Nils Mohl

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Interview mit Nils Mohl

Das kreative Ergebnis der Lovelybooks-Leserunde zu Nils Mohls aktuellem Werk „Es war einmal Indianderland“, entstanden in Zusammenarbeit aller Mitglieder.

merlin78: Wie kommt man auf die Idee, einen so ungewöhnlichen Roman zu schreiben?

Berufstehos? ... Okay, die Frage ist natürlich sauschwer zu beantworten. Sprechen wir jetzt über den Inhalt, die Form oder die Sprache? Oder über alles zusammen? Tatsächlich wollte ich gerne einen Roman schreiben, der für mich dieses besondere Alter noch einmal lebendig macht. Ich wollte noch mal 17 sein. Mit allem Drum und Dran. Der Rest war dann beinah ein Kinderspiel. Und bei Lesungen kalauere ich mit Blick auf Jackie und Edda gerne, für Männer im fortgeschrittenen Alter ist es ganz natürlich und wahnsinnig aufregend, über junge Frauen nachzudenken. Die Männer sind sofort mit einem Höhöhö dabei. Und die Frauen verstehen dann, dass es um Dinge wie Vergänglichkeit, verpasste Möglichkeiten, den Zauber des Moments und so weiter geht. Aber jetzt bin ich schon sehr weit weg von der Frage. Und würde gerne zurückfragen: Was ist denn so ungewöhnlich an dem Roman?

Sophia!: Angst Adrenalin Affenhitze ... Der Text steckt voller Symbole, Methapern und überzeugt durch einen unglaublich kunstvollen Umgang mit Sprache. Wie lernt man so zu schreiben? Und bezogen auf das Buch: Wie kam die Idee zustande, die Story in dieser sprachlichen Form umzusetzen?

Viel lesen. Viel ausprobieren. Viel löschen und wegschmeißen. Und dann noch mehr lesen und ausprobieren und löschen und wegschmeißen. Das sagen zwar alle. Aber an dieser Stelle stimmt das. Ausnahmsweise. Wobei es mir tatsächlich erstaunlich leicht viel, für Indianerland eine Sprache zu finden. Ich hatte diesen Westernmetaphernfundus zum Beispiel, der unheimlich reichhaltig ist, und darüber war ich schon sehr froh. Es gibt ja Autoren, die zu glauben scheinen, ein Erzähler wirkt dann umheimlich jugendlich, wenn in jedem Absatz möglichst engmaschig Kraftausdrücke eingewebt werden. Oder, noch schlimmer, diese Romane, in denen vermeintlicher Jugendjargon auftaucht. Sorry, aber ultrauncool, muss ich sagen. Contraendkrass, ehrlich. Weil damit immer auch schon das Verfallsdatum in die Texte eingeschrieben ist. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte die Sprache künstlich, damit die Haltung umso "echter" wirkt. (Was jetzt leider kein toller Satz ist.) Kleine Anekdote vielleicht noch: Ich habe mir regelrecht einen Sport daraus gemacht, ohne bestimmte Wörter auszukommen. Selbst das Wort "Scheiße" taucht nicht einmal auf. Zum Ausgleich durfte Ponyhof dann einen einzigen befreienden Fluch ausstoßen. Er ist ja Hirnakrobat von der Uni. Da geht das wohl in Ordnung.

WolfgangB: "Hattest Du die Geschichte / den Plot vor Arbeitsbeginn bereits detailliert im Kopf oder nur eine Ahnung davon?"

Ich brauchte einen Roman, ich brauchte einen 17-jährigen, ich brauchte eine Geschichte mit Pepp. Was ich hatte, waren zwei alte Kurzgeschichten, den Kopf voller Filme und den Tipp von einem Freund, der da lautete: Indianer gehen immer. Im Nachhinein fragt man sich tatsächlich oft selbst, wie konnte das gelingen? Denn, sollte es eine Formel geben, würde man sie ja gerne beim nächsten Mal wieder zur Hand nehmen. Nur für den Fall …

merlin78: Guten Morgen, zunächst der Schreibstil mit der direkten Anrede mit Gedankenstrichen. Dann der Aufbau des Romans mit den verschiedenen Zeiten. Und nicht zu vergessen, die verschiedenen Charaktere, mit denen er sich auseinander setzt (Mauser als Person und der Indianer). Ich habe noch nie, einen vergleichbaren Roman gelesen und bin wirklich begeistert.

Ah! Das wollte ich natürlich bloß noch einmal hören. Und ich muss natürlich gestehen, dass die große Kunst letztlich ist, alles, was man so kennt, neu zusammenzubasteln. Es gab vor mir zum Beispiel Tarantino und davor vor allem William Faulkner, die beide dem linearen Erzählen ordentlich in den Hintern getreten haben. Was mir gefällt, weil auch unsere Wahrnehmung und Erinnerung nur scheinbar lineal funktionieren. (Kann man leicht ausprobieren. Aufgabe: Bitte einmal schnell die letzte Woche Revue passieren lassen.) Dann gab es vor mir zum Beispiel Fight Club und vor allem Hermann Hesses Demian, Erzählungen, in denen die Sache mit der Identität ziemlich kreativ gehandhabt wird. Aus gutem Grund. Und das konnte ich für meine Geschichte ebenfalls gut gebrauchen. Es ist besser, wenn Romanfiguren jermanden zum Reden haben. Ob es den "wirklich" gibt, ist ja nicht so wichtig. Man muss es allerdings als Leser schlucken können, wenn die Sache dann auffliegt. Und das ist der Haken an der Sache, glaube ich. Denn natürlich spricht man nicht täglich mit Indianern oder einem Alter Ego. Wobei, wer weiß. Im übertragenen Sinne befinde ich mich ja ständig im Dialog mit dem Kram, der sich in mir angesammelt hat im Laufe des Lebens. Ein Beispiel: Neulich musste ich eingestehen, dass der Roman, an dem ich arbeite und von dem schon 400 Seiten geschrieben waren, einfach nicht so funktioniert, wie ich mir das gedacht hatte. Ich habe mir dann zwar nicht die Frage gestellt, was würde Old Shatterhand wohl an meiner Stelle tun. Aber natürlich weiß ich, dass ich den Kopf auch deshalb nicht in den Sand stecke, weil ich heldenhaftes Verhalten á la Winnetou früh verinnerlicht habe. Das mag bekloppt sein, aber ich eifere, fürchte ich, ziemlich dämlichen Vorbildern nach, von denen Old Shatterhand wohl noch eines der besseren ist. Das Gute daran: Ich bin nicht allein. Und Literatur kann das darstellen und auf den Punkt bringen, ohne dass es albern wirkt. Behaupte ich jetzt mal kühn.

Eifelmini: Hast du die Geschichte zunächst chronologisch aufgebaut und dann nach und nach "zerstückelt" und hin- und hergespult? Oder stand für dich der Aufbau des Buches gleich fest und du hast die Kapitel in der Reihenfolge geschrieben, in der sie im Buch sind?

Okay, wo fange ich mit der Antwort an? Vielleicht mit meiner Lieblingsanekdote. Als ich noch gar nicht richtig mit dem Roman angefangen hatte, hat ein Freund zu mir gesagt: Indianer gehen immer. Und dieser Scherz hat ziemlich viel Schwung in die Sache gebracht. Zu einem anständigen Western gehört schließlich ein Showdown. Schurken gehören natürlich dazu. Waffen. Es geht auf einer anderen Ebene auch immer um die Reise an eine Grenze. Und so weiter. Was ich damals schon wusste: Es sollte um einen 17-jährigen am Stadtrand gehen. Es gab bereits Figuren. Auch Teile der Handlung. Die Jungs am Strand, die versetzt werden. Die Idee mit den Postkarten von Edda. Den Mord. Plötzlich konnte ich das alles aber viel besser zusammenbasteln. Und das passiert bei mir immer erst im Kopf, weil das schrecklich bequem ist. Ich liege dafür meist so rum, gucke Filme, denke nebenher vor mich hin, bis ich eine vage Vorstellung von allem habe – und wirklich kein Weg mehr am (äußerst lästigen) Aufschreiben vorbeiführt. Das sah dann ungefähr so aus. Erst Intro und die beiden Anfangsszenen. Als nächstes tatsächlich eine Art Chronologie, in der ich skizziert habe, was alles wann passieren muss. (Drei, vier Seiten waren das, mehr nicht, eher weniger.) Schließlich habe ich das Ganze noch grob in mögliche Abschnitte aufgeteilt und einfach weitergemacht. Stück für Stück. Beinah in der heutigen Reihenfolge. Geleitet von Bauchgefühl und Kalkül. Was sollte man im Moment unbedingt wissen als Leser? Und was „rockt“ wohl am meisten? Ja, ich glaube, so ähnlich war das.

WolfgangB: Und vor allem - was war die Motivation, den Roman in der vorliegenden Form zu gestalten?

Wie wäre es mit: Um ernst genommen zu werden. Man könnte auch sagen: Die Form ist das Trojanische Pferd, mit dem die Romanbotschaften, wenn es sie denn gibt, in die Festung hineingeschoben werden, oder?

katerineverdeen: Was bitte ist ein falscher Käfer?

Edda hat ihr rotes Auto mit schwarzen Punkten bemalt. Es sieht also aus wie ein Marienkäfer. Aber ein VW-Käfer ist es nicht. PS: Größere und kleinere Tiere tauchen ja immer wieder in dem Buch auf, speziell aber Insekten.

Sophia!: Wie kam es zur Gestaltung des Covers? Wurde es dir vorgelegt oder war eine Mitsprache möglich?

Meine beiden Bücher vor Indianerland sind ja bei kleineren Verlagen erschienen und dort habe ich selbst die Vorschläge für das Cover machen dürfen. Ich bin, was das angeht, wirklich eine Plage. Habe allerdings auch das große Glück, Raphael Schils zu kennen, einen fantastischen Illustrator und Werbegrafiker, der aus meinen Ideen etwas macht, das (meist) nicht nur mir gefällt. Und so war das auch bei Indianerland.

Sophia!: An der Universität Hamburg unterrichtest du "Schreibtechniken". Was kann man sich darunter vorstellen? Und vor allen Dingen: Wie lehrt man eine solche Kreativität? Gibt es bestimmte "klassische" Übungen oder hast du den Lehrplan selbst entworfen?

Am Ende des Kurses bedanke ich mich bei den Teilnehmern stets mit dem Bekenntnis, dass ich unter Garantie mehr gelernt habe als sie. Und das ist keineswegs bloß eine launige Feststellung oder hanseatisches Understatement. Inhaltlich geht es, grob gesagt, um das Geschichtenerzählen in verschiedenen Formen. Die Studierende schreiben Kurzgeschichten und Rezensionen, Texten Werbeanzeigen und entwerfen Geschäftsbriefe. Ziel ist es dabei, klar zu machen, wie Texte grundsätzlich funktionieren. Nämlich immer als ein Zusammenspiel aus Inhalt, Form und Stil. Zu dieser müden Weisheit gibt es selbstverständlich jede Menge Futter in Form von Beispielen, goldenen Regeln, die andere bereits ersonnen haben, und viel Arbeit am Text. Und das ist das vielleicht Entscheidende: Zu lernen, wie man die eigenen Geschichten und Sätze betrachtet versteht verbessert. Und kürzt. Kürzen ist überhaupt sehr wichtig. Mehr verrate ich aber nicht, bis ich (Achtung, großer Brüller jetzt) mein bahnbrechendes Lehrwerk zum Thema veröffentlicht habe.

Sophia!: Lesen die Studenten deine Werke? ;)

Ich verbiete es ihnen nicht. Aber ich weise, ehrlich gesagt, nicht einmal darauf hin, dass es diese Werke gibt. Es geht schließlich nicht um mich, sondern um die, die da vor mir sitzen. Und um deren Texte. (Klar, das soll jetzt einfach nur wahnsinnig bescheiden klingen. In Wahrheit weiß ich natürlich, dass die ohnehin clever genug sind, nach ihrem Dozenten zu googlen, wenn die merken, der erzählt nicht bloß Müll.)

Sophia!: In deinen Büchern geht es zumeist ums Erwachsenwerden und die geballte Ladung unterschiedlichster Emotionen und Erfahrungen, die die Protagonisten in dieser Zeit durchleben. Wie ist deine Einstellung zur Jugend? Schwierige Phase oder beneidenswerter Ausnahmezustand?

Ein Leben reicht sowieso nicht. Nie. Deshalb ist auch allen mein Neid sicher, die statistisch noch mehr von ihrem übrig haben als ich. Davon aber abgesehen: Jugendliche sind ja auch nur Menschen. Und damit auf jeden Fall schon mal sehr taugliche Protagonisten. Vielleicht sind es sogar besonders attraktive Protagonisten, weil man ihnen als Leser (aus nostalgischen Gründen) gerne die Daumen drückt. Was ich allerdings wirklich glaube: Es hat für einen Romanautoren keinen Sinn, die Jugend zu verklären. Es bringt umgekehrt auch nichts, die Sorgen und Probleme Heranwachsender unnötig zu dramatisieren. Anders gesagt: Man ist kein besserer Mensch, weil man 17 ist. Aber auch kein schlechterer. Ich fürchte sogar, die vielen Widersprüche des erwachsenen Lebens unterscheiden sich leider gar nicht groß von denen, die einem schon am Ende der Pubertät begegnen. Sie sind halt mit 15, 16, 17, 18 für einen selbst meist relativ neu. Aber prickelnde Lösungen gibt es für bestimmte Dinge einfach (auch später) nicht. Alle haben wir Angst. Obwohl wir das nicht wollen. Alle sind wir auf die eine oder andere Weise einsam. Obwohl wir auch darauf gar nicht scharf sind. Manche meinen, Literatur hilft in diesen Fällen zuweilen. Als Autor werde ich mich davor hüten, das jetzt jemandem auszureden.