Nir Baram Der Wiederträumer

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Inhaltsangabe zu „Der Wiederträumer“ von Nir Baram

Joel entdeckt als Kind, dass er eine besondere Gabe besitzt: Er kann die Träume anderer mitträumen und sie ihnen wiedergeben. Als Joel Jahre später seiner Frau Rachel von seiner Gabe erzählt, nimmt ein verhängnisvolles Geschehen seinen Lauf: Sie will fortan nur noch träumen, wird geradezu süchtig danach, die nächtlichen Bilder von ihm in lebhafte Eindrücke verwandeln zu lassen. Dieses Spiel mit dem Feuer findet statt während eines monatelangen sintflutartigen Sturms im heutigen, fantastisch verfremdeten Tel Aviv. Auch die Zwillinge Alon und Lior vergreifen sich an der Erinnerung und wollen das Rad der Zeit zurückdrehen: Sie weigert sich, die symbiotische Beziehung zu ihrem Bruder aufzugeben, er trauert einer vergangenen Liebe nach und versucht der Gegenwart zu entfliehen. Die Schicksale beider Paare kreuzen sich mit dem eines "Bettlerkönigs", der die Manipulationen des Gedächtnisses und die Überschreitungen individueller Grenzen ausbeutet und der unter geheimnisvollen Umständen ermordet wird. Vor dem apokalyptischen und zugleich alltäglichen Hintergrund seiner Erzählung entfaltet Nir Baram in einer poetischen Sprache voller Witz und Ironie ein figurenreiches Panorama der israelischen und palästinensischen Gesellschaft.

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  • Rezension zu "Der Wiederträumer" von Nir Baram

    Der Wiederträumer
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    10. September 2012 um 12:05

    1919 musste der Urgroßvater des Wiederträumers Gerschon sein Stetl verlassen. Er habe mit seiner besonderen Gabe den Ehemann einer Frau stumm gemacht, die unter dessen permanenten Beleidigungen schwer zu leiden und Gerschon deshalb um Hilfe gebeten hatte. Obwohl er sich mit der Frage verteidigte: "Glauben denn die verehrten Friedensrichter an Hexerei und Magie?", verurteilten sie ihn, das Stetl zu verlassen. Er ließ seine schwangere Ehefrau zurück, aber nicht , bevor er eine Vignette mit seinem Konterfei geprägt und vor allen Häusern verteilt hatte. Darauf stand zu lesen: "Meine Begabung habt ihr gewollt, zum Dank habt ihr mich verjagt." Nach einem unsteten Wanderleben quer durch Europa stirbt er 1922 vierzigjährig in Wien. Über acht Jahrzehnte später entdeckt sein Urenkel Joel in Israels Hauptstadt Tel Aviv schon als kleiner Junge, dass er das übersinnliche Talent seines Urgroßvaters geerbt hat. Er besitzt die Gabe, die Träume anderer Menschen mitzuträumen und sie ihnen, die sich natürlich nicht daran erinnern können, nach ihrem Erwachen wieder zu geben. Joel wächst in Beth-Hakarem auf, einer jüdischen Gemeinde, in der anscheinend die Gesetze und die Moral noch gelten: "Die Menschen waren werktätig und energisch, die Tage voll von Aktivitäten, selbst die Samstage vorbildlich organisiert. Sogar die Alten machten einen energischen Eindruck, waren immer mit irgendetwas beschäftigt, hatten keine Zeit mit Lappalien zu verplempern. Arbeitslose, Parasiten, Verachtete waren allgemein bekannt und stigmatisiert, man prägte sich die Namen der Sünder und ihre Sünden ein." Über eine lange Zeit schlummert seine Gabe ungenutzt. Als Joel viel später- er hat sich längst aus der traditionellen Denkweise von Beth Hakarem gelöst - seiner Frau Rachel von seiner Gabe erzählt, weil er sein Wissen nicht mehr für sich behalten will, ruht sie nicht, bis er seine Gabe an ihr anwendet. Rachel will nun nur noch träumen und gerät in eine regelrechte Sucht danach. Doch in dem vorliegenden Roman des 1977 geborenen Nil Baram, der in Israel großen Erfolg hatte, gibt es noch viele andere handelnde und träumende Personen. Da ist das Zwillingspaar Alon und Lior, deren Geschichte im Laufe des Buches sich entblättert. Alon verbringt nach einer Schizophrenie in seiner Pubertät seine Tage mit der Zwillingsschwester Lior und übersetzt nebenbei deutsche Kinderbücher. Er macht die Nacht zum Tage, wenn er schwer halluzinierend durch die Straßen Tel Avivs rennt, um seine frühere Geliebte Noa durch den perfekten Traum wieder zu finden. Alon hat die Gabe des Wiederträumens von dem bald darauf ermordeten arabischen Bettlerkönig Jonathan gelernt, der wiederum mit Joel bekannt war, der auch in Verdacht gerät, an Jonathans Tod beteiligt gewesen zu sein. Lior hingegen arbeitet als Haushälterin bei der Träumerin Rachel, ohne dass einer von den Abgründen des Anderen etwas erfährt. All dies geschieht in einem Tel Aviv, das seit Monaten von sintflutartigen Regenfällen und Stürmen heimgesucht wird, was die entsprechenden sozialen und politischen Bewegungen und Aktivitäten auslöst. Der sanfte Apokalyptiker Nir Baram hat einen bitterernsten Roman geschrieben, in dem sich permanent die Ebenen verschieben. Anders als etwa noch bei Amos Oz und David Grossmann ist auch die jüdische oder hebräische Identität seiner Hauptpersonen kein wichtiges Thema mehr. Diese Fragestellung verschwindet sozusagen hinter dem Problem ihre permanenten Fremdheit sich selbst gegenüber. Nir Baram möchte sich wohl mit seinem "Wiederträumer" in die Tradition der alttestamentlichen Propheten stellen, die auch oft durch Träume und ihre Interpretation ihre Kritik an den herrschenden politischen und religiösen Verhältnissen in Israel ausdrückten. Barams Buch kann gelesen werden als eine Parabel auf die Zustände im heutigen Israel. Vor lauter Erinnerungen und Träumen, vor lauter schwerer Vergangenheit wird die Gegenwart und erst recht die Zukunft verpasst . Baram lässt seine Figuren geschickt in aktuelle politische und soziale Widersprüche in Israel verwickelt sein und hatte dort wohl auch deshalb mit diesem schon 2005 ( also lange vor dem Gaza-Krieg) im Original erschienenen Buch einen solchen Erfolg, besonders bei seiner eigenen Generation. Doch auch der große Amos Oz zollte ihm seinen Respekt und nannte das Buch "ein einzigartiges Leseerlebnis." Dies ist es in der Tat. Keine leichte Lektüre, dauernd mit der Komik des Absurden spielend, verzweifelt anschreibend gegen die Übermacht der Vergangenheit und doch nicht ohne Hoffnung für ein Land, für dessen Zukunft er sich einsetzt, indem er immer wieder die Gleichberechtigung von Arabern und Juden in Israel propagiert. "Der Wiederträumer" zeigt ein zwar verfremdetes, aber doch immer wieder deutliches Porträt einer Gesellschaft und eines Landes, das sich fürchtet irgendwann im Sturm unterzugehen, irgendwann von welchen Fluten auch immer überschwemmt zu werden. Der niederländisch- jüdische Schriftsteller Leon de Winter hat in seinem letzten Buch "Das Recht auf Rückkehr" auch von Tel Aviv geschrieben. In seiner Version ist Israel 2024 nach mehreren schmutzigen atomar verseuchten Bombenanschlägen von Islamisten auf die Stadtgrenzen von Tel Aviv reduziert worden. Für de Winter haben "die Palästinenser die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt" und er gibt auch der Welt und insbesondere Europa die Schuld daran, wenn er durch eine seiner Figuren seine auch anderer Stelle festgestellte Behauptung wiederholt: "Die Welt hasste uns, weil wir kein Land hatten und sie hasst uns jetzt, weil wir ein Land haben. Und sie hasst uns auch, weil sie wegen der Shoah Schuldgefühle hat. Schuldgefühle sind problematisch und unliebsam. Wie gern wären die Europäer uns los. Ich glaube, sie hoffen schon seit 1948, dass die Araber die Sache zu Ende bringen." Nir Baram hat einen anderen Blick. Für ihn liegt die Gefahr für Israel in seinen inneren Widersprüchen, daran, wie durch Unrecht Gemeinschaft zerstört wird. Und insofern steht er gewollt oder ungewollt genau in der Tradition von Jesaja, Amos oder Jeremia, die zu Lebzeiten immer wieder darauf hingewiesen haben, dass die Duldung bzw. die Förderung des Unrechts im Land den feindlichen Mächten geradezu die Tür öffnet. Dem Fremden Heimstatt zu geben, den Witwen Recht zu verschaffen, den Armen zu achten und die Gesetze zu halten, das gereiche dem Land zum Segen, so wurden die Propheten im AT nicht müde zu sagen. Doch es ist schwer, wenn die Fremden sich nicht integrieren wollen, ja wenn sie die Juden ins Meer treiben und vernichten möchten, es ist schwer, wenn sich u.a. Witwen als lebende Sprengsätze in Cafes in die Luft jagen und die Armen nur noch von Alimenten leben wollen, weil sie selbst nichts auf die Beine bringen und ihre selbsternannten Führer nur in die eigene Tasche wirtschaften. Barams Buch ist ein weiteres literarisches Dokument aus einer zerrissenen und gespaltenen Gesellschaft, die Rachel Shabi unlängst in "Wir sehen aus wie der Feind" eindrucksvoll aus der Sicht arabischer Juden beschrieben hat.

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