spannung sorgt.

 

Wie beim Jura Studenten Wesko, der ins Dorf Roggen im Tal Stram zurückkehrt zu seinen Eltern. Der mit den beiden ungleich langen Beinen, der, der sich bei einem Dorffest unrettbar in die Schönste des Dorfes, in Bozhana verliebt. Der von der „Dorfjugend“  auf den Tod vermöbelt wird, von Kamen Enev (einem „Heiler“, vielschichtigen Menschen, zudem der urkundliche Besitzer des Tales aus Familienerbe heraus) „zurückgeholt“ wird. Nur, dass er seine Sprache verloren haben wird. Nur, dass nun Bozhana seine Gefühle erwidert. Der sich auf dem elterlichen Hof einrichtet, als Schriftsteller Weltkarriere. Der Stolz der Eltern, der für schwerste, tödliche Enttäuschung dennoch sorgen wird.

 

Was bis dahin wie ein Heimatroman wirkt des „guten Jungen“, der das „schönste Mädchen“ mit „Schicksal“ erobert, wendet sich umgehend, als Bozhana diese Liebe aufkündigt, Karriere bei den Medien macht und sich noch nicht einmal erklärt. Selbst da noch legt Tabakov seinen Wesko harmonisch an, bis plötzlich gesammelter Hass, Frustration, Rache im Raume stehen. Die sich, schwer erklärbar, nicht vordergründig (hintergründig schon) gegen das Mädchen (wobei auch diese Geschichte nicht zu Ende gesponnen ist) richten, sondern sich  unversöhnlich gegen den „Heiler“ wenden. Der hat ihn ja „stumm“ gemacht, oder?

 

Eines ist bereits hier schon klar: Äußerer Erfolg, eine Karriere, erweckt nicht jenen inneren Frieden und ein „zu sich selbst finden“, das alleine dem Menschen Ruhe geben kann. So entfalten sich Wesko, Bozhana und Enev als die tragenden Figuren dieses Romans, in deren nicht ausreichenden „äußeren Erfolgen“ und deren innerem Erleben und gegenseitigem Beziehungsgeflecht Tobakov das Leben selbst wie es ist, wie es sein kann und woran es zugrunde zu gehen droht intensiv abhandelt. Wie in der im zweiten Teil des Buches bestimmenden Geschichte vom Versuch, das Tal „zu kaufen“. Als könne man das Leben kaufen und in einen Palast sperren.

 

Die Leitfrage des Romans im Gesamten wird so zum Angelpunkt aller Geschichten im Buch. „Wie soll man Leben?“. Mit nur mühsam und schwer zu erringenden Antworten.

 

Liebesgeschichten, bei der die Liebe nicht in die Tiefe reichen und manchmal doch. Ein stetiges Leben in den Traditionen im Tal und Ausbrüche aus demselben. Neid und Missgunst, Kämpfe und vermeintliche Siege, die Niederlagen sein werden. Eine Verweigerung jeder Wendung zum Happy End hin in den vielen kleinen Geschichten, welche die große Geschichte tragen. Wie aber soll man nun leben?

 

„Und Du, was willst Du? Leben oder einfach übrig bleiben“? So schleudert es Tabakov durch seinen Roman auch dem Leser entgegen.

 

„Wer aber einsam ist, der hisst früher oder später die weiße Fahne , und mag er noch so hart verpackt sein“. Und findet doch dann nicht „einfach so“ zur Gemeinschaft und zum Glück.

 

Einerseits also eine massiv resignative Unternote, was das „Gute und Leben mit Liebe“ im Menschen angeht und andererseits ein Buch voll Hoffnung darauf, dass der Mensch über sich hinauswachsen kann.

 

In einer üppigen, manches Mal aber auch überfordernden, überbordenden Sprache, die den Leser hier und da mehr herausreißt aus dem konkreten Geschehen, als ihn emotional bei der Stange zu halten. Mit Entwicklungen und Brüchen in den Personen und den Beziehungen, die manchmal nicht leicht zu verdauen sind und kaum vorhersehbar einfach stattfinden.

 

Und dennoch eine fesselnde Lektüre, die kaum aus der Hand gelegt werden kann, bevor nicht klar ist, was die Roma im Wald noch beizutragen haben, wie sich „Gevatter Wolf“ zwischen Liebe und Freundschaft hin- und hergerissen Freiraum verschafft und wie wenig es bedeuten wird, wem das Tal letztlich „juristisch“ gehört.

 

Alles in allem, auch wenn hier und da ein zuviel an assoziativer Kraft und Änderung der inneren Ausrichtung der Personen im Raum steht, ein anderes, intensives, Formen durchbrechendes und sprachlich üppiges Leseerlebnis, dass den Leser nicht loslässt.

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