Norbert Sternmut Marlies

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Inhaltsangabe zu „Marlies“ von Norbert Sternmut

Von Normans Spielfeld und Marlies, der Hexe Nach dem erfolreichen Krimi "Der Tote im Park" folgt nun das Mittelstück einer Trilogie: "Marlies". Der Leser darf sich auf alles gefasst machen, denn die rothaarige lüsterne Marlies macht sich wieder einmal über den wankelmütigen Schriftsteller Norman her, der selbstverständlich keine Chance gegen ihre Attacke hat. Norbert Sternmut (ein Pseudonym?) hat schon mehrere Romane veröffentlicht, schreibt aber auch Theaterstücke und Gedichte. Mehr Infos gibt's auf seiner Website www.sternmut.de. Norman, der Schriftsteller, hat sich mit seiner Frau Regina und den zwei Kindern Lisa und Gloria (die nicht von ihm sind) fest eingerichtet in einer sicheren, gedeihlichen Umgebung, so dass er an seinem nächsten Roman schreiben kann. Was die mütterlich treu sorgende Regina allerdings nicht ahnt: Norman hat eine Geliebte, eine gewisse Eva Adam. (Man sieht: Namen tun hier wenig zur Sache.) Das dürfte für ihn zu einem gewissen Problem werden. Marlies hat nämlich angerufen – Marlies, die Zerstörerin, Aphrodite und Kalí in einem, Normans femme fatale. Leider konnte Norman die Klappe nicht halten und erzählte ihr von Eva. Wenig später meldet sich der Herr Inspektor (der überhaupt keinen Namen hat) bei Norman an: Eva Adam sei ermordet (mit "aufgetrennten Brüsten" und „zerschnittenen Genitalien“) aufgefunden worden, und ob der Herr Schriftsteller, dessen Fingerabdrücke man überall in der Eva-Wohnung gefunden habe, etwas Erhellendes dazu beitragen könnte? Norman kann nicht. Als Marlies vor der Tür steht, während Regina beim Einkaufen ist, kann Norman ihr nicht widerstehen, so sehr er sich das auch wünschen würde – von wegen Treue zu Regina und so. Die anschließende Sexszene dauert so lange, dass Regina die beiden in ihrer Wohnung vorfindet. Regina wurde von ihrer Freundin Helga gewarnt, dass der Schriftsteller sie eines Tages enttäuschen würde. Regina stellt Norman auf die sanfte Tour vor die Wahl zwischen zwei Frauen. Doch er hält an ihr fest. Sagt er. Der Verdacht des Herrn Inspektors gegen Norman wird immer dringender. Warum, bleibt vorerst unklar – Polizeigeheimnis. Allerdings gibt Norman das Verhältnis zu Eva Adam erstmals zu. Das ist wohl nicht so geschickt. Marlies lädt ihn zu einem Stelldichein bei sich ein, doch er erzählt ihr nochmals, dass Eva seine Geliebte gewesen sei und er seiner Frau "treu" bleiben wolle. Nix da: Marlies' Verhältnis zum Schriftsteller, über das nun endlich mehr zu erfahren ist, verhindert, dass er sich ihr verweigern kann. Seine fatale Muse ist für ihn ebenso lebensnotwendig wie die treue Versorgerin. Da taucht der Herr Inspektor auf und nimmt den Schriftsteller wegen dringenden Mordverdachts fest. Ob ihn Marlies oder Regina aus seiner Zelle herausholen, dürfte der zweite Teil des Romans zeigen. Mein Eindruck "Marlies" ist zwar ein Krimi mit entsprechender Handlungsstruktur, aber es ist beleibe kein realistischer Roman im handelsüblichen Sinne. Das lässt sich schon an der Tatsache ablesen, dass es der Autor wagt, einer der wichtigsten Figuren eines Krimis, nämlich dem Ermittler, hier den Eigennamen zu verweigern. Unerhört, nicht wahr! Er ist einfach nur "der Herr Inspektor" – eine Chiffre. Jeder Leser kann sie mit einem Gesicht versehen. Das gilt im Grunde auch für die übrigen Figuren in diesem Stück: Marlies, die fatale Muse; Regina, die mütterliche Ehefrau; Norman, der schwankende Schriftsteller, der wie sein Namensvetter Norman Bates (aus Hitchcocks "Psycho") womöglich einen gravierenden Mutterkomplex hat. Nicht nur die Figuren sind typisiert, als habe man es mit einem morality play zu tun, sondern auch ihre Sprechweise widerspricht dem mimetischen Prinzip, demzufolge die Figuren so sprechen sollten, wie es wirkliche Menschen tun. Sie deklamieren, argumentieren, überreden, beschwören, flehen einander an, sprechen mit Ausrufezeichen, Fragezeichen und was nicht alles. Der Ton erinnert an Theaterstücke, an hymnische Gedichte (Klopstock, Hölderlin usw.). Dann wieder beschäftigt sich der Autor mit prosaischen Themen wie dem Leben in Ibbenbüren bei Osnabrück, von wo nie eine Bundespräsident o.ä. gekommen ist. Auch Elfriede (Jelinek) und Peter (Handke) sowie Martin (Walser) tauchen als Chiffren auf, herbeizitiert, wie es dem Zweck des Moments dienlich erscheint. Eines wird also klar: Die Darstellung von Fakten, wie sie einem Krimi wohl ansteht, ist hier nicht weiter von belang. "Wahrheit" ist nur ein Wort und Fiktion alles. "Wirklichkeit" ist der Willkür ausgeliefert. Insofern hat es der Leser eher mit einer subjektiven Weltkonstruktion wie bei Joyce oder T.S. Eliot zu tun als mit einer realistischen Erzählweise, die sich eben an Realien festmacht. Die Bewusstseinsebenen wechseln ebenso leicht wie die Sprachebenen. Gleichzeitig reflektiert der Ich-Erzähler, der sich selbst als "Norman-Figur" auf die Bühne des Geschehens stellt, über die dargestellte Geschichte: Fiktion und Reflexion sind eng miteinander verknüpft. Selbst wenn "Norman" also stürbe, so wäre dies relativ unerheblich: Dies ist nur für die Fiktion relevant, nicht aber für den reflektierenden Erzähler. Für ihn ist die Fiktion eine Versuchanordnung. Falls er sich in "Norman" spiegelt, so findet sich Norman in einem Experiment der Beziehungen zwischen drei Frauen: Marlies, Regina und Eva Adam. Eva wird schon bald aus der Gleichung entfernt, und wer weiß, was Regina noch zustößt? Falls Norman versucht, eine Position zu finden, so ist dieser Versuch wohl zum Scheitern verurteilt. Als Nicht-handelnder, sondern Gelegenheit-Ergreifender, als Beobachter, ist er ein Spielball mehr oder weniger sichtbarer Kräfte – Marlies ist eine davon. Norman kann nur versuchen, möglichst "gut" zu scheitern – frei nach Samuel Beckett. Woran sich die Qualität dieses Scheiterns bemisst, ist jedem Leser selbst überlassen. Unterm Strich Für den durchschnittlichen Krimileser, der nur eine einigermaßen spannende Unterhaltung für zwei bis drei Tage erwartet, nach denen er den nächsten Krimi "verschlingen" kann, eignet sich "Marlies" nur in sehr eingeschränktem Maß. Schon bald bildet nämlich das Spiel mit der Fiktion Stolpersteine auf dem Weg zur Unterhaltung. "Marlies" bietet kein Paralleluniversum, sondern eine Spielwiese, auf der sich der Autor nach Belieben auslässt, wonach ihm der Sinn steht. Dafür muss der Leser nicht einmal den ersten Band der Trilogie, "Der Tote im Park", kennen. Wenn dies also kein "richtiger Krimi" ist, dann ist es vielleicht ein erotischer Liebesroman? Die Marlies-Figur als verführerische Muse, die den Schriftsteller aus Reginas fürsorglichem Herrschaftsbereich in das Reich von Eros und Sexus entführt, ist die klassische Hexe. Und die Norman-Figur verbrennt sich an ihr regelmäßig die Finger, bedient sich ihrer aber ebenso gerne. (Die Sexszenen sind durchaus erotisch.) Wahrscheinlich schreibt er sogar über Marlies (lies = Lügen). Was aber, wenn dieser Erlebnisdurst seine Existenz zerstört? Die wichtigste Ebene des Romans dürfte die des reflektierenden Spiels mit Figuren, Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen sein. Der Autors verfügt hier über ein breites Repertoire, das durchaus seinen Reiz hat. Immer wieder verweist er auf Samuel Beckett, den alten Iren: "Das letzte Band" und "Warten auf Godot" sind in diesem Zusammenhang die maßgeblichen Werke. Gut, wenn man sie schon kennt. Das optimale Scheitern – vielleicht lässt es sich auf dieser Grundlage besser beurteilen. Der Leser sollte auf jeden Fall die nötige Spielfreude mitbringen. Vielleicht klärt sich ja der Fall "Marlies" im nächsten Band der Trilogie. Man sollte aber keine endgültigen Antworten erwarten. Michael Matzer © 2003ff

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  • Rezension zu "Marlies" von Norbert Sternmut

    Marlies
    daniela71

    daniela71

    01. March 2013 um 11:19

    Zugegeben, dieses Buch muss man ab und an beim Lesen aus der Hand legen. Nicht, weil es langweilt. Nein! Man braucht diese "Auszeit", um zu verstehen, zu verinnerlichen und ganz sicher auch, um die schöngeformten Worte und Sätze nachhallen zu lassen. Marlies ist wieder da! "Marlies" ist die Fortsetzung des Romans "Der Tote im Park", den es jedoch nicht braucht, um "Marlies" zu folgen. Sternmut besticht durch brillante bildhafte Sprache, durch viel Metaphorisches und beides ist ein Genuss, da treffend und stilsicher. Jahre sind vergangen. Im Leben des erzählenden Schriftstellers Norman hat sich einiges geändert. Er führt nun ein bürgerliches Dasein, hat Frau und Kinder, doch scheint es dem geneigten Leser, als belüge sich der Schriftsteller selbst, wenn er von seinem jetzigen Leben schwärmt. Seine Frau Regina bietet ihm einen Rahmen, in dem er lebensfähig ist. Doch glaubt er sie nicht zu lieben. Er liebt scheinbar Marlies, was ihm schlagartig klar wird, als sie nach Jahren wieder bei ihm vor der Tür steht. Die "Liebe" - eine groteske Mischung aus Geilheit, Leidenschaft und Untergang, der er sich nicht entziehen kann, und wenn er an ihr zugrunde ginge. Er hat die Wahl: Entweder das seichte, lange Leben an Reginas Seite, leidenschaftslos, dafür sicher, geordnet und geborgen oder das kurze, verrückte Dasein an Marlies Seite, voller Leidenschaft und Trieben. Höllenfahrten. Apfelkuchen oder Sachertorte. Sekt oder Champagner. Lange Langeweile oder ein erfülltest Dasein, kurz aber den Trieben und Träumen entsprechend? Marlies ist die Herausforderung, die den Schriftsteller Norman an seine Grenzen führt, sie ist seine Hure, seine Muse und Inspiration, sein Steigen und Fallen, sein Leben und Sterben, all dass, was der Schriftsteller braucht, um aus seiner Schreibhemmung wieder sprachliche Bilder zu formen. Marlies ist wieder da... und Eva Adam ist tot. Der werte Herr Inspektor, der auch in "Der Tote im Park" die Ermittlung aufnahm, spielt auch in diesem Roma wieder seine Rolle. Der werte Herr Inspektor, des Schriftstellers geheime Vorbild, dem er nacheiferte. Frau, zwei Kinder. Der es schon im ersten Buch nicht schaffte, die Morde aufzuklären. Schafft er es nun im Mordfall "Eva Adam"? Und... welche Rolle spielt Marlies? Ja, gab es überhaupt Tote? Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Mich hat dieser Roman allein schon wegen der brillanten Sprache Sternmuts und der wechselnden Perspektive des Erzählers fasziniert. Es ist nicht immer leicht zu lesen, zu folgen und zu verstehen. Aber auch - oder gerade dies macht den Roman so lesenswert. Bisweilen humorvoll, anderseits nihilistisch und gar morbide beschreibt Sternmut Gefühle eines Menschen zwischen Liebe und Abneigung so brillant und unterhaltsam, dass ich diesen Roman jedem ans Herz lege, der sich stilvoll unterhalten möchte und literarischen Anspruch zu schätzen weiß.

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