Der gebürtige Oberösterreicher Norbert Philipp versucht einem potentiellen Besucher und/oder möglichen zukünftigen Bewohner der 2-Millionen-Stadt mit diesem Buch eine einfache Charakteristik der Stadt zu geben. Doch geht das überhaupt? Kann man alles über einen Kamm scheren?
Egal von welcher Seite man die Bundeshauptstadt betrachtet, die Antwort wird immer ein persönliches Empfinden enthalten, abhängig davon, ob man Tourist, (Wochen)Pendler, Zugereister oder Einheimischer ist und mit welcher persönlicher Stimmung man der Stadt, die zunächst als Militärlager Römischer Truppen, mittelalterliche Stadt, später Haupt- und Residenzstadt eines riesigen Habsburgerreiches fungierte und prächtige Bauten hervorbrachte, von denen dann einige im Zweiten Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut worden sind, sowie jene Leerstellen, die man mit moderner Architektur, über die man durchaus unterschiedlicher Meinung sein darf, gefüllt hat, begegnet.
Manches zeigt er mit Augenzwinkern, wie zum Beispiel Benennung des zwischen 1972 und 1987 während der Zweiten Donauregulierung errichteten Hochwasserschutzbaues an der linken Seite der Donau. Was technisch Entlastungsgerinne heißt, weil es während eines Hochwassers zur Entlastung des Hauptstromes das überschüssige Wasser aufnimmt, wird in Neue Donau umbenannt. Da muss man sich schon fragen, welchem Marketinggenie das eingefallen ist oder wurde hier nur die Tradition weitergesponnen? Immerhin gibt es ja auch eine Alte Donau, den Altarm, den man bei der ersten Donauregulierung abgetrennt hat.
Der eigentliche Wiener, der ja eine Melange aus Menschen verschiedener Herkunft ist, hat häufig etwas zu meckern. Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, welche Schelte die Stadtverwaltung erhalten hat (und noch immer erhält), weil das größte Stadtentwicklungsgebiet Europas, die Seestadt Aspern, ZUERST mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen worden ist, bevor noch die Tausenden Wohnungen besiedelt worden sind. Man hat aus einigen Fehlern der Vergangenheit gelernt, denn die Wohnbauten in der Großfeldsiedlung (selber Bezirk) wurden seinerzeit OHNE Nahversorger und öffentliche Verkehrsmittel errichtet.
"Man kann Wien nicht unterstellen, dass es nicht versucht hätte, sich mit der Zeit zu arrangieren. Aber eben in seinem eigenen Tempo. Dass die Zeit anderswo fließt und läuft, aber hier nur tröpfelt und strawanzt, dafür kann man ja nix." (S. 129)
Der Autor ist neben seiner Arbeit als Journalist auch als Fremdenführer und Kulturvermittler in Wien unterwegs. In dieser Eigenschaft wirft er gemeinsam mit einem (hoffentlich) interessierten Publikum durchaus auch einen liebevoll kritischen Blick auf die Stadt, die nicht umsonst mehrfach mit dem Prädikat „lebenswerteste Stadt“ ausgezeichnet worden ist. Jenen, die immer nur nörgeln und Wien schlecht reden, empfehle ich, für mehrere Monate in eine andere europäische Hauptstadt zu übersiedeln.
Ein einfaches „So tickt Wien“ kann es meiner Ansicht nicht geben, dazu sind ändern sich die Menschen und die Umstände, auch wenn man es nicht glauben mag, zu häufig. Was heute noch Gültigkeit kann morgen (oder übermorgen oder erst in zehn Jahren) schon wieder passée sein.
Gerne gebe ich diesem unterhaltsamen wie interessanten Buch 4 Sterne. Und ja, man immer noch etwas verbessern, auch in Wien. Nobody is perfect!








