Treffen sich zwei ältere, renommierte Hirnforscher am Kamin (oder im Moment wohl eher am Pool) und unterhalten sich über ihr Fachgebiet. Was gibt es Neues, und wie bekommt man das aktuelle Wissen so gekonnt zwischen zwei Buchdeckel, dass auch „Lieschen Müller“ (Sorry!) das verstehen könnte. Denn immerhin geht es um unser Denkorgan in verschiedenen Lebensabschnitten. Und da wäre es schon wichtig zu wissen, mit welchen Leistungen oder eben Minderleistungen jeweils zu rechnen ist – und wie diese erklärt werden können.
Bei diesem Gespräch läuft ein „Tonband“ mit (inzwischen reicht ein Smartphone mit entsprechender App), das Gesprochene wird später von einer Mitarbeiterin transkribiert und schließlich als Buch gedruckt – leider ohne den Inhalt auf sachliche oder sonstige Fehler zu überprüfen.
So, oder so ähnlich muss es sich abgespielt haben. Denn anders ist nicht vorstellbar, dass zwei derart hochkarätige Wissenschaftler „so etwas fabrizieren“.
Keep it simple stupid! So lautet offensichtlich die Devise der beiden Autoren, die sich im flotten Wechsel in der Erklärung von neuronalen Vorgängen, insbesondere im Bereich des (lebenslangen) Lernens, versuchen. Es ist erstaunlich, dass der Erstautor, Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, dem mit „Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens“, ein grundlegendes und hochgelobtes Werk gelungen ist, sich auf dieses Niveau begibt. Aber sei’s drum, grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, eine mögliche große Leserschaft zu generieren. Am Cover kann es jedenfalls nicht liegen, wenn das Buch kein Verkaufshit wird. Das ist recht hübsch gemacht und ziert sicher jede Bibliothek. Aber das nur am Rande.
Aufgrund dieser Einschränkung kann also bereits hier festgehalten werden, dass sich die Lektüre dieses Buches nur für absolute „Gehirn-Laien“ ein Gewinn ist. Sie erfahren so einiges über unser Denkorgan in Abhängigkeit vom Lebensalter. Auch wenn die eine oder andere Information schräg aufgebaut ist bzw. sachlich falsch, so wird es die eine oder andere Leserin, den ein oder anderen Leser sicher dazu bewegen, sich intensiver mit dieser Materie zu beschäftigen. Insofern hat dieses Buch für diese Zielgruppe eine gewisse Relevanz. Für alle anderen ist es allerdings pure Zeitverschwendung.
Denn Neues erfährt man eigentlich nicht. Mal abgesehen davon, dass „[…] sehr viel kaputt sein muss – rund siebzig bis achtzig Prozent –, damit ein solches Netzwerk merklich schlechter funktioniert“. Aber muss man das gleich in einem der nächsten Kapitel drei Mal wiederholen? (1) „Es muss sehr viel kaputtgehen, bis man überhaupt merkt, das irgendetwas kaputt ist.“ Nach einigen Sätzen (nach acht, um genau zu sein) folgt (2) „Wie schon an anderer Stelle angemerkt, muss schon sehr viel kaputt sein, damit man überhaupt etwas davon merkt.“ Kurz drauf folgt (3) „Das gute an solchen Krankheiten ist […], dass über einen langen Zeitraum hinweg sehr viel kaputtgehen kann, ohne dass man etwas davon merkt.“
Einige Informationen sind überholt, wie beispielsweise die ungefähre Anzahl der Neuronen im menschlichen Gehirn. Nach nicht mehr ganz so neuen Erkenntnissen sind es nicht 100 Milliarden, sondern 86 Milliarden (Peichel, 2015). Aber auch mit dieser Anzahl lässt sich gut leben. Selbst wenn man davon ausgeht, dass, vorausgesetzt man verlöre jeden Tag etwa 10.000 Nervenzellen, dies bei „einem Siebzigjährigen gerade einmal eins Komma drei Prozent“ wären. Ich hab’s nicht nachgerechnet; es wird wohl stimmen – zumindest bei den hier angenommenen 100 Milliarden Nervenzellen. Und ob die folgende Aussage in dieser Absolutheit stimmt, wage ich zumindest zu bezweifeln: „Selbst im Medizinstudium wurde vor fünfzehn Jahren noch gelehrt, dass die Anzahl der Neuronen ständig abnehme, bis man im Alter von achtzig bis hundert Jahren nur noch ganz wenige Neuronen habe und dann unweigerlich die Alzheimerkrankheit bekomme.“
Andere Informationen sind einfach falsch: „Hinzu kommt, dass sich aus Stammzellen in unserem Gehirn immer wieder neue Nervenzellen entwickeln, sodass es einen gewissen Nachschub gibt. […] Und so kommt es, dass wir selbst im hohen Alter über nahezu die gleiche Anzahl an Nervenzellen im Gehirn verfügen wie als junger Mensch.“ Das ist Nonsens, da die sogenannte Neurogenese ausschließlich im Hippocampus erfolgt (zumindest bei Homo sapiens; bei untersuchten Kleinnagern sieht es etwas anders aus, hier erfolgen Neubildungen offensichtlich auch im Riechhirn). Dies wird später von Spitzer korrigiert. Immerhin.
Genauso falsch ist die Information, „dass ältere Menschen, etwa ab dem Rentenalter, tatsächlich nur noch etwa sechs Stunden Schlaf pro Tag benötigen.“ Zwar reduziert sich der Schlafbedarf tatsächlich im Alter, allerdings nicht auf sechs Stunden, sondern auf sieben bis acht Stunden, bei allerdings verändertem Schlafmuster (Walker, 2018).
Leider gibt es auch Sätze die weh tun: „Unsere Lernfähigkeit wird nicht nur durch das Gehirn bestimmt, sondern auch durch die körperlichen Funktionen, die absolut notwendig sind – auch für die Funktion des Gehirns.“ Oder: „Die Forscher hat das unglaublich überrascht.“ Und, Merksätze werden nicht besonders gemerkt, wenn man sie wortgleich wiederholt – zumindest dann nicht, wenn die Zweitausgabe an einer Stelle gedruckt wird, wo sie ganz und gar nicht passt.
Die folgende Aussage hat mich besonders irritiert: „Gehirngröße, Größe der Gruppe, in der man lebt, und Lebensalter sind korreliert.“ Bedeutet das für mich, ausgestattet mit einem üppigen Westfalenschädel (da passt ganz schon viel Hirn rein …), dass ich „kleinerköpfigen“ Menschen per se einen Vorteil habe? Leider passt (oder korreliert, s.o.) es mit meiner Herkunft dann doch nicht (Minidorf, eher ein Weiler). Übersetzt hieße das: Wenn ich mit meinem recht großen Gehirn in einem größeren Dorf aufgewachsen wäre, würde ich länger leben. Mist (oder Pech)!
Es fällt mir schwer, jetzt auch noch die positiven Aspekte dieses Buches herauszuarbeiten. Die gibt es natürlich und sie lassen sich vielleicht in den hier gegebenen Tipps stellvertretend zusammenfassen: (1) „Enkel anzuschaffen“, (2) „Gemeinschaft anderer Menschen zu suchen“, (3) „Bewegung“, (4) „richtige Ernährung“ („Olivenöl etwa vermindert das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, um etwa vierzig Prozent.“) sowie (5) „Neugierig und lernwillig bleiben“.
(25.6.2020)













