Ninni Holmqvist

 4.3 Sterne bei 108 Bewertungen
Autor von Die Entbehrlichen, Die Verführten und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Ninni Holmqvist

Ninni Holmqvist, geboren 1958, debütierte 1995 mit der Novellensammlung ›Kostym‹. Für ihr viertes Buch ›Die Entbehrlichen‹ wurde Ninni Holmqvist von der skandinavischen Presse gefeiert. Die Autorin lebt in Südschweden und übersetzt aus dem Dänischen und Englischen.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Ninni Holmqvist

Cover des Buches Die Entbehrlichen9783596183319

Die Entbehrlichen

 (104)
Erschienen am 11.02.2011
Cover des Buches Die Verführten9783518456231

Die Verführten

 (4)
Erschienen am 28.06.2004
Cover des Buches The Unit9781851687442

The Unit

 (0)
Erschienen am 01.03.2010

Neue Rezensionen zu Ninni Holmqvist

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Rezension zu "Die Entbehrlichen" von Ninni Holmqvist

Der Wert eines Menschen ... wichtiges Buch in unserer heutigen Gesellschaft
Aleshaneevor 5 Monaten

So groß bekannt scheint das Buch bei uns nicht zu sein, was mich ehrlich gesagt etwas verwundert. Denn obwohl das Thema einerseits weit hergeholt scheint, hat es andererseits Momente, die einem sehr real und aktuell vorkommen Ein bisschen von der Grundthematik erinnerte es mich an "Vollendet" von Neal Shusterman - während er allerdings die "ungewollten" Jugendlichen als nutzlos und damit Organspender deklariert hat, sind bei Ninni Holmqvist die älteren Generationen das Ziel der Auslese.

Es geht um den Wert eines Menschen und dem damit verbundenen Sinn, den jeder Einzelne seinem Leben gibt.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt den Menschen ja schon seit Jahrhunderten, aber in dieser zukünftigen Gesellschaftsform, in der die Protagonistin Dorrit Weber lebt, hat ihn sehr klar formuliert:

"Nur neue Konstellationen werden anerkannt. Menschen, die einen neuen Haushalt gründen und neue Menschen poduzieren ... alles muss sich vorwärtsbewegen." Seite 136

Man muss also etwas einbringen in die Gesellschaft - und zwar vorrangig Kinder, um das Überleben unserer Art zu sichern; oder man muss sich in beruflich besonders hervorbringen, oder zumindest einen Nachweis haben, dass man einen Partner hat, der einen liebt. Man sozusagen benötigt wird, und nicht entbehrlich ist.

Eine gruselige Vorstellung, anhand von "Daten" zu bemessen, ob ein Mensch wichtig ist oder geopfert werden kann. Anders kann man es nicht nennen, denn Frauen ab 50 und Männer ab 60, die von niemandem benötigt werden (Geschwister oder Freunde zählen hier übrigens nicht), kommen in die Einheit. Einen Ort, an dem sie ihre letzten Jahre scheinbar ohne Entbehrungen verbringen können, gleichzeitig aber auch Versuchskaninchen spielen müssen für psychologische und physische Tests und eine Art Ersatzteillager sind, falls ihre Organe für "benötigte Menschen" gebraucht werden.

"Das Leben und das Dasein haben keinen Wert an sich. Wir haben keine Bedeutung, nicht einmal die Benötigten haben eine Bedeutung. Das Einzige, was wirklich wertvoll ist, ist das, was wir produzieren." Seite 116

Die Autorin steigt auch direkt in dem Moment ein, in dem Dorrit zu ihrem 50. Geburtstag abgeholt in eine dieser Einheiten gebracht wird. Es ist kein aufregender, von Spannung getragener Roman, sondern eher leise, schleichend, und dadurch umso beklemmender.
Mit sehr viel Gefühl und dabei kurz und prägnant, weiß sie sehr gut die aufwühlenden Gefühle und Bedürfnisse zu zeigen, auf Missstände zu deuten im Umgang miteinander, aber auch den liebevollen und fürsorglichen Umgang, den jeder von uns so dringend braucht.

Die "Entbehrlichen" sitzen alle in einem Boot und auch wenn jeder mit der Situation anders umgeht, entwickelt sie ein sehr feines Gespür für die anderen, die Verzweiflung, die Ängste, die Einsamkeit, die über sie hereinbrechen. Eine Gefühl der Zusammengehörigkeit entsteht, auch weil die Situation wohl anders gar nicht auszuhalten ist.

Wichtig fand ich hier auch, dass diese Menschen alle schon vorher in der Gesellschaft einen schlechten Stand hatten, als geringwertig angesehen wurden. Keine Familie gegründet? Keinen Erfolg im Beruf? Welchen Nutzen hat man dann für die Gesellschaft, wenn man keinen Beitrag leistet für das Gemeinleben?
Das Stichwort Leistungsgesellschaft hat für mich schon immer einen faden Beigeschmack, denn jeder hat das Recht, sein Leben so zu gestalten, wie er möchte - mit allen Vorteilen und allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Ein Urteil darüber zu fällen, steht niemandem zu.

Wie sich Dorrits Leben in diesem überwachten Ausgeliefertsein entwickelt hat eine subtile Spannung, der man sich kaum entziehen kann. Wie alle anderen muss sie an allen Forschungen teilnehmen, die äußerste körperliche Belastungen und seelische, ja, Grausamkeiten beinhalten, was teilweise verstörend und erschreckend erzählt wird.

Ein wichtiges Buch, das mit einer sanften Eindringlichkeit erzählt wird und dadurch umso mehr berührt. Den Wert eines Menschen zu messen ist nicht möglich, weil jedes Leben wertvoll ist. Nicht nur "große" Taten zählen, sondern grade die kleinen, liebevollen Gesten und zwischenmenschlichen Momente sind wichtig und lassen sich an keiner Skala werten.


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Rezension zu "Die Entbehrlichen" von Ninni Holmqvist

Abgründe, so tief, dass sie einen erschauern lassen – oder, was ist der Mensch wert?
ninchenpinchenvor 2 Jahren

Abgründe, so tief, dass sie einen erschauern lassen – Erstellungsdatum 16.11.2018

Ein Buch, das man niemals vergisst! 

Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist. Dorrit ist fünfzig geworden,

hat keinen Mann, keine Kinder, nur einen kleinen Hund. Der heißt Jock und sie liebt ihn sehr.

Aber, sie ist eine Entbehrliche, d. h. sie hat keinen besonderen Job und eben keine Familie. Eltern und Geschwister zählen nicht. So wird sie abgeholt – ihren geliebten Hund Jock darf sie nicht mitnehmen –  und sie kommt in die Reserveeinheit, das Luxusschlachthaus. Alles sehr schön, edel und großzügig. Jede Ecke wird abgehört und überwacht, es gibt null Privatsphäre, auch im Bad und WC nicht. Massenmenschhaltung sozusagen. 

Die Entbehrlichen in der „Einheit“ müssen für alles herhalten: Medizinische Versuche, Organspenden, z. B. Nierenentnahmen, Hornhautspenden, Ohrknöchelchenspenden. Ein Entkommen ist unmöglich und selbst wenn: Wo sollten sie hin?

Dorrit, die Ich-Erzählerin berichtet akribisch von den neuen Freundinnen und Freunden und von deren plötzlichem Verschwinden, wenn die Endspende ansteht.

Das Ganze ist so gruselig, weil an wirklich alles gedacht ist: Luxusleben vor Exekution. Und dann geschieht etwas, das Unsagbare, das noch nie in der Einheit geschehen ist. Das soll hier nicht verraten werden. Lest selbst, wenn ihr das aushalten könnt! 

Dorrits Träume von ihrem so geliebten kleinen Hund Jock, dem Stöckchen werfen am Meeresstrand, das geht unter die Haut und wirkt nach. Da kommen die Tränen.

Fazit: Ich habe lange kein Buch in der Hand gehabt, das so viele Gefühle in mir ausgelöst hat. Und es ist brillant geschrieben. Jedes Wort sitzt, jeder Satz passt. Es ist einfach unglaublich!

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Rezension zu "Die Entbehrlichen" von Ninni Holmqvist

Ausdrucksstarker Ethikroman
Buchsensibelvor 2 Jahren

„Die Entbehrlichen“ ist ein sehr stiller, leiser Roman, aber extrem ausdrucksstark und geht (im wahrsten Sinne des Wortes) unter die Haut. Denn auch hier spielt das Thema der unfreiwilligen Organspende eine große Rolle.

Bei „Die Entbehrlichen“ handelt es sich mehr um einen ethischen Roman für Erwachsene, der sehr stilsicher und eindrücklich erzählt wird und die Gesellschaft (hier die schwedische, welche aber als Synonym für jede Gesellschaft stehen könnte) kritisch im Blick hat. Er wirft humanitäre Fragen auf: die Frage, wie lohnenswert der Mensch in einer leistungsorientierten Gesellschaft ist, was es bedeutet, wenn Menschen nach ihrer Nutzbarkeit in ein Wertigkeitssystem einsortiert werden, wenn eine Zweiklassengesellschaft existiert und die Privilegien der einen zum Wegsehen und Schweigen der anderen gegenüber führen. Wenn Kinderlosigkeit noch immer gleichgesetzt wird mit minderwertigem Leben(sinhalt) und Einsamkeit im mittleren Alter an den Rand des Bewusstseins gedrängt wird.

Ein erschütterndes Gedankenspiel, wohin es führen könnte, wenn ein großer Gesellschaftsteil ein bestehendes System und die Existenz von Ungleichheitsbehandlung nicht in Frage stellt und das Recht auf Würde abhängig ist vom Überlegenheitsdenken bestimmter Gruppierungen. Wenn Ignoranz sich durchsetzt.

Inhaltlich, sprachlich und stilistisch hat mich dieses Buch sehr bewegt.

Am Ende habe ich Rotz und Wasser geheult. Dieser Roman blieb mir noch lange in Erinnerung!

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