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Gelöschter Benutzer

vor 6 Jahren

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- Seine Worte fielen mir wie Porzellan vor die Füße, unerträglich lärmend, es schnürte mir den Hals zu und ich wusste nicht, was ich tun sollte, außer es aufzukehren. - Als Kind habe ich mir oft Geschichten ausgedacht, um Freunde zu gewinnen. Eigentlich habe ich mir meine eigene Geschichte geformt, aber irgendwann leider den Überblick verloren. Ich wusste selbst nicht mehr wo meine Dichtung angefangen und die Wahrheit aufgehört hatte. Auch Mark Jens Schreiber erging es so. Allerdings entdeckte er irgendwann, dass er mit seiner guten Vorstellungskraft auch Geld verdienen kann. Als Mauje Fabel entwickelt er für andere Menschen Geschichten, die so nachvollziehbar und natürlich wirken, dass sie das reale Leben verändern können. Sein erster Auftraggeber ist mehrfach mit einer Sekretärin fremdgegangen, wollte dies aber vor seiner Frau anders darstellen und sie zurückgewinnen. Mit Maujes Geschichte erreicht er sein Ziel. Doch wer jetzt denkt, dass es sich bei Norman Eckerts Werk um eine bloße Zusammenstellung der Auftragsgeschichten handelt, liegt völlig falsch. Mauje ist ein sehr tiefgründiger Text, der sich mehreren gesellschaftlichen und individuellen Themen widmet und dabei unseren täglichen Umgang miteinander beleuchtet. Mauje steht, zumindest aus meiner Sicht, exemplarisch für einen Menschen, der sich in der Gesellschaft verliert. Die vielen Möglichkeiten, die uns heute gegeben werden, erschweren es zu erkennen, was richtig oder falsch ist. Gleichzeitig verschwindet dadurch ein gewisser Halt, der hin und wieder eine Reflexion der eigenen Person ermöglicht. Mauje weiß genau was andere von ihm erwarten und was er sagen oder machen muss, damit man ihm wohlgesinnt ist. Doch was will er selbst? Wer ist er überhaupt? Darauf hat er noch keine Antwort gefunden. Noch nicht einmal in der Literatur, die er immer wieder zu Rate zieht. Und als dann auch noch die guten Ideen ausbleiben und damit auch die selbst erschaffene Welt zerbricht, verliert er sich vollends. Eckert benutzt auf der einen Seite eine recht einfache und sehr moderne Sprache. Auf der anderen Seite ist der Text gefüllt mit wunderschönen Lebensweisheiten und Bildern. Durch den Erzähler, der in der dritten Person spricht, hat man den Eindruck von oben in ein Becherglas zu schauen, in dem Mauje lebt. Man schüttelt den Kopf, würde ihn am liebsten schütteln und anschreien, ist aber zu weit entfernt. In anderen Momenten bemitleidet man ihn wieder und würde ihn gerne trösten. Diese Betrachtungsweise wird durch kleine Szenen unterbrochen, in denen Freunde des Protagonisten etwas über ihn erzählen. Man sitzt gemütlich zusammen, trinkt einen Kaffee oder raucht eine Zigarette. Die Sprache ist in diesen Abschnitten anders als in der Kerngeschichte. Die Ansprache ist direkter (erste Person) und wirkt eher wie ein Bericht. Man fühlt sich so, als betrachte man eine Dokumentation im Fernseher. Der Wissenschaftler entfernt sich in diesen Momenten von seinem Forschungsobjekt und arbeitet im Freiland. Auf dem Weg zurück in das Labor fragt man sich dann teilweise, ob man wirklich über dieselbe Person gesprochen hat. Fazit: Aus meiner Sicht ist dieses kleine Buch eine wundervolle soziologische Studie, ein unterhaltsames Werk, ein kleines Heft voller Lebensweisheiten und einfach sehr empfehlenswert.

Autor: Norman Eckert
Buch: Mauje
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