Nir Baram Weltschatten

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Inhaltsangabe zu „Weltschatten“ von Nir Baram

Die amerikanische Beratungsfirma MSV steuert Wahlkampagnen rund um den Globus, angeblich im Namen von Demokratie und Gerechtigkeit. Doch die Realität sieht anders aus: Intrigen und Skandale, korrupte Investoren, denen nichts heilig ist. Einem der hochrangigen Campaigner reicht es: Daniel Cay nimmt Kontakt zu einer Gruppe junger Anarchisten auf, die sich im Kampf gegen Globalisierung und Kapitalismus über alle Regeln hinwegsetzen. Man ruft schließlich zu einem gigantischen, weltweiten Streik auf. Mit meisterhaftem Blick für die globalen Zusammenhänge legt Nir Baram, der „beste junge Schriftsteller aus Israel“ (NRC), seinen Finger in die offenen Wunden eines Systems, das vom Hunger nach Geld und Macht beherrscht wird.

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    Weltschatten

    Lariluna

    25. March 2017 um 17:43

    Der neue Roman des israelischen Autors Nir Baram ist so ein Buch, das man eigentlich gleich ein zweites Mal lesen müsste, um wirklich alle Zusammenhänge zu verstehen. Sich, so wie meine Mutter das öfters macht, direkt von Anfang eine Liste – oder am besten gleich eine Art Stammbaum – mit allen Figuren zu machen, könnte auch eine Lösung sein. Habe ich natürlich nicht gemacht, sodass, auch wenn im Laufe des Romans viele Stränge wieder zusammenlaufen, ein, wie ich finde, angenehmes Gefühl der Rest-Spannung übrig geblieben ist. Diese Komplexität erreicht der Autor durch drei Handlungsstränge, die – wie nicht anders zu erwarten – letztlich natürlich alle miteinander verbunden sind, sich aber immer wieder abwechseln und so wechselseitige Einblicke in verschiedene Zeitpunkte und Ereignisse entlang der Handlung bieten. So treffen wir einerseits auf den Israeli Gavriel Manzur, der in jungen Jahren den Hedgefonds-Erben Michael Brookman, US-amerikanischer Jude, kennen lernt und unter dessen Fittiche genommen wird: Gavriel wird Teil einer Gruppe Israeli, die mit Brookman zusammenarbeiten und erhält den Vorsitz der neu gegründeten „Jüdischen Stiftung für Demokratie“. Nur langsam wächst Gavriel in diese privilegierte Rolle hinein, gründet mit den weiteren Akteuren Horowitz, Wolfsohn und Misrutzky in den 90er Jahren eine Art Unternehmensberatung, die vor allem ausländische Investoren ins Land holen will. Michael Brookman wiederum ist ein alter Bekannter der Eigentümer der erfolgreichen Politikberatungsagentur MSV. Die Gründer Torsten Vanderslice, Alison Mayo und Jordan Steinbeck sind für spektakuläre Erfolge in politischen (Wahl-)Kampagnen auf der ganzen Welt bekannt – aktuell, im 21. Jahrhundert, straucheln sie etwas: Die Kampagne für einen Präsidentschaftskandidaten in Bolivien läuft nicht gerade gut und die Demokratische Republik Kongo will die Zusammenarbeit beenden. Noch dazu hat einer ihrer Zöglinge und Angestellten die Nase voll von dem angeblichen Gutmenschentum der Agentur, die von sich behauptet, mehr Demokratie und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen und einzig und allein für Kandidaten zu arbeiten, deren Ziele sie als ehrbar und aufrichtig empfindet. Daniel Kaye verlässt das Unternehmen von einem Tag auf den anderen und droht kurz darauf mit der Veröffentlichung sensibler Informationen zu MSV… Wiederum in einem anderen Land, in Großbritannien, hat sich eine Gruppe junger Menschen zusammengefunden, die vor allem eins verbindet: Die modernen Gesellschaftsstrukturen und ihre sozialen Hintergründe haben sie zu Außenseitern und Verlierern des Lebens gemacht. Sie gründen aus dem Nichts eine Initiative: 11.11., weltweiter Streik, eine Milliarde Streikende. Mithilfe der sozialen Netzwerke verbreiten sie die Idee ohne große Strategie und finden dennoch erstaunlich viele Anhänger rund um den Globus. Doch es soll nicht bei einem reinen Mobilisieren bis zu dem Streik bleiben – die verschiedenen Gruppen beginnen sich durch „Aktionen“ bemerkbar zu machen, die darauf zielen, Kultureinrichtungen anzugreifen, zu zerstören, zu besetzen etc und beispielsweise Bücher zu verbrennen. Diese jungen Menschen haben eigentlich erst mal die Sympathien aller der Leser, die der Globalisierung und der (auch) dadurch sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich kritisch gegenüber stehen. Aber Bücher verbrennen? Das hinterlässt bei jedem normaldenkenden Deutschen (und eigentlich jedem) erst einmal ein schales Gefühl ihm Mund, oder? Die Initiative erklärt das (indirekt) so: „Keines der Scheißideale, die der Gesellschaft heilig sind, interessiert uns, also sollen sie nicht wagen, von uns zu erwarten, Teil von irgendwas zu sein […] Mit der Aktion im Museum würden wir ihnen im Grunde zeigen: Ihr Fucker, wir sind raus, wir spielen nicht mehr mit.“ Ein Manifest an sich bzw. eine detaillierter Erklärung ihrer Zielsetzungen und deren Hintergründe veröffentlicht die Gruppe nicht. Sie haben keine politische Richtung, keine einzuordnende Weltsicht. Eigentlich erfährt man nur so viel, dass sie gegen das System an sich sind, eben auch mit seinen kulturellen Ausformungen. Insbesondere der britischen Regierung sind die so schwer einzuschätzenden Rebellen natürlich ein Dorn im Auge. Was tun? Es wird die erfolgreichste Politikagentur der Welt engagiert. Wer war das noch mal – ach ja, natürlich MSV. Doch auch die Initiative „11.11., weltweiter Streik, 1 Milliarde Streikende“ erhält Unterstützung von einem nebulösen Campaigner (wer könnte das wohl sein? Wer aufmerksam gelesen hat, kann diese Stränge jetzt verknüpfen – etwas, womit man im Laufe des Romans konstant beschäftigt ist.) Wie passt nun der im 21. Jahrhundert schon in der späten Mitte des Lebens angekommene Gavriel Manzur in die Geschichte? Was haben seine (wie sich herausstellt dubiosen) Geschäfte mit den Streikenden zu tun? Hier soll natürlich nicht zu viel verraten werden, aber Nir Baram gibt mit seinem mehrere Jahrzehnte umfassenden Roman eben nicht nur ein Bild der aktuellen globalisierten Welt wieder, sondern auch von dahin führenden Entwicklungen und einigen, beispielhaften Gruppen, die faszinierend miteinander verwoben sind. Dabei ist Weltschatten auch insoweit global, als dass sich die Handlungen rund um den Globus abspielen: Wir finden uns in den USA, in Kenia, in Israel, in Bolivien, in Großbritannien, in Prag…. Die verschiedenen Handlungsstränge, Charaktere und Zeiten zeichnen sich auch in der Sprache und Darstellungsform aus: Aus der Wir-Perspektive berichten die Streikenden – nach Ende ihrer Aktion – von ihren Erlebnissen in einer etwas raueren Sprache. Gavriel Manzurs Geschichte wird von einem personalen Erzähler erzählt, während der Leser über die Ereignisse bei MSV nur über E-Mail-Nachrichten und Zeitungsartikel informiert wird. Diesen Teil zu lesen, war ab und an nicht ganz einfach, weil Zusammenhänge so erst recht erst nach und nach klar werden und man immer genau darauf schauen muss, wer gerade an wen eine E-Mail schreibt. Aber dabei war es auch besonders unterhaltsam zu lesen. Ich kann nicht wirklich beurteilen, inwieweit ich es geschafft habe, den Plot verständlich zu vermitteln – oder ihn, mindestens genauso wichtig, spannend erscheinen zu lassen – deshalb soll es noch einmal ausdrücklich gesagt werden: Nir Barams „Weltschatten“ ist ein spannender, komplexer Roman voller etwas seltsamer Charaktere, der den Leser von Anfang an in die verschiedenen Handlungsstränge wirft und von da an kaum an Geschwindigkeit verliert. Er ist ein (fiktiver) Blick hinter die Kulissen einer Welt, über die wir uns wohl klar sein sollten, dass der Autor sie durchaus nach einem realen Vorbild erschaffen hat.

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  • In kräftiger, bildreicher Sprache und ein Spiegel der Welt

    Weltschatten

    michael_lehmann-pape

    26. August 2016 um 14:17

    Doppeldeutig, mindestens, zu verstehen ist nach der Lektüre der Titel dieses anregend, flüssig und durchaus auch spannend zu lesenden Romans von Nir Baram.Es sind jene „im Schatten“, um die sich die Erzählfäden winden und drehen. Die, die wirklich die Dinge bewegen, die als Dienstleistung Wahlen professionell aufziehen und begleiten, die in Grauzonen wandeln, wo das Interieur elegant, die Speisen exzellent und die Getränke hochpreisig bereitstehen.Es sind aber auch jene, welche damit „die Welt in den Schatten stellen“, unter deren hintergründigen Aktionen, Strategien, Bestechungen, Medienkampagnen ganz unbemerkt die Weichen für das Leben auf der Welt gestellt werden.Und es geht um jene, die auf ihre Art, manchmal professionell fast (im Buch dann unter den schlagenden Sammelbegriff „Terroristen“ gefasst) sich wehren. Das so nicht auf sich beruhen lassen wollen.Wobei, ganz nebenbei, während der Lektüre, gerade zu Beginn, auch der konkrete Ort Israel in seiner Zerrissenheit und den Strategien der letzten Jahrzehnte prägnant und realistisch dem Leser vor Augen geführt wird.Und von da aus die konzentrischen Kreise von Aufstieg und Fall sich international über den Erdball bewegen.Zunächst in der Person Gavriel Mansurs, der, naiv und unbeleckt, durch einen eher losen Kontakt seines Vaters selbst in Kontakt gerät mit einem Hedgefond. Keinem kleinen, im Übrigen.Natürlich geht er davon aus, dass er tatsächlich ein konkretes Projekt ans Laufen bekommen soll. Und merkt schnell, dass die eigentliche Ware, um dies es in diesem Fall (und jedem anderen Fall im Buch) und ganz allgemein geht aus nur zwei Seiten besteht: Kontakte und Profit.„Die Tatsache, dass er in Jerusalem nicht einen einzigen Menschen in einflussreicher Stellung kannte, schien ein unüberwindliches Hindernis“.Wie eine Mauer sieht er das gesellschaftliche Leben vor den inneren Augen. Hinter jener Mauer nur wenige, die aber auch nur in ihren Kreisen und mit Geschäften, Überlegungen und Strategien beschäftigt, die sein Vorstellungsvermögen (noch) übersteigen.„Schnell offenbarte sich ihm jetzt jene Mauer, die ihn vom anderen Jerusalem trennte“.Doch Gavriel findet Wege, teils auch mit Glück. Und beginnt, seinen Weg zu machen und zu begreifen, dass auch dieser erste seiner Empfänge anderen Interessen dient, als es nach Außen scheint. Das auf bequemen Möbeln in angenehmer Atmosphäre einige Worte genügen, um ganze Wirtschaftszweige erblühen oder verdorren zu lassen.Ebenso, wie, zunächst von diesen Ereignissen getrennt, MSV agiert, eine Agentur für Wahlkämpfe. Professionell und sehr erfolgreich werden weltweit Kandidaten, Parteien zur Macht geführt. Was ein einträgliches Geschäft ist und das nicht nur auf pekuniärer Seite.Und doch, trotz des leisen Auftretens all dieser Hebelbeweger der Welt, es rührt sich Widerstand. Gegen das abgehängt werden. Gegen den Verlust von Einfluss der „normalen“ Bürger.Von allen Seiten beleuchtet Baram damit auch das Puzzle der Welt, die verschiedenen Kräfte, die Wirken, die verschiedenen Haltungen, die auf verschiedenen Seiten, aber auch in verschiedenen Generationen der vermeintlich gleichen Seite auftreten. Das nämlich nicht alle „jungen Leute aus den besseren Kreisen“ dann doch irgendwann (nach ein bisschen Revoluzzer spielen) sich auf den gewohnten „Kern“ konzentrieren, sondern wirklichen Abstand finden.Aber lohnt der Kampf? All die Kämpfe auf allen Seiten? Das ist die Frage, die Baram zum Ende hin immer deutlicher im Raum schwingen lässt und damit den Leser mit hinein nimmt in diese Grundfragen des menschlichen Miteinanders und des Aushandelns von Gerechtigkeit. Ein inhaltlich wie sprachlich hervorragender Roman, der jede Zeile lohnt, der sich nie über den Leser erhebt und dennoch präzise die Spannungen und Reibungen (nicht nur) des aktuellen Zustandes der Welt in ihren Ursachen und Folgen aufzeigt.

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