Norbert W. Schlinkert

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Cover des Buches Tauge/Nichts (ISBN: 9783905846560)

Tauge/Nichts

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Erschienen am 01.03.2020
Cover des Buches Kein Mensch scheint ertrunken (ISBN: 9783905846386)

Kein Mensch scheint ertrunken

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Erschienen am 06.01.2016

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Cover des Buches Tauge/Nichts (ISBN: 9783905846560)Hanna_Bertinis avatar

Rezension zu "Tauge/Nichts" von Norbert W. Schlinkert

Von der Rebellion gegen die Verwertbarkeit
Hanna_Bertinivor einem Jahr

Tauge/Nichts, der als essayistische Erzählung angelegte Band von Norbert W. Schlinkert kombiniert zwei Herangehensweisen an das Titelthema: Im ersten Teil erzählt der Autor autobiographisch gefärbt als Ich-Erzähler im Bewusstseinsstrom einer atemlos daher kommenden assoziativen Protokollierung vom Aufwachsen in der westdeutschen Kleinstadt und der eigenen Abkehr von den dort vermittelten Erwartungen an produktive Erwachsene. Im zweiten Teil ordnet er diese Entwicklung ein und beleuchtet anhand literarischer Figuren das Wesen des Taugenichts. All das verwoben mit den Themen Zweckfreiheit der Kunst, des Andersseins und der Nichtzugehörigkeit zu Milieus und der eigenen Verweigerung, dem Belohnungsprinzip zu folgen. 

Damit befindet er sich in bester kantischer Tradition, denn schon Kant befand zu seiner Zeit als Handlungsmaxime: Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck niemals bloß als Mittel brauchst. Ein Taugenichts im Schlinkertschen Sinn fängt damit bei sich selber an und entzieht sich der neoliberalen Verwertbarkeitslogik. Die Hindernisse, denen er dabei begegnet sind jedoch immens, angefangen bei den enttäuschten Erwartungen der eigenen Familie und Abwertung durch sie, als auch durch die negativen Rückmeldungen im Bildungssystem - das alles erfordert maximale innere Unabhängigkeit. Er zeigt damit in seiner Erzählung, wie richtig e.e. cummings mit seiner vielzitierten Erkenntnis liegt: To be nobody but yourself in a world which is doing its best, night and day, to make you everybody else - means to fight the hardest battle which any human being can fight; Aus feministischer Sicht mag man allerdings ergänzen: Ja, es ist schwierig, als Einzelgänger durch die Welt zu ziehen und die Erwartungen an Männlichkeit sind enorm. Doch steht einem Mann immer noch die ehrenvolle Rolle des „einsamen Wolfs“ zur Verfügung, der unterm Strich eine „coole Sau“ ist - für jede Frau bliebe in derselben Situation nach wie vor nur die undankbarere Rolle der „durchgeknallten Zicke“. 

Im zweiten Teil beleuchtet Schlinkert die Darstellung des Taugenichts in der Literatur bzw. generell im Storytelling, von Kafkas Verwandlung über Eichendorffs Taugenichts bis zu Walter White aus Breaking Bad. Dabei wird deutlich, dass der Taugenichts (übrigens eine Bezeichnung, die nur männlich funktioniert) v.a. grundsätzlich gezeichnet ist von der inneren Unabhängigkeit, aber auch vom fehlenden Gefühl der Zugehörigkeit zu einzelnen Millieus und/oder Gruppen. Damit beschreibt die Figur des Taugenichts eine Facette des Rebellentums, wobei die Frage offen bleibt, ob sich dem Belohnungsprinzip zu verweigern eine Verweigerung aus eigener abstrakter Erkenntnis ist oder nicht vielleicht eher ein Resultat dessen, dass man für das, was man selber denkt und ist, schlicht keine Belohnung bekommt. Fraglich übrigens auch, ob nur „Taugenichts“-Autoren auch Taugenichts-Figuren schaffen können, wie der Autor es nahe legt.    

Absolute Leseempfehlung für diesen Band, der sich einem aktuellen und wichtigen Thema im Dreiklang auf drei Ebenen widmet: auf der persönlichen, der literarischen und über den Essay von Martin A. Völker der gesellschaftspolitischen. Die Erzählung besticht dabei durch ihren in verkürzter Semantik nah am Bewusstsein geschriebenen, assoziativen und damit temporeichen Stil, der den Lesenden das Lebensgefühl eines „Taugenichts“ erleben lässt. Im literarischen Teil geht es um die Definition und Betrachtung, was einen „Taugenichts“ ausmacht - kann er in Anpassung leben? Muss er in die Welt hinausziehen? Tut er dies von allein? Und von welchen Werten löst er sich neben der Verwertbarkeit? 

Der abschließende Essay ordnet schließlich die Bedeutung des Taugenichts für uns alle ein als Blaupause und Widerspruch der Hauptmechanik eines Gesellschaftssystems, das alles nach seinem Nutzen und seiner Verwertbarkeit beurteilt. 

Denkt man das Thema weiter, sind m.E. vor allem zwei Aspekte spannend: Wie löst man die Figur des Taugenichts aus dem neoliberalen Narrativ für eine eigene, positive Deutung der damit verbundenen Weltsicht? Schon der Begriff „Taugenichts“ macht sich eine bestimmte Weltsicht zu eigen. Und auch die Definition der Figur schreibt insofern das vorhandene Narrativ weiter, als der Taugenichts als Einzelgänger definiert wird. Doch sind wir alle soziale Wesen, Taugenichts hin oder her, denkbar wäre auch eine glückliche Gemeinschaft von „Taugenichtsen“, die gemeinsam als Gruppe von Individuen funktioniert - und wenn nicht: machen wir sie denkbar

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