Die erzählte Zeit (1919-1944) umfasst das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, auch wenn hier die blutigen Dramen ausgespart werden, sind es vielmehr die inner-psychischen Konflikte, mit denen sich besonders der Ich-Erzähler auseinandersetzen muss. Seine sexuelle Orientierung, die in ihrer Entwicklung sehr einfühlsam, zunächst nur in Andeutungen sichtbar werdend, geschildert wird, gibt der Geschichte einen Rahmen, in dem sich dem sich die übrigen Ereignisse widerspiegeln und nach Erklärungen suchen, die nicht oder kaum zu finden sind.
Es sind die besonderen Lebensverhältnisse der handelnden Personen, die es dem Leser ermöglichen, nach den Hintergründen der menschlichen Verwundbarkeit, aber auch den Abgründen der menschlichen Existenz zu schauen, um derart gefesselt, seine eigene Position und Haltung zu definieren, immer bewusst, dass es aus der zeitlichen Distanz natürlich fast unmöglich ist, sich in den Machenschaften jener Zeit auch nur annähernd zurechtzufinden. Das heute zur Verfügung stehende Wissen schafft eine Distanz zu jener Zeit, die nicht aufzuheben ist, auch wenn die Emotionen nach wie vor denselben hormonell gesteuerten Mechanismen gehorchen. Zumindest der persönliche Versuch, Dinge zu hinterfragen und zur Diskussion zu stellen, bekommt hier eine kluge Lektion.
Es ist die teils brutale Wucht mancher Sätze, die den Leser in Bann schlagen: „Sie denken in einer idealen Welt, Kesselbach [Ich-Erzähler], in der von Kant oder Leibniz oder Jesus Christus meinetwegen, nur leider gibt es diese Welt nicht. Dabei übersehen sie das Eigentliche, das ist der Tod. Darum dreht sich alles, und nur weil Sie ihn ausblenden, heißt das nicht, dass er für uns nicht da ist. Entweder der Feind oder wir.“ Dabei spielen die menschlichen Bedürfnisse doch eine so subtile, aber auch verführbare Rolle: „Die meisten wollen ihre Ruhe, sie wollen Sauberkeit, Ordnung, eine Frau, die ihnen die Kinder großzieht, und sie wollen hören, dass sie etwas sind. Irgendetwas. Darum jubeln die H*tler [Veränderung durch H.C.F.] zu.“
An der Person von Magda Göbbels wird die ganze Spannbreite menschlicher Verhaltensmuster deutlich in Szene gesetzt. Da man das historische Ende kennt, wirkt es umso trauriger, wie sich hier ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer, in die dunklen Zonen des Lebens begibt.

















