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mecedora

vor 5 Jahren

(14)

"Am Geschichtenerzählen ist nichts Verwerfliches, das sieht man schon an den vielen Romanen. Niemand wird eine Geschichte an ihrem Realitätsgehalt messen .... Es zählt allein, ob der Rezipient fasziniert und eingefangen wird. Gute Erzähler wissen das." (9) Mauje, eigentlich Mark-Jens, ist Geschichtenerzähler, das Erfinden und Erzählen von Geschichten ist seine Art, mit der Welt, der Realität, seinem Umfeld und auftretenden Problemen umzugehen, ja er verdient sogar sein unzureichendes Brot mit dem Erfinden von Geschichten. Nur ist er kein guter Erzähler, seine Hörer ertappen ihn immer wieder bei seinen Unwahrheiten, seinen Realitäts-Modifikationen, Mauje verstrickt sich immer mehr in ein Lügen-Konstrukt und im Verlauf des Buchs holt ihn alles ein, sein Kartenhaus fällt in sich zusammen, seine (ziemlich graue) Seifenblase zerplatzt, alle Fäden, an denen er hängt, werden gekappt und er fällt... Man kann ihm richtig zusehen dabei, wie er den Boden unter den Füßen verliert und zunächst verzweifelt mit seinen "alten" Strategien, die nicht mehr funktionieren, versucht, wieder ans Ufer zu paddeln. Denn Geschichtenerzählen ist im Grunde das Einzige, was er kann. Er beobachtet sich selbst in deinem Tun und in seinem Scheitern und kann doch nicht umhin, auf der Suche nach seinem Weg immer wieder zu seinen alten, erprobten, aber nicht mehr funktionierenden Strategien zu greifen. Eskapismus ist für mich immer noch der passendste Begriff für das, was Mauje mit seinen Geschichten betreibt. Er flieht vor sich selbst, vor der Realität und vor der Notwendigkeit, einen anderen Weg zu finden, um SEINEN Weg zu finden und zu gehen. "Mauje" ist ein kurzer, aber sehr dichter Roman, der mich sehr beschäftigt hat und den ich sicherlich nicht zum letzten Mal gelesen habe werden. Norman Eckert entwirft mit seinem Protagonisten eine Figur, die zuerst in ihrem Denken und Handeln fremd wirkt, deren beinah pathologisches Lügen den Leser irritiert und vielleicht sogar abstößt, die zumindest mich aber sehr nachdenklich macht und mich einige Identifikationspunkte finden lässt und mich stellenweise schonungslos auf mich selbst zurückwirft und mit meinem eigenen Handeln und Denken konfrontiert. Der Roman ist mit seinen mehreren Perspektiven interessant konstruiert, auch angenehm geschrieben. Einzig die Häufung von Fehlern v.a. im zweiten Teil des Buchs lassen mich einen Stern abziehen: von mir 4 Sterne für diesen kleinen Band intensiver Psychoanalyse und Soziologie, der mich in Gedanken noch lange beschäftigen wird. Und um mit Mauje zu enden, wie ich diese Rezension mit Mauje begonnen habe: "Schluss mit den Geschichten. Irgendwie." (141)

Autor: Norman Eckert
Buch: Mauje
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