Nir Baram

 4.1 Sterne bei 9 Bewertungen
Autor von Weltschatten, Im Land der Verzweiflung und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Nir Baram

Weltschatten

Weltschatten

 (3)
Erschienen am 25.07.2016
Im Land der Verzweiflung

Im Land der Verzweiflung

 (3)
Erschienen am 22.02.2016
Gute Leute

Gute Leute

 (2)
Erschienen am 27.08.2012
Der Wiederträumer

Der Wiederträumer

 (1)
Erschienen am 19.08.2009

Neue Rezensionen zu Nir Baram

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Rezension zu "Weltschatten" von Nir Baram

Rasante Komplexität
Larilunavor 2 Jahren

Der neue Roman des israelischen Autors Nir Baram ist so ein Buch, das man eigentlich gleich ein zweites Mal lesen müsste, um wirklich alle Zusammenhänge zu verstehen. Sich, so wie meine Mutter das öfters macht, direkt von Anfang eine Liste – oder am besten gleich eine Art Stammbaum – mit allen Figuren zu machen, könnte auch eine Lösung sein. Habe ich natürlich nicht gemacht, sodass, auch wenn im Laufe des Romans viele Stränge wieder zusammenlaufen, ein, wie ich finde, angenehmes Gefühl der Rest-Spannung übrig geblieben ist.

Diese Komplexität erreicht der Autor durch drei Handlungsstränge, die – wie nicht anders zu erwarten – letztlich natürlich alle miteinander verbunden sind, sich aber immer wieder abwechseln und so wechselseitige Einblicke in verschiedene Zeitpunkte und Ereignisse entlang der Handlung bieten.

So treffen wir einerseits auf den Israeli Gavriel Manzur, der in jungen Jahren den Hedgefonds-Erben Michael Brookman, US-amerikanischer Jude, kennen lernt und unter dessen Fittiche genommen wird: Gavriel wird Teil einer Gruppe Israeli, die mit Brookman zusammenarbeiten und erhält den Vorsitz der neu gegründeten „Jüdischen Stiftung für Demokratie“. Nur langsam wächst Gavriel in diese privilegierte Rolle hinein, gründet mit den weiteren Akteuren Horowitz, Wolfsohn und Misrutzky in den 90er Jahren eine Art Unternehmensberatung, die vor allem ausländische Investoren ins Land holen will.

Michael Brookman wiederum ist ein alter Bekannter der Eigentümer der erfolgreichen Politikberatungsagentur MSV. Die Gründer Torsten Vanderslice, Alison Mayo und Jordan Steinbeck sind für spektakuläre Erfolge in politischen (Wahl-)Kampagnen auf der ganzen Welt bekannt – aktuell, im 21. Jahrhundert, straucheln sie etwas: Die Kampagne für einen Präsidentschaftskandidaten in Bolivien läuft nicht gerade gut und die Demokratische Republik Kongo will die Zusammenarbeit beenden. Noch dazu hat einer ihrer Zöglinge und Angestellten die Nase voll von dem angeblichen Gutmenschentum der Agentur, die von sich behauptet, mehr Demokratie und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen und einzig und allein für Kandidaten zu arbeiten, deren Ziele sie als ehrbar und aufrichtig empfindet. Daniel Kaye verlässt das Unternehmen von einem Tag auf den anderen und droht kurz darauf mit der Veröffentlichung sensibler Informationen zu MSV…

Wiederum in einem anderen Land, in Großbritannien, hat sich eine Gruppe junger Menschen zusammengefunden, die vor allem eins verbindet: Die modernen Gesellschaftsstrukturen und ihre sozialen Hintergründe haben sie zu Außenseitern und Verlierern des Lebens gemacht. Sie gründen aus dem Nichts eine Initiative: 11.11., weltweiter Streik, eine Milliarde Streikende. Mithilfe der sozialen Netzwerke verbreiten sie die Idee ohne große Strategie und finden dennoch erstaunlich viele Anhänger rund um den Globus. Doch es soll nicht bei einem reinen Mobilisieren bis zu dem Streik bleiben – die verschiedenen Gruppen beginnen sich durch „Aktionen“ bemerkbar zu machen, die darauf zielen, Kultureinrichtungen anzugreifen, zu zerstören, zu besetzen etc und beispielsweise Bücher zu verbrennen. Diese jungen Menschen haben eigentlich erst mal die Sympathien aller der Leser, die der Globalisierung und der (auch) dadurch sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich kritisch gegenüber stehen.

Aber Bücher verbrennen? Das hinterlässt bei jedem normaldenkenden Deutschen (und eigentlich jedem) erst einmal ein schales Gefühl ihm Mund, oder? Die Initiative erklärt das (indirekt) so:

„Keines der Scheißideale, die der Gesellschaft heilig sind, interessiert uns, also sollen sie nicht wagen, von uns zu erwarten, Teil von irgendwas zu sein […] Mit der Aktion im Museum würden wir ihnen im Grunde zeigen: Ihr Fucker, wir sind raus, wir spielen nicht mehr mit.“

Ein Manifest an sich bzw. eine detaillierter Erklärung ihrer Zielsetzungen und deren Hintergründe veröffentlicht die Gruppe nicht. Sie haben keine politische Richtung, keine einzuordnende Weltsicht. Eigentlich erfährt man nur so viel, dass sie gegen das System an sich sind, eben auch mit seinen kulturellen Ausformungen.

Insbesondere der britischen Regierung sind die so schwer einzuschätzenden Rebellen natürlich ein Dorn im Auge. Was tun? Es wird die erfolgreichste Politikagentur der Welt engagiert. Wer war das noch mal – ach ja, natürlich MSV. Doch auch die Initiative „11.11., weltweiter Streik, 1 Milliarde Streikende“ erhält Unterstützung von einem nebulösen Campaigner (wer könnte das wohl sein? Wer aufmerksam gelesen hat, kann diese Stränge jetzt verknüpfen – etwas, womit man im Laufe des Romans konstant beschäftigt ist.)

Wie passt nun der im 21. Jahrhundert schon in der späten Mitte des Lebens angekommene Gavriel Manzur in die Geschichte? Was haben seine (wie sich herausstellt dubiosen) Geschäfte mit den Streikenden zu tun? Hier soll natürlich nicht zu viel verraten werden, aber Nir Baram gibt mit seinem mehrere Jahrzehnte umfassenden Roman eben nicht nur ein Bild der aktuellen globalisierten Welt wieder, sondern auch von dahin führenden Entwicklungen und einigen, beispielhaften Gruppen, die faszinierend miteinander verwoben sind.

Dabei ist Weltschatten auch insoweit global, als dass sich die Handlungen rund um den Globus abspielen: Wir finden uns in den USA, in Kenia, in Israel, in Bolivien, in Großbritannien, in Prag…. Die verschiedenen Handlungsstränge, Charaktere und Zeiten zeichnen sich auch in der Sprache und Darstellungsform aus: Aus der Wir-Perspektive berichten die Streikenden – nach Ende ihrer Aktion – von ihren Erlebnissen in einer etwas raueren Sprache. Gavriel Manzurs Geschichte wird von einem personalen Erzähler erzählt, während der Leser über die Ereignisse bei MSV nur über E-Mail-Nachrichten und Zeitungsartikel informiert wird. Diesen Teil zu lesen, war ab und an nicht ganz einfach, weil Zusammenhänge so erst recht erst nach und nach klar werden und man immer genau darauf schauen muss, wer gerade an wen eine E-Mail schreibt. Aber dabei war es auch besonders unterhaltsam zu lesen.

Ich kann nicht wirklich beurteilen, inwieweit ich es geschafft habe, den Plot verständlich zu vermitteln – oder ihn, mindestens genauso wichtig, spannend erscheinen zu lassen – deshalb soll es noch einmal ausdrücklich gesagt werden:

Nir Barams „Weltschatten“ ist ein spannender, komplexer Roman voller etwas seltsamer Charaktere, der den Leser von Anfang an in die verschiedenen Handlungsstränge wirft und von da an kaum an Geschwindigkeit verliert. Er ist ein (fiktiver) Blick hinter die Kulissen einer Welt, über die wir uns wohl klar sein sollten, dass der Autor sie durchaus nach einem realen Vorbild erschaffen hat.

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M

Rezension zu "Weltschatten" von Nir Baram

In kräftiger, bildreicher Sprache und ein Spiegel der Welt
michael_lehmann-papevor 2 Jahren



Doppeldeutig, mindestens, zu verstehen ist nach der Lektüre der Titel dieses anregend, flüssig und durchaus auch spannend zu lesenden Romans von Nir Baram.

Es sind jene „im Schatten“, um die sich die Erzählfäden winden und drehen. Die, die wirklich die Dinge bewegen, die als Dienstleistung Wahlen professionell aufziehen und begleiten, die in Grauzonen wandeln, wo das Interieur elegant, die Speisen exzellent und die Getränke hochpreisig bereitstehen.

Es sind aber auch jene, welche damit „die Welt in den Schatten stellen“, unter deren hintergründigen Aktionen, Strategien, Bestechungen, Medienkampagnen ganz unbemerkt die Weichen für das Leben auf der Welt gestellt werden.

Und es geht um jene, die auf ihre Art, manchmal professionell fast (im Buch dann unter den schlagenden Sammelbegriff „Terroristen“ gefasst) sich wehren. Das so nicht auf sich beruhen lassen wollen.

Wobei, ganz nebenbei, während der Lektüre, gerade zu Beginn, auch der konkrete Ort Israel in seiner Zerrissenheit und den Strategien der letzten Jahrzehnte prägnant und realistisch dem Leser vor Augen geführt wird.

Und von da aus die konzentrischen Kreise von Aufstieg und Fall sich international über den Erdball bewegen.

Zunächst in der Person Gavriel Mansurs, der, naiv und unbeleckt, durch einen eher losen Kontakt seines Vaters selbst in Kontakt gerät mit einem Hedgefond. Keinem kleinen, im Übrigen.

Natürlich geht er davon aus, dass er tatsächlich ein konkretes Projekt ans Laufen bekommen soll. Und merkt schnell, dass die eigentliche Ware, um dies es in diesem Fall (und jedem anderen Fall im Buch) und ganz allgemein geht aus nur zwei Seiten besteht: Kontakte und Profit.

„Die Tatsache, dass er in Jerusalem nicht einen einzigen Menschen in einflussreicher Stellung kannte, schien ein unüberwindliches Hindernis“.

Wie eine Mauer sieht er das gesellschaftliche Leben vor den inneren Augen. Hinter jener Mauer nur wenige, die aber auch nur in ihren Kreisen und mit Geschäften, Überlegungen und Strategien beschäftigt, die sein Vorstellungsvermögen (noch) übersteigen.

„Schnell offenbarte sich ihm jetzt jene Mauer, die ihn vom anderen Jerusalem trennte“.

Doch Gavriel findet Wege, teils auch mit Glück. Und beginnt, seinen Weg zu machen und zu begreifen, dass auch dieser erste seiner Empfänge anderen Interessen dient, als es nach Außen scheint. Das auf bequemen Möbeln in angenehmer Atmosphäre einige Worte genügen, um ganze Wirtschaftszweige erblühen oder verdorren zu lassen.

Ebenso, wie, zunächst von diesen Ereignissen getrennt, MSV agiert, eine Agentur für Wahlkämpfe. Professionell und sehr erfolgreich werden weltweit Kandidaten, Parteien zur Macht geführt. Was ein einträgliches Geschäft ist und das nicht nur auf pekuniärer Seite.

Und doch, trotz des leisen Auftretens all dieser Hebelbeweger der Welt, es rührt sich Widerstand. Gegen das abgehängt werden. Gegen den Verlust von Einfluss der „normalen“ Bürger.

Von allen Seiten beleuchtet Baram damit auch das Puzzle der Welt, die verschiedenen Kräfte, die Wirken, die verschiedenen Haltungen, die auf verschiedenen Seiten, aber auch in verschiedenen Generationen der vermeintlich gleichen Seite auftreten. Das nämlich nicht alle „jungen Leute aus den besseren Kreisen“ dann doch irgendwann (nach ein bisschen Revoluzzer spielen) sich auf den gewohnten „Kern“ konzentrieren, sondern wirklichen Abstand finden.

Aber lohnt der Kampf? All die Kämpfe auf allen Seiten? Das ist die Frage, die Baram zum Ende hin immer deutlicher im Raum schwingen lässt und damit den Leser mit hinein nimmt in diese Grundfragen des menschlichen Miteinanders und des Aushandelns von Gerechtigkeit.

Ein inhaltlich wie sprachlich hervorragender Roman, der jede Zeile lohnt, der sich nie über den Leser erhebt und dennoch präzise die Spannungen und Reibungen (nicht nur) des aktuellen Zustandes der Welt in ihren Ursachen und Folgen aufzeigt.

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W

Rezension zu "Im Land der Verzweiflung" von Nir Baram

Zwei Völker, eine Heimat
WinfriedStanzickvor 3 Jahren



Der mittlerweile 40 Jahre alte israelische Schriftsteller und Intellektuelle Nir Baram hat sich in den letzten Jahren nicht nur zu einem der schärfsten Kritiker der israelischen Besatzung des Westjordanlandes entwickelt, sondern zählt mittlerweile auch international zu den Schriftstellern, die in einem Atemzug mit Amos Oz oder David Grossmann genannt werden.

Doch ähnlich hart wie mit der israelischen Regierungspolitik geht er um mit der israelischen Linken und der liberalen Boheme in Tel Aviv. Sie, so sagt er, halten an überkommenen Friedensplänen fest, die vielleicht in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts so etwas wie Hoffnung versprachen, mittlerweile aber völlig obsolet geworden sind.

Dies zeigen sehr überzeugend seine Reportagen, die er bei Besuchen 2014 und 2015 in den besetzten Gebieten Westjordanlands geschrieben hat und die hier in einem Band gesammelt sind. Er kommt zu dem Schluss,  "dass die überwiegende Mehrheit aller Israelis keine Ahnung hat, wie das Leben auf der Westbank aussieht. Die meisten sind noch niemals dort gewesen. Man könnte meinen, wir reden über einen theoretischen, nebulösen Ort, der in unserer politischen Vorstellung nur vage existiert, so, wie wir über die Bürgerkriegsschauplätze in Syrien oder Kongo reden."

Auch direkt in Ost-Jerusalem, nur wenige hundert Meter entfernt von den Orten, an denen die Touristen sich gegenseitig auf die Füße treten, hinter einer 12 Meter hohen Mauer, sieht er sich in Ras Khamis mit einer Welt konfrontiert, die man in Israel nicht vermutet hätte:
"Ich habe bei meinen Recherchen Orte in Jerusalem gesehen, die waren schrecklicher als jeder andere Ort, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Schlimmer als in jedem Drittweltland, das ich besucht habe. Vor allem in jenen Teilen Ost-Jerusalems, die hinter der Sperrmauer liegen. Niemand im restlichen Israel glaubt, dass Menschen dort unter solch grauenvollen Bedingungen leben müssen."

In den Dörfern der Palästinenser begegnet er sowohl Menschen, die eine Versöhnung für illusionär halten, als auch welchen, die genau dafür arbeiten. Er erzählt davon, wie eng auf diesem Gebiet schon lange zusammengewachsen ist, was doch nach der Ideologie beider Seiten nie zusammengehören sollte. Ohne die wirtschaftlichen Verbindungen der Palästinensergebiete zu Israel würden diese binnen weniger Wochen kollabieren. Genauso verhält es sich mit den jüdischen Siedlungen:
"Sie sind überall, nicht nur in den großen Siedlungsblöcken, sie sind einfach überall, egal, über welche Straße man durch das Westjordanland fährt, überall sieht man die Siedlungen. Wir sind also nicht mehr in den 1990er-Jahren, wir haben es 2016 mit einer neuen Realität zu tun, in der sich hunderte und aberhunderte Siedlungen überall im Westjordanland finden. Und in denen leben hunderttausende Siedler. Juden und Palästinenser leben dort also miteinander total vermischt. Und ich kenne einfach keine politisch umsetzbare Idee, wie man diese Siedler aus dem Westjordanland wieder herausbekommen könnte."

Zwei Völker, eine Heimat. Das ist eine Initiative in Israel, bei der Nir Baram mitarbeitet, und die auf kleine Modellprojekte für das gleichberechtigte Miteinander von Juden und Palästinensern baut und sie fördert und unterstützt. Eine hoffnungsvolle Alternative zu jener anderen Dystopie eines Apartheidmodells, von dem manche Hardliner träumen.







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